Ehepaar mit Mission: Die Start-up-Idee entstand aus Marcel Pfützners Doktorarbeit, gemeinsam mit Viola stellt er seine Organmodelle den Chirurgen vor

Foto: Nora Bibel

Mit Herz und Hand

Organe aus dem Drucker? Marcel und Viola Pfützner liefern sie mit ihrer „Medizinischen Modellbau Manufaktur“ auf Bestellung – und helfen so Ärzten bei komplizierten Operationen

Text: Stefan Merx

zum Artikel

results Abonnement

So kommt results direkt auf Ihren Schreibtisch

Mit dem kostenlosen Print-Abo verpassen Sie keine Ausgabe und haben wichtige Tipps und Analysen für Mittelständler stets griffbereit.

Hier kostenfrei bestellen

Immer, wenn Marcel Pfützner beim Arztbesuch seine Knochen und Organe auf den Tisch packt, hat er schon fast gewonnen. „Die Ärzte sind oft sprachlos, dass das überhaupt möglich ist.“ Der 33-jährige Maschinenbauingenieur holt die Fragmente aus einem schaumstoffgepolsterten Alukoffer. „Auch Herzen sind für uns kein Problem“, sagt der Geschäftsführer der „Medizinischen Modellbau Manufaktur“, kurz MMM GmbH. Rund 3000 Euro kosten die lebensechten Modelle, die Pfützner auf Basis von Patientendaten erschafft. Wie er das anstellt? Mit einem 3-D-Drucker, Spezialsoftware, Flüssigkunststoff – und viel Know-how.

„Das hier ist eine komplizierte Beckenfraktur, für den Operateur ein wirkliches Puzzle“, erklärt Pfützner. Die betroffene Frau profitierte davon, dass der Operateur an Pfützners Doubletten ihrer Knochenteile im Originalmaßstab ausprobieren konnte, wie er das Becken später in der Patientin flicken würde. „Bei manchen OPs hat man ganz einfach nur einen Versuch“, sagt Pfützner. „Da kann die Vorbereitung nicht gut genug sein.“ Der Arzt testet am originalgetreuen Modell außerhalb des Körpers, ob vorkonfektionierte Implantate passen, wie er durch Minischnitte später die Instrumente ansetzt und welche Schraubenlängen er benötigt.

Wildau ist ein idyllischer Ort vor den Toren Berlins. Dass hier in einem Backsteinbau soeben die Medizintechnik revolutioniert wird, ist äußerlich kaum zu erahnen. Noch ist MMM ein Start-up in der Frühphase. Drei bescheidene Räume, drei Akademiker, viel Herzblut, Fleiß – und die beflügelnde Gewissheit, als Pioniere in einem rasant wachsenden Milliardenmarkt mitzumischen. 3-D-Druck gilt als riesiges Zukunftsthema der additiven Fertigung. In der Zahnmedizin kommen bereits heute Implantate aus dem Drucker. „Die Technik ist dort kostenseitig schon konkurrenzfähig“, sagt der promovierte Medizintechniker Pfützner. „In fünf Jahren werden 3-D-Drucker in allen großen Unternehmen und Krankenhäusern stehen.“ Ganz ähnlich äußern sich Marktforscher, etwa von Gartner, die 3-D-Druck als einen Top-Technologietrend einstufen.

Ein pechschwarzer, hüfthoher Apparat steht im Technologie- und Gründerzentrum. Von Pfützner programmiert, fahren acht Druckköpfe über eine Platte. Binnen Stunden wächst aus gehärteten Flüssigkunststoffen ein Kabinett der Körperteile. Und das auf Basis echter medizinischer Bilddaten, die zuvor etwa in CT- oder MRT-Untersuchungen gewonnen worden sind. „Wir sind der verlängerte Arm der Radiologie“, sagt Pfützner. Die Patientendaten nimmt MMM von kooperierenden Kliniken anonymisiert entgegen. Binnen 72 Stunden werden die anatomischen Modelle geliefert. Sie dienen einer präzisen Operationsplanung, die es so anfassbar noch nie gegeben hat. Mit dieser Idee, abgeleitet aus seiner Doktorarbeit, ging Marcel Pfützner gemeinsam mit seiner Ehefrau Viola 2014 an den Start. Inzwischen nutzen rund 30 Kliniken vorwiegend in Ostdeutschland den Service von MMM.

Zweite Finanzierungsrunde

Selbst Organe von Patienten, etwa Herzen, kann der Drucker in einer Acht-Stunden-Schicht nachbilden. Auch die Haptik entspricht dem Original. Knöcherne Strukturen kommen hart aus dem Drucker, dagegen planen Kardiologen und Onkologen den Eingriff an flexiblem Weichteilgewebe. Die Spezialisten von MMM verstehen sich als Dienstleister der Mediziner: „Selbst wenn sie die Software hätten und den Drucker – es macht sich nicht von selbst“, sagt Pfützner. Kenntnisreiche Vorbereitung und feine Nacharbeiten sind nötig. „‚Manufaktur‘ steht nicht umsonst im Unternehmensnamen.“

Den ökonomischen Nachweis zu führen, dass die 3-D-Modelle OP-Zeiten verkürzen, bessere Ergebnisse verheißen und auch Liegezeiten und Folgekosten verringern – all das dürfte MMM auch dank begeisterter Stimmen aus der Ärzteschaft gelingen. Doch potenzielle Investoren stellen alle dieselbe Frage: Wer zahlt für die Modelle? Bleibt es ein Spezialangebot für private Kundschaft, die es sich leisten kann? Oder wird die Innovation zur Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen? Ein erfolgskritischer Faktor für MMM. Auch Kliniken, die diese perfekte Form der OP-Vorbereitung anbieten, können es als Pluspunkt im Wettbewerb vermarkten. Viola Pfützner verhandelt gegenwärtig mit verschiedenen Kostenträgern – „mal auf Vorstandsebene, mal bleibt man in der Bürokratie stecken“, so ihre Erfahrung.

Anschub für Gründer

Ein Spezialteam der Deutschen Bank hilft in der Frühphase
Um die Expansion schnell wachsender junger Unternehmen mit Fokus Internet unkompliziert zu begleiten, hat die Bank in Berlin das Team Startups@Berlin gegründet. Unternehmer bekommen von den Spezialisten Service aus einer Hand, auch bei komplexeren Finanzthemen in späteren Phasen. Start-ups brauchen nicht nur eine Geschäftsidee. Um die Anlaufkosten zu stemmen, ist ein durchdachtes Finanzierungskonzept nötig: Der Gründerkredit „Startgeld“ der Förderbank KfW kommt dabei für fast alle Vorhaben in Betracht. Auch ohne Eigenkapital gibt es bis zu 100 000 Euro für Investitionen, Betriebsmittel oder auch den Kauf eines Unternehmens. Aktuell liegt der effektive Jahreszins bei 2,07 Prozent. Die Deutsche Bank ist – wie auch bei MMM – als Finanzierungspartner an Bord. Der Berater prüft die Kreditwürdigkeit und stimmt das Vorhaben mit der KfW ab.
Weitere Informationen:
www.deutsche-bank.de/startups

  • Foto: MMM-3D
    Vom echten Becken zum originalgetreuen 3-D-Modell: Software und Drucker sind nur der Anfang. „Nicht umsonst tragen wir das Wort ‚Manufaktur‘ im Namen“
  • Foto: Nora Bibel

Finanzierung mit öffentlichen Fördergeldern erleichterte den Start

"Wenn der Durchbruch gelingt und die erste Kasse die Leistung übernimmt, kann hier was durch die Decke gehen“, weiß das Gründerpaar. Ob und wann der Turbo zuündet? „Das ist ein Blick in die Glaskugel“, sagt Marcel Pfützner. „Wir haben gelernt, uns nicht so weit aus dem Fenster zu lehnen.“ Die Pfützners bevorzugen die leisen Töne, kalkulieren konservativ und ziehen als Eltern zweier Kinder immer ein Sicherheitsnetz ein. Zum Beispiel ein zweites Geschäftsfeld namens HumanX. Auch hier werden Herzen gedruckt, aber mit anderer Zielgruppe. Es geht um anatomische Trainingsmodelle, mit denen Kliniken und Hersteller medizintechnischer Instrumente ihr Fachpersonal schulen können. Und der neu eingestellte Mitarbeiter Stephan Zeidler setzt unter dem Namen CustomX ein drittes Geschäftsfeld aufs Gleis: Auch für Unternehmen außerhalb der Medizintechnik fungiert MMM als 3-D-Druckdienstleister – so etwa im Prototypenbau. Mit ihrer zurückhaltend geerdeten Art sind die Pfützners auffällig anders als manche Me-too-Gründer aus der Internetszene. Gemeinsam mit Doreen Pommeranz von der Deutschen Bank in Königs Wusterhausen stellten sie die Finanzierung auf die Beine und banden dabei öffentliche Fördermittel ein, etwa das Startgeld der KfW. „Wir stehen wöchentlich in Kontakt, das wechselseitige Vertrauen ist da“, sagt Doreen Pommeranz. Diese Spezialeinheit der Bank kümmert sich gezielt um Gründer.

Das MMM-Tempo ist hoch. Und durch das breitere Produktspektrum stieg der Kapitalbedarf. „Die eigentliche Planung war schnell über den Haufen geworfen“, sagt Marcel Pfützner freimütig. „Wir haben das Potenzial der neuen Geschäftsfelder gesehen und weiter investiert.“ Eine zweite Finanzierungsrunde steht bevor, denn an Visionen mangelt es nicht: Das Schlagwort vom „Bio-Printing“ macht die Runde: MMM könnte langfristig bioresorbierbare Materialien drucken. Diese könnten zukünftig von Zellkulturen besiedelt und in ein Organ umgewandelt werden. Menschliche Ersatzteile auf Basis des 3-D-Drucks? „Auch das ist unser Ziel“, sagt Marcel Pfützner.


Verwandte Artikel

 


Artikel teilen

article_arrow_right
02-2015/mit-herz-und-hand.html
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Weitere Infos zu Cookies und deren Deaktivierung finden Sie hier.