Rattern gehört zum Geschäft: Die Geschichte von Delius begann schon vor der Erfindung der mechanischen Webmaschine – doch Aufstieg und Ausrichtung hängen bis heute eng mit der technischen Entwicklung zusammen

Video: DELIUS GMBH & CO. KG

Beweglichkeit aus Tradition

In seiner fast 300-jährigen Geschichte hat sich das Bielefelder Familienunternehmen Delius immer wieder wandeln müssen. Heute führt die neunte Generation den Textilhersteller in die Zukunft – und setzt wieder auf Veränderung

Text: Thomas Mersch

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Die Firmenzentrale, direkt in der Altstadt von Bielefeld gelegen: Im Flur des Bürotrakts ist die Familie allgegenwärtig. Porträts der Firmenlenker seit der Gründung 1722 zieren die Wände. Nicht nur die Chefrolle verbindet sie, auch der Nachname. Er lautet stets Delius. Acht Generationen blicken, in Öl gemalt, auf ihr Erbe.

Verantwortlich dafür ist nun Rudolf Delius, der das als Leinenhandlung gestartete Unternehmen seit 1995 mit seinem Cousin Friedrich Wilhelm in neunter Generation leitet. Er kann dem Blick der Ahnen selbstbewusst standhalten. Die beiden haben der Strukturkrise ihrer Branche in Deutschland getrotzt und einen innovativen Textilspezialisten mit breiter Produktpalette geformt. Den Erfolg bewertet Rudolf Delius dennoch selbstkritisch: „Wir haben alles richtig gemacht“, sagt er. „Aber wir haben es zu spät gemacht.“

Perücken in den Gründungsjahren, mächtige Backenbärte im 19. Jahrhundert – die modischen Gepflogenheiten der Vorgänger zeigen, wie viel Tradition im Unternehmen steckt. Doch schon die Urväter standen unter Druck: Ein Neuaufbau war nötig, nachdem französische Soldaten im Siebenjährigen Krieg das Lager zerstört hatten. Später brachte die englische Konkurrenz mit ihrem maschinell gefertigten Garn Delius an den Rand der Existenz. Entschlossenheit und Innovationskraft hielten das Unternehmen schon damals auf Kurs. Beides war wieder gefragt, als Rudolf und Friedrich Wilhelm Delius in die Fußstapfen der Väter traten. Futter- und Oberstoffe für Bekleidung waren ein Hauptgeschäft. Doch der Blick in die Bücher zeigte nichts Gutes. „Die Zahlen waren so schlecht, dass man nicht mehr hoffen konnte, dass es sich um ein temporäres Phänomen handelte“, erinnert sich Rudolf Delius.

Ursache des rapiden Auftragsschwunds: Die lange mit Import­quoten vor der Konkurrenz aus Asien geschützten Textilhersteller in den Industrieländern mussten sich dem Wettbewerb stellen. Ab 1995 bis 2004 sorgte das Welttextilabkommen für einen schrittweisen Abbau der Beschränkungen. Ein verlässlicher Markt geriet aus den Fugen: „Wir wussten, jetzt ist kein Halten mehr“, sagt Delius. Rasch schwenkten die Kunden um zu den Wettbewerbern aus Fernost. „Sie orderten bei uns nur noch Sonderfarben und Sonderdessins“, so ­Delius. „Uns fehlte aber der Deckungsbeitrag der großen Mengen, um diese kleinen Aufträge zu bedienen.“

Frühzeitig auf unterschiedliche Sparten gesetzt

Die erste Antwort: Fusionen. Schon 1997 gab es den ersten Zusammenschluss – mit der Krefelder Verseidag, die ebenfalls Futterstoffe produzierte. „Sie waren der größte Anbieter in Deutschland, wir die Nummer zwei“, sagt Delius. „Zu Anfang hat das gut funktioniert.“ Devetex hieß das neue Unternehmen, die beiden Anfangsbuchstaben der Beteiligten standen Pate. Eine Delius-Fabrik in Spenge wurde geschlossen, die Fertigung in Krefeld konzentriert, die Produktionskapazität so halbiert. Gearbeitet wurde sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Doch das Aufbäumen war vergebens. „2009 war das zu Ende“, sagt Delius. Devetex meldete Insolvenz an.

Dem Geschick der Delius-Cousins war es zu verdanken, dass nicht die ganze Firma mitgerissen wurde. Frühzeitig hatten sie voneinander unabhängige Sparten gebildet. Eine davon hieß Delcotex, entstanden aus der Übernahme des Wettbewerbers Conze & ­Colsman in Velbert, der auch technische Textilien fertigte. Ein Feld, das neue Wachstumschancen eröffnete. „Je modischer ein Produkt, desto entscheidender der Preis“, erklärt Delius. Ganz anders ist die Lage, wenn zuver­lässig ein Problem gelöst werden muss. „Die Preis­sensibilität sinkt, je technischer und funktionaler wir ­anbieten.“

  • FOTO: THORSTEN DOERK
    Eine Fabrik mit Geschichte: Delius ist in Bielefeld seit fast 300 Jahren eine Institution...
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    Rudolf Delius (rechts) steuert das Familienunternehmen heute in neunter Generation
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    Heute haben Hightech-Stoffe das Leinen und Segeltuch ersetzt, mit dem Delius groß wurde
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    Der Leineweber im Hintergrund steht für die Wirtschaftstradition in Bielefeld und Ostwestfalen-Lippe
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    Stoffe werden bei Delius heute für ganz bestimmte Zwecke entwickelt und optimiert
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    „Die Preis­sensibilität sinkt, je technischer und funktionaler wir ­anbieten,“ sagt Rudolf Delius
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    Delius produziert in einer Vielzahl lukrativer Nischen – in Airbags, Rettungsinseln und Förderbändern an Supermarktkassen finden sich die technischen Gewebe des Unternehmens
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    Als neuen Bereich hat der Firmenchef den Leichtbau ausgemacht: Der Druck der Automobilhersteller, Gewicht einzusparen, ist enorm
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    Spezialgarne von Delius haben besondere akustische oder klimatische Eigenschaften, sie werden unter anderem auch für schusssichere Westen eingesetzt

„In 100 Jahren machen wir wieder etwas anderes“

Eine Vielzahl lukrativer Nischen tat sich auf. In Airbags, Rettungsinseln und Förderbändern an Supermarktkassen finden sich heute die technischen Gewebe. Auch die Polizei trägt ­Delcotex: Bei kugelsicheren Westen ersetzen Aramidfasern die früher üblichen Metallplatten. Etwa ein Siebtel leichter ist die Schutzkleidung damit.

Stetig fahndet das Unternehmen nach neuen Anwendungsmöglichkeiten. „Wir hoffen derzeit, in den Leichtbau zu kommen“, so Delius. Der Druck der Automobilhersteller, Gewicht einzusparen, ist enorm. Textilingenieure und Textiltechniker, die die Produkte entwerfen, sind auch die Verkäufer ihrer Ideen. „Sie gehen zum Kunden und erläutern, was wir für andere gemacht haben“, sagt Delius. „Daraus lässt sich oft etwas Neues ableiten.“ Eine Hoffnung ist, künftig Gewebe für Kot­flügel zu liefern. Oder für die Kofferaufbauten von Paketliefer­diensten – um das zulässige Gesamtgewicht besser auszureizen.

Kreuzfahrtschiffe sind wichtige Abnehmer

Das zweite Standbein neben Delcotex: Dekorations- und Möbel­stoffe – hier heißt der Anbieter noch traditionell Delius. Von Hotels über öffentliche Gebäude bis hin zu Werften finden sich Kunden. Die Referenzen sind klangvoll: das Moskauer Bolschoitheater, das Kreuzfahrtschiff „Harmony of the Seas“ – und auch die Organisatoren der Olympischen Spiele 2012 in London orderten in Bielefeld. Den Vertrieb übernimmt heute ein eigener Außendienst, die frühere Kooperation mit freien Handelsvertretern hat das Unternehmen beendet. „Wir müssen Detektivarbeit leisten und herausfinden, wer in welchem Projekt etwas zu sagen hat“, erläutert der Firmenchef. Der hohe Vertriebsdruck soll einen Nachteil gegenüber prominenten Konkurrenten wie Pierre Frey aus Frankreich und Rubelli aus Italien ausgleichen: „Unser Markenname ist weniger stark.“ Der Vorteil: Die Marketingkosten bei Delius seien geringer. „Wir finden Wege, gleichwertig und preiswerter zu sein“, so Delius. Nicht nur die Ästhetik zählt: Sicher, gesund, effizient, nachhaltig – das sind Kernargumente von Delius im Wettbewerb. Unter der Marke Delitherm etwa wird ein Blendschutz vermarktet, der dank eingewebter Aluminiumfasern auch das Raumklima reguliert. In hallenden Stahlbetonbauten schluckt die Akustikkollektion der Bielefelder als Vorhang oder Wandbespannung Schall.


Neun Generationen zum Erfolg

Von der Leinenhandlung zum hoch spezialisierten Anbieter von Objekttextilien sowie technischen Geweben für eine Vielzahl von Branchen: die Firmenlenker des Bielefelder Familienunternehmens Delius seit der Gründung im Porträt

1722

Johann Caspar Delius gründet eine Leinenhandlung in Bielefeld.

1757

Übernahme der Leinenhandlung durch Daniel Adolf Delius, den Sohn des Gründers. Zerstörung des gesamten Leinenlagers durch die französische Armee im Siebenjährigen Krieg.

1787

Ernst August Delius baut eine eigene Leinenhandlung auf und startet 1794 den Verkauf nach Amerika und Westindien.

1827

Mit Gottfried Delius tritt die vierte Generation in das Unternehmen ein, sein Bruder Gustav folgt kurz darauf. Schwerer Geschäftseinbruch in den 1840er-Jahren angesichts der Konkurrenz durch englische Maschinengarnhersteller.

1844

Hermann und Carl Albrecht Delius übernehmen das Geschäft. Aufbau einer Maschinenspinnerei nach englischem Vorbild und Beginn der Seidenproduktion.

1881

Paul Delius konzentriert die Produktion auf die maschinelle Seidenweberei. Unterstützt von den drei Söhnen Herbert, Wolf und Johann Daniel gelingt der internationale Durchbruch.

1928

Herbert Delius startet die Fertigung von Kunstseidenstoffen, es folgen die Möbel- und Dekostoffproduktion sowie 1937 die Inbetriebnahme der ersten Automatenweberei Deutschlands.

1960

Ernst-August, Reinhard und Eduard Delius führen das Unternehmen in achter Generation. Die Produktion steigt auf 3,5 Millionen Meter Gewebe pro Monat, Export in 89 Länder.

seit 1995

Die heutige Geschäftsführung mit Rudolf und Friedrich Wilhelm Delius lenkt den Familienbetrieb und meistert den Strukturwandel unter anderem mit einem Fokus auf funktionale Objekttextilien.

1722

Johann Caspar Delius gründet eine Leinenhandlung in Bielefeld.

Neun Generationen zum Erfolg

Von der Leinenhandlung zum hoch spezialisierten Anbieter von Objekttextilien sowie technischen Geweben für eine Vielzahl von Branchen: die Firmenlenker des Bielefelder Familienunternehmens Delius seit der Gründung im Porträt