Von wegen graues Kohlerevier: Duisburg mausert sich zum modernen Logistikzentrum

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Von Schimmi zu China

Mittelstand vor Ort – in Duisburg: Ein dichtes Wegenetz, Europas größter Binnenhafen und die zentrale Lage machen die Stadt zum idealen Umschlagplatz für Waren aus aller Welt. Das bringt Jobs und lockt Unternehmen

Text: Kirstin von Elm

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Im Terminal des Flughafens von Schanghai hängt eine Karte von Europa und Asien. Europa hat vier rote Punkte: drei kleine für Paris, London und Berlin. Und in der Mitte einen großen für Duisburg. Ein Geschäftspartner hat die Karte fotografiert und das Bild Erich Staake geschickt. Der Vorstandsvorsitzende der Duisburger Hafen AG erzählt die Anekdote gern, belegt sie doch auf lässige Art und jenseits dröger Statistiken das internationale Standing seiner Heimatstadt.

In China gilt Duisburg als einer der bedeutendsten Standorte in Europa. Seit 2012 führt eine direkte Schienenverbindung aus der chinesischen Industriemetropole Chongqing nach Duisburg-Rheinhausen. Einst stand auf dem Gelände ein Stahlwerk, seit 2002 fungiert hier eines von mehreren modernen Terminals als Schnittstelle für den Containertransport per Schiff, Zug und Lkw. China will mit der Neuen Seidenstraße seine internationalen Absatzmärkte besser erreichen – über ein globales Netz aus Häfen, Eisenbahnlinien und Straßen. Und Europas größter Binnenhafen spielt dabei eine zentrale Rolle.

Der Duisburger Hafen spielt eine zentrale Rolle als Knotenpunkt in der Neuen Seidenstraße

Der Duisburger Hafen ist der größte Binnenhafen Europas. Links: Der Duisburger Hafen ist der größte Binnenhafen Europas. Rechts: Mit einem Volumen von 4,1Millionen TEU ist Duisburg der wichtigste Container-Umschlagplatz im Binnenland.

Mit einem Volumen von 4,1Millionen TEU ist Duisburg der wichtigste Container-Umschlagplatz im Binnenland.

Duisburger Hafen AG | duisport

Kisten stapeln im XXL-Format: Der größte Binnenhafen Europas umspannt 40 Kilometer Uferlänge und beinhaltet 21 Hafenbecken. Mit einem Volumen von 4,1 Millionen TEU (20-Fuß-Standardcontainer) ist Duisburg auch der wichtigste Container-Umschlagplatz im Binnenland. Die duisport-Gruppe hat sich zudem mit rund 14 Millionen Quadratmeter Industrie- und Logistikflächen sowie zwei Millionen Quadratmeter überdachter Lagerfläche zum größten Anbieter dieser Art in der Rhein-Ruhr-Region gemausert. Rund 350 Firmen sind im Hafen ansässig, fast 50.000 Arbeitsplätze in Duisburg und im Umland hängen direkt oder indirekt vom Hafen ab. Anteilseigner sind das Land NRW (zwei Drittel) und die Stadt Duisburg (ein Drittel).

Fotos: PR/duisport

Rund um den Hafen sind in den vergangenen 20 Jahren nahezu 30.000 neue Arbeitsplätze entstanden

Der Hafen als Wirtschaftstreiber

Mittlerweile treffen pro Woche 35 bis 40 Güterzüge aus verschiedenen chinesischen Provinzen am Rhein ein. Von Duisburg aus werden sie per Zug oder Schiff weitertransportiert, ein Teil reist per Lkw über das dichte Autobahnnetz weiter. Rund 35 Prozent des gesamten Güterzugverkehrs zwischen China und Europa werden bereits über den Duisburger Hafen abgewickelt. Tendenz steigend: Weil im Zuge der Energiewende immer weniger Kohle umgeschlagen wird, will die Duisburger Hafen AG ihre Kohleninsel an der Ruhrmündung künftig für den boomenden Chinahandel nutzen und investiert gemeinsam mit internationalen Partnern weitere 100 Millionen Euro. 2022 soll das neue Duisburg Gateway Terminal in Betrieb gehen – dann könnten wöchentlich bis zu 100 Güterzüge aus China am Rhein abgefertigt werden.

Klöckner & Co

Stahl wird digital: Der Stahl- und Metallhändler beschäftigt an 160 Standorten in 13 Ländern weltweit rund 8.400 Mitarbeiter, davon 2.200 in Deutschland. 2014 hat sich das börsennotierte Unternehmen zum Ziel gesetzt, die gesamte Lieferkette zu digitalisieren – und mit kloeckner.i eigens dafür ein Kompetenzzentrum gegründet. Dort arbeiten heute rund 90 Mitarbeiter an innovativen digitalen Lösungen, Motto: Start-up meets Tradition. Rund ein Viertel des Konzernumsatzes von 6,8 Milliarden Euro wurde 2018 bereits über digitale Kanäle erzielt, bis 2022 sind 60 Prozent Digitalumsatz geplant.

Fotos: PR/Klöckner & Co

Mehr als 300 Jahre sind vergangen, seit im Jahr 1716 die erste Uferbefestigung gebaut wurde – und weiterhin ist der Hafen entscheidender Wirtschaftsfaktor und Treiber des Duisburger Strukturwandels. Sogar immer mehr: Zwar ist thyssenkrupp Steel Europe mit rund 13.000 Mitarbeitern nach wie vor der größte Einzelarbeitgeber in der Stadt. Doch während die Zahl der Beschäftigten in der Stahlindustrie zurückgeht, sind rund um den Hafen in den vergangenen 20 Jahren nahezu 30.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Heute arbeiten hier in 350 Firmen rund 50.000 Mitarbeiter. Das Containergeschäft boomt, aber längst nicht nur: Unter der Dachmarke logport entwickelt und vermarktet die Duisburger Hafen AG auf ehemaligen Industrieflächen moderne Logistikareale. So wird Wirtschaft gefördert. Zahlreiche Unternehmen, vor allem aus Logistik, Handel oder E-Commerce, haben sich in den neuen Gewerbeparks angesiedelt, darunter Branchengrößen wie Kühne + Nagel, Rhenus, DB Schenker, DHL oder Yusen Logistics. Aber auch viele Mittelständler – und rund 50 Firmen aus China.

Der Strukturwandel lugt nicht zaghaft um die Ecke – er tritt auf mit breiter Brust

  • Alexander Hakenholt, Marktgebietsleiter Niederrhein bei der Deutschen Bank in Duisburg STREIFZUG DURCH DIE STADT Wandel mit Wucht und Tempo Marktgebietsleiter Alexander Hakenholt zeigt, wie Duisburg mit Klischees aufräumt

    Duisburg? Da denken viele noch immer an Kohle und Stahl, ein Schwerindustriestandort, der seine besten Zeiten hinter sich hat. Auch ich hatte lange nur das 80er-Jahre-Duisburg aus dem Schimanski-„Tatort“ vor Augen: Currywurstbuden und Trinkhallen, Industriebrachen und stillgelegte Kohlenzechen – die perfekte Krimikulisse. Seit dreieinhalb Jahren leite ich für die Deutsche Bank von Duisburg aus das Marktgebiet Niederrhein. Dabei habe ich die Stadt von einer anderen Seite kennengelernt. Ja, im Vergleich zu anderen Metropolregionen ist die Arbeitslosenquote nach wie vor hoch, der Mittelstand traditionell weniger stark ausgeprägt. Aber das ändert sich, und zwar mit Wucht und Tempo. Duisburg hat enormes Potenzial, den Struktur- und Imagewandel treibt die Stadt seit vielen Jahren energisch voran. In Stadtentwicklungsprojekten wie 6 Seen Wedau sehe ich Zeichen eines sehr positiven Trends: Ab 2020 wird das kommunale Wohnungsunternehmen GEBAG auf einer ehemaligen Brachfläche der Deutschen Bahn rund 3.000 moderne Wohneinheiten am Wasser errichten – zentral und mit hohem Freizeitwert, aber dennoch bezahlbar.

    Deutlich wird der Wandel schon jetzt im Duisburger Innenhafen. Bis in die 60er-Jahre galt der frühere Getreidehafen als „Brotkorb des Ruhrgebiets“, doch mit dem Niedergang der Getreidemühlen verödete das Hafengelände mitten in der Stadt. Davon kann heute keine Rede mehr sein: Anstelle ungenutzter Lager- und Gewerbehallen finden sich im Innenhafen inzwischen viele der schönsten und modernsten Büroarbeitsplätze der Stadt, etwa im markanten Five Boats. Der 2004 errichtete Komplex erinnert an fünf ovale Bootsrümpfe, durch die besondere Architektur blicken fast alle Büros aufs Wasser. Ganz in der Nähe liegt das 2007 fertiggestellte Hitachi Power Office, wo der japanische Kraftwerkbauer seinen Europasitz mit rund 800 Mitarbeitern hat. Auch viele Dienstleister und Verwaltungseinrichtungen haben sich im Innenhafen angesiedelt, darunter das Landesarchiv NRW oder die Digitalagentur Krankikom mit rund 120 Mitarbeitern.

    Mit dem Mercator-Viertel entsteht ab 2020 in unmittelbarer Nachbarschaft ein modernes neues Wohnviertel. Doch auch die historische Bausubstanz wird heute wieder genutzt, etwa durch das MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst. Der ehemalige Getreidespeicher aus dem 19. Jahrhundert beherbergt seit 1999 eine der umfangreichsten Sammlungen deutscher Nachkriegskunst, gerade wurde die Ausstellungsfläche um 2.500 Quadratmeter erweitert. Der reizvolle Mix aus Alt und Neu macht den Innenhafen zum lebendigen Ausgehviertel mit angesagten Bars, Bistros und Restaurants direkt am Wasser. Wer Duisburg nur aus dem „Tatort“ kennt, dem bleibt hier garantiert die Spucke weg.

    Das graue „Schimmi“-Image ist an vielen Orten auf dem Rückzug. Aus meinem Bürofenster blicke ich beispielsweise direkt auf den knallbunten Livesaver von Niki de Saint Phalle. Die sieben Meter hohe Brunnenskulptur ist eins der meistfotografierten Motive der Stadt. Seit 1993 steht sie auf der Duisburger Brunnenmeile mitten in der Fußgängerzone. Auch der Landschaftspark Duisburg-Nord mit seinen bunten Lichtinstallationen und dem Open-Air Sommerkino ist ein Gegenentwurf zum Ruhrgebiets-Klischee: Bis 1985 betrieb hier der Thyssen-Konzern das Meidericher Hüttenwerk, heute kann man auf 180 Hektar kilometerweit wandern, radeln, im Kletterpark neue Höhen erklimmen und im stillgelegten Gasometer sogar tauchen. Das hat sich weit über Deutschland hinaus herumgesprochen: Laut der britischen Zeitung „The Guardian“ zählt der Landschaftspark zu den Top Ten der Welt. Von der Aussichtsplattform auf Hochofen 5 geht der Blick über Rhein und Ruhr, den Stadtwald mit dem Duisburger Zoo, den Sportpark Duisburg mit seiner Regattabahn und nebenan die Sechs-Seen-Platte. Viel Blau und Grün, dahinter das komplette westliche Ruhrgebiet und die Skyline von Düsseldorf. Spätestens hier, in 70 Meter Höhe, wird klar: Duisburg, gelegen im Herzen von Nordrhein-Westfalen, ist ein idealer Ort zum Ansiedeln..

    (ILLUSTRATION: VIKTORIA-MARIE SCHIFFLER)

    Mail an Alexander Hakenholt

Unterwegs in einem dynamischen Umfeld: das Team für Firmenkunden der Deutschen Bank Duisburg


Der Grillo-Konzern mit Hauptsitz in Duisburg ist der bedeutendste Zinkverarbeiter weltweit. Links: Der Grillo-Konzern mit Hauptsitz in Duisburg ist der bedeutendste Zinkverarbeiter weltweit. Rechts: Grillo beschäftigt rund 1.500 Mitarbeiter.

Grillo beschäftigt rund 1.500 Mitarbeiter.

Grillo-Werke

Zink und Schwefel: Wilhelm Grillo gehörte 1842 zu den Gründervätern der Ruhrindustrie. Heute ist der Grillo-Konzern der bedeutendste Zinkverarbeiter weltweit. Zweites Standbein ist die Schwefelchemie. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Duisburg beschäftigt rund 1.500 Mitarbeiter und betreibt Produktionsstandorte in Deutschland, Belgien und Frankreich. Zudem gibt es Vertriebsgesellschaften oder 
-niederlassungen in 30 Ländern auf fünf Kontinenten. Knapp die Hälfte des Umsatzes wird im Export erzielt.

Fotos: PR/Grillo-Werke

„Als Bank sind wir am Standort tief verwurzelt und begleiten die Unternehmen vor Ort partnerschaft- lich in die Zukunft“

Alexander Hakenholt, Marktgebietsleiter Niederrhein bei der Deutschen Bank in Duisburg

Gründergeist an Rhein und Ruhr

Der Strukturwandel lugt hier nicht zaghaft um die Ecke – er tritt auf mit breiter Brust. „Die Wirtschaft der Stadt war lange geprägt von der Grundstoffindustrie mit ihren großen Konzernen“, sagt Alexander Hakenholt, Marktgebietsleiter Niederrhein bei der Deutschen Bank in Duisburg. „Durch Zukunftsthemen wie Logistik und Digitalisierung ändert sich das gerade.“ Sie bieten Chancen für Gründer und innovative Unternehmen, die hier auf ein riesiges Einzugsgebiet treffen. Rund 30 Millionen Konsumenten leben in einem Umkreis von 150 Kilometern, mehr als 300.000 Unternehmen sind in der Region ansässig.

Initiativen wie der Unternehmerverband „Wirtschaft für Duisburg“, in dem auch die Deutsche Bank Mitglied ist, engagieren sich für den Standort und einen starken Mittelstand. „Als Bank sind wir am Standort tief verwurzelt und begleiten die Unternehmen vor Ort partnerschaftlich in die Zukunft“, sagt Alexander Hakenholt. Auch die Innovationsplattform startport der Duisburger Hafen AG, in der gut ein Dutzend Start-ups tüfteln, stärkt den Gründergeist an Rhein und Ruhr. Partner der Initiative sind etwa die Universität Duisburg-Essen und das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund – aber auch große Unternehmen aus traditionellen Branchen wie der Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co. Die Deutsche Bank gehört zu den Gründungspartnern und arbeitet eng mit der Initiative zusammen.

Links: Die Getränkegruppe Hövelmann gehört den führenden Getränkelogistikern Deutschlands. Rechts: Zu den Marken der Hövelmann-Gruppe zählen etwa Sinalco oder Staatl. Fachingen.

Zu den Marken der Hövelmann-Gruppe zählen etwa Sinalco oder Staatl. Fachingen.

Getränkegruppe Hövelmann

Sprudelnde Geschäfte: Die RheinfelsQuellen H. Hövelmann stellen Limonaden und Mineralwasser her und gehören zu den führenden Getränkelogistikern Deutschlands. 1905 vom Kaufmann Karl-Albert Hövelmann in Duisburg gegründet, hat der Experte für Prickelgetränke heute rund 650 Mitarbeiter. Zu den Marken der Gruppe gehören etwa Sinalco, Rheinfels Quelle, Aquintéll oder Staatl. Fachingen.

Fotos: PR/Hövelmann

Mit dem „Masterplan Digitales Duisburg“, verabschiedet im Herbst 2019, treibt die Stadt den Wandel zur Smart City zusätzlich selbst voran und präsentiert sich als intelligenter, vernetzter Standort. Enthalten im Plan: ehrgeizige Ziele wie flächendeckender Breitbandausbau bis Ende 2021 oder ein Open-Data-Portal als Basis für innovative Geschäftsmodelle.

Von all dem profitiert, nicht zuletzt, auch die blühende kreative Digitalszene der Region. Angesagte Locations und spannende Events wie die jährliche WestVisions Night im Landschaftspark Duisburg-Nord machen die Stadt für die begehrten Tech-Arbeiter interessant. Also, wo war noch mal dieses Berlin?

Die Stadt treibt den Wandel zur Smart City selbst voran

Bildergalerie: Streifzug durch die Stadt

  • Im Standentwicklungsprojekt 6 Seen Wedau entstehen Wohneinheiten direkt am Wasser.
    Foto: Gebag
    Zentral und mit hohem Freizeitwert: Im Stadtentwicklungsprojekt 6 Seen Wedau sollen rund 3.000 moderne Wohneinheiten am Wasser errichtet werden
  • In der Nähe von Rathaus und Salvatorkirche entsteht das neue Mercatorviertel.
    Foto: PR/Gebag
    Aus Alt wird Neu: Auf den Fundamenten der mittelalterlichen Stadt entsteht in der Nähe von Rathaus und Salvatorkirche ein neues Viertel
  • Im Landschaftspark Duisburg-Nord können Besucher radeln, wandern oder klettern.
    Foto: Thomas Berns
    Naherholung pur: Im Landschaftspark Duisburg-Nord lässt sich auf 180 Hektar radeln, wandern, klettern – und im stillgelegten Gasometer auch tauchen
  • Im Duisburger Innenhafen finden sich einige der schönsten Büroarbeitsplätze der Stadt.
    Foto: PR/Duisburg Kontor
    Am Wasser gebaut: Im Duisburger Innenhafen finden sich einige der schönsten und modernsten Büroarbeitsplätze der Stadt
  • Das MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst beherbergt eine der größten Sammlungen deutscher Nachkriegskunst.
    Foto: PR/Stiftung für Kunst und Kultur e.V.
    Kunst statt Korn: Das MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, ein ehemaliger Getreidespeicher aus dem 19. Jahrhundert, beherbergt seit 1999 eine der umfangreichsten Sammlungen deutscher Nachkriegskunst

 

 


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