Berlin gibt das Tempo vor, aber auch in anderen Regionen Deutschlands entstehen erfolgreiche Unternehmen. Was macht die Gründer aus?

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Lebe deinen Traum!

Immer mehr Jungunternehmer suchen in Deutschland ihr Glück. Berlin gibt dabei das Tempo vor – doch auch im Rest Deutschlands regt sich viel Gründergeist, zeigen mehrere aktuelle Studien

Text: Stefan Merx

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„Arm, aber sexy.“ Mit diesem Spruch prägte Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit 2003 das Image der Hauptstadt. Lange Jahre hielt Berlin Wort: als coole Kulturmetropole gut zu gebrauchen, aber wirtschaftlich auf dem Abstellgleis. Nun kommt Optimismus auf in der Kreativzentrale. Denn die gefühlte Attraktivität der Stadt könnte sich über kurz oder lang bezahlt machen, in Umsätzen und neuen Jobs. Nirgendwo anders in der Republik wird so eifrig neues Geschäft angeschoben: Berlin ist mit Abstand Start-up-Hauptstadt und Mekka der deutschen Internetszene. Der jüngste „Gründungsmonitor“ der Förderbank KfW zeigt es: Auf 100 Einwohner zwischen 18 und 64 Jahren kommen in Berlin fast 2,6 Gründer – damit toppt die Stadt den Bundesschnitt von zuletzt 1,7 um Längen.

Der Traum vom großen Geld, von der zündenden und möglichst skalierbaren Idee – in Berlin wird er gelebt. Die Metropole entwickelt Sogwirkung für eine prosperierende Szene von Tech-Unternehmern. Auch der US-Konzern Google engagiert sich im Gründercampus Factory direkt am ehemaligen Mauerstreifen, in dem Innovatoren in der Frühphase gepäppelt und in Austausch gebracht werden. Es geht um Tempo. Das Internet wird zum Katalysator, Expansion und Internationalisierung lassen sich – immerhin theoretisch – per Mausklick realisieren. Entsprechend hoch ist die Hipsterquote. In Berlin gebe es „mehr Bartträger als in der griechischen Mythologie“, freuen sich die Macher von Oakbeardcare – ebenfalls ein Berliner Start-up. Es vertreibt im Netz eigene Bio-Bartpflegeöle aus Mandeln, Brokkolisamen und Sanddornkernen. Das Versprechen: noch geschmeidigere Bärte. Die neue Wertschöpfung: Digital verdientes Geld wird in Öl investiert.

Der Gründer – das unbekannte Wesen: Ist er Chancensucher oder Verzweiflungstäter, Träumer oder Pragmatiker? In jedem Fall ist er ein beliebtes Forschungsobjekt. Zahlreiche Studienautoren trachten, ihm auf die Spur zu kommen, seine Motive und Stärken, aber auch seine typischen Fehler zu identifizieren. Denn jede dritte Gründung in Deutschland überstehe nicht die ersten drei Jahre, berichtet Georg Metzger. Der Autor des KfW-„Gründungsmonitors“ beobachtet seit Jahren das Gründungsgeschehen in Deutschland.

Thesen

IT-Boom: Das Internet beflügelt das Gründerfieber in Deutschland – Gestalten und Expandieren werden im Netz kosteneffizient.

Bodenständigkeit: Das Gründungsgeschehen geht weit über die medienwirksame Berliner Start-up-Szene hinaus – Gründer kommen aus allen Berufszweigen.

Unterstützung: Die Regierung setzt auf Unterstützung, um neue Perspektiven für Wachstum und Beschäftigung zu realisieren.


Grafik:
Ideen? Wichtig!

Ideen? Wichtig!

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Immer mehr Gründer starten nicht mangels anderer Alternativen, sondern sind angetrieben von einer konkreten Geschäftsidee – die sogenannten Chancengründer. 2013 gab es 100 000 mehr von ihnen als noch 2012.

QUELLE: KFW 2014

Er stellt klar: Wer an Gründer denkt, sollte nicht nur über jene Programmierer und Designer in der Digitalwirtschaft reden, die am Fließband Internet-Start-ups aufsetzen und mit geplantem Turbowachstum die Investoren beeindrucken. Die KfW-Statistiken umfassen auch klassische Handwerksbetriebe, und selbst jede Firmenübernahme der alten Schule wird hier als Gründung verzeichnet. „Volkswirtschaftlich wäre es sinnvoll, mehr Bestehendes zu übernehmen und auf existierende Stärken zurückzugreifen“, sagt Metzger. „Oft ist aber der Wunsch, etwas Eigenes aufzuziehen, größer, als eine Nachfolge anzutreten“, so seine Beobachtung. Auf die Frage, ob Deutschland – immerhin doch das „Land der Ideen“ – denn auch ein gutes Gründerland sei, zögert Metzger ein wenig. „ Ja, die Qualität ist da“, sagt er. „Aber die vorhandene breite mittelständische Basis bietet eben auch gute Jobs.“ Und genau darin liegt die Crux: „ Aus diesem Grund sind die Opportunitätskosten hoch, selbst ins Risiko zu gehen.“ Aktuell kommt hinzu: Die gute Lage am Arbeitsmarkt – so paradox es klingt – ist gleichermaßen Gift für das Gründerklima in Deutschland.

„Die Gründungstätigkeit im Vollerwerb ist 2013 auch deshalb auf ein historisches Tief gefallen, weil der Arbeitsmarkt so gut lief“, sagt Metzger. Da aber zuletzt immer mehr Gründer probiert haben, im Nebenerwerb ihre eigene Geschäftsidee zu verwirklichen, kletterte die Gesamtzahl der Gründer auf 868 000. Ein positives Signal: 462 000 von ihnen traten an mit einer „expliziten Geschäftsidee“ – fast 100 000 mehr als im Vorjahr. „Unter diesen Chancengründern zeigten sich vor allem die Nebenerwerbsgründer ideenreich“, sagt Metzger. Motto: Ein Standbein im Trockenen, das Spielbein wagt sich vor.

„Dass sich immer wieder kreative Frauen und Männer auf den risikoreichen Drahtseilakt einlassen, sich selbständig zu machen, ist bewundernswert“, lobt Bundeskanzlerin Angela Merkel im „Startup-Monitor 2014“. Auch wenn laut KfW-Statistik der Beschäftigungseffekt im Gründungsjahr 2013 mit 419 000 vollzeitäquivalenten Stellen überschaubar bleibt: Ohne Neuanfänge und technische Innovationen erlahmt eine Volkswirtschaft. „Gründer sorgen für den nötigen Wettbewerbsdruck auch auf die etablierten Anbieter“, sagt Metzger. Kanzlerin Merkel setzt besonders auf Impulse aus der digitalen Wirtschaft und deren Wachstumsdynamik: „Für Deutschland ergeben sich dadurch großartige Chancen, klassische Industriestärken mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zu verbinden.“



„Dass sich immer wieder kreative Frauen und Männer auf den risikoreichen Drahtseilakt einlassen, sich selbständig zu machen, ist bewundernswert“, lobt Bundeskanzlerin Angela Merkel im „Startup-Monitor 2014“. Auch wenn laut KfW-Statistik der Beschäftigungseffekt im Gründungsjahr 2013 mit 419 000 vollzeitäquivalenten Stellen überschaubar bleibt: Ohne Neuanfänge und technische Innovationen erlahmt eine Volkswirtschaft. „Gründer sorgen für den nötigen Wettbewerbsdruck auch auf die etablierten Anbieter“, sagt Metzger. Kanzlerin Merkel setzt besonders auf Impulse aus der digitalen Wirtschaft und deren Wachstumsdynamik: „Für Deutschland ergeben sich dadurch großartige Chancen, klassische Industriestärken mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zu verbinden.“

Dabei gehen die Deutschen sehr abgeklärt an die Frage heran, was einen zum Unternehmer qualifiziere: 75 Prozent sagen, das Metier sei durchaus erlernbar, nur 21 Prozent denken, ein Unternehmer-Gen müsse angeboren sein. „In Deutschland nimmt das Thema ,Entrepreneurial Education‘ an Bedeutung zu, es gibt gut 200 entsprechende Lehrstühle“, sagt Gründungsexperte Metzger. Jedoch sollte man bei der Vermittlung unternehmerischen Denkens schon in der Schule ansetzen – und die Mehrzahl der Start-up-Unternehmer erkennt hier Defizite. Einer, der es geschafft hat, stets groß zu denken, ist der deutsch-amerikanische IT-Unternehmer Peter Thiel, Mitgründer des Bezahlsystems PayPal. Der in den USA sozialisierte Unternehmer spöttelt über die deutsche Verzagtheit: „Viele sprechen von der Angst vor dem Versagen. In Deutschland herrscht eher eine Angst vor dem Erfolg.“ Thiel propagiert, man solle unbeirrt in Bereichen gründen, in denen sich die eigenen Ideen nicht leicht kopieren lassen, wo also wenig Wettbewerb herrscht. Gesagt, getan: An Selbstbewusstsein mangelt es immerhin nicht jenem Gründertypus, den der Bundesverband Deutsche Startups (BVDS) vertritt: Er strebt schon per Definition signifikantes Wachstum an und ist hochinnovativ. Fast die Hälfte dieser Entrepreneure nimmt an, sie habe eine Weltneuheit an Bord. Von 4000 bis 5000 solcher Unternehmen in Deutschland geht der BVDS derzeit aus, sie vereinten einen Wagniskapitalbedarf von rund 650 Millionen Euro pro Jahr.

Warum vielen Gründern dann doch die Luft ausgeht? Nach den KfW-Zahlen berichteten nur 17 Prozent der Gründer im Jahr 2013 von Finanzierungsschwierigkeiten. Und das, obwohl für Bankkredite in der Regel die Sicherheiten fehlen und gerade bei ganz neuen, erklärungsbedürftigen Geschäftsmodellen der Erfolgsnachweis fehlt. Ein klassisches Henne-Ei-Problem. Auch der Fachkräftemangel und Konkurrenzprobleme stehen in der Sorgenliste oben. Fest steht aber auch, dass viele Gründer den Finanzbedarf unterschätzen. „Durch Liquiditätsengpässe können junge Unternehmen sehr schnell in Existenznöte geraten“, so die KfW-Experten. Gründer sollten immer ein Wachstumsszenario einplanen. Und dabei mit den Kosten zusätzlicher Mitarbeiter kalkulieren. Ohne Geld – das ist wohl die verbindende Erfahrung aller Gründer – wird aus dem Traum kein echtes Unternehmen.

 

WEITERE INFORMATIONEN
Start-up-Team der Deutschen Bank in Berlin: www.deutsche-bank.de/startups



Interview: „Die Szene befruchtet sich“

Christoph Westerburg ist Marktgebietsleiter und führt operativ das Start-up-Geschäft der Deutschen Bank Berlin

 

Herr Westerburg, mal angenommen, Sie hätten eine riesige Geschäftsidee. Würde es Sie damit auch nach Berlin ziehen?
Gut möglich! Jedenfalls gibt es etliche Gründe für internationale Innovatoren, hier ihr Business aufzubauen: viele Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen und damit sehr gut ausgebildete junge Leute sowie immer noch günstige Lebenshaltungskosten und eine hohe Lebensqualität, verglichen mit anderen europäischen Metropolen.

Sie treten mit einem kleinen Team von Bankspezialisten an, um in der Community der Berliner Start-ups mitzumischen. Wie genau funktioniert das?
Unser Team heißt Startups@Berlin, und es agiert auch wie eines. Wir stehen als agile Serviceeinheit den schnell wachsenden Unternehmen zur Verfügung und gehen exakt auf deren Bedürfnisse ein. Praktisch eine sehr nahbare One-Stop- Agency innerhalb des Global Players Deutsche Bank – speziell für innovative Gründer. Auch unsere Kunden haben vielfach vom Start weg einen internationalen Anspruch. Ihre Ziele sind hochgesteckt, Tempo ist wichtig, Expansion über Grenzen hinweg immer im Blick. Das passt also zusammen – und ist stets auf eine vertrauensvolle, langfristige Beziehung ausgelegt.

Wie haben Sie Ihr Team zusammengestellt, und wobei stehen Sie zur Seite?
Unsere Mannschaft sitzt in der Zentrale Unter den Linden und umfasst ein Dutzend Spezialisten mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen. Einzige Bedingung: Sie müssen mindestens fünf Jahre mit innovativen Unternehmern zusammengearbeitet haben, verhandlungssicheres Englisch ist selbstverständlich. Wichtig ist, dass wir die Sprache der Gründer sprechen und ihnen unkompliziert den Rücken freihalten für das schnelle Vorankommen. Unsere Lösungen kommen aus einer Hand: von der Kreditkarte für den Selfmade-Unternehmer bis hin zum Liquiditätsmanagement im Ausland.

Aber die Bedürfnisse im Lebenszyklus eines Start-ups ändern sich, werden komplexer. Wie werden Sie dem gerecht?
Das ist ja das gemeinsame Ziel: ein Hineinwachsen in größere Strukturen. Vom ersten Treffen an, bei dem wir als Banker den Businessplan kennenlernen, geht es um vertrauensvolle Begleitung auch in späteren Phasen. Die Beziehung mag münden in einem Börsengang, begleitet von unseren Investmentspezialisten, oder einem Verkauf des Unternehmens, wo wir als Bank den Entrepreneur bei künftigen Investmentstrategien begleiten.


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