Holger Zinke, Chef der Zwingenberger Brain AG, setzt ganz auf die Biologisierung der Industrie: weg vom Öl hin zu biologischen Produkten und Prozessen

Foto: Andreas Reeg

Herrscher über Zauberzwerge

Die Brain AG setzt auf eine neue Art zu produzieren: Mit Mikroben und Enzymen startet der hessische Mittelständler ein Innovationsfeuerwerk. Unternehmenschef Holger Zinke bricht eine Lanze für das Zeitalter der Bioökonomie

Text: Stefan Merx

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Wenn Holger Zinke sein Kapital sehen will, geht er an den Kühlschrank im Keller. Dort lagern bei minus 85 Grad in kleinen Plastikröhrchen seine Schätze: talentierte Mikroorganismen, winzig kleine Produktionskräfte der Zukunft. Viele sind Milliarden Jahre alt, labten sich an unwirtlich heißen Quellen, lebten im Matsch oder in seltsamen Tieren. Im Rampenlicht standen sie nie. Hier, im Souterrain der Brain AG, warten sie nun geduldig auf ihren großen Auftritt in der Industriegesellschaft. Unternehmenschef Zinke ist restlos überzeugt vom Potenzial der gehorteten Kleinstlebewesen. Er klingt wie ein Revolutionär, wenn er sagt: „Das Zeitalter der Biologisierung von Schlüsselindustrien ist angebrochen.“ Mit seinen 120 Mitarbeitern am hessischen Standort Zwingenberg züchtet er im Labor bestimmte Mikroben zu Hochleistungsstämmen. Diese Designer-Organismen sollen auch im industriellen Maßstab dazu dienen, biobasierte Chemikalien zu produzieren, Kraft- und Zusatzstoffe oder Pharmazeutika herzustellen. „Wir bringen bei Brain maßgeschneiderte Mikroorganismen dazu, das zu tun, was wir wollen“, sagt Bioingenieur Zinke.

Der 51-Jährige ist im besten Sinne ein Überzeugungstäter: „Dieser eigensinnige Kopf“, so charakterisierte ihn Horst Köhler schon einmal, „das sind genau die Leute, die uns weiterhelfen werden.“ Das bundespräsidiale Lob erhielt Zinke als Dreingabe zum Deutschen Umweltpreis 2008. „Brain ist in der Bioökonomie absoluter Vorreiter“, sagt auch Tomas Kahn, Life-Sciences-Experte der Deutschen Bank. „Die drei Voraussetzungen kommen optimal zusammen: molekularbiologische Kenntnisse, ein großes Ingenieurwissen und das Vermögen, die eigenen Patentpositionen optimal zu positionieren.“

Ur-Bakterien gegen Treibhausgas

Mit dem Polieren seiner Trophäen, die ihm als Biotech-Pionier überreicht wurden, könnte Zinke viel Zeit verbringen. Doch es geht ihm um die Sache: Er will der „weißen Biotechnologie“ zum Durchbruch verhelfen. Diese nutzt den Werkzeugkasten der Natur, um industrielle Prozesse zu verbessern. „Mit nachwachsenden Rohstoffen können wir die Endlichkeit von Kohle und Erdöl überwinden“, sagt er. „Im Grunde ist das eine Binse, aber erst jetzt durchdringen die Konzepte des nachhaltigen Wirtschaftens effektiv die intellektuelle Avantgarde.“ Vor Jahren wurde er nur belächelt.

Mitunter klingt es fast unglaublich visionär, was die Brain-Mitarbeiter an der beschaulichen Bergstraße austüfteln, um – ganz organisch – den Lauf der Welt zu verändern. Beispiel Rauchgas aus Kraftwerken. Das Ur-Bakterium Acidianus ambivalens soll im Labor gentechnisch so optimiert werden, dass es direkt im Kraftwerk das Treibhausgas CO2 unschädlich macht. Schon von Haus aus futtert der Einzeller Kohlendioxid, jetzt bringen die Brain-Forscher ihm bei, obendrein beim Stoffwechsel ein Vorprodukt für Bioplastik auszuscheiden. „In sechs bis acht Jahren kann das Bioplastik-Verfahren den Break-even-Punkt erreichen“, sagt Zinke. In einem Industriekonsortium treibt er das Vorhaben voran, das potenziell zwei drängende Probleme auf einmal löst: Klimawandel und Knappheit fossiler Ressourcen.

Turboerfolge oder hochtrabende Exitstrategien waren bei Brain nie das Ziel. „Wir haben das Unternehmen von Anfang an auf Stetigkeit ausgerichtet.“ Die Gesellschafterstruktur habe sich über 20 Jahre kaum verändert. Allen voran hält die Familie Putsch – bekanntgeworden mit dem Unternehmen Recaro – einen Großteil der Anteile. Die Umsätze bewegen sich im zweistelligen Millionenbereich.

Er sei ein „zum Unternehmer mutierter Wissenschaftler“, sagt Zinke über sich selbst. Als Jungwissenschaftler drang er vor zur Funktionsweise von Pflanzen, zu Konstruktionsprinzipien und Kausalitäten, zur Software des Lebens. „Ein Biologiestudium hatte damals noch eher deskriptive Züge, aber Tierpräparationskurse und Insektensammlungen waren nicht meine Sache“, sagt Zinke. Ihn faszinierten mehr die Prozessbeschleuniger der Natur: Enzyme und Biokatalysatoren. Der Darmstädter Professor Hans Günter Gassen, der später Zinkes Doktorvater wurde, begeisterte ihn in den achtziger Jahren auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion – der Zündfunke. 1993 zählte Biochemiker Gassen zu den vier Gründern von Brain.

Der Firmenname steht für das „Biotechnology Research And Information Network“ – und beschreibt präzise den Auftrag der frühen Jahre: hochinnovative Auftragsentwicklung für große Chemie-, Pharma- und Lebensmittelunternehmen wie Henkel, BASF, Evonik oder Südzucker. „In vielen Chemikalien steckt auf verschiedenen Prozessschritten Biologie, die von uns stammt“, sagt Zinke. Die rund 100 Kooperationspartnerschaften sind langfristig angelegt.

Enzyme sorgen für saubere Wäsche

So hatte Brain an der Optimierung der Waschkraft von Waschmitteln großen Anteil. „Die Zeit, dass man mit Zehn-Kilo-Trommeln Waschmittel herumlief und unsere Flüsse Schaumkronen trugen, ist zum Glück vorbei“, sagt Zinke. Und er selbst half mit. Stärkeabbauende Enzyme von Brain, für den Hersteller Henkel programmiert, sorgen seit Jahren da- für, dass Wäsche schon bei 40 Grad so sauber wird wie früher bei 60 Grad. Die Energieeinsparung führt aufs Jahr gerechnet zur Reduktion von über einer Million Tonnen Kohlendioxid allein in Deutschland.

Wer Mitarbeitern des Brain-Teams zuhört, fühlt sich wie in einem Science-Fiction-Film. Eine Wundauflage, die aus Enzymen einer Made konzipiert ist? Ergibt Sinn, wenn die Made darauf gepolt war, abgestorbenes Material zu fressen. Ein Zuckermolekül, das mit Mikroorganismen so verändert wurde, dass es keine Kalorien hat? Könnte ein Blockbuster für die Getränkeindustrie werden.

Selbst eine in der Petrischale gezüchtete Zunge ist kurz vor der Vollendung. Brain-Forschern ist es gelungen, eine menschliche Geschmackszelle zu solieren und gentechnisch zu vervielfältigen. Die Kunstzunge soll in großen Versuchsreihen eingesetzt werden, die für menschliche Testkoster unzumutbar wären. So lässt sich ermitteln, wie neue natürliche Inhaltsstoffe schmecken und wirken.

Dazu passt, dass Brain ein Patentportfolio von Bitterblockern von BASF zurückgekauft hat. Da in Medikamenten die eigentlichen Wirkstoffe oft bitter oder metallisch schmecken, braucht die Pharmaindustrie hier geschmackssichere Unterstützung. Brain steht bereit.

Die Brain-Macher haben stets mehrere Produkte in der Pipeline. Die Autoren des Biotechnologiereports der Wirtschaftsprüfung Ernst & Young (EY) sprechen angesichts der breiten Diversifizierung der Zwingenberger von einer „Multi-Product Opportunity“-Unternehmung. Siegfried Bialojan, Life-Science-Experte bei EY, sieht Brain an einem Wendepunkt, was die Geschäftsstrategie angeht: „Die meisten Unternehmen der weißen Biotechnologie haben sich in der Anfangsphase als Technikprovider verstanden, die in Kollaboration mit großen Industrieunternehmen Projekte bearbeitet haben und dafür bezahlt wurden“, erklärt Bialojan. Nun schaltet Zinke ganz bewusst um in Richtung Industrialisierung – und ist damit Branchenvorreiter.

Ein Testfeld für den Alleingang ist die Kosmetikindustrie. Es geht nun darum, die Lösungen aus der eigenen Technologiewerkstatt bis zum Konsumenten zu tragen – und die Erlöschancen selbst wahrzunehmen. Das eigene Wissen um die molekularen Prozesse der Hautalterung und Faltenbildung soll sich auszahlen.

Zinke überzeugte in zwei Finanzierungsrunden seine privaten Kapitalgeber, zunächst 12,5 Millionen Euro und im Jahr 2012 noch einmal 60 Millionen Euro bereitzustellen, um damit Unternehmen für den Aufbau einer Kosmetikproduktion zu kaufen. „Wir investieren auch, um Verständnis für das Konsumentenverhalten zu gewinnen.“ Mit der Marke Monteil Cosmetics, die Brain mehrheitlich gehört, will man sich einen Namen machen für Hautpflege mithilfe bioaktiver, natürlicher Wirkstoffe.

Trend gegen künstliche Zusatzstoffe treibt das Geschäft

Aufmerksam beobachtet Zinke, dass ausgerechnet eine kleine Naturkosmetikfirma wie Dr. Hauschka zum Renner unter Hollywood-Sternchen und Topmodels aufgestiegen ist. Die gesellschaftlichen Megatrends hin zu mehr Natürlichkeit gerade im Luxussegment spielen Brain in die Karten: „Das veränderte Konsumentenbewusstsein, die wachsende Skepsis gegenüber synthetischen Produkten, ist einer der zentralen Geschäftstreiber für die Bioökonomie“, sagt Zinke. „Der Konsument ist der Souverän.“

Das Umdenken habe längst große Konzerne erfasst. Ein Kunde in den USA, der sich als Nachhaltigkeitsführer im Lebensmittelsegment sieht, wolle komplett Abstand nehmen von künstlichen Zusatzstoffen. Das Weltunternehmen hat bei Brain angeklopft, um sich Alternativen aus dem Zauberkasten der Natur anbieten zu lassen. Name? Zinke lächelt und schweigt.

Thesen

Wachstumsmarkt: Biotechnologische Verfahren erobern immer mehr industrielle Prozesse. Die sogenannte weiße Biotechnologie wächst schneller als die traditionelle chemische Industrie.

Vorreiter: Nur zwei Dutzend deutsche Firmen sind in diesem Segment tätig. Die Brain AG gilt als ein Schrittmacher der Bioökonomie.

Treiber: Das veränderte Konsumentenbewusstsein in Richtung natürlicher Produkte und das Wissen um die Endlichkeit fossiler Ressourcen verhelfen biotechnischen Produkten und Verfahren zu mehr Relevanz.


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