Foto: Martin Joppen

„Nettoeffekt ist positiv“

Gefährdet oder stützt der sinkende Ölpreis die Wirtschaft? Beides stimmt, sagt Lars Slomka von Deutsche Bank Research

zum Artikel

results Abonnement

So kommt results direkt auf Ihren Schreibtisch

Mit dem kostenlosen Print-Abo verpassen Sie keine Ausgabe und haben wichtige Tipps und Analysen für Mittelständler stets griffbereit.

Hier kostenfrei bestellen

Herr Slomka, seit seinem letzten Höchststand im Juni 2014 hat sich der Ölpreis zeitweise halbiert. Was hat den Preisverfall verursacht?
Hier sind mehrere Entwicklungen zusammengekommen: Auf der Nachfrageseite fällt das Wachstum in China schwächer aus als noch vor Jahren erwartet; auch Europa erholt sich nur langsam. Die Dynamik des Welthandels ist immer noch gering. Auf der Angebotsseite hat der schnelle Anstieg der Fördermenge in den USA die Erwartungen von vielen Marktteilnehmern übertroffen. Zugleich bleibt die OPEC, angeführt von Saudi-Arabien, bei ihren hohen Produktionsniveaus, wobei geopolitische Überlegungen dabei wahrscheinlich eine Rolle spielen dürften.

Die niedrigeren Ölpreise sollten doch eigentlich eine gute Nachricht für deutsche Unternehmen sein. Sind sie auch ein Grund für die Rekordwerte beim DAX?
Wichtiger für die hohen Notierungen des DAX dürfte aktuell die expansive Geldpolitik der EZB sein, die zudem auf den Wechselkurs des Euro drückt und damit deutsche Exporte verbilligt. Aber natürlich wirkt auch der niedrigere Ölpreis wie ein Konjunkturprogramm für ölimportierende Länder oder Regionen, nicht zuletzt für Deutschland. Länder wie Venezuela oder Russland, deren Wirtschaft einseitig von Ölexporten abhängt, leiden hingegen stark unter der Entwicklung. Somit wirkt der Ölpreisverfall regional und sektoral sehr unterschiedlich.

Sinkende Ausgaben für Rohstoffe müssten also erdölimportierenden Ländern Auftrieb geben.
Im Prinzip ist das auch so. In den erdölimportierenden Ländern wie Deutschland steht mehr Geld für andere Ausgaben zur Verfügung, gleichzeitig schlägt sich der Einkommensverlust in den ölexportierenden Staaten nur allmählich in geringeren Ausgaben nieder. Insgesamt betrachtet, führen die sinkenden Ölpreise global zu mehr Wachstum. Auch deshalb haben wir unsere Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr auf 3,4 Prozent angehoben, was eine Beschleunigung gegenüber 2014 bedeutet.

Das sind doch gute Nachrichten.
Ja, aber in der Realität ist es komplizierter, da greifen ganz verschiedene Entwicklungen ineinander, und die Risiken steigen in bestimmten Sektoren. Ölunternehmen, deren Wachstumsfinanzierung aufgrund ihrer Förderkosten davon abhängt, dass der Ölpreis über 90 US-Dollar liegt, können sich bei 45 US-Dollar schwerer refinanzieren. Hier steigt somit das Risiko von Insolvenzen. Sinkende Ölpreise drücken auch auf die Inflationsrate in Europa. Sie dienen also als weiteres Argument für die expansive Geldpolitik der EZB, die bestrebt ist, eine Deflation in der Eurozone abzuwenden. Außerdem kann die Schwäche eines Rohstoffexporteurs wie Russland auch auf die eigentlich begünstigten Länder zurückschlagen, wenn beispielsweise Investitionen zurückgefahren werden; kein Wunder also, dass derzeit Länder wie Deutschland sich aus industriepolitischen Erwägungen heraus Sorgen machen.

Für die USA rechnen Experten mit einer Befeuerung des privaten Konsums. Lässt sich das auch auf Deutschland übertragen?
Ja, wir erleben einen Stimulus sowohl für die deutsche Binnenkonjunktur als auch für wichtige Exportmärkte, da diese überwiegend Ölimporteure sind: Hier stehen den privaten Haushalten dank sinkender Mobilitäts- und Energiekosten mehr finanzielle Mittel für den Konsum anderer Erzeugnisse zur Verfügung. Einzelhandel, Textil und Bekleidung, Tourismus oder das Gastgewerbe sollten unmittelbar profitieren. Über den privaten Konsum hinaus bedeuten niedrige Preise eine Kostenentlastung für Sektoren, in denen Öl als Rohstoff im Produktionsprozess eingesetzt wird (zum Beispiel Chemie- und Kunststoffindustrie). Auch der Verkehrssektor (Luftverkehr, Logistik, Schifffahrt) wird direkt profitieren. Insgesamt vergrößern sich für deutsche Unternehmen die Spielräume, die eigenen Investitionen zu steigern. Natürlich ist der niedrige Ölpreis nicht für alle Branchen positiv: So dürften jene Unternehmen, die zum Beispiel Maschinen und Anlagen für die Exploration neuer Ölfelder herstellen, in den kommenden Monaten weniger Aufträge registrieren. Wir glauben, der Nettoeffekt für die deutsche Industrie ist jedoch positiv.Was ist Ihre Einschätzung hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Ölpreises?Wir sehen auf der Angebotsseite bereits erste Reaktionen. In den USA wird die Zahl der Fracking-Bohranlagen reduziert. Die Erschließung neuer, unkonventioneller Quellen wird zeitlich verschoben. Da die Angebotsstruktur in den USA sehr kleinteilig ist, sind solche schnellen Reaktionen nicht überraschend. Aber auch in anderen Regionen dürften die Investitionen in die Öl- und Gasförderung vorerst sinken. In der mittleren Frist wird dies das Wachstum des Ölangebots bremsen und wieder preissteigernd wirken. Gleichzeitig dürfte die Nachfrage nach Öl weiter leicht wachsen. Das alles spricht für mittelfristig wieder steigende Notierungen. Wie schnell das passiert und auf welches Niveau die Preise wieder steigen, ist nur schwer zu prognostizieren. Nicht zuletzt wegen der angekündigten hohen Förderung der OPEC-Staaten wird der Ölpreis auch bis Jahresende 2015 nicht wieder das Durchschnittsniveau der letzten Jahre erreichen. Wir rechnen derzeit für die Ölsorte Brent mit einem Jahresendpreis von gut 62 US-Dollar.

Grafik:
Ölpreis sucht Boden

Ölpreis sucht Boden

Ölpreis sucht Boden

Der Dollarpreis für die Ölsorte Brent hat sich seit dem vergangenen Juni zeitweise halbiert – das freut Konsumenten weltweit.

Ölpreisentwicklung (Brent), Angaben in US-Dollar

QUELLE: FINANZEN.NET 2014


Verwandte Artikel

 


Artikel teilen

article_arrow_right
01-2015/nettoeffekt-ist-positiv.html
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Weitere Infos zu Cookies und deren Deaktivierung finden Sie hier.