Der Start der Deutschen Bank in den letzten Monaten der DDR war ein Medienereignis. 25 Jahre später ist die Bank ein feste Größe in den neuen Ländern

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Die Währung der Einheit

Um Mitternacht am 1. Juli 1990 beginnt die Deutsche Bank mit der Einführung der D-Mark in der DDR. 25 Jahre später beschreibt ein Buch die Geschichte der Bank in den neuen Ländern

Text: Stephan Schlote

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Im Sommer 1990 ist in Berlin nichts mehr wie bisher. Es ist Samstagnachmittag, 30. Juni, wenige Stunden bevor die neue Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion in Kraft tritt. Und wenige Stunden bevor die Bürger der noch existierenden DDR ihre Ersparnisse in D-Mark tauschen können. Es herrscht eine flirrende Stimmung, denn da ist auch noch Fußball-WM, am nächsten Abend wird Deutschland gegen die Tschechoslowakei antreten. Tausende Autos sind dauerhupend in der Stadt unterwegs, die Seitenfenster heruntergekurbelt, die Deutschlandfahne knattert im Fahrtwind. Am Alexanderplatz vor dem „Haus der Elektroindustrie“ sammelt sich gerade eine immer größer werdende Menschenmenge. In einem der Geschäfte hat die Deutsche Bank mit ein paar bunten Luftballons und Aufstellern hektisch Quartier bezogen. Und alle wissen: In wenigen Stunden wird hier Geschichte geschrieben.

Als um Mitternacht die Währungsunion beginnt, öffnet die Deutsche Bank am Alex als erste Bank ihre Schalter. Ab sofort kann jeder DDR-Bürger Mark in D-Mark tauschen, in jene Währung, die für so viele Ostdeutsche über Jahrzehnte das Symbol von Wohlstand und wirtschaftlicher Freiheit war. Per Lautsprecher beruhigt der Pressesprecher der Bank die aufgeregt Wartenden: Man habe „genügend Geld für alle da“. Rund 300 Fotografen, Journalisten und TV-Reporter beschreiben den nächtlichen Tumult für die ganze Welt. Polizei ist vor Ort, doch auch sie wird des Ansturms nicht Herr. Scheiben gehen zu Bruch, mehr als zehn Personen werden in dem Gedränge verletzt. Und irgendwann geht doch das Geld aus, neues muss schleunigst beschafft werden. Erst am Morgen beruhigt sich die Lage. Rund zehn Millionen D-Mark hat die Bank allein am Alexanderplatz in diesen Stunden unter die Leute gebracht. Die Bilder jener Nacht gehen um die Welt. So startet die Deutsche Bank in Ostdeutschland. Nach mehr als vier Jahrzehnten ist Deutschland wieder zu einem gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraum vereint. Und für die Deutsche Bank ist es der Beginn eines erfolgreichen Comebacks. Denn in dieser Nacht geht sie auch zu ihren ostdeutschen Wurzeln zurück. 1870 wurde die Bank mitten in Berlin gegründet, dort soll sie bis April 1945 ihre Zentrale haben. Dann schließen die Sowjets alle Filialen und Geschäftstätigkeiten, die Deutsche Bank wird zum „ruhenden Institut“ und darf nur noch Tätigkeiten der eigenen Abwicklung und Auflösung durchführen. Aus dem ostdeutschen Alltag verschwindet die vormals größte deutsche Bank für Jahrzehnte.

In keinem Planspiel vorgesehen

Aber nur bis 1989. Über Nacht öffnet sich nicht nur eine Grenze, sondern auch ein Markt. Mehr als 16 Millionen DDR-Bürger hoffen auf Teilhabe an westlichem Lebensstandard. Auch die Deutsche Bank, die gerade mitten im zunächst hochgeheimen Vorstandsprojekt „Magic“ steckt, der Übernahme der Londoner Merchant Bank Morgan Grenfell, erwischt der Umbruch kalt. Allerdings ist die DDR für die Bank kein unbekanntes Land. Früher als andere Wirtschaftsvertreter plädiert der damalige Vorstandssprecher Alfred Herrhausen schon kurz nach dem Fall der Mauer für eine Einheit beider deutscher Staaten. Dies, so Herrhausen, sei „historisch, kulturell und unter menschlichen Gesichtspunkten ein natürliches Bestreben“. Herrhausen soll Recht behalten, erleben darf er es nicht. Während sich die Deutschen noch immer über den Fall der Mauer wenige Wochen zuvor freuen, wird er am 30. November 1989 ermordet.

Es ist ein schwarzer Tag für Deutschland, doch die deutsche Geschichte lässt sich in diesen Monaten nicht bremsen. Politiker in Ost und West verhandeln bereits über die Form einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen den beiden deutschen Staaten, zum 1. Juli 1990 tritt sie in Kraft. Es ist ein Datum, das nach dem Mauerfall am 9. November den zweiten bedeutenden Meilenstein auf dem Weg zur deutschen Einheit bildet. DDR-Mark kann 1:1 in D-Mark getauscht werden, alle laufenden Zahlungen wie Löhne oder Rente werden auf D-Mark umgestellt. Zugleich übernimmt die noch existierende DDR die westdeutsche Wirtschafts- und Sozialordnung. Der Weg zur Einheit ist gelegt.

D-Mark-Ausgabe an 140 Standorten

Gemeinsam mit der Staatsbank der DDR gründet die Deutsche Bank ein Joint Venture: die „Deutsche Bank – Kreditbank AG“. In nur wenigen Wochen ist eine funktionsfähige Geschäftsbank mit über 9000 Mitarbeitern entstanden, davon mehr als 8000 aus der Staatsbank. So kann die neue Bank pünktlich zum Start der Währungsunion an 140 Standorten ihre Schalter öffnen. Was heute so kontrolliert klingt, läuft tatsächlich etwas wilder. Denn zunächst mangelt es an allem: Telefonleitungen, EDV-Netzen, Computern, Faxgeräten, Druckern, Rechenzentren. Und schnelle Antwort gibt es meist nur per Funktelefon.

Alles ist Neuland für Mitarbeiter

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    Am 1. Juli 1990 drängen Tausende zum Geldumtausch Ost- gegen D-Mark
  • Foto: Deutsche Bank AG, Historisches Institut
    Die eingetauschte DDR-Währung ist nur noch Altpapier
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    Stationen eines Währungswechsels: Im Sommer 1989 unterschreibt Deutsche Bank Vorstandssprecher Alfred Herrhausen mit Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher ein deutsch-sowjetisches Wirtschaftsabkommen
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    Zweimal Deutsche Bank im Osten: Wittenberger Filiale zur Wendezeit…
  • Foto: Deutsche Bank AG
    …und heutige Deutsche Bank Unter den Linden in Berlin

Eine Zeitreise in die ostdeutschen Aufbaujahre der Deutschen Bank bietet ein vor wenigen Wochen erschienenes Buch. Zudem beschreibt die Publikation die Geschichte der Bank seit ihrer Gründung 1870 in Berlin. Martin L. Müller, Reinhard Frost: „Vereint: 25 Jahre Deutsche Bank in den neuen Bundesländern“. Mitteldeutscher Verlag, 136 Seiten, 19,95 Euro

Zugleich müssen die ehemaligen Angestellten der Staatsbank für das neue Bankgeschäft geschult werden. Denn das eigentliche Kreditgeschäft und der Kern des Bankgeschäfts, die Bewertung von Risiken, sind den meisten unbekannt. „Es ist deprimierend für uns zu erfahren, dass wir von dem, was wir gelernt haben, nichts anwenden und übernehmen können. (...) Alles ist Neuland“, beschreibt eine der neuen Kolleginnen ihren ersten Eindruck. Rund 1000 westdeutsche Mitarbeiter gehen für ein Jahr als „Starthelfer“ in die neuen Bundesländer, 400 bleiben auf Jahre.

Beginn als „kontrolliertes Chaos“

„Wir haben in der DDR in einer Art kontrolliertem Chaos begonnen”, wird Vorstandssprecher Hilmar Kopper später sagen. Denn wofür die Bundesrepublik viele Jahre hatte, das müssen Menschen und Wirtschaft in Ostdeutschland nun im Zeitraffer bewältigen. Rund 250 Millionen D-Mark investiert die Deutsche Bank bis zum Start der Währungsunion allein in den Aufbau des ostdeutschen Filialnetzes. Kommentar von Bankchef Hilmar Kopper: „Jetzt beginnt das Geschäft, jetzt kommt der große Test.“ Die Bank sollte den Test bestehen. Keine drei Monate nach Geschäftsbeginn wird schon der 250 000. Privatkunde in den neuen Ländern begrüßt, gut ein Jahr später sind es über eine Million. Täglich werden 5000 Konten eröffnet. Viele Menschen nutzen die neue Zeit für den Aufbau einer beruflichen Existenz. Heute betreut die Deutsche Bank rund 1,5 Millionen Kunden in Ostdeutschland, davon rund 100 000 Firmenkunden. Vor allem mit Firmenkunden ist das Geschäft zunächst alles andere als einfach. Die Bank hat sich zum Ziel gesetzt, die großen Betriebe und Kombinate bei der Umstrukturierung und Modernisierung mit Krediten zu unterstützen. Doch jede reguläre Form der Risikoeinschätzung ist praktisch unmöglich. Sachlich fundierte Bilanzen, Gewinn-und-Verlust-Rechnungen oder sonstige Zahlen sind nicht zu bekommen. Eine Vorhersage über den Erfolg unternehmerischen Handelns zu geben ist da fast unmöglich.

Deutsche Bank geht ins Risiko

Viele Kredite sind zunächst von der Treuhand besichert, doch die Bank geht immer mehr ins eigene Risiko – zum Teil bis an die Grenzen des wirtschaftlich Machbaren. Ein ostdeutsches Kreditvolumen von 18 Milliarden D-Mark steht Ende 1992 auf eigener Rechnung in den Büchern. Zwei Jahre später werden die letzten noch vorhandenen staatlich verbürgten Liquiditätskredite von der Treuhandanstalt abgelöst. Ab da verantwortet die Bank die Risiken, die in den neuen Ländern dreimal so hoch lagen wie in den alten, allein.

Nach etwa einem Jahrzehnt ist der Aufbau des Geschäfts in den neuen Bundesländern im Wesentlichen abgeschlossen. Noch heute arbeiten rund 1000 Mitarbeiter „der ersten Stunde“ für die Deutsche Bank. Für viele von ihnen waren die Jahre des Umbruchs und Aufbaus die prägende Zeit ihres Berufslebens. „Der Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft“, sagt Harald Eisenach, heute Vorsitzender der regionalen Geschäftsleitung der Region Ost, „war ohne Zweifel ein steiniger Weg.“ Doch die Richtung stimmt. Seit etwa zehn Jahren belegen steigende Beschäftigungs- und Umsatzzahlen den Aufholprozess der neuen Bundesländer. Und die Deutsche Bank ist heute in den neuen Ländern ein selbstverständlicher Teil des Wirtschafts- und Geschäftslebens. Das ist auch Zeichen einer neuen Normalität und als solches irgendwie angenehm beruhigend. Denn Aufregung gab es in den vergangenen 25 Jahren ja genug für alle.


Eine Chronik deutscher Geschichte

1870 Gründung der Deutschen Bank in Berlin
Oktober 1929 Fusion mit dem größten Wettbewerber, der Disconto-Gesellschaft, zur neuen „Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft“. Aufstieg zur führenden deutschen Filialbank mit fast 300 Niederlassungen
Oktober 1937
Änderung des Firmennamens in Deutsche Bank
April 1945
Zwangsschließung aller Kreditinstitute in Groß-Berlin durch den sowjetischen Stadtkommandanten
1947/48 Verschärfung des Konflikts zwischen den westlichen und östlichen Siegermächten, Aufspaltung der Deutschen Bank in zehn Teilinstitute in den drei Westzonen
Juni 1948 Währungsreform mit Einführung der D-Mark in den westliche Besatzungszonen und in West-Berlin, Beginn der Berlin-Blockade bis Mai 1949
Juli 1948 Gründung der „Deutschen Notenbank“ als Zentralbank der sowjetischen Besatzungszone, Währungsreform, Einführung einer eigenen Mark (Ost) als nicht konvertierbare Binnenwährung
Oktober 1949 Gründung der DDR
Mai 1957 Wiedererrichtung der Deutsche Bank AG mit Sitz in Frankfurt am Main
November 1989 Mauerfall in Berlin, Übernahme der britischen Merchant Bank Morgan Grenfell, Ermordung des Vorstandssprechers Alfred Herrhausen
April 1990 Gründung der Deutsche Kreditbank AG zur Aufnahme des Geschäftsbankenanteils der Staatsbank der DDR
Juni 1990 Gründung einer gemeinsamen Geschäftsbank von Deutscher Bank und Staatsbank unter dem Namen „Deutsche Bank – Kreditbank AG“ mit rund 9000 Mitarbeitern. Aufbau des Privat- und Firmenkundengeschäfts
Juli 1990 Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der DDR, Einführung der D-Mark in Ostdeutschland
Oktober 1990
Deutsche Wiedervereinigung
1997
Gründung der Deutsche Guggenheim in Berlin als Kooperation zwischen der Guggenheim Foundation und der Deutschen Bank
1998 Nach langen Investitionen schreibt die Region Ost der Deutschen Bank erstmals schwarze Zahlen
September 2005 Eröffnung der Pilotfiliale „Q110“ in Berlin-Mitte
Juni 2006 Übernahme der Berliner Bank
April 2013 Gründung der Deutsche Bank KunstHalle als Nachfolger der Deutsche Guggenheim
September 2013 Neuorganisation des Inlandsgeschäfts. Die neue Geschäftsregion Ost umfasst die neuen Länder und Berlin mit 1,5 Millionen Kunden, davon rund 100 000 Firmenkunden

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