Wie deutsche Mittelständler und Wirtschaftsexperten den britischen Markt und seine Zukunft in Zeiten zunehmender Unabhängigkeitsbestrebungen von der EU beurteilen

Foto: Pry/Rex Features/Action Press

Ein Markt muss Flagge zeigen

Großbritannien wächst – und bietet deutschen Mittelständlern mit seinem großen Inlandsmarkt zahlreiche Chancen. Sollten die Briten aber 2017 bei einem möglichen Referendum den EU-Ausstieg beschließen, könnte dies die Wirtschaft bremsen

Text: Thomas Mersch

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Leder ist bei einem Rolls-Royce nicht nur eine Frage der Sitze. Und wenn das stolze Auge der Eigentümer über die vielen Applikationen und Bespannungen im Innern ihres neuen Luxusgefährts streift, dann dürfen sich regelmäßig Ingenieure aus Ostwestfalen geschmeichelt fühlen. Denn über seine walisische Tochter liefert der Kunststoff- und Innenraumspezialist MöllerTech mit Hauptsitz in Bielefeld lederbezogene Bauteile, die die aktuellen Modelle der britischen Traditionsmarke zieren. Montiert wird das edle Fahrzeug im Werk Goodwood in Sussex.

Nicht nur im Spitzensegment ist MöllerTech mit dem vor gut zehn Jahren in Großbritannien errichteten Standort etabliert. Rolls-Royce-Eigentümer BMW setzt bei der Produktion des Mini in Oxford ebenfalls auf den bewährten Zulieferer. Auch Honda und Toyota sind renommierte Kunden auf der Insel. „Unsere Fabrik liegt nahe der walisisch-englischen Grenze“, sagt Rainer Schütte, Generalbevollmächtigter der Firmenmutter MöllerGroup. „Die Kunden erreichen wir von dort aus rasch, und die Personalkosten sind akzeptabler als in den Ballungsgebieten London oder Birmingham.“ Rund 300 Mitarbeiter beschäftigt MöllerTech im walisischen Cwmfelinfach. Produkte wie Mittelkonsolen oder Handschuhkästen werden in Deutschland entwickelt – und vor Ort gebaut. „Da gibt es dann einen intensiven Austausch zwischen den Werken“, erläutert Schütte. Die Aussichten auf weiteres Wachstum bewertet er positiv: „Großbritannien hat festgestellt, dass es schwierig ist, ohne industrielle Produktion als Standort im internationalen Wettbewerb zu reüssieren. Es gibt eine neue Welle der Industrialisierung. Investoren sind sehr willkommen.“

Nicht nur dem industriellen Mittelstand bietet das Vereinigte Königreich gute Chancen. In einer Vielzahl von Branchen ist deutsches Know-how gefragt. Das gilt für Unternehmen, die am eigenen Standort vor Ort produzieren, genauso wie für Exporteure von Waren oder Dienstleistungen made in Germany. „Großbritannien zeigt robustes Wachstum und ist auch wegen der Größe seines Inlandsmarkts hochinteressant“, sagt Wouter van Driel, zuständig für das Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank in Großbritannien und Irland. Den Bausektor und die Konsumgüter nennt er neben der Autoindustrie als Wirtschaftszweige, in denen Unternehmen aus Deutschland schon erfolgreich operieren.

Referendum birgt Gefahren

Der Aufschwung jedoch könnte bald einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Premierminister David Cameron hat für den Fall seiner Wiederwahl im Mai dieses Jahres für 2017 ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union angekündigt. Sollten die Briten dann für den Abschied votieren, befürchten Experten beträchtliche wirtschaftliche Einbußen – und möglicherweise auch höhere Handelshürden. Verstärkt habe sich der europaskeptische Kurs Camerons durch den Wahlerfolg der Unabhängigkeitspartei Ukip bei den Europawahlen im vergangenen Frühjahr. „Das beeinflusst auch die Haltung der restlichen Parteien“, sagt Barbara Böttcher, Leiterin der Abteilung Europapolitik von Deutsche Bank Research. „Da können sich politische Prozesse verselbständigen. Ein Austritt lässt sich nicht ausschließen.“

Thesen

Firmen willkommen: Der britische Staat unterstützt Unternehmen in vielfältiger Weise – auch ohne Subventionen.

Brexit: Das geplante EU-Referendum könnte in den kommenden Jahren für Unruhe sorgen – auch wenn es nicht zum Austritt kommt.

Modernisierer: Großbritannien könnte über Kompromisse mit anderen Mitgliedstaaten die Modernisierung der EU vorantreiben.

MöllerGroup: Servicedenken beschleunigt Investitionen

Der Bielefelder Spezialist für Hightech-Kunststoffteile im Automobilbau beliefert englische Kunden von seinem Werk in Wales aus. Das Management unter der Führung des Generalbevollmächtigten Rainer Schütte schätzt das Servicedenken der lokalen Wirtschaftsförderungen. Bei den Fachkräften fehlen die hohen Ausbildungsstandards der Heimat. Doch auch bei der Weiterbildung unterstützt der britische Staat.

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Dienstleistungs- wirtschaft

Dienstleistungs- wirtschaft

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Gerade mal 15 Prozent der Wertschöpfung Großbritanniens entstehen noch in Fabriken - der Service könnte auch als Exportartikel innerhalb der EU wichtiger werden.

QUELLE: ONS 2014

Politisch und ökonomisch ist Großbritannien eines der Schwergewichte Europas. Mit einem Bevölkerungsanteil von 12,5 Prozent ist es der drittgrößte Staat innerhalb der EU. Für viele Mitglieder ist das Land ein bedeutender Handelspartner – vor allem als Abnehmer: mit einem Anteil von 9,3 Prozent an den Importen innerhalb der Gemeinschaft. Auch als Investitionsstandort hat Großbritannien für die Nachbarn eine hohe Bedeutung. Fast die Hälfte der ausländischen Direktinvestitionen stammte zuletzt von Unternehmen aus EU-Staaten. Für zehn Millionen Pfund hat MöllerTech seinen britischen Standort anfangs aufgebaut. Die Lage abseits der Zentren habe sich bei der Ansiedlung als vorteilhaft erwiesen, sagt Schütte. „Wir sind hier nicht einer unter vielen, sondern haben ein Alleinstellungsmerkmal.“ Zwar habe es seinerzeit keine finanziellen Anreize wie Zuschüsse oder Subventionen gegeben. Allerdings erhielt MöllerTech Unterstützung für die Aus- und Weiterbildung von Personal. „Die Wirtschaftsförderung ist weiter sehr aktiv“, sagt Schütte – etwa wenn es um die Suche nach passenden Flächen für mögliche Erweiterungen gehe.

Vor allem schätzt MöllerTech das unbürokratische Vorgehen der Behörden. „All die Dinge, die bei uns in Deutschland wahnsinnig lange dauern, werden rasch erledigt.“ So seien sämtliche Genehmigungen zügig erteilt worden. Seine Erklärung: „Industrie ist in England nichts Selbstverständliches wie bei uns. Es gibt einen Wettbewerb zwischen den Regionen um Neuansiedlungen, von dem Unternehmen profitieren.“ Problematisch dagegen stellt sich die Lage bei Fachkräften dar. „Wir müssen häufig auf ungelernte Arbeiter zurückgreifen, denn es fehlt eine passgenaue Ausbildung, wie wir sie in Deutschland kennen.“ Bis zu zwölf Monate dauert dann die Schulung in Eigenregie – teils kommen die britischen Kollegen dafür nach Deutschland. „Qualität ist für uns oberstes Gebot in der Automobilindustrie“, sagt Schütte. „Verstöße dagegen treten eine Kette an Problemen los, die viel Geld kosten.“ Schwerwiegende Folgen eines möglichen EU-Austritts fürchtet Schütte dagegen nicht: „Es würde für uns wenig verändern.“

Unternehmer sehen EU-Streit gelassen

Die Diskussion um die EU-Mitgliedschaft – Deutsche Bank Expertin Böttcher sieht sie auch als Chance, um bestehende Probleme zu bewältigen. „Es kann eine Win-win-Situation entstehen“, ist Böttcher überzeugt. „Man kann von beiden Seiten aus zusammenarbeiten.“ Was die Gemüter in der Politik erhitzt, können expansionswillige Unternehmer auch kühl betrachten. „Als Unternehmer glaube ich weniger an Regierungen als an die Freiheit, zu gestalten und etwas aufzubauen“, sagt Jesper Nielsen, CEO des 2013 gegründeten Schmuckanbieters Endless International in Düsseldorf. Auch die Diskussion um die Abspaltung Schottlands vom Königreich hat er ganz pragmatisch gesehen: „Die Schotten entschieden sich zu bleiben – und das sind die Fakten, mit denen wir arbeiten.“

Endless International: Schulungen für Schmuckhändler

Rasant wachsen – das ist der Kurs, dem der 2013 gegründete Schmuckanbieter Endless International konsequent folgt. Noch im gleichen Jahr ging das Management auf Partnersuche in Großbritannien. Intensives Training mit Führungskräften und Verkäufern soll die Produkte und die Philosophie von Endless verankern. „Wir sind eine globale Marke, und so passen wir uns dem jeweiligen Markt an“, sagt Firmenchef Jesper Nielsen.

Schon im Gründungsjahr baute Nielsen Geschäftsbeziehungen in Großbritannien und Italien auf. 2014 forcierte er das globale Wachstum, unter anderem in Nordamerika – 3000 Händler weltweit hatten Endless-Schmuck im Sortiment. „Wir streben nach Größe“, sagt Nielsen. Dabei geht es auch darum, regionale Besonderheiten zu berücksichtigen. „Wir sind eine globale Marke, und so passen wir uns dem jeweiligen Markt an“, sagt er. Schwieriger als in Großbritannien aber sei es gewesen, die Abnehmer in der Heimat zu überzeugen: „Der deutsche Markt ist einer der schwierigsten“ – ein Prüfstein für die internationale Expansion. „Für unsere Partner ist es elementar, dass sie unsere DNA als Marke verstehen“, sagt Nielsen. „Wir organisieren umfassendes Training in den Geschäften sowohl mit dem Management als auch mit dem Verkaufspersonal.“ Nachteile als ausländischer Anbieter sieht Nielsen in Großbritannien nicht – ebenso wenig wie auf anderen Märkten: „Es geht nur um das Produkt, das Marketing, die Story.“ Sein Rat an Unternehmen mit weltweiten Ambitionen: global denken von Beginn an – und nicht zu sehr auf Hürden und Hemmnisse schauen: „Denke groß, und tue es.“

Als akute Gefahr für das Wachstum nennt Deutsche Bank Experte van Driel das niedrige Zinsniveau, das Immobilienpreise gerade in Ballungsräumen in die Höhe getrieben hat. Nicht nur ein Problem für private Hauskäufer, die fürchten, dass sie ihre Raten nicht mehr zahlen können, falls die Zinsen wieder steigen sollten. „Auch Unternehmen leiden darunter, wenn sie etwa in London Büros anmieten wollen.“ Als Anlaufstelle für Exporteure und Investoren nennt van Driel die Wirtschaftsförderung UK Trade & Investment – auf deren Website sind Ansprechpartner und aussichtsreiche Branchen für ausländische Unternehmen genannt.

COBA Europe: Unabhängigkeit für die deutsche Tochter

Wie operieren britische Unternehmen in anderen Mitgliedstaaten? Hiesige Mittelständler können davon lernen: Europas Marktführer bei Eingangs- und Bodenmatten hat das Geschäft außerhalb der Heimat komplett in die Hände einer deutschen Tochter gelegt. Diese operiert bilanziell unabhängig – das senkt Risiken. Nachteile eines möglichen EU-Austritts seines Landes sieht Geschäftsführer Richard Cooke in Bezug auf das Auslandsgeschäft nicht. Er erwartet „keinerlei Auswirkungen“.

Wie aber sehen britische Manager die wirtschaftspolitische Lage? Richard Cooke ist Geschäftsführer von COBA Europe, dem in der EU führenden Hersteller von Eingangs- und Bodenmatten. Das Geschäft außerhalb des britischen Heimatmarkts steuert das Unternehmen über seine Tochter im niederrheinischen Korschenbroich. Ein EU-Austritt der Briten hätte „keinerlei Auswirkungen“, sagt Cooke. „Das deutsche Geschäft ist bilanziell eigenständig. Abgesehen von Unterstützung bei Finanzen, IT und durch das Management operiert es weitgehend unabhängig.“ Auch spezielle Regulationen, die den Absatz erschweren, gebe es nicht, so Cooke. „Unsere Produkte passen für alle Länder.“ Allein die in Deutschland etwas höheren Steuern merkt der COBA-Manager an. „Im Geschäftsalltag gibt es keine wirklichen Unterschiede“, sagt er, „weder in Bezug auf die Produkte noch auf das Marketing oder den Vertrieb.“ Umgekehrt können deutsche Firmen davon profitieren, dass sie für ihr Business in Großbritannien nicht groß umdenken müssen.

Auf der persönlichen Ebene dagegen bemerken sie durchaus Unterschiede. „Man muss sich schon umstellen“, sagt MöllerGroup-Chef Schütte. „Die hierarchischen Strukturen sind etwas ausgeprägter als in Deutschland. “In der Heimat sei es für Führungskräfte üblich, in einem offenen Büro zu arbeiten und in der Fertigung nah dran zu sein. „Kein Mitarbeiter an der Maschine hat Hemmungen, den Chef anzusprechen“, sagt Schütte. „Es brauchte länger, diese Transparenz und Offenheit auch in Großbritannien zu erreichen.“ MöllerTech muss den richtigen Ton getroffen haben. Das Unternehmen wurde mit dem „Made in Wales Award“ ausgezeichnet in den Kategorien „Fortschrittlichster Produzent“ und „Hersteller des Jahres“. Der Automobilspezialist ist in der Wahlheimat ganz offenbar längst zu Hause.

 

Weitere Informationen
Deutsche Bank Research: „Alleine sind wir stark? Ökonomische Aspekte regionaler Autonomie- und Unabhängigkeits- bestrebungen in Europa“
„Eine Zukunft in der EU? Die Brexit-Diskussion als Anstoß für eine modernere EU“ Beide Studien kostenlos downloadbar unter www.dbresearch.de


 

 

Interview: „Win-win-Situation möglich“

Barbara Böttcher leitet die Abteilung Europapolitik bei Deutsche Bank Research

 

Frau Böttcher, der britische Premier David Cameron strebt 2017 ein Referendum über einen EU-Austritt an. Ergibt dies ökonomisch Sinn?
Bis zur Abstimmung gäbe es Unsicherheit über längere Zeit – und das ist nie gut für die Wirtschaft. Falls Großbritannien 2017 tatsächlich für den Austritt stimmt, würde eine erneute Phase der Unsicherheit folgen. Denn es müsste umfassend geklärt werden, wie genau das Verhältnis zur EU dann aussehen soll.

Ihre Analysen zeigen, dass ein Austritt auch das Wachstum bremsen könnte. Ließe sich das noch verhindern?
Ökonomisch könnte Großbritannien einen Ausstieg mit einem Modell abfedern, wie es Norwegen praktiziert. Das Land ist kein EU-Mitglied, gehört aber dem Europäischen Wirtschaftsraum an – und ist so in den Binnenmarkt eingebunden. Die Briten müssten dann alle Regeln anwenden, könnten aber nicht mehr mitstimmen. Das dürfte ihnen kaum behagen.

Pokert Cameron vielleicht nur?
Es ist offensichtlich, dass das Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien nicht mehr stimmt. Einige Forderungen der Briten könnten die EU durchaus voranbringen. Die Regierung drängt darauf, dass die Union sich modernisiert und liberaler wird sowie Überregulierung und die Bürokratie abbaut.

Profitiert die EU also am Ende sogar von den Austrittsdrohungen?
Es kann eine Win-win-Situation entstehen, man kann von beiden Seiten aus zusammenarbeiten. Die zentrale Frage ist, ob Cameron einen bis zum Referendum gefundenen möglichen Kompromiss der Bevölkerung verkaufen kann – und diese dann für einen Verbleib stimmt.


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