Hundert zukunftweisende Projekte wurden beim Innovations wettbewerb ausgezeichnet. results stellt stellvertretend sechs Ideen vor

Fotos: scuddy, Tim Wegner/ Deutsche Bank

Ideen finden Stadt

100 zukunftsweisende Projekte wurden beim Innovationswettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ prämiert. Wir stellen stellvertretend sechs davon vor

zum Artikel

 

Was macht eine Idee besonders? Eine echte Innovation muss das Zeug haben, sich in der Praxis zu bewähren. Und am besten: Vorbildcharakter sollte sie haben, Ansporn sein für andere – grenzenlos gut eben. Exakt 100 Ideen von dieser Qualität blieben übrig an jenem hufeisenförmigen Tisch in Berlin, an dem eine unabhängige Jury debattierte und am Ende entschied. Sie kürte 100 Projekte als Sieger im Innovationswettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“, der erstmals seit seinem Bestehen ein spezielles Augenmerk auf Gegenwartsfragen für Deutschlands Städte legte. Zum Beispiel: Was wird aus schrumpfenden Kommunen? Wie gelangen Waren leise und emissionsfrei in unsere Citys? Wie schaffen wir Chancengleichheit für Kinder aus sozialen Brennpunkten? Und müssen diese ewig dunklen Bahnunterführungen wirklich sein? Forscher, Unternehmer und Initiativen haben sich mit originellen Antworten beworben. In den Frankfurter Türmen der Deutschen Bank wurden Ende des Jahres 2013 sechs der 100 Preisträger zu Bundessiegern gekürt. „Sie liefern mit ihren Ideen moderne Lösungen für die Zukunft unserer Städte. Sie sind Vorbilder, denn sie setzen ihre Visionen mit Leidenschaft, Engagement und Kreativität in die Tat um“, lobte Laudator Jürgen Fitschen, Co- Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank. Vielen der eingereichten Projekte und ihren Machern attestierte er das Potenzial, „zum Markenzeichen für den Standort Deutschland zu werden“.

Preisträger Kategorie Wissenschaft

Scuddy – grüne Freiheit auf drei Rädern

Dieses Dreirad zieht Blicke auf sich: Der Fahrer steht oder sitzt auf dem flotten Elektroroller namens Scuddy. Hinten treibt ein Rad mit der Kraft einer Vespa das Gefährt auf bis zu 35 Stundenkilometer, vorn sorgt eine zweispurige Carving-Achse für schnittige Kurventechnik. Scuddy ist die Antwort zweier Kieler Existenzgründer auf die Forderung nach einer Mobilität für urbane Räume, die Lärm und Luftbelastung vermeidet. Scuddy kommt mit seinem Lithium-Eisenphosphat-Akku bis zu 35 Kilometer weit – und lässt sich zusammengefaltet als kostenloses Gepäckstück in Bussen und Bahnen mitnehmen. „Es fühlt sich schon an wie Surfen auf der Straße. Scuddy richtet sich aber nicht nur an Funsportler, sondern auch an Pendler“, sagt Tim Ascheberg, der die Idee gemeinsam mit seinem Schul- und Studienfreund Jörn Jacobi seit 2010 in die Tat umsetzt – und dabei 80 Prozent der Teile aus Deutschland bezieht. Die ersten 50 Gefährte hat das Duo im Jahr 2013 verkauft. Bei einem Preis von 3450 bis 3950 Euro je nach Ausstattung finden auch Camper und Bootsbesitzer Gefallen an den wendigen E-Rollern – etwa für den Ausflug in fremde Gefilde. Dank einer EU-Zulassung für den Straßenverkehr ist man überall zu Hause. Die Gründer, die in einer ehemaligen Kohlenhandlung mitten in Kiel werkeln, peilen für 2014 schon einen Absatz von 200 bi 300 Fahrzeugen an, sagt Ascheberg.

 

 

 

Preisträger Kategorie Umwelt

Ebee – Saft für die Stadtmöbel

Der Ausbau der Elektromobilität steht weit oben auf der Agenda – was oft noch fehlt, sind geeignete Ladepunkte. Henning Heppner will mit seiner Firma Ebee Smart Technologies den Ausbau auf clevere Art vorantreiben: Im Visier sind Straßenlaternen, Schaltschränke und auch Ampeln. Sie führen ohnehin Strom – mit einer geeigneten Schnittstelle werden die klassischen Stadtmöbel zu Zapfsäulen für Elektromobile. Aus dem tobenden Kampf um Standards hält sich Schnittstellenanbieter Heppner wohlweislich heraus. „Wir wollen keinen eigenen Standard durchdrücken, sondern liefern als Ausrüster einen Anschlusskasten im öffentlichen Raum, der für alle funktioniert und günstig ist.“ Für rund 1000 Euro lasse sich ein Ladepunkt nachrüsten. Über einen RFID-Chip authentifiziert sich das Fahrzeug an der Säule – dieser Check-in könnte das neue Ladekonzept auch für Händler und Filialisten interessant machen: Mit entsprechend ausgerüsteten Kundenparkplätzen und Abrechnungskarten werden sie zum Mobilitätsanbieter. „Anhand des Füllgrades der Batterie weiß man zudem, wie viel Zeit der Kunde für ein Beratungsgespräch mitbringt“, sagt Heppner. Die Idee nimmt nun Fahrt auf, da immer mehr Elektrofahrzeuge am Markt sind. Schub erwartet Heppner auch 2014 durch die geplante VDE-Zertifizierung für seine Ebee-Ladepunkte. „Dann ist es ein Katalogprodukt, man muss nur zwei Löcher bohren – ein Ladepunkt ist in 15 Minuten installiert.“

 

 

 

 

Bundessieger Kategorie Wissenschaft

Betonrecycling – aus alt mach neu!

Volker Thome lässt es krachen: In seinem Labor am Fraunhofer-Institut für Bau- physik beschießt er alten Beton mit Blitzen. So zerlegt der 44-Jährige den Bauschutt in seine Bestandteile: Kies und ein Gemisch aus Quarz und Kalk – aus dem sich wieder frischer Zement herstellen lässt. Und das Ganze klimaschonend: „Wenn es gelingt, den Kalkkreislauf zu schließen, fährt man auch das Kohlendioxid im Kreis“, sagt Thome. Ansonsten fallen pro Tonne Zement prozessbedingt rund 700 Kilogramm CO2 an. Elektrodynamische Fragmentierung heißt das Verfahren, das Thome mit seinem Team aus dem Dornröschenschlaf erweckt hat. Die Methode zur Trennung der Bestandteile haben in den vierziger Jahren russische Wissenschaftler entwickelt, nun bringen die IBP-Forscher sie dank verbesserter Energieeffizienz zur Marktreife. Thome plant auch eine Großanlage, um das Verfahren im Industriemaßstab zu testen. Sein Ziel: „Wir wollen auf einen Durchsatz von 20 Tonnen pro Stunde kommen.“ Die Zementindustrie könnte die Blitzanlagen direkt in Transportbetonwerken installieren, um so auch gleich die Frachtkosten für Kies einzusparen.

 

 

 

 

Preisträger Kategorie Gesellschaft und Gewinner des Publikumspreises

Stadt Siegen – Schritt für Schritt zur Mitte

Einen besonderen Stellenwert in Südwestfalen besitzt Siegen mit seinen nahezu 100 000 Einwohnern schon heute. Trotzdem legt sich die Stadt kräftig ins Zeug. Sie stemmt ein großes Erneuerungsprogramm und hebt einen verborgenen Schatz: die Sieg. Der Fluss war seit Ende der sechziger Jahre aus dem Stadtbild verschwunden: Eine Betonplatte überdeckte die kanalisierte Sieg auf 300 Metern – den parkenden Autos zuliebe. Jetzt wurde nicht nur der Fluss freigelegt, er bekommt 2014 ein natürliches Bett und wird mit einer einladenden Freitreppe versehen. Auch auf andere Art holen die Verantwortlichen mehr Leben ins Zentrum: Die Universität, die sieben Kilometer vom Stadtkern entfernt auf einem Hügel steht, soll im Wintersemester 2015 mit 3500 Studenten aus der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät im „Unteren Schloss“ einziehen. Mitten in ein angrenzendes Kaufhaus werden Hörsäle integriert, in einem Ex- Krankenhaus entstehen Studentenbuden. „Siegen macht sich auf zu neuen Ufern, wird jünger und attraktiver“, wirbt Bürgermeister Steffen Mues für die Umgestaltung. Extrabreite Straßen schrumpfen, Alleen kommen. In insgesamt drei Jahren verschafft sich Siegen ganz strategisch ein neues Antlitz.

 

 

 

Preisträger Kategorie Umwelt

Typha – bauen mit Blättern

Es war ein Ausrutscher mit Folgen: An einem See glitt der Architekt Werner Theuerkorn aus Schönau auf einem Rohrkolben aus. „Wie der aufplatzte und sich so in den Lehm reinschmierte, wusste ich sofort: Der ist es.“ Bis dahin hatte Theuerkorn schon Hunderte Fasern als Lehmputz- Beimischung ausprobiert, um sie bei der Sanierung alter Fachwerkhäuser zu benutzen. Die wundersame Begegnung geschah im Jahr 1987. Seither ließ die Sumpfpflanze, lateinisch Typha, den Tüftler nicht mehr los. Der heute 69-Jährige ist sicher: Der natürliche Baustoff Rohrkolben hat das Zeug, klassischem Ziegelbau Konkurrenz zu machen. „Zu Platten verarbeitet, spielt Rohrkolben seine einzigartigen strukturellen Eigenschaften aus. Er vereint gute Dämmeigenschaften mit einer hohen Festigkeit, sodass er zugleich als konstruktiver Baustoff eingesetzt werden kann.“ Massive Außenwände aus Typha-Platten seien möglich – halb so dick wie Ziegelwände, aber genauso fest und dämmfähig. Im Fachwerkbau sei der Kubikmeterpreis von derzeit 500 Euro schon lohnend. Patente besitzt Theuerkorn, jetzt sucht er Industriepartner. Die Nutzung von Typha hätte einen ökologisch positiven Nebeneffekt: „Man könnte beginnen, die 1,8 Millionen Hektar Niedermoorböden in Deutschland nachhaltig zu bewirtschaften. Und mit dieser Pflanze könnten Bauern mehr verdienen als mit jeder anderen Feldfrucht.“ Zudem sind die Platten im Stoffkreislauf komplett rückführbar – sie werden einfach zu Kompost.

 

 

 

 

Bundessieger Kategorie Wirtschaft

WITTENSTEIN – die Fabrik als Nachbar

Kurze Wege zur Arbeit – für viele bleibt das ein unerfüllter Wunsch. Sie quälen sich stattdessen im Auto durch den täglichen Stau. In Fellbach bei Stuttgart braucht manch ein Mitarbeiter des Antriebssystemherstellers WITTENSTEIN heute nur noch zwei Minuten von Tür zu Tür – zu Fuß. Der Grund: Die neue Produktionsstätte für Verzahnungslösungen von WITTENSTEIN liegt direkt neben einer Wohnsiedlung. Damit das problemlos gelingen konnte, ohne Fabriklärm, Schmutz oder sonstige Belästigungen für die Anwohner, legten die Architekten größten Wert auf Schallschutz sowie emissionsarme und energieeffiziente Prozesse. Das Credo bei WITTENSTEIN: Mit Augenmaß kann eine urbane Produktionsstätte wieder nah an die Menschen heranrücken, und das zum Nutzen aller Beteiligten. Mehr Lebensqualität für die Mitarbeiter durch Zeitgewinn, weniger Ressourcenverbrauch. Auch das Unternehmen profitiert von einer besseren Anbindung, etwa durch die Nähe zu Forschungseinrichtungen und Kooperationspartnern. Die Umweltverträglichkeit des neuen Standorts zeigt sich im Detail: Die Abwärme der Produktionsanlage wird zum Heizen der Büroräume genutzt, eine Solaranlage deckt den Energiebedarf von rund 100 Haushalten. In Planung sind derzeit ein Biotop sowie Stromtankstellen für Mitarbeiter und Anwohner. Die Fabrik als willkommener Mitbürger – in Fellbach ist das Realität.


Verwandte Artikel

 


Artikel teilen

article_arrow_right
01-2014/ideen-finden-stadt.html
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Weitere Infos zu Cookies und deren Deaktivierung finden Sie hier.