Der Übernahme einer Firma liegt für gewöhnlich ein komplexes Vertragswerk zugrunde. Ein freundlicher Handschlag, der das Geschäft besiegelt, kann dabei nicht schaden

Foto: Shutterstock

Übergabe in gute Hände

Eine bestehende Firma zu kaufen ist ein erfolgversprechender Weg zum Unternehmertum – und sichert den Betrieb. Dazu braucht es Know-how, Kreativität und Kapital. Wenn die Lücke zwischen Wunsch und finanzieller Wirklichkeit zu groß wird, sind Finanzierungen mit Köpfchen gefragt. Wir stellen drei Beispiele vor

Text: Ralf Mielke

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Grüne Wälder, Wiesen und sanfte Hügel bis zum Horizont: Das sieht Christian Fleischhauer, wenn er den Blick über sein Betriebsgelände schweifen lässt. Schafe weiden, Vögel nisten, im Sommer sirren Insekten – 120 Hektar Beschaulichkeit, keine Autostunde nördlich von Frankfurt am Main. Doch Fleischhauer leitet kein Wellnesshotel und auch keinen forstwirtschaftlichen Betrieb, die Unternehmensadresse lautet: Erdfunkstelle 1. Denn über das idyllische Areal verteilt stehen 135 Satellitenantennen. Media Broadcast Satellite (MBS) empfängt, sendet und verteilt Daten – weltweit von Hawaii bis Kamtschatka. Die Anwendungsbereiche reichen vom klassischen Satellitenfernsehen über Streaming- und Video-on-Demand-Lösungen bis hin zu Internet auf Schiffen und in Flugzeugen sowie Überwachung der Meeresoberfläche für langfristige Klimaprognosen oder für Disaster Recovery in Krisenregionen. All das zuverlässig und mit Erfolg: MBS ist deutschlandweit der größte, in Europa der drittgrößte und weltweit der sechstgrößte unabhängige Teleportbetreiber. Rund 30 Millionen Euro Umsatz erzielte MBS im Jahr 2019.

Als Fleischhauer Ende 2013 zur Business Unit Satellite stößt, gehört das Unternehmen noch zur Kölner Media Broadcast Group. Ende 2014 übernimmt er die Leitung der Business Unit und 2015 die Geschäftsführung des ausgegründeten Unternehmens, ein Jahr später wird das Mutterhaus verkauft. Die Satellitensparte bleibt im Besitz eines großen Private Equity Fonds – der sie indes nicht auf Dauer halten will. Es ist die Gelegenheit für Christian Fleischhauer und seine Kollegen Qi Zhang-Holste und Sven Sünberg: Die leitenden Angestellten haben einige Ideen, wie sie das Unternehmen weiterführen wollen. Doch der erste Anlauf für ein Management-Buy-out scheitert 2016. „Wir waren einfach zu früh dran. Als ausgegründeter Teilbereich hatten wir zwar ein stabiles Geschäftsmodell und eine solide Kundebasis, aber keine geprüften Jahresabschlüsse. Damit waren wir nicht bankable“, erinnert sich Fleischhauer.

100.000

jährlich erwartete Unternehmens- nachfolgen

Mit ihren Satellitenanlagen verbreitet die Firma Media Broadcast Satellite Rundfunksignale und digitale Daten. Links: Mit ihren Satellitenanlagen verbreitet die Firma Media Broadcast Satellite Rundfunksignale und digitale Daten. Rechts: Geschäftsführer nach Management Buy-out: Christian Fleischhauer, Qi Zhang-Holste und Sven Sünberg

Geschäftsführer nach Management Buy-out: Christian Fleischhauer, Qi Zhang-Holste und Sven Sünberg

Media Broadcast Satellite: Als Unternehmer den Himmel erobern

Manchmal müssen sich auch unternehmerisch denkende Menschen in Geduld üben. Und noch mal zeigen, was sie draufhaben. Christian Fleischhauer und seine beiden Kollegen Qi Zhang-Holste und Sven Sünberg (Foto, von links) haben das getan. Die Geschäftsführer von Media Broadcast Satellite wollen das Unternehmen 2016 von einem Private Equity Fonds übernehmen. Doch die Finanzierung kommt nicht zustande – die Eigenkapitalquote ist zu niedrig, es fehlen die Sicherheiten für ein umfangreiches Bankdarlehen. Drei Jahre später sind Fleischhauer und seine Kollegen dann doch am Ziel. Die Finanzierungsparameter haben sich kaum verändert, dafür jedoch die Kennzahlen des Unternehmens. Das Entwicklungspotenzial, das sich darin offenbart, schafft Vertrauen. Heute ist Fleischhauer überzeugt: „Wir gestalten die Zukunft der Satellitenübertragung.“

Fotos: PR/Media Broadcast Satellite

Grafik:
Nachfolge innerhalb der Familie verliert an Bedeutung

Nachfolge innerhalb der Familie verliert an Bedeutung

Nachfolge innerhalb der Familie verliert an Bedeutung

Früher war es die Regel, heute wird es langsam zur Ausnahme – die Übergabe des Unternehmens an die eigenen Kinder. In nur noch 44 Prozent aller Fälle ist dies die bevorzugte Nachfolgeregelung. Für externe Interessenten bietet dieser Trend Chancen.

QUELLE: KFW MITTELSTANDSMONITOR

Günstiges Umfeld für Firmenübernahmen

Die Herausforderung, vor der sie damals standen, kennen vier von zehn potenziellen Firmenübernehmern. Laut einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) von 2019 klagen 39 Prozent der Nachfolgekandidaten über Schwierigkeiten, den geforderten Kaufpreis zu finanzieren. Ein veritables Problem also, denn etwa 100.000 Unternehmen – vom kleinen Familienbetrieb bis zum international agierenden Mittelständler – suchen jedes Jahr einen neuen Chef. Doch die finanzielle Latte liegt hoch:Der 2019 gezahlte Durchschnittspreis für eine Firmenübernahme betrug 372.000 Euro. In rund 18 Prozent der Fälle überstieg die Kaufsumme sogar eine Million Euro.

Scheitert eine Nachfolgeregelung am Geld, sorgt das nicht nur bei den direkt Beteiligten für Enttäuschung. Auch der volkswirtschaftliche Schaden kann immens sein – wenn eigentlich florierende Unternehmen vom Markt verschwinden, hat das Auswirkungen für Lieferanten, Kunden und Mitarbeiter. Dies passiert öfter als gedacht: Für zwölf Prozent der ausstiegswilligen Seniorunternehmer komme nur die Stilllegung in Frage, so Michael Schwartz, Mittelstandsexperte der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Der häufigste Grund: Es fehlt an einem geeigneten und zahlungskräftigen Nachfolger. Schwartz hat die Zahlen parat: „Fast 40 Prozent derjenigen, die ihr Geschäft in den nächsten zwei Jahren übergeben wollen, sind noch auf der Suche.“ Hinzu kommt, dass fast jeder dritte Firmeninhaber älter ist als 60. „Es existiert ein klarer Engpass bei der Unternehmensnachfolge“, konstatiert Schwartz.

Eine Engstelle, die nicht unterschätzt werden sollte. Davon ist Sandra Heinrich überzeugt, Leiterin Spezialberatung Finanzierung Deutschland bei der Deutschen Bank. „Die Gefahr der Stilllegung ist bei vielen kleineren Betrieben gegeben“, sagt sie. Die Folgen gehen oft weit über den Betrieb selbst hinaus – Verlust von Arbeitsplätzen etwa oder schlechtere Versorgung mit Dienstleistungen auf dem Land. Schätzungsweise rund fünf Millionen Arbeitsstellen hängen in den nächsten Jahren laut Heinrich davon ab, ob Unternehmen erfolgreich an Nachfolger übergeben werden.

Die gute Nachricht ist: Es gibt einige Optionen, die Nachfolge finanziell zu stemmen und das Abenteuer Unternehmertum zu wagen. Aktuell ist das Finanzierungsumfeld für eine Firmenübernahme günstig wie selten, so die Einschätzung der Experten des DIHK. Danach haben sich die Bedingungen bei allen Finanzierungsinstrumenten zuletzt verbessert. Vor allem dank weiterhin niedriger Zinsen bildet Fremdkapital durch Bank- und Förderkredite einen vielversprechenden Weg. Eine attraktive Möglichkeit ist auch ein Darlehen des scheidenden Eigentümers, um zu geringes Eigenkapital abzufedern. „Wir haben viele kreative Ansätze für Finanzierungen, die Verkäufer und Käufer gleichermaßen zufriedenstellen“, sagt Deutsche Bank Expertin Heinrich (siehe auch Interview „Der Blick durch die rosa Brille ist riskant“).


„Kreativ finanzieren – Technologie von morgen möglich machen“


Ein Verkäuferdarlehen (englisch: Vendor Loan) kam etwa beim Besitzerwechsel der Wriezener Backstube (Wrieba) zum Tragen. Die Backstube, eine erfolgreiche Nachwendegründung mit Stammsitz im Städtchen Wriezen, rund 60 Kilometer nordöstlich von Berlin, war von Beginn an erfreulich dynamisch gewachsen. Und so kann Gründer und Alteigentümer Axel Rolle 2019 eine moderne Produktionsstätte, 27 Verkaufsstellen und 142 Mitarbeiter an seinen Nachfolger Alexander Prinz übergeben.

Prinz ist am 1. Oktober 2017 als zweiter Geschäftsführer in den Betrieb eingestiegen – mit der klaren Perspektive, die Bäckereikette zu übernehmen. „Axel Rolle hat mir von Anfang an die volle Verantwortung übergeben“, erinnert sich Prinz. Anfang 2018 verabschiedet sich Rolle aus dem Tagesgeschäft, bleibt aber zunächst Eigentümer. Fortan tüfteln er und Prinz gemeinsam an der Übergabe. Einmal wöchentlich sitzen sie zusammen, manchmal mit einem Berater der Deutschen Bank, der sie bei den kniffligen Fragen im Verkaufsprozess und zur Finanzierung unterstützt. Über den Kaufpreis herrscht rasch Einigkeit. Prinz übernimmt das Betriebsvermögen der GmbH per Asset Deal, indem er die einzelnen Bestandteile der Bäckereikette erwirbt. Ein Share Deal, der Kauf der Anteile an einem Unternehmen mitsamt seinen Vermögensgegenständen, hätte in diesem Fall zu einer höheren Steuerlast geführt und die Übernahme erschwert.

Alteigentümer und Investor: Es muss passen

Die Finanzierung gestaltet sich kompliziert, das Eigenkapital des Nachfolgers reicht für rund zehn Prozent der Kaufsumme. „Und ich wollte eine Finanzierung, die mir die Luft lässt, als Unternehmer etwas zu gestalten“, sagt Prinz. Die Lösung bringt das Verkäuferdarlehen des Alteigentümers: Es deckt im Fall von Alexander Prinz etwas mehr als die Hälfte des noch ungedeckten Kaufpreises – ein enormer Vertrauensvorschuss des Vorbesitzers.

Jetzt bewährt sich auch die seit der Gründung vertrauensvolle Zusammenarbeit Rolles mit der Deutschen Bank. „Wir kennen den Betrieb bis ins Detail“, sagt Deutsche Bank Berater Alexander Krenz, der die Verhandlungen von Beginn an begleitet, „das passte einfach zwischen Alteigentümer und Investor.“ Dies eröffnet neue Wege, um die Finanzierung zu stemmen und abzusichern. Die Deutsche Bank gewährt ein Volltilgerdarlehen. Abgesichert ist der Kredit unter anderem durch eine Garantie des Europäischen Investitionsfonds EIF, der mit seinem Programm „Risk Sharing Instrument“ innovative mittelständische Unternehmen fördert. „Die Deutsche Bank wusste, dass die Wrieba Produktpatente hält, und hat daraufhin die EIF-Fähigkeit geprüft“, sagt Prinz. Die Garantie verringert den Blankoanteil der Finanzierung um 20 Prozent. Und verursacht geringere Kosten als etwa eine Ausfallbürgschaft, die mit Bearbeitungsgebühr und jährlichen Provisionen zu Buche schlägt.

39 %

der Nachfolge- kandidaten klagen über Schwierigkeiten, den Kaufpreis zu finanzieren

Für einige ihrer Backerzeugnisse hält die Wriezener Backstube Patente. Links: Für einige ihrer Backerzeugnisse hält die Wriezener Backstube Patente. Rechts: Alexander Prinz ist der neue Eigentümer der Wriezener Backstube.

Alexander Prinz ist der neue Eigentümer der Wriezener Backstube.

Wriezener Backstube: Läuft wie geschnitten Brot

Es kommt selten vor, dass Verkäufer und Käufer eines Unternehmens wie ein eingespieltes Team auftreten. Bei Axel Rolle und Alexander Prinz (Foto) ist es genau so: Zwischen dem übergabewilligen Gründer und Gesellschafter der Bäckereikette Wriezener Backstube in Brandenburg und seinem investitionsfreudigen Nachfolgekandidaten passt es einfach. Gemeinsam entwickeln sie eine Übernahmestrategie, die auf Steueraspekte ebenso Rücksicht nimmt wie auf den Gestaltungswillen des künftigen Chefs. Als Zeichen seines Vertrauens gewährt Axel Rolle seinem Nachfolger ein Verkäuferdarlehen. Für ihn eine perfekte Ergänzung der Altersversorgung, für Prinz der Startschuss ins Unternehmerdasein – ein eingespieltes Team eben.

Fotos: Wriezener Backstube | Shutterstock

23 %

der Übernehmenden sind Frauen

Mit der erfolgreichen Finanzierung kann Prinz, der neben seinem Meisterbrief auch ein Ingenieurstudium vorweisen kann, durchstarten. Inzwischen zählt das Unternehmen 186 Mitarbeiter, sieben Verkaufsstellen sind seit seinem Einstieg hinzugekommen. „Ich möchte aus der Wriezener Backstube einen Fachhandel für Brot und Backwaren machen“, sagt er. Nach und nach lässt er die Läden für ein „gehobenes Einkaufserlebnis“ umbauen. Die Investitionen kann er aus dem laufenden Betriebserlös aufbringen – nicht zuletzt dank der kreativen Finanzierungslösungen. Seine Schulden will der Jungunternehmer in neun Jahren abgebaut haben. Die Chancen stehen gut: 2019 war das wirtschaftlich beste Jahr seit Bestehen der Bäckereikette.

Für Holger Wassermann ist das ein gutes Zeichen. Der Wirtschaftswissenschaftler leitet das KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand der FOM Hochschule für Oekonomie & Management und ist außerdem Geschäftsführer der Berliner M&A-Beratung INTAGUS, die sich auf individuelle Nachfolgelösungen wie den Unternehmensverkauf im Mittelstand spezialisiert hat. Wassermann, einer der Herausgeber des Forschungsprojekts „Nachfolgemonitor“, hat in der jungen Generation einen Wertewandel ausgemacht. „Bei den heute 30-Jährigen ist der Wunsch, Unternehmer zu werden, zurückgegangen“, sagt er. Angesichts einer „Welle von ausstehenden Unternehmensnachfolgen“ droht volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe. „Das ist wie bei einem Kartenhaus“, sagt Wassermann. „Wenn ein Unternehmen an einer Stelle wegbricht, stürzen andere, die darauf aufgebaut haben, hinterher.“

Doch warum ist die Nachfolgergeneration so zögerlich? Wassermann hat drei Faktoren ausgemacht: Ein Leben als Unternehmer mit 70-Stunden-Wochen, die jeder Work-Life-Balance Hohn sprechen, ist für viele nicht mehr erstrebenswert. Zudem bietet die seit Jahren starke Konjunktur andere lukrative Jobmöglichkeiten. Und drittens schreckt manch potenziellen Unternehmer der Gedanke ab, Verantwortung für die Mitarbeiter zu übernehmen.

Das Franchise Bauen + Leben hat einen Holzfachhandel in die Reihe der Franchisepartner aufgenommen. Links: Das Franchise Bauen + Leben hat einen Holzfachhandel in die Reihe der Franchisepartner aufgenommen. Rechts: Patrick Nowak ist Geschäftsführer des Franchise Bauen + Leben.

Patrick Nowak ist Geschäftsführer des Franchise Bauen + Leben.

Holzhandel Derks: Erfolg mit starken Wurzeln

Das Kevelaer Unternehmen Josef Derks ist in der Stadt am Niederrhein fest verankert.Seit mehr als 50 Jahren ist das Holzfachgeschäft eine feste Größe für gewerbliche und private Kunden. Doch der Gesellschafter Heinz-Josef Derks möchte das Geschäft übergeben. Seine drei Töchter haben indes keine Ambitionen. Da kommt die Franchisegruppe Bauen+Leben mit ihrem Geschäftsführer Patrick Nowak (Foto) ins Spiel. Mehr als 60 Fachmärkte gehören zu der erfolgreichen Kette, ein Betrieb aus dem Holzhandel hat noch gefehlt. Die Übernahme gelingt, zur Freude von Mitarbeitern und Kunden. Unter dem Dach von Bauen+Leben kann Holz Derks weiter bestehen – und bildet nun sogar den Kern für einen Ausbau der Holzsparte.

Fotos: Josef Derks | Shutterstock

In die entstehende Bresche springen, wenn möglich, externe Käufer – immer öfter auch Kapitalanleger. „Derzeit entlastet es die Situation, dass Finanzinvestoren aktiv in den Nachfolgemarkt einsteigen, weil etwa bei gut aufgestellten Mittelständlern gute Renditen winken“, sagt Deutsche Bank Expertin Heinrich. Eine andere Lösung stellen größere Betriebe dar, die Kleinst- und Kleinbetriebe übernehmen und so vor der Stilllegung retten. Mit dem Vorteil, dass persönliche Bindungen von Kunden und Lieferanten oft besser erhalten bleiben. Ein Beispiel: der Baufachhändler Bauen+Leben. Seit der Gründung 1999 haben sich 62 Standorte dem Franchisesystem mit Hauptsitz in Krefeld angeschlossen. Allein im vergangenen Jahr kamen acht Baufachhändler hinzu, darunter der Holzfachhandel der Firma Josef Derks in Kevelaer. Deren Alleingesellschafter Heinz-Josef Derks wollte sich aus Altersgründen aus dem Geschäft zurückziehen. Doch keine seiner drei Töchter stand für die Nachfolge zur Verfügung.

Eine Zukunft fürs Lebenswerk

Derks’ gut eingeführtem Geschäft droht das Ende. Doch zum Glück erfährt Patrick Nowak von der Nachfolgesuche. Er ist Geschäftsführer und Gesellschafter von Bauen+Leben in Düsseldorf. Deren Beteiligung Bauen+Leben Service ist Franchisegeber für Baufachhändler. Holz gehörte bislang nicht zu seinem Portfolio. Jetzt sieht er die Chance, in den Holzfachhandel zu expandieren. Für Heinz-Josef Derks wiederum ist es Möglichkeit, sein Lebenswerk in eine sichere Zukunft zu führen. Am 1. Mai erfolgt die Übertragung des Betriebs an Bauen+Leben. „Wir haben eine sehr intakte Firma mit einer hoch motivierten Belegschaft vorgefunden“, sagt Nowak.

Über den Kaufpreis vereinbaren die Parteien Stillschweigen. Bauen+Leben finanziert ihn komplett mit einem Sieben-Jahre-Tilgungsdarlehen der NRW-Bank, ausgereicht von der Deutschen Bank. Verantwortlich für das Zustandekommen war damals das Marktgebiet Niederrhein mit Andreas Bruns als Seniorexperte. Da zu erwarten ist, dass er Tilgung und Zinsen aus dem Cashflow der Betriebstätigkeit begleichen kann, muss der Investor kein Eigenkapital aufbringen. Vorteil für Bauen+Leben: eine unkomplizierte Abwicklung der Darlehensanfrage, kombiniert mit einem für die gesamte Laufzeit festen, niedrigen Zinssatz.

372.000

Euro betrug 2019 der durchschnitt- liche Kaufpreis für ein Unternehmen

  • Sandra Heinrich, Leiterin Spezialberatung Finanzierung Deutschland bei der Deutschen Bank, empfiehlt günstige Förderdarlehen für Gründer. INTERVIEW „Der Blick durch die rosa Brille ist riskant“ Die Finanzierung einer Firmenübernahme ist komplex. Sandra Heinrich, Leiterin Spezialberatung Finanzierung Deutschland bei der Deutschen Bank, rät zu eingehender Prüfung – und Lösungen, mit denen die Risiken breit gestreut werden

    Vor welchen finanziellen Risiken stehen Personen, die ein Unternehmen erwerben wollen?
    Unabhängig davon, ob ein potenzieller Käufer von außen, aus dem Management oder aus der Eigentümerfamilie kommt, ist eine Hürde oft das fehlende oder zu geringe Eigenkapital. Als Banken helfen wir, zusätzlich zu klassischen Bankkrediten auch alternative Finanzierungswege zu finden, um die Herausforderungen der Unternehmensnachfolge zu stemmen.

    Wie könnten diese Wege aussehen?
    Es gibt viele Fördermöglichkeiten, die beim Erwerb eines Unternehmens infrage kommen – allein mehr als 150 Institutionen gewähren in verschiedenen Programmen günstige Förderdarlehen, etwa rund um die Themen Innovation und Digitalisierung. Ein weiteres bewährtes Instrument sind stille Beteiligungen. Die Bundesländer haben hierfür Beteiligungsgesellschaften gegründet, die angehenden Unternehmern den Start mit der Bereitstellung von Kapital erleichtern. Ein dritter Weg ist das Verkäuferdarlehen. Dabei stundet der Alteigentümer dem Käufer Teile des Kaufpreises. Damit verwandt ist eine sogenannte Earn-out-Klausel im Kaufvertrag: Der Käufer bezahlt bei der Übernahme einen Teil des Kaufpreises – und einen weiteren Teil erfolgsabhängig zu einem späteren Zeitpunkt.

    Welche Herausforderungen warten außerdem auf den Übernahmewilligen?
    Eine Schwierigkeit ist häufig, die wirtschaftliche Lage des Unternehmens richtig einzuschätzen. Bei einem Share Deal zum Beispiel übernimmt der Käufer auch alle Verbindlichkeiten des Unternehmens. Wir raten deshalb immer zu einer gründlichen und unvoreingenommenen Due Diligence, also der genauen Prüfung der Unternehmenszahlen, des Geschäftsmodells sowie der rechtlichen und vertraglichen Konstellationen. Und wir raten zu einem sehr genauen Blick auf mögliche Abhängigkeiten der Firma von Kunden oder Lieferanten. Potenzielle Käufer neigen dazu, das Objekt der Begierde durch eine rosa Brille zu betrachten. Das ist verständlich, aber riskant.

    Oft droht die Finanzierung an der Besicherung von Fremdkapital, namentlich von Krediten, zu scheitern. Was kann da Abhilfe schaffen?
    Eine Möglichkeit besteht in einer Garantie des Europäischen Investitionsfonds, der vor allem innovationsfreudige kleine und mittlere Unternehmen unterstützt, indem er einen Teil der Kreditsumme absichert. Kriterien sind zum Beispiel Patente, die eine Firma hält, oder die Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Ein anderes Mittel können Rückbürgschaften der Förderinstitute sein. Die Förderinstitute verlangen eine ausführliche Dokumentation, daher gilt bei der Konditionsgestaltung eine sorgfältige Prüfung.
    (FOTO: JESSICA SCHÄFER)

    Mail an Sandra Heinrich

Vier Franchisepartner konnten laut Patrick Nowak im zurückliegenden Jahr über eine Unternehmensnachfolge hinzugewonnen werden. Für Seniorunternehmer ist es oft die einzige Möglichkeit, ihren Betrieb zu übergeben. „Selbst wenn Kinder oder Mitarbeiter bereit sind, die Firma weiterzuführen, sind sie oft nicht in der Lage oder willens, die permanent steigenden – auch gesetzlichen – Anforderungen und komplexen Aufgaben eines Unternehmers wie Personalverwaltung, Buchhaltung, Rechnungsprüfung, Marketing, Einkauf, Compliance, Vertrieb, Mitarbeiterführung und Warenwirtschaftssystem zu übernehmen“, sagt Nowak. Umgekehrt ist die lokale Verankerung und Vernetzung vor Ort für Bauen+Leben ein unschlagbarer Pluspunkt. Nachdem mit Josef Derks die Premiere geglückt ist, hält Nowak nun Ausschau nach weiteren Holzhandelsfirmen. „Wir haben das Know-how ins Unternehmen geholt, jetzt wollen wir den Weg weitergehen. Holz ist ein Zukunftsmarkt.“

Endlich Unternehmer – und die Satelliten wachsen

Auch Christian Fleischhauer ist mit Media Broadcast Satellite auf einem Zukunftsmarkt unterwegs – und zusammen mit seinen zwei anderen Gesellschaftern endlich Unternehmer. Denn drei Jahre nach dem gescheiterten ersten Versuch gelingt der Kauf schließlich doch, auch dank einer positiven Geschäftsentwicklung. Zuvor hat sich das Unternehmen aus wenig lukrativen Märkten verabschiedet, den Service ausgebaut und den Vertrieb erheblich gestärkt. „Wir haben die Prognosen, die wir 2016 aufgestellt hatten, erfüllt oder sogar übertroffen“, bilanziert Fleischhauer. „Leider“, ergänzt er augenzwinkernd, „waren wir auch Opfer unseres eigenen Erfolgs, da der Kaufpreis deutlich höher war als noch drei Jahre zuvor.“

Der sichtbare Erfolg überzeugt schließlich die Deutsche Bank. Immerhin steht ein Kaufpreis von 15 Millionen Euro im Raum – bei einem Eigenkapital in Höhe von einer Million Euro und einer schwierigen Besicherungslage. Zwar ist dieses Verhältnis bei einem Management Buy-out nicht ungewöhnlich. Oft beteiligen sich dann Eigenkapital-Investoren wie Beteiligungsgesellschaften oder Investmentbanken; es kommt zum sogenannten Leveraged Buy-out mit dem Ziel, das Unternehmen nach einem bestimmten Zeitraum wieder zu veräußern.


  • Finanzierungsinstrumente

    Die Finanzierung einer Firmennachfolge ausschließlich durch Eigenkapital ist nur in den seltensten Fällen möglich. Dem angehenden Unternehmer steht aber eine ganze Reihe von Optionen zur Verfügung, eine Übernahme erfolgreich zu finanzieren.

    • Beteiligungen
      Zu unterscheiden sind offene und stille Beteiligungen. Bei der offenen Beteiligung erwirbt der Kapitalgeber Anteile an dem Unternehmen und partizipiert dafür am Gewinn. Eine besondere Form bildet hier das sogenannte Venture Capital. Der stille Teilhaber leistet eine Einlage in das Unternehmen, die er in einem festgelegten Zeitraum zuzüglich Zinsen zurückerhält. Stille Beteiligungen gelten als wirtschaftliches Eigenkapital und wirken sich positiv auf die Bonität eines Unternehmens aus.
    • Fremdkapital
      Klassischerweise stammt Fremdkapital von einer Bank, die es als Darlehen zu einem festgelegten Zinssatz dem Unternehmensnachfolger zur Verfügung stellt. In vielen Fällen besteht die Möglichkeit, ein zinsvergünstigtes Darlehen einer Förderbank zu erhalten, das von der Hausbank ausgereicht wird. Eine besondere Form des Fremdkapitals ist das Verkäuferdarlehen. Dabei stundet der Alteigentümer einen Teil der Kaufsumme und stellt ihn als Darlehen zur Verfügung.
    • Mischformen
      Mezzanine-Kapital ist eine Mischung aus Fremd- und Eigenkapital. Stille Beteiligungen gehören dazu, aber auch Finanzierungen mittels Wandel- und Optionsanleihen. Vorteil ist, dass manche Mezzanine-Instrumente wie Eigenkapital betrachtet werden und daher den Spielraum für Fremdfinanzierung erweitern.

    Weitere Informationen

Doch dieser Weg kommt hier nicht infrage. Das Management um Fleischhauer will als Gesellschafter die Fäden in der Hand behalten – und profitiert von einer günstigen Konstellation: Zum einen will der Private-Equity-Fonds aufgrund des nahenden Fondsendes aus dem Unternehmen aussteigen und gewährt ein Verkäuferdarlehen. Zum anderen will das Land Hessen das Unternehmen aus der sensiblen Zukunftsbranche Kommunikationstechnologie in stabilen Eigentumsverhältnissen wissen. Die Deutsche Bank mobilisiert daraufhin sowohl einen Innovationskredit der Wirtschafts- und Infrastrukturbank (Förderbank des Landes Hessen) in Höhe von 7,5 Millionen Euro, verbunden mit einer Haftungsfreistellung von 70 Prozent, als auch eine stille Beteiligung der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Hessen, die mit zwei Millionen Euro bei MBS einsteigt. Beides wirkt wie eine Art Eigenkapitalspritze. „Wir haben es bei der Übernahme von MBS mit einer sehr komplexen Finanzierung zu tun und lange sehr kreativ an einer Lösung gearbeitet“, sagt Matthias Pleyer, Leiter Firmenkunden in Frankfurt am Main. „Aber wir waren vom Geschäftsmodell überzeugt und konnten Herrn Fleischhauer und seine Partner mit guten Argumenten und Ideen unterstützen.“

Im Mai 2019 ist es so weit, Media Broadcast Satellite wechselt den Eigentümer. Christian Fleischhauer freut sich über die neue Freiheit, er hat einiges vor. MBS soll als Serviceprovider etwa Inhalte für Rundfunksender in einer Internetcloud verwalten oder sich auf dem wachsenden Markt für Telemetrie engagieren. „Die vergangenen fünf Jahre haben die Übertragungstechnik durch neue Technologien so stark verändert, wie es die 20 Jahre zuvor nicht vermocht haben, und das war erst der Anfang“, sagt der Neuunternehmer. „Das heißt auch, dass Wissen immer schneller veraltet und wir uns immer schneller neuen Anforderungen stellen müssen. Die Ära der geostationären Satelliten ist zwar noch nicht vorbei, aber neuartige Kleinsatelliten mit enormer Kapazität ergänzen den Markt, Flat-Panel-Antennen revolutionieren den Empfang.“ Fleischhauers Vision ist klar: „Wir wollen die Zukunft mitgestalten.“ Seit 2016 sind vier neue Sendeantennen auf dem Gelände errichtet worden – es sollen nicht die letzten sein. Der grünen Idylle vor der Bürotür wird dies sicher keinen Abbruch tun.

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