An den Kapitalmärkten braucht es jetzt starke Nerven, denn politische Unsicherheiten können zu erhöhten Schwankungen führen

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Meine Prognosen für 2020

Brexit und Wahlkampf in den USA sorgen für Turbulenzen – doch Themeninvestments wie Nachhaltigkeit und Technologie bieten spannende Möglichkeiten: In zehn Thesen analysiert Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, die Trends im neuen Jahr – und ihre Folgen für einzelne Anlageklassen

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Wie stehen die Kurse am Jahresende?

Mit dieser Entwicklung* rechnet Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank

Quelle: Deutsche Bank Private & Commercial Clients, Chief Investment Officer (Wertentwicklungen in der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung)

 

 

 

* Prognosen für die kommenden zwölf Monate (Stand: 3. Dezember 2019)

  • 1. RISIKO Mit Gürtel und Hosenträger

    Die maßgeblichen Unsicherheitsfaktoren im Jahr 2019 waren politischer Natur und dürften dies 2020 bleiben: der Handelsstreit, die Diskussionen rund um den Brexit sowie geopolitische Konfliktherde, etwa Hongkong, der Nahe Osten und Lateinamerika. Hinzu kommt nun der Präsidentschafts- und Kongresswahlkampf in den USA, der laut und hitzig zu werden droht und die Kapitalmärkte 2020 in Atem halten wird. Je nachdem, wie sich die einzelnen Risikofaktoren entwickeln, könnte es in Anbetracht der nur moderaten globalen Konjunkturentwicklung immer wieder zu aufflammenden Rezessionsängsten kommen. Die Deutsche Bank erwartet für 2020 aufgrund der Vielzahl von Einflussfaktoren keinen klaren Trend und erhöhte Schwankungen an den Kapitalmärkten.

    Gemischte Aussichten: Die Konjunkturentwicklung bleibt moderat

    BIP-Wachstum global und in ausgewählten Regionen (in Prozent)

    Das BIP-Wachstum zeigt eine moderate Konjunkturentwicklung.

     

    Quelle: Deutsche Bank, Stand: 3.12.2019

  • 2. POLITIK Amerika hat die Wahl
    Ob Donald Trump Präsident der USA bleiben wird, entscheidet sich am 3. November 2020. Während die Demokraten grundsätzliche Positionen wie eine harte Haltung gegenüber China und den Wunsch nach einem schwachen US-Dollar mit den Republikanern teilen, wird es hitzige Debatten etwa über die Themen Steuern, Protektionismus und Migration sowie über die Regulierung von US-Großindustrien wie Finanzen, Pharma, Energie und Technologie geben. Je nach Verlauf eines möglichen Amtsenthebungsverfahrens gegen Donald Trump, der Entwicklung bei den Umfrageergebnissen und dem Wahlausgang im November ist über das gesamte Jahr hinweg mit entsprechender Unruhe an den Kapitalmärkten zu rechnen – nicht nur, aber vor allem in den USA. Auch der US-Kongress wird im November 2020 teilweise neu besetzt, ohne dass eine klare Mehrheit in Sicht wäre. Das sollte gegen allzu extreme Entscheidungen bei Themen wie Steuern, Migration und Regulierung sprechen – die Verhängung möglicher Strafzölle bleibt davon jedoch unberührt. In Europa bestimmt weiterhin der Brexit die politische Landschaft. Ob der EU-Austritt Großbritanniens zu einer tieferen Integration der Restunion in Sachen Fiskalpolitik, Bankenunion und Klimaschutz führt, ist noch nicht abzusehen – wünschenswert wäre es im Sinne der europäischen Idee allemal.

    Der Verlauf eines möglichen Amtsenthebungsverfahrens gegen US-Präsident Donald Trump beeinflusst auch die Kapitalmärkte.

    Foto: GettyImages

    Es wird hitzige Debatten etwa über die Themen Steuern, Protektionismus und Migration sowie über die Regulierung von US-Großindustrien wie Finanzen, Pharma, Energie und Technologie geben.

  • 3. WACHSTUM Nie wieder Rezession

    Der aktuelle US-Konjunkturzyklus dauert mittlerweile gut zehn Jahre an – muss deshalb aber noch nicht zu Ende gehen. Zwar könnten Rezessionsängste auch 2020 immer wieder aufflammen, die moderate konjunkturelle Erholung seit der Finanzkrise sollte sich jedoch fortsetzen. Stützend wirken dürfte auch weiterhin der robuste US-Konsum, der für rund ein Sechstel der globalen Wirtschaft steht. Darüber hinaus läuft die chinesische Wirtschaft wie von Peking geplant: Die Transformation hin zu einem konsumgetriebenen Wachstumsmodell ist in vollem Gange. Die Stabilisierung der beiden Wirtschaftssupermächte sollte sich positiv auf die exportabhängige deutsche Konjunktur auswirken.

    Treiber der Weltwirtschaft: Die Vereinigten Staaten beweisen langen Atem

    Die BIP-Wachstumsphasen der USA im Vergleich (y-Achse: Anstieg in Prozent seit Beginn des jeweiligen Aufschwungs; die x-Achse zeigt die Dauer des Aufschwungs in Monaten)

    Dauer der BIP-Wachstumsphasen der USA im Vergleich

     

    Quelle: Refinitiv Datastream, Stand: 3.12.2019

  • 4. KONJUNKTUR Von der Geldpolitik zur Fiskalpolitik
    In der Eurozone, wo der EZB ohnehin kaum weiterer Spielraum bleibt, mehren sich die kritischen Stimmen zu den negativen Effekten der Niedrigzinspolitik. Stattdessen rückt die Fiskalpolitik als möglicher Konjunkturstimulator in den Fokus – etwa durch die Ankündigung der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, in den kommenden zehn Jahren insgesamt eine Billion Euro für den Klimaschutz aktivieren zu wollen. In China dürften kurzfristige konjunkturelle Wachstumsdellen mit kleineren, gezielten Fiskalprogrammen geglättet werden. Auch in den USA erwartet die Deutsche Bank vorerst keine weiteren geldpolitischen Schritte.

    In der Eurozone wächst die Kritik an der Niedrigzinspolitik der EZB.

    Foto: GettyImages

    In der Eurozone, wo der EZB ohnehin kaum weiterer Spielraum bleibt, mehren sich die kritischen Stimmen zu den negativen Effekten der Niedrigzinspolitik.

  • 5. DEVISEN Währungen als Ventil und Instrument

    Auch 2020 könnten die Devisenmärkte als Ventil für negative Politik- und Wachstumsschocks dienen.Foto: GettyImages

    Die Devisenmärkte könnten auch 2020 als Ventil für negative Politik- und Wachstumsschocks dienen.

    Die Devisenmärkte könnten auch 2020 als Ventil für negative Politik- und Wachstumsschocks dienen. Bei einer Verschnaufpause im Handelskonflikt sollte sich der Wechselkurs 2020 um 7 USD/CNY einpendeln. Die Entwicklung des Euro wird von vielen Faktoren beeinflusst: Die Stabilisierung der Weltkonjunktur, fiskalische Maßnahmen, ein Brexit ohne weitere negative Überraschungen und politische Unsicherheiten im Zuge des Wahlkampfs in den USA könnten die Gemeinschaftswährung auf 1,15 US-Dollar steigen lassen. Risiken gehen von der zunehmenden Politisierung der Devisenmärkte aus. Kommt es im Umfeld der expansiven Geldpolitik einzelner Notenbanken zu einer Schwächung der jeweiligen Währung zum US-Dollar, besteht die zunehmende Gefahr, von den USA als „Währungsmanipulator“ eingestuft zu werden. Das betrifft Länder wie Japan, die Schweiz oder Deutschland.
  • 6. ANLEIHEN Negativ ist nicht normal

    Das Volumen negativ rentierender Anleihen ist zuletzt zwar etwas gesunken, beträgt weltweit aber immer noch mehr als zwölf Billionen US-Dollar. Das starke Rentenjahr 2019 zeigte jedoch, dass es auch in Niedrigzinsphasen interessante Investmentmöglichkeiten im Anleihesegment gibt. Insgesamt sollten Anleiheinvestoren liquide Papiere mit guter Bonität bevorzugen, da illiquide Papiere im Falle einer Konjunktureintrübung aufgrund ihrer möglicherweise vorübergehend eingeschränkten Handelbarkeit stärker von Kursverlusten betroffen sein könnten als der Gesamtmarkt. Anleihen bleiben aus Gründen des Risikomanagements ein wichtiger Bestandteil des Portfolios.

    Starke Renten: spannend auch bei niedrigen Zinsen

    Jährliche Wertentwicklung ausgewählter Anleihesegmente (in Prozent, aus Euro-Anlegersicht)

    Anleihen als interessante Investmentmöglichkeit

     

    Quelle: Bloomberg L.P., Stand: 3.12.2019

  • 7. IMMOBILIEN Ruhe und Rendite

    Immobilienanlagen könnten in Zeiten turbulenter Kapitalmärkte für Ruhe im Portfolio sorgen. Weiterhin stabil entwickeln sollte sich beispielsweise der deutsche Markt: Die Preise für Wohn- und Gewerbeimmobilien stiegen im dritten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahr jeweils um 5,9 Prozent. Die durchschnittliche Bruttomietrendite von rund vier Prozent erscheint mit Blick auf das anhaltende Niedrigzinsumfeld nach wie vor interessant. Für langfristig orientierte Anleger mit einer entsprechenden Risikobereitschaft bleibt ein breit gestreutes Immobilieninvestment eine gute Möglichkeit, ihr Portfolio zu diversifizieren.

    Der Häuser-Tiger: Asien boomt

    Erwartete Gesamtrendite ausgewählter Immobilienregionen (in Prozent, über alle Sektoren)

    Immobilienrendite nach Regionen im Vergleich

     

    Quelle: DWS, Stand: August 2019

  • 8. AKTIEN Rumble in the Jungle

    Im legendären Boxkampf „Rumble in the Jungle“ musste Muhammad Ali viele Schläge George Foremans hinnehmen und gewann schließlich doch. Der globale Aktienmarkt hatte 2018/19 auch viel einzustecken – Handelsstreit, schwache Konjunkturdaten, Gewinnrezession, Zinsschock, Brexit-Unsicherheiten – und war ebenfalls Gewinner. Trotz zunehmender Schwankungsrisiken dürften entsprechend risikobereite Anleger 2020 an Aktien festhalten: Im Vergleich zu Staats- und Unternehmensanleihen erscheint das Chance-Risiko-Profil von Aktien nach wie vor interessant. Wichtiger denn je sind dabei eine breite Streuung und ein aktives Management des Portfolios: In einem eher unsicheren Marktumfeld sollten sich Aktien von Software-, Versorgungs- und Pharmaunternehmen sowie Aktienmärkte wie die USA am besten entwickeln. Dreht die Stimmung ins Positive, könnten dagegen Papiere von Hardware- und Halbleiterherstellern, Industrie- und Finanzunternehmen sowie konjunkturabhängige Märkte wie Japan und Deutschland zu den Gewinnern zählen.

    Gewinner trotz Turbulenzen: Im Schnitt geht’s bei Aktien aufwärts

    Entwicklung von Value und Growth des MSCI World im Zeitverlauf (indexiert: 1.1.1989 = 100)

    Vergleich von Value und Growth des MSCI World.

     

    Quelle: Bloomberg L.P., Stand: 3.12.2019

  • 9. ROHSTOFFE Schmuck am Nachthemd

    Mit einem größeren Nachfragewachstum und steigenden Preisen ist an den globalen Rohstoffmärkten kaum zu rechnen. Am Ölmarkt erwartet die Deutsche Bank sogar eine Ausweitung des Angebotsüberschusses und dadurch leicht sinkende Ölnotierungen mit einem Brent-Ölpreis von 58 US-Dollar zum Jahresende 2020. Gold dürfte in Zeiten einer leichten konjunkturellen Erholung und moderat steigender Zinsen phasenweise zwar ebenfalls unter Druck geraten, bleibt aber ein möglicher Baustein zur Stabilisierung des Portfolios. Unter den Industriemetallen scheinen unter anderem Nickel, Lithium und Kobalt Preispotenzial zu bieten. Sie dürften als „Batteriemetalle“ langfristig vom weltweiten Trend zur E-Mobilität profitieren.

    Treibstoff für die Welt: Die USA schließen auf

    Ölproduktion der Top-3-Förderländer weltweit (Angaben in Millionen Barrel pro Tag)

    Die Deutsche Bank erwartet leicht sinkende Ölpreise.

     

    Quelle: Bloomberg L.P., Stand: 3.12.2019

  • 10. TRENDS Nachhaltigkeit ist ein Thema
    Thematische Investments liegen im Trend. Dazu gehören Nachhaltigkeitsanlagen, die im Zuge der aktuellen Klimadebatte gefragter sind denn je. Vor allem Europa könnte für Anleger einen Blick wert sein: Hier liegt man bei der Regulatorik und Einführung von ESG-Standards (environment, social and governance, zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) im internationalen Vergleich vorn. Zukunftsträchtige Technologiebereiche wie Big Data, künstliche Intelligenz, Robotik, Cloud-Computing, Cybersicherheit und der neue Mobilfunkstandard 5G eröffnen Anlegern neue Investmentmöglichkeiten. Anleger mit entsprechender Risikobereitschaft, die langfristige Renditechancen suchen, dürften bei den Themen Nachhaltigkeit und Technologie gut aufgehoben sein.Nachhaltige Anlagen liegen im Trend.

    Foto: GettyImages

    Anleger mit entsprechender Risikobereitschaft, die langfristige Renditechancen suchen, dürften bei den Themen Nachhaltigkeit und Technologie gut aufgehoben sein.


Trefferquote 2019

Von zehn Voraussagen haben sich acht bewahrheitet: die Prognosen von Ulrich Stephan im Marktcheck

Im Anleihebereich stiegen im Umfeld politischer Unsicherheiten und konjunktureller Abkühlung die Kurse. Insbesondere aufgrund des Handelsstreits entwickelten sich asiatische Aktien nicht so gut wie der Gesamtmarkt.

  1. Politik – kein Ende der Geschichte!
  2. Wachstum – Technologie bestimmt den Trend!
  3. Inflation – heiß ersehnt und doch gefürchtet!
  4. Währungen – Reservisten unter sich!
  5. Renten – geschenkt ist noch zu teuer!
  6. Aktienregionen – gut, günstig, gut und günstig!
  7. Aktiensektoren – der Sektor macht den Unterschied!
  8. Rohstoffe – auf den Tweet kommt es an!
  9. Immobilien – Boom ist nicht gleich Blase!
  10. Portfolio – „Balance-Akt“ oder „Aktien-Dynamik“ – Sie haben die Wahl!

 

  Prognose bestätigt
  Prognose teilweise bestätigt
  Prognose nicht bestätigt

Quelle: Deutsche Bank, Stand: 28. November 2019. Wichtiger Hinweis: Wertentwicklung der Vergangenheit, Simulationen oder Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung.


 

 


 

Podcast: Devisenmarkt aktuell

Steigen oder sinken die Zinsen? Wie beeinflusst die politische Lage die Ökonomie? Welche Notenbanken sind aktiv – und welche eher zurückhaltend? Alle zwei Wochen analysiert Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden, im Podcast die Entwicklungen auf den Devisenmärkten. Intensiv, pragmatisch, auf den Punkt – und mit klaren Einschätzungen für Unternehmer. Hören Sie mal rein!

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