Stefan Bender (48) leitet das Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank. Vorher war er in Deutschland Leiter des Bereichs Außenhandelsfinanzierung und Zahlungsverkehr und Co-Leiter Corporate Finance

Foto: Thorsten Jansen

„Jetzt ist die Zeit, die Hausaufgaben zu erledigen“

In einer Welt ohne Zins gelten neue Regeln: Stefan Bender, Leiter des Firmenkundengeschäfts der Deutschen Bank, rät zu einer gemeinsamen Bilanzanalyse mit der Hausbank – und neuen Strategien der Finanzierung

Interview: Boris Burauel

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Herr Bender, in Volkswirtschaftsvorlesungen lernt jeder Student: Niedrige Zinsen verbilligen Kredite, fördern Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. So gesehen, müsste das derzeitige Zinsumfeld für Unternehmen eigentlich ein Traum sein.
In der Theorie ist das vielleicht so. Doch wenn es um Investitionen geht, stellen Unternehmer heute ganz andere Fragen. Es geht nicht darum, ob man eine Innenfinanzierung macht oder ob die Kreditzinsen bei einem oder zwei Prozent liegen. Sondern es stellt sich die Frage, wo sich im derzeitigen Umfeld Gelegenheiten für sinnvolle Investitionen finden lassen.

Was hindert Unternehmen daran?
Zum einen der Ausblick in Europa, und zwar in wirtschaftlicher ebenso wie politischer Hinsicht. Das sorgt bei deutschen Unternehmern zurzeit für große Unsicherheit. Und das eigene Heimatland macht es ihnen nicht ­gerade leicht. Versuchen Sie mal in Deutschland, in Innenstadtnähe Ihre Schreinerei zu vergrößern der bürokratische Aufwand ist beträchtlich. Oder erinnern Sie sich an all die Begriffe, die gerade in der öffentlichen Diskussion sind: Erbschaftsteuer, Energiewende, Umweltschutzauflagen, sogar ein Verbot von Neuzulassungen bei Benzin- und Diesel­autos ab 2030 geisterte ­zwischenzeitlich durch die ­Medien. Das alles sorgt in der Wirtschaft nicht gerade für Zuversicht.

Aber sind die Rahmenbedingungen denn im Ausland wirklich besser?
China will sein Wachstum aus eigener Kraft stemmen und macht es Investoren aus dem Ausland schwerer als früher. Viele Unternehmer sehen sich genau an, was da gerade passiert, und halten sich mit Investitionen erst einmal zurück – nicht nur in China, sondern auch in Deutschland, falls China ein wichtiger Absatzmarkt ist. Mancher erwartet Wachstumsimpulse aus den USA, doch noch lässt sich nicht absehen, wie es dort weitergehen wird. Hinzu kommen strukturelle Verschiebungen etwa in der Autoindustrie – auch da herrscht Unsicherheit. Ich habe gerade erst mit einem Autozulieferer gesprochen, der an einer Wachstumsstrategie außerhalb seiner klassischen Branche arbeitet.

Das alles spricht nicht dafür, dass sich das Zinsniveau auf absehbare Zeit ändert. Experten der Deutschen Bank sprechen bereits von einer langfristigen Klimaverschiebung anstelle des oft angenommenen flexibleren Wetterwechsels.
Die strukturellen Probleme Europas sind nicht gelöst, deshalb gibt es kaum Möglichkeiten, an der Zinsschraube zu drehen. Aber wie schon gesagt: Es spielt für die Investitionen zurzeit keine Rolle, ob der Zins bei einem oder drei Prozent liegt. Dennoch müssen wir uns auf eine lange Zeit der niedrigen Zinsen einstellen. Und das hat natürlich sehr viel mehr Folgen als nur die Kosten für Kredite.

Glauben Sie, dass Unternehmer sich über die verschiedenen Auswirkungen der Zinslage nicht im Klaren sind?
Wir werden erst in den nächsten Jahren erleben, welche Auswirkungen ein negativer Zinssatz wirklich hat. Was wir im Moment erleben, ist ja nur der Erstrundeneffekt: Die Kredite werden billiger, gleichzeitig gibt es aber auch keine Rendite mehr für die eigene Liquidität oder das Privat­vermögen. Und wenn es keinen Zins mehr gibt, gibt es in manchem Unternehmen Deckungslücken, etwa bei den Pensionsverpflichtungen …

Ganzheitlicher Zinsdialog

Die Deutsche Bank führt – gemeinsam mit Roland Eller Consulting – regel­mäßig Veranstaltungen, den „Ganzheitlichen Zinsdialog“ für Unter­nehmer und Unternehmen durch. Dabei werden die Auswirkun­gen der aktuellen Zinssituation auf Finanzierungs- und Anlageseite sowie die Wechselwirkungen zwischen der Privat- und Unter­nehmensspähre beleuchtet und diskutiert. Informationen dazu gibt Ihnen Ihr Firmenkundenberater oder Ihr Spezialberater Zins- und Währungsmanagements.


„So wenig Ausfälle wie heute gab es noch nie“

… also bei den langfristigen Verpflichtungen, die ursprünglich auf Basis eines damals hohen Zinses diskontiert wurden, den es heute nicht mehr gibt …
… das ist bei unseren Kunden zurzeit häufig ein großes Thema, und unsere Spezialisten sind sehr gefragt.

Wenn das nur der Erstrundeneffekt ist – wie geht es weiter?
Den zweiten Effekt sehen wir auch schon: Der ­Kapitalmarkt verändert sich, die Geschäftsmodelle der Banken müssen weiter entwickelt werden. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf Unternehmen. Wenn Banken nicht mehr von Zinseinnahmen leben können, müssen sie sich über Pro­visionen und Gebühren finanzieren. Das bietet für das Finanzmanagement der Unternehmen auch neue Möglichkeiten.

Und dann?
Wir haben gerade das freundlichste Kreditumfeld für Banken, das ich in den vergangenen 20 Jahren erlebt habe. So wenig Ausfälle wie heute gab es noch nie, weder bei Privatkunden noch bei Unternehmen. Sollte dieses einmal drehen, müssen Banken die Kraft haben, gemeinsam mit ihren Kunden durch die Krise zu gehen.

Sie zeichnen hier ein sehr düsteres Bild der Zukunft. Wie sollen Unternehmer denn Ihrer Ansicht nach mit dieser Situation umgehen?
Ich bin ein großer Fan davon, in guten Zeiten die Hausaufgaben zu erledigen. Die meisten Unternehmen sind derzeit sehr gesund, und viele sind heute schon sehr erfolgreich dabei, sich noch fitter zu machen. Jetzt ist die richtige Zeit, sich seine Finanzierung im Ganzen anzusehen und zu überlegen: Wie kann ich mir Flexibilität für die kommenden Jahre erhalten? Kann ich mir die günstigen Konditionen für sechs, sieben oder acht Jahre sichern, ohne mich einzuengen? Viele Unternehmen nutzen die Gelegenheit auch zu strukturellen Verbesserungen: Sie optimieren ihre Finanzabteilungen, sie kümmern sich um erfolgreiche Supply-Chain-Finanzierung oder verbessern das Working Capital Management.

Kommt es angesichts so niedriger Kreditkosten denn auf Working Capital Management an?
Solche Sachen macht man für die Zukunft, aber es geht leichter, wenn man die finanzielle Kraft dazu hat. Außerdem hilft ein ordentliches Liquiditätsmanagement auch in der derzeitigen Niedrig­zins­phase. Wenn ich meine Zahlungsströme kenne, brauche ich weniger Geld bei der Bank zu parken, wenn das etwas kostet.

Was wäre denn der erste Schritt einer Optimierung für Unternehmen im der­zeitigen Umfeld?
Jeder Unternehmer sollte die Zeit investieren und sich – am besten gemeinsam mit seiner Hausbank – fragen, welche Auswirkungen ein Null- oder Negativzins auf seine Bilanz hat. Die Antwort fällt bei einem Einzelhändler mit Kurzfristfinanzierungen natürlich ganz anders aus als bei einem Projektfinanzierer mit langfristigen Plänen. Es geht darum, sich vor Überraschungen zu schützen. Die Pensionsverpflichtungen sind ein gutes Beispiel: Kein Mensch kam damals auf die Idee, dass der Zinseszinseffekt einmal nicht mehr funktionieren würde. Die Bilanzierung stellt manche Firmen vor große Herausforderungen.


Und wenn das erledigt ist?Aus der Analyse ergeben sich die nächsten Schritte. Die Frage lautet: Was ist zu optimieren – auf der Passiv- ebenso wie auf der Aktivseite der Bilanz? Für ein Unternehmen in der Industrie mit hohem Anlagevermögen bietet es sich vielleicht an, sich jetzt ein dickeres Eigenkapitalpolster anzulegen, damit in schlechteren Zeiten die Bilanz gesünder ist. Auf der Fremdkapitalseite fragt sich ein Unter­nehmer vielleicht, wie er das günstige Profil etwas langfristiger aufbauen kann. Da kann es sich durchaus als sinnvoll herausstellen, auf eine Finanzierung mit variabler Verzinsung zu setzen, aber gleichzeitig den Zinssatz gegen eine zu starke Erhöhung abzusichern.

Das klingt nicht ganz unkompliziert …
Es kommt vor allem darauf an, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Natürlich ist die Finanzabteilung nicht das, was dem typischen Unternehmer Spaß macht – der sitzt viel lieber mit seinen Entwicklern, Verkäufern oder Kunden zusammen. Aber die Finanzen sind immer Pflicht.

Die Deutsche Bank veranstaltet in ganz Deutschland Seminare zum Umgang mit dem Thema Niedrigzins. Was sind die vorherrschenden Fragen?
Im Grunde das, was wir auch hier bisher besprochen haben: Wie finde ich als Unternehmer heraus, welche Implikationen der Zins für mich hat? In diesem Zusammenhang muss natürlich auch das Privatvermögen angesprochen werden. Wir haben auf den Seminaren gelernt: Der Blick geht schnell vom Unternehmen auf das eigene Leben.

Gibt es für das Privatvermögen andere Antworten?
Im Prinzip müssen sich Unternehmer ähnliche Fragen stellen: Was bedeutet das alles für meine Lebensversicherung? Was ist, wenn nur eins der Kinder das Unternehmen bekommt und Geschwister aus dem Privatvermögen abgefunden werden sollen? Welche Rolle spielt die Tatsache, dass die Immobilienpreise gerade so steigen und eine versteckte Inflation schaffen?

Trotzdem liegt es doch nahe, Privat­vermögen und Unternehmen zu trennen und so das Risiko zu verteilen.
All diese einfachen Regeln sind weder automatisch richtig noch automatisch falsch. Es kommt auf den Einzelfall an. Ein Unternehmer hat ein Vermögen aufgebaut und möchte dieses Unternehmen auch bewahren. Mit sicheren Anlagen ist das kaum möglich. Da sagt sich mancher: Also investiere ich doch am besten dort, wo ich mich wirklich auskenne – im eigenen Unternehmen. Ich glaube nicht, dass das automatisch immer die richtige Strategie sein muss. Aber ich weiß aus vielen Gesprächen: Es ist manchmal sinnvoll, ein paar Tage über das Vermögen nachzudenken, für dessen Aufbau man lange gearbeitet hat. Unsere Aufgabe als Bank besteht darin, bei diesem Nachdenken zu helfen.

„Der Blick geht schnell vom Unter­nehmen aufs eigene Leben“


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