Deutschlands Unternehmen haben bewiesen, dass sie sich mit Einfallsreichtum und frischen Ideen auf fremde Märkte einstellen können. Doch Erneuerung kostet Geld – und die richtige Finanzierung von Innovation wird gerade für mittelständische Firmen zu einem immer wichtigeren Zukunftsthema

Foto: GANDEE VASAN/GETTY IMAGES

So geht Zukunft

Unsere wirtschaftliche Entwicklung hängt entscheidend ab von der Innovationskraft der Unternehmen. Aber wie steht es um die Fähigkeit des Mittelstands, Neues in die Welt zu bringen? results zeigt Familienunternehmen, die diese Innovationsfragen jeweils auf ihre eigene Art beantworten

Text: Stephan Schlote

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Können Krebszellen leuchten? Eigentlich nicht. Doch ein paar Forscher aus Siegen leisteten Abhilfe. Sie haben spezielle Fluoreszenzfarbstoffe entwickelt, die, an Antikörper gekoppelt, bestimmte Moleküle zum Leuchten bringen können. Ergebnis: Sogar eine einzelne Krebszelle ist jetzt unter dem Mikroskop zu sehen. „Wir machen Zellen sichtbar“, sagt ATTO-TEC-Chef Jörg Reichwein. Und das ist gefragt: Die Siegener Laborchemiker verkaufen ihre patentierten Fluoreszenzfarbstoffe inzwischen weltweit.

Haben Zelte für große Feste oder Events viel mit Innovation zu tun? Wahrscheinlich eher nicht. Oder doch? So sieht es jedenfalls der vormalige Bierzeltbauer Eschenbach aus Unterfranken. ­Alexander Eschenbach bezeichnet seine Produkte inzwischen als „temporäre Architektur“. Dem Familienunternehmen ist es gelungen, Doppelstockzelte zu konstruieren, die die Last von bis zu 3000 Menschen tragen können, und wenn dann noch im ersten Stock ein tonnenschwerer Lkw mit ausgestellt werden soll, bitte schön.

Innovationskraft steht im Fokus

Reichwein und Eschenbach stehen für etwas Typisches im Mittelstand: Sie sind innovativ, und sie verstehen das jeweils auf ihre eigene Art. „Innovation“, sagt der PwC-Mittelstandsberater ­Michael Pachmajer, „ist eine der zentralen Stärken deutscher Familienunternehmen.“ Mehr noch: Sie begründet ihren globalen Erfolg. So sind viele mittelständische Unternehmen in ihrem Segment Weltmarktführer – und damit einer der viel zitierten Hidden Champions. Eigentlich keine ganz schlechte Innovationsbilanz. Glaubt man allerdings einigen Kritikern und Mahnern, dann ist Deutschlands Erfolg als Innovationsstandort längst gefährdet. So hat etwa das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung gemeinsam mit Prognos errechnet, dass die Zahl innovativer Mittelständler sinkt. Demnach machten viele den Fehler, sich auf ihrer Marktführerschaft auszu­ruhen. Defizite sehen die Autoren der Studie aber auch bei Strategie-, Organisations- und Prozess­inno­vationen. Ähnlich Kritisches kommt vom BDI, der einen eigenen „Innovationsindikator“ für den Mittelstand errechnet hat.

Doch vor „zu schnellen und zu negativen Urteilen“ in Sachen Innovation und deutscher Mittelstand warnt Eric Heymann, Volkswirt und Technologie-Experte bei Deutsche Bank Research. Drei Prozent des BIP werden hierzulande inzwischen von allen Unternehmen in F&E investiert, so viel wie nie zuvor und weit mehr als im Durchschnitt der EU oder auch der USA. Und: Vor allem kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern haben ihre Innovationsanstrengungen zuletzt deutlich ausgeweitet.

Als Ausdruck einer lebendigen Innovationskultur zählt auch die Start-up-Szene. Doch seit 2006 wagen sich Jahr um Jahr weniger Gründer an den Start, hat gerade erst die Leipzig Graduate School of Management festgestellt. Clemens ­Fuest, Professor und Präsident des Ifo-Instituts, ­vermisst hierzulande vor allem Gründungen in jenen Branchen, die für Innovationen eine Schlüsselrolle spielen. Harsche Warnung des Wirtschaftsforschers: „Der Mittelstand fällt zurück in Selbstzufriedenheit.“

Thesen

Nachholbedarf: Machen erfolgreiche Mittelständler den Fehler, sich auf ihrer Marktführerschaft auszuruhen? Mehrere Studien beklagen eine zu schwache Forschungsintensität. Doch es gibt auch andere Meinungen: Danach schneidet Deutschland im internationalen Vergleich nicht schlecht ab, was Zukunftsfähigkeit betrifft.

Strategie: Gerade in mittelständischen Unternehmen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Vorgehensweisen bei der Innovation. Ihre Flexibilität und Kundennähe wirkt auch bei der Produktentwicklung.

ATTO-TEC: Eigeninitiative

Manche Dinge sieht man nicht, trotz Röntgen, Kernspin oder CT. Forscher der Siegener ATTO-TEC um Jörg Reichwein haben dafür eine Lösung gefunden: Mittels fluoreszierender Farbstoffe, gekoppelt an spezifische Antikörper, können einzelne Moleküle im Blut oder Gewebe nachgewiesen werden. Bei Innovationen vertraut Firmenchef Reichwein auf Eigeninitiative: „Die Kollegen entscheiden selbst, wo sie weiterforschen oder nicht.“

Video: Innovationskraft im Mittelstand

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Viele Ideen kommen aus Deutschland

Viele Ideen kommen aus Deutschland

Viele Ideen kommen aus Deutschland

Ruhen wir uns also aus auf den Erfolgen von gestern und heute? Erlahmt die Innovationskraft des deutschen Mittelstands tatsächlich? Einer, der das ziemlich anders sieht und lebt, ist Reinhard Nowak, Senior und geschäftsführender Gesellschafter des badischen Life-Science-Anlagenbauers Glatt. Das Familienunternehmen entwickelt und montiert bei Bedarf eine komplette Arzneimittelproduktion, und das weltweit. Glatt baut Maschinen und Anlagen für neue Darreichungsformen von Medikamenten – etwa ein oral einzunehmendes Insulin, Wirkstoffe in Nanogröße oder Morphiumtabletten, die von Heroinsüchtigen nicht missbraucht werden können. „Unsere Innovation liegt im Produktionsverfahren“, sagt Nowak, doch wie entsteht Innovation bei Glatt? Das Unternehmen unterhält dafür rund um den Globus fünf eigene Technologiezentren, so etwas wie Versuchsküchen für neue Produktionstechniken in der Pharmaindustrie. Das Besondere: Glatt tüftelt gemeinsam mit den Kunden. Jeder Auftrag, jedes Fertigungsproblem wird individuell entwickelt, gelöst und produziert. Nach ein paar Tagen des gemeinsamen Tüftelns geht der Kunde meist mit einer Probe des neuen Produkts nach Hause. „Wir sind erst mal Dienstleister“, sagt Nowak, „der Anlagenbau ist das Ergebnis.“

Keine Angst vor der Digitalisierung

Rund 90 Prozent seiner Umsätze macht Glatt mit der Pharmaindustrie. Doch ab und an wird etwas erfunden, das sich auch für andere Branchen eignet, etwa Anwendungen in der Nanotechnologie. „Abfallprodukt“ nennt das Nowak, doch es ist alles andere als verächtlich gemeint. Mithilfe der Nanotechnologie aus dem Hause Glatt erhalten künst­liche Gelenke verschleißfeste Oberflächen, und die Autoindustrie verbaut inzwischen Katalysatoren mit einem höheren Wirkungsgrad.

Wer so eng mit seinen Kunden arbeitet wie Glatt, braucht umfassende Herausforderungen wie etwa die Digitalisierung weniger zu fürchten. Andere im Mittelstand wie etwa Logistiker oder Einzelhändler sind dagegen schon voll mit der Plattform-Ökonomie konfrontiert. „Die digitale Transformation ist ein Großereignis, vergleichbar der Einführung der Elektrizität oder der Tele­grafie im 19. Jahrhundert in Deutschland“, sagt der auf das Thema spezialisierte PwC-Berater und Buchautor Michael Pachmajer. Begriffen habe dies jedoch nur eine Minderheit. Ähnlich urteilt auch eine vom ZEW verfasste Studie: So fehle im deutschen Mittelstand nach wie vor die Sensibilität für die Risiken „disruptiver Technologien“, also jener zumeist digitaler Innovationen, die mal eben die Spielregeln einer ganzen Branche umwerfen. Innovation, darunter verstehe der Mittelstand meist nur Produktinnovation. Tatsächlich aber geht es jetzt darum, ganz neue Service- oder Mietmodelle aufzubauen. „Jedes Internet-Start-up kann eine Plattform etwa für den Verleih von ­Bau­maschinen starten“, warnt Pach­majer, „und das ist brandgefährlich.“

Eschenbach: Schlank führen

Das profane Wort „Zelt“ verwendet Alexander Eschenbach ungern. Bei seinen Hightech-Produkten spricht er lieber von „temporärer Architektur“. Eschenbachs Zelte müssen nicht nur schick aussehen, sondern auch technisch viel leisten. Dafür hat er neue Materialien eingeführt, Prozesse umgekrempelt und beschleunigt. Weil Innovation eine vernünftige Organisation bedingt, genügen bei Eschenbach drei Führungsebenen.

Video: Familienunternehmen in die Zukunft führen

Dabei hätte der deutsche Mittelstand aus Sicht des Digitalisierungsexperten eigentlich beste Chancen, das Thema zu stemmen. Viele Unternehmen haben technologische Transformationen erfolgreich überstanden, viele sind zugleich noch weltweit erfolgreich. So wie etwa die Siegener ATTO-TEC. Ihre Inno­va­tions­formel passt in vier Wörter: Die Kollegen machen lassen. Wirkt ein Labor­ergebnis irgendwie seltsam, leuchtet ein Farbstoff anders als erwartet, dann legen die Chemiker erst richtig los. Und dafür haben die Mitarbeiter freie Hand. „Die Kollegen entscheiden selbst, ob sie da weiter­forschen oder nicht“, sagt ATTO-TEC-Chef Jörg Reichwein. Für den Erfolg des Laborzulieferers war das entscheidend: „Alle unsere Topseller sind so entstanden.“

Produktion wird 50 Prozent schneller

So lebt der weltweit verkaufende Kleinbetrieb ­einen betont lockeren Führungsstil wie an der benachbarten Uni. „Spielraum geben“ ist für Reichwein die zentrale Voraussetzung der hauseigenen Innovationskultur. Und dabei die Mitarbeiter mit ihrem Wissen im Unternehmen halten. Das scheint zu funktionieren: In den 17 Jahren seit Gründung hat noch keiner gekündigt. Die Fluoreszenzfarbstoffe von ATTO-TEC werden in tausendstel Gramm verkauft, es sind hoch­fragile chemische Strukturen, die dennoch stabil bleiben müssen. Das ist Innovation pur, keine Frage. Doch man würde dem deutschen Mittelstand nicht gerecht, Innovation nur auf Hightech oder High-Chem zu beschränken. Denn was ist etwa mit einem Premium-Zeltbauer? „Wir sind natürlich nicht Apple“, sagt dessen Chef ­Alexander Eschenbach, „aber Innovation ist für uns genauso ein Leitthema.“ Erst seit zwei Jahren hat der Junior das Steuer in der Hand, und seitdem wird im Unternehmen neu gemacht, was nur geht: Die Produktion ist heute um 50 Prozent schneller als noch vor wenigen Jahren, alle Bereiche und alle Prozesse sollen demnächst durchgängig verknüpft sein. Ein digitales Warenwirtschafts­system steht vor der Einführung, alle Zeichnungen sind von der ersten Skizze bis zur Fertigstellung in 3-D, und weil Innovation auch eine vernünftige Organisation bedingt, genügen bei Eschenbach drei Führungsebenen. Innovation im Zeltbau, das heißt etwa schalldichte Räume, genauso wie ein sturmfestes Zelt ohne eine einzige Verankerung im Boden. „E-motion“, das neue Hightech-Produkt, hat den klassischen Zeltbau aus Holzgestell plus Plane hinter sich gelassen. „Temporäre Architektur“, so lautet der Anspruch, und das heißt, ein mehrgeschossiges Bauwerk auf Zeit, fast genauso nutzbar wie ein vergleichbares Gebäude, für Supermärkte, Kantinen, Büros, Lagerhallen oder Fabriken. Ein Zelt, so groß wie 14 Fußball­felder? Eschenbach hat es zur WM in Südafrika gebaut. „70 Prozent unserer Aufträge“, sagt der Chef, „haben mit dem klassischen Zeltbau nichts mehr zu tun.“

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Wer forscht wie viel?

Wer forscht wie viel?

Wer forscht wie viel?

Glatt: Mit Kunden arbeiten

Wie verabreicht man eine Tablette, sodass sie erst in zwölf Stunden wirkt? Wie sichert man ein Schmerzmedikament gegen Missbrauch? Pharmahersteller, die für ihre Fabriken die passenden Geräte suchen, wenden sich an die südbadische Glatt-Gruppe von Reinhard Nowak. Aus dem Lager kommt nichts, jede Maschine ist eigens entwickelt – gemeinsam mit dem Kunden. „Wir sind erst mal Dienstleister“, sagt Nowak, „der Anlagenbau ist das Ergebnis.“

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In welchen Ländern wird viel geforscht?

In welchen Ländern wird viel geforscht?

In welchen Ländern wird viel geforscht?

Wie Familienunternehmen in Deutschland ihre F&E durchführen: Die meisten Ideen entstehen aus eigener Kraft.

QUELLE: IFM BONN, 2016; MEHRFACHNENNUNGEN MÖGLICH

Der Hightech-Zeltbauer Eschenbach, der Laborzulieferer ATTO-TEC oder der Arzneimittel-Maschinenbauer Glatt definieren den Begriff Innovation jeweils anders. Doch sie leben ihn äußerst erfolgreich. Sie zeigen die – trotz aller Kritik – letztlich ungebrochene Innovationskraft des deutschen Mittelstands. Mehr als jedes vierte deutsche Familienunternehmen, so hat es der BDI in einer Studie erfragt, hat in den vergangenen drei Jahren eine echte Innovation auf den Markt gebracht. Verglichen mit dem, was etwa die US-amerikanische 3M will, wirkt das vielleicht wenig beeindruckend. Der Technologie­konzern hat sich zum Ziel gesetzt, 40 Prozent seiner Umsätze mit Produkten zu erzielen, die maximal fünf Jahre alt sind.

Fördermittel richtig einsetzen

Die deutschen Schlüsselbranchen wie Maschinen- und Anlagenbau, Fahrzeugbau, Chemie, Pharma und ihre jeweiligen Zulieferer sind unverändert stark. Das anzugreifen, so Heymann von Deutsche Bank Research, „ist schon sehr schwer“. Den Koreanern etwa fehlen die großen, international lieferfähigen Zulieferer, den USA die breite F&E-Landschaft aus Forschungseinrichtungen und Universitäten. Sogar die fast verschwundene deutsche Textilindustrie erlebt ein Comeback – etwa mit technischen Textilien. Heymann: „Mit seinem Mittelstand ist Deutschland das am besten aufgestellte Land in ganz Europa.“

Eschenbach, Glatt und ATTO-TEC zeigen aber auch, wie wichtig es ist, nicht nur allein vor sich hin zu forschen. Die Vernetzung zwischen Forschung und Wirtschaft ist eines der Erfolgs­kriterien im Mittelstand. Rund 40 Prozent der deutschen Familien­unternehmen, hat der BDI erfragt, nutzen Forschungskooperationen mit Universitäten. Der Pharma-Maschinenbauer Glatt arbeitet mit den Universitäten in Basel, München und Kopenhagen zusammen. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gibt es dafür eigens ein Programm, auch die Siegener ATTO-TEC-Farbtechniker machen davon regen Gebrauch. „Der Austausch mit Professoren, anderen Firmen und Kollegen“, sagt ATTO-TEC-Mitgesellschafter Reichwein, „ist für uns extrem wichtig.“

Zusätzlich zu vielen anderen öffentlichen Fördermaßnahmen für innovative Mittelständler unterhält das Bundeswirtschaftsministerium seit Jahren ein eigenes Angebot: Sein „Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand“ fördert Unternehmen bis 500 Mitarbeiter, vielfach sogar kleinere Unternehmen. So beschäftigen drei Viertel der geförderten Unternehmen weniger als 50 Mitarbeiter.

Nur: Warum haben wir deutschen Denker und Tüftler es in den vergangenen zwei Jahrzehnten trotz allem nicht geschafft, aus der Garage ähnliche Weltkonzerne zu formen wie die USA? „Wo bleibt das deutsche Google?“, wird gern auf einschlägigen Podien zum Thema Innovationskultur gefragt. Einer, der das ganz gut beurteilen kann, ist Reimund Neugebauer. So sei der deutsche Mittelstand „auf einem sehr hohen technischen Niveau“, urteilt der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Die meisten Unternehmen betrieben daher eine evolutionäre Innovation, statt etwas ganz Neues zu beginnen. Und das zu Recht: Mit dieser eher vorsichtigen Kultur, so Neugebauer weiter, „leben wir eigentlich ganz gut“. Henry Ford sagte einmal: „Nicht mit Erfindungen, sondern mit Verbesserungen macht man ein Vermögen.“ Denn auch das ist Innovation.

 

Weitere Informationen
KfW-Innovationsbericht Mittelstand 2015 www.kfw.de/innovationsbericht
Infos zu Fördermitteln unter www.deutsche-bank.de/oeffentliche-foerdermittel


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