Kevin Körner arbeitet als Senior Economist bei Deutsche Bank Research in Frankfurt. Sein Fach­gebiet ist die Europapolitik

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„Wir brauchen eine Aufholjagd“

Europa verpasst bei künstlicher Intelligenz den Anschluss, warnt Kevin Körner, Ökonom bei Deutsche Bank Research

Interview: Stefan Merx

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Strategiepapiere zur Digitalisierung kennt Kevin ­Körner zur Genüge. Doch tatsächlich liegt Europa bei wesentlichen Schlüsseltechnologien noch im Dornröschenschlaf, warnt der Ökonom von Deutsche Bank Research. Will der Kontinent mit China und den USA um die globale Technologieführerschaft konkurrieren, braucht es entschlossene Investitionen – und echtes Umdenken.

Herr Körner, unter den 20 weltweit größten Tech-Unternehmen behauptet sich nur ein deutsches: SAP – auf Rang 18. Warum muss uns das Sorgen bereiten?

Ohne SAP kleinreden zu wollen: In der Dynamik der Plattformökonomie spielt Größe eine wesentliche Rolle. Die „Big Techs“ stammen aus den USA oder China, und die verfügen über den Zugang zu massivem Datenvolumen. Genau das ist die wichtigste Zutat für die Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI), denn sie identifiziert Muster in umfangreichen Datensätzen – und sie betrifft fast alle Wirtschafts- und Lebensbereiche.

Künstliche Intelligenz ist mehr als ein riesengroßes Buzzword?

Absolut: KI wird revolutionäre Sprünge ermöglichen wie früher die Elektrifizierung oder die Computertechnologie. Wer hier zurückfällt, gefährdet langfristig seine Wettbewerbsfähigkeit. Der Vorsprung der First Mover aus den USA – und zunehmend aus China – wächst, denn die größten Tech-Unternehmen sind im Privatsektor zugleich die Hauptinvestoren in KI-Forschung und Entwicklung. Bei den sogenannten Unicorns – also innovativen Start-ups mit einer geschätzten Bewertung von einer Milliarde US-Dollar und mehr – liegt Europa mit knapp unter 30 von über 280 global erfassten Unternehmen weit zurück, laut einer Analyse von CB Insights. China kann fast die drei­fache Zahl vorweisen, die USA mehr als die vierfache. Das bedeutet: Europa fehlen nicht nur heute die Tech-Giganten, sondern es sieht auch schlecht aus für deren nächste Generation.

Warum fällt Europa dermaßen zurück?

Aus verschiedenen Gründen: Die USA hatten Startvorteile durch ihren großen integrierten Binnenmarkt, eine risikofreudigere Innovationskultur und die einzigartige Infrastruktur des Silicon Valley. Anders in China: Dort haben die Abschottung der Digitalwirtschaft durch die „Great Firewall“ und staatliche Unterstützung mit dafür gesorgt, dass einheimische Unternehmen zu weltweit bedeutenden Tech-Giganten gereift sind – Stichwort „BAT“, also Baidu, Alibaba und Tencent.

Könnte nicht ein vereintes Europa ein starkes Gegengewicht setzen? Immerhin haben auch wir exzellente Forscher, und der Binnen­markt ist größer als der chinesische.

Er ist aber stark fragmentiert – und es mangelt an Risiko­kapital und auch Risikobereitschaft. Der Transfer von Wissenschaft zu Wirtschaft läuft längst nicht so glatt wie in den USA. Und ein Regierungsansatz wie in China, der auf Dichtmachen setzt, ist mit unserer Politik der freien Marktwirtschaft nicht vereinbar.

Was sind die Folgen?

Europa läuft Gefahr, in der technologischen Entwicklung zurückzufallen – trotz seines Wohlstands, trotz seiner hervorragenden Forschung, Arbeitskräfte und Unternehmen. Noch ist der Anteil der Datenökonomie an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung zwar relativ gering – aber er wächst weltweit überproportional. Zu Recht gilt künstliche Intelligenz als wesentlicher Faktor für das zukünftige Produktivitätswachstum.

Grafik:
Europa sucht den Anschluss

Europa sucht den Anschluss

Europa sucht den Anschluss

Trotz Steigerungen: Europa hinkt den USA bei Venture-Capital-Finanzierung stark hinterher. Risikokapitalströme nach Sektoren, in Mrd. US-Dollar

Quelle: PitchBook (European Venture Report 2017, 3Q 2018 NVCA Venture Monitor),
Deutsche Bank Research

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    Experte Körner: „An Strategiepapieren und Lage-Einschätzungen mangelt es nicht. Doch bei der Finanzierung bleibt die Politik weiter in der Bringschuld.“
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    Experte Körner: „An Strategiepapieren und Lage-Einschätzungen mangelt es nicht. Doch bei der Finanzierung bleibt die Politik weiter in der Bringschuld.“

„Das neue EU-Budget kann nur ein Anfang sein“

Braucht es in dieser Situation Industriepolitik?

Ja, vielleicht mehr denn je. Nur: Wie soll sie aussehen? Wenn Industriepolitik Protektionismus bedeutet und zu Marktverzerrungen führt, stellt man schnell die eigenen marktwirtschaftlichen Grundsätze infrage. Klar ist: Im Alleingang kann es kein EU-Land bewerkstelligen, eine Aufholjagd zu starten – und wir brauchen diese Aufholjagd.

Was schlagen Sie vor?

Europaweite enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Forschung – die „European AI Alliance“ und das europäische KI-Forschungsbündnis CLAIRE sind hier ein guter Anfang. Bei konkreten Maßnahmen: Start-ups und Talent besser fördern, die digitale Infrastruktur ausbauen, gemeinsame Standards und Normen setzen, vorhandene Stärken wie in der Robotik und Automation ausbauen und mehr Risikokapital verfügbar machen. Neben diesen Bausteinen geht es vor allem um eine Änderung der Geisteshaltung. Wer die Marktdynamik der Datenwirtschaft verstehen will, muss einige altvertraute Annahmen über Bord werfen, etwa hinsichtlich des „Preises“ scheinbar kostenloser Dienstleistungen. An Strategiepapieren und Lageeinschätzungen mangelt es nicht. Doch bei der Finanzierung bleibt die Politik weiter in der Bringschuld.

Immerhin wird das EU-Budget auf diesem Feld nachgebessert …

Richtig, und die EU-Kommission macht einen wichtigen Schritt, indem sie das nächste Budget für Digitalisierung auf mehr als neun Milliarden Euro über sieben Jahre aufstocken will. Allerdings reden wir noch immer von weniger als einem Prozent des Gesamtbudgets und einem Bruchteil der europäischen Wirtschaftsleistung. Dasselbe gilt für Pläne der Bundesregierung, bis 2025 drei Milliarden Euro in KI-bezogene Maßnahmen zu investieren.

Wie viel hat der aktuelle Schlagabtausch zwischen den USA und China mit dem Kampf um technologische Vorherrschaft zu tun?

Die USA erleben China zunehmend als Konkurrenten, der auch in die eigene Kernkompetenz vordringt. Washington nimmt Pekings „Made in China 2025“-Strategie sehr ernst, wonach China zur global führenden Industrienation aufsteigen will. Sicher: Wissenskriege ziehen sich durch die menschliche Geschichte. Nun aber nimmt die Bedeutung zu, weil Schlüsseltechnologien so umfassende Einsatz­möglichkeiten versprechen.

Gerade der KI-Einsatz löst bei vielen Menschen Sorgen aus. Stehen sich die Europäer mit ihrer Skepsis zu sehr selbst im Weg?

Skepsis ist ja nicht ungesund, sofern sie nicht in unreflektierte Technologiefeindlichkeit umschlägt. Zudem zeigt der Nutzungsgrad mobiler und plattformbasierter Technologien ja durchaus einen hohen Grad an Akzeptanz auch in Europa. Kritischer gesehen als in den USA wird dagegen sicher die Frage der Dominanz einzelner Unternehmen – und auch Datenschutz wird größergeschrieben. Es geht um die richtige Balance: Europa muss darauf achten, dass das regulatorische Korsett nicht zu eng geschnürt wird. Gleichzeitig dürfen jedoch ethische, rechtliche und gesellschaftspolitische Fragen nicht auf der Strecke bleiben.

Was ist mit gesellschaftlichen ­Umwälzungen? Müssen wir uns auf ein Leben mit bedingungs­losem Grundeinkommen einrichten, und die Roboter zahlen künftig Steuern?

Hinter Ihrer Frage steht ja die Befürchtung, künstliche Intelligenz und Robotik könnten menschliche Arbeit zunehmend ersetzen und marginalisieren. Im Moment herrscht in führenden Industrieländern fast Vollbeschäftigung – mit Mangel an Fachkräften auch im IT-Bereich. Wie sich die Digitalisierung hier in der Summe auswirken wird, lässt sich aus heutiger Sicht nicht abschließend sagen.

Ein Aufbruch ins Ungewisse also?

Wirkliche Klarheit hat niemand. Optimisten gehen davon aus, dass mehr Beschäftigungsfelder geschaffen als vernichtet werden, darunter auch Tätigkeiten, die wir uns noch gar nicht vorstellen können. Pessimisten sehen die Einsatzmöglichkeiten von KI und Robotik dagegen als so umfassend, dass sie menschlicher Arbeit den Rang abläuft – selbst in intellektuell und kreativ anspruchsvollen Bereichen. Sollte sich dies bewahrheiten, ist sicher eine umfassende gesellschaftliche und politi­sche Antwort gefragt. Bei technologischem Wandel kann es zu schmerzhaften Anpassungsphasen kommen, das hat nicht zuletzt die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts gezeigt.

kevin.koerner@db.com

 

 

Die Studie
„Digitale Wirtschaft. Wie künstliche Intelligenz und Robotik unsere Arbeit und unser Leben verändern“, kosten­­los downloadbar unter
www.dbresearch.de/digital


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