„Gate Ruhr“ auf der vormaligen ­Zeche Auguste Vic­toria, Marl

Foto: Thomas Stachelhaus

Wer  hat  an der  Ruhr  gedreht? 

Das Ruhrgebiet erfindet sich neu. Die Metropolregion setzt auf Dienstleistung, Wissenschaft und IT. Wir stellen zwei ­Unternehmen vor, die beispielhaft für neue ­Wirtschaft an einem alten Industrie­standort stehen

Text: Heinz-Peter Arndt

zum Artikel

results Abonnement

So kommt results direkt auf Ihren Schreibtisch

Mit dem kostenlosen Print-Abo verpassen Sie keine Ausgabe und haben wichtige Tipps und Analysen für Mittelständler stets griffbereit.

Hier kostenfrei bestellen

Legenden über erfolgreiche Silicon-Valley-Start-ups beginnen oft in einer Garage. In Bochum ist es eher die Gartenlaube. Genau dort entdeckten die beiden Informatikstudenten Kai Figge und Andreas Lüning erstmals einen Virus auf einer ihrer Disketten. Die beiden Jungprogrammierer schreiben einen Algorithmus, um die Schadsoftware zu entfernen. Und erkennen das unternehmerische Potenzial der Idee einer Schutzsoftware.

„Wir hatten keinen Plan und keine Strategie“, sagt Lüning, „aber ein sicheres Gefühl, dass das etwas ganz Großes werden kann.“ Figge und Lüning schmeißen ihr Studium, gründen 1985 G Data und bringen zwei Jahre später die weltweit erste Antivirensoftware an den Markt. Heute zählt das Unternehmen mit inzwischen rund 500 Mitarbeitern zu den Großen in Sachen Datensicherheit. Auf rund zwei Millionen PCs läuft das hauseigene Antivirenprogramm, weiteres Geschäft macht das Unternehmen mit umfangreichem IT-Schutz für Unternehmen: G-Data-Einsatztruppen analysieren das Firmennetz und bieten Schutz vor Malware und Erpressersoftware.

Die beiden Bochumer Softwareunternehmer Figge und Lüning sind echte Pioniere. Sie entwickelten Viren­software zu einer Zeit, als es den Begriff New Economy noch gar nicht gab, sondern im Ruhrgebiet die letzten Hochöfen rauchten. Und während es mit ihnen aufwärtsging, ging es mit dem Ruhrgebiet bergab. „In der Start-up-Welt reden alle von Disruption“, sagt Figge, „hier haben wir erlebt, was das wirklich heißt.“

Tatsächlich gibt es nur wenige Regionen, die einen so extremen Strukturwandel durchlaufen wie das mit rund fünf Millionen Menschen größte deutsche Ballungsgebiet. Und der ist noch nicht vorbei: Eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit, leere kommunale Kassen und eine in die Jahre gekommene Infrastruktur verlangsamen den erklärten Umbau zum Dienstleistungs- und Wissensstandort. Umgebaut wird dennoch: Lehre und Forschung sind wichtige Standbeine der Re­gion, an den Ruhr-Hochschulen lernen inzwischen knapp 300 000 Studierende. Viele vormalige Industrielandschaften sind inzwischen aufwendig saniert. Nicht mehr grau, sondern immer grüner wird das Ruhrgebiet.

Eine Art Autobahn extra für Radfahrer

Die Renaturierung der Emscher, einst der schmutzigste Fluss Europas, ist eines der größten Infrastrukturprojekte des Kontinents. Auch beim Verkehr geht die Region neue und grüne Wege: Der RS1 ist einer der ersten und längsten Radschnellwege der Republik, eine 100 Kilometer lange Fahrradautobahn zwischen Hamm und Duisburg. Der boomende Duisburger Hafen ist der größte Binnenhafen der Welt, die geografische Lage an den großen Transport­achsen Europas zieht immer neue Logistikzentren an. Auch neue Branchen, etwa die Umwelttechnik, haben hier eine Heimat gefunden.

G-Data: „Das kann etwas ganz Großes werden“

  • Fotos: G DATA SOFTWARE AG
    Softwarehaus G Data: IT-Sicherheit aus Bochum
  • Foto: THOMAS STACHELHAUS
    Grünes Ruhrgebiet bei Zeche Ewald in Herten
  • Foto: THOMAS STACHELHAUS
    Laser­event an einem ­al­ten Bergwerk
  • Foto: THOMAS STACHELHAUS
    Klassik-Sommer in Hamm
  • Foto: THOMAS STACHELHAUS
    Golfen an der Zeche Jacobi, Oberhausen
  • Foto: THOMAS STACHELHAUS
    Neue Büroräume in einer Dortmunder Zeche
  • Foto: THOMAS STACHELHAUS
    Indoor-­Skydiving, Prosper-Halde, Bottrop
  • Foto: MAURITIUS IMAGES/JOERN SACKERMANN/ALAMY
    Renaturierte Emscher in Duisburg

Eine MegaCity als Magnet für Investoren aus der ganzen Welt

Eine im Sommer 2017 gestartete, zehn Millionen Euro schwere Imagekampagne des Regionalverbands Ruhr (RVR) soll diesen Umbau jetzt ins öffentliche Bewusstsein rücken: Als „Stadt der Städte“ präsentiert sich da das Ruhrgebiet, als oftmals überraschend grüne Megacity, zusammengesetzt aus 53 einzelnen Städten. „Die Metropole Ruhr gilt als weltoffen und sympathisch“, sagt ­Karola Geiß-Netthöfel, Direktorin des RVR, „nun wollen wir uns aber auch von unserer jungen und dynamischen Seite präsentieren.“

In der Metropole gibt es inzwischen mehr Universitäten als in jeder anderen deutschen Stadt oder Region. Die neue Kampagne soll auch Unternehmer, Entscheider und Fachkräfte überzeugen. Die Botschaft: Das Ruhr­gebiet hat eine Menge zu bieten – viele hervorragend ausgebildete Menschen mit einer sehr offenen Mentalität, eine zentrale Lage in Mitteleuropa, kurze Wege, sehr viel Grün und unzählige Kulturangebote. Das Ganze meist günstiger als anderswo. Denn die Haus- und Bodenpreise liegen deutlich unter jenen vergleich­barer Ballungsgebiete. Von den relativ niedrigen Immobilienpreisen profitieren auch die Unternehmen.

Fachkräfte müssen weniger teuer bezahlt werden als an Hochpreisstandorten wie München oder Hamburg. Und für die Softwareschreiber von G Data öffnete sich zwischenzeitlich die Chance, ihren zuvor gemieteten Firmensitz zu kaufen und das Traditionsgebäude des einstigen Konsumvereins Wohlfahrt von Grund auf zu sanieren. Gekommen, um zu bleiben: „Ein Umzug“, sagt Co-Gründer Figge, „kam für uns nie infrage. Das Ruhr­gebiet ist ein Hotspot für IT-Experten.“ Und zur Ruhr-Universität halte man „engsten Kontakt“. Ein beständiger Zustrom von Praktikanten, Forschungsprojekten und neuen Mitarbeitern ist damit fast schon garantiert.

Der Erfolg von Unternehmen aus Zukunftsbranchen wie der IT ist für Regionschef Klaus Ulrich von der Deutschen Bank in Essen beispielhaft für Wandel und Wiedergeburt der Region: „Der Aufschwung ist auch im Ruhrgebiet angekommen. Den Unternehmen geht es besser, sie sind finanzstärker als vor einem Jahrzehnt.“ Und weil die Gewerbesteuereinnahmen sprudeln, können auch die zum Teil hoch verschuldeten Kommunen ausgeglichene Haushalte vorweisen.

Das neue Silicon Valley Deutschlands?

Mit Duisburg, dem weltweit größten Binnenhafen, profitiert die ganze Region von der „Neuen Seidenstraße“, der großen Logistikvision von Chinas Staatschef Xi Jinping. Schon heute fahren mehrmals wöchentlich Güterzüge aus China bis nach Duisburg – der Warentransport über Land ist preiswerter als mit dem Flugzeug und schneller als mit dem Schiff. Dass man das Ruhrgebiet auch in China wahrnimmt, dafür sorgt der Regionalverband Ruhr, der eifrig unterwegs ist auf den großen chinesischen Social-Media-Kanälen.

  • Fotos: ESA-PIERRE CARRIL (2015), Timm Heese
    Scisys: Software für Satelliten und Radiosender
  • FOTO: THOMAS STACHELHAUS
    Skianlage und Kokerei in Bottrop
  • FOTO: THOMAS STACHELHAUS
    Zentrale der RAG Montan Immobilien während der „ExtraSchicht 2016“
  • Foto: ULLSTEIN BILD/JOKER/MARTINA HENGESBACH
    Vorlesung an der Ruhr-Universität Bochum
  • Foto: IMAGO/HANS BLOSSEY
    Hafenpanorama „Duisport“
  • FOTO: THOMAS STACHELHAUS
    Alte Heizzentrale mit Dampfmaschine, heute Garderobe des Revuepalasts Ruhr
  • FOTO: THOMAS STACHELHAUS
    Kulturaktion „ExtraSchicht 2016“, Gelände Bergwerk Ost, Hamm
  • FOTO: THOMAS STACHELHAUS
    Consol-Park, Zeche Consolida­tion, Gelsen­kirchen-Bismarck
  • FOTO: THOMAS STACHELHAUS
    Bogenbrücke über den Rhein-Herne-Kanal

Doch nicht nur in China geht es darum, das neue Ruhrgebiet weltweit als attraktiven Investitionsstandort zu vermarkten. Der Regionalverband wirbt um Investoren aus der ganzen Welt. Unternehmen in Israel und den USA sind die nächsten Zielgruppen, eine Werbetour unter dem Motto „Ruhr Metropolis meets US startups“ ist bereits geplant. In den Staaten will sich das Ruhrgebiet als „Silicon Valley Deutschlands“ präsentieren. Es ist ein großer Vergleich, doch neben G Data aus Bochum gibt es noch eine Reihe anderer Unternehmen, die diesen Claim glaubhaft machen.

Etwa dieses hier: die VCS Nachrichtentechnik, gegründet vom Dortmunder TU-Professor Klaus-Günter Meng. Der lehrende Unternehmer weiß fast alles rund um Satellitenkommunikation und -steuerung. Schon als Student der Nachrichtentechnik hatte er begonnen, Programme für die Kommunikation mit Satelliten zu schreiben.

Daraus entwickelte er ein ganzes Unternehmen. Heute ist die VCS Teil des deutsch-britschen Technologie­unternehmens SCISYS. Das Unternehmen entwickelt Steuerungssoftware für eine Vielzahl von Anwendungen, mehrheitlich im Bereich Luft- und Raumfahrt sowie Radio: etwa für Wettersatelliten, für Kontrollcenter, für Radiostationen oder sogar für das Management komplexer Recyclingsysteme. Über 500 Mitarbeiter in Deutschland und im UK entwickeln Programme für Satelliten und Raumsonden und arbeiten an Bodenstationen von Luft- und Raumfahrtunternehmen. „Media Broadcasting“, der neben dem Raumfahrt­geschäft zweite Bereich, profitiert von der Digitalisierung des Radios. Seit den 1990er-Jahren hat VCS/SCISYS Zug um Zug die automatische Studio- und Sendetechnik bei den meisten öffentlich-rechtlichen Stationen aufgebaut. Auch die britische BBC hat SCISYS inzwischen als Kunden. Der Auftrag: Aufbau der News

Automation von BBC World plus Servicevertrag über 20 Jahre. „Wenn Sie heute in Deutschland oder Großbritannien einen öffentlich-rechtlichen Sender hören“, sagt Meng, „ist es ziemlich wahrscheinlich, dass unsere Technologie zum Einsatz kommt.“ Wetter, Weltraum, Radiowellen sind für Meng langfristige Cashcows, denn die komplexen elektronischen Anlagen bedürfen einer permanenten Pflege. So folgen nach der Installation in der Regel langfristige Betreuungsverträge. Auch dadurch wächst die Bedeutung von Media Broadcasting innerhalb der Gruppe weiter.

Gerade erst hat sich der Bereich vergrößert und ist mit seinen rund 60 Mitarbeitern in den Dortmunder West­falentower umgezogen. Was anderswo eine Riesen­logistik bedeutet, klappte hier relativ reibungslos. Meng, selbst überzeugter Ruhrgebietler, sieht darin einen weiteren Vorteil der Region: „Wir haben hier alles auf kurze Entfernung.“ Und das ist, anders als so manche Start-up-Garagen-Geschichte, keine Legende, sondern ganz normaler Alltag im Ruhrgebiet.

Ruhrgebiet will „Silicon Valley Deutschlands“ werden


Video: Unternehmensfilm von Bauer Kompressoren


Video: Imagefilm über beyerdynamic-Mikrophon FOX


Verwandte Artikel

 


Artikel teilen

article_arrow_right
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Weitere Infos zu Cookies und deren Deaktivierung finden Sie hier.