Altes Material, neue Form: die Holzkonstruktion "Metropol Parasol" des deutschen Architekten Jürgen Mayer in der Altstadt von Sevilla

Foto: Mauritius Images/Age

Spaniens neue Perspektiven

Das ehemalige Krisenland Spanien feiert ein überraschendes Comeback. Deutsche Mittelständler profitieren von den erfolgreichen Wirtschaftsreformen und der Aufbruchsstimmung im Land. Doch politische Risiken bremsen die Euphorie noch

Text: David Selbach, Sarah Sommer

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Friedhelm Runge ist bester Laune. Gerade erst ist der Geschäftsführer der Unternehmensgruppe EMKA Beschlagteile von einem Besuch seines Gummiwerks im spanischen Arnedo zurückgekehrt in die Firmenzentrale im nordrhein-westfälischen Velbert. „Sehr, sehr positiv“ ist sein Eindruck: „In den Industriegebieten herrscht eine regelrechte Aufbruchsstimmung.“ Der Optimismus seiner spanischen Mitarbeiter und Geschäftspartner hat den deutschen Mittelständler angesteckt. Die bestehende 10 000 Quadratmeter große Produktionsfläche in Arnedo will er schon bald verdoppeln.

So viel Freude hatte Runge lange nicht an seinem Spanien-Investment. Vor fünf Jahren hatte der Unternehmer das Gummiwerk Hals über Kopf von seinem angeschlagenen Zulieferer SaarGummi übernommen. Kurz darauf brach die Finanzkrise über Europa herein. Runge musste, wie viele deutsche Mittelständler in dieser Zeit, Umsatzeinbrüche von mehr als 30 Prozent hinnehmen. Die neugeschaffenen Produktionskapazitäten wurden erst einmal zur Belastung. Und Spanien, bis eben noch ein vielversprechender Wachstumsmarkt für den Beschlagteile-Hersteller aus Velbert, galt plötzlich als Pleitekandidat.

Der viertgrößte Wirtschaftsraum Europas wurde auf einmal in einem Atemzug mit maroden Volkswirtschaften wie Griechenland, Portugal und Irland genannt. „Dieser Vergleich war allerdings so nie berechtigt“, sagt Barbara Böttcher, Leiterin des Bereichs Wirtschafts- und Europapolitik bei Deutsche Bank Research. Natürlich, auch Spanien habe wirtschaftspolitische Fehler gemacht. Es ließ eine Immobilienblase und einen enormen Anstieg der privaten und öffentlichen Verschuldung zu, erläutert Böttcher. „Doch Spanien ist trotz alledem nach wie vor ein funktionierender Staat mit einer starken, breit aufgestellten Volkswirtschaft. Deshalb konnte das Land die Krise für einen Neuanfang und längst fällige Strukturreformen nutzen.“ Wie schnell es für die Wirtschaft wieder aufwärts ging, überraschte dann aber doch viele Beobachter. Schon im zweiten Halbjahr 2013 zeigten sich zaghafte Zeichen einer Erholung: Mit einem Miniwachstum von 0,1 Prozent endete im dritten Quartal 2013 die längste Rezession seit dem Ende der Franco-Diktatur. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland zogen an, die Arbeitslosenzahl sank erstmals wieder unter die symbolisch wichtige Marke von fünf Millionen, Exporte und Produktivität legten zu.

Thesen

Probleme: Als „PIIGS-Staat“ wurde Spanien mit Portugal, Irland, Italien und Griechenland in einen Topf geworfen und zum Krisenland erklärt. Doch dieses Etikett hat das Land nie verdient.

Lösungen: Dank Reformen und besserer Konjunktur findet das Land gerade aus der Rezession heraus – mit einem Tempo, das viele Beobachter überrascht hat.

Weforma: Enger Kundenkontakt

Produkte des rheinischen Mittelständlers Weforma kommen überall dort zum Einsatz, wo Bewegungsenergien gedämpft werden müssen. Mit 110 Mitarbeitern fertigt das Stolberger Unternehmen Dämpfungs- und Schwingungskomponenten. Zwei Drittel der Produktion gehen in den Export. Spanische Großkunden werden direkt vom Standort Deutschland aus betreut. „Unsere Ingenieure fliegen regelmäßig nach Spanien“, sagt Geschäftsführer Thomas Schmidt. „Unsere wichtigsten Kunden sitzen im Dreieck Bilbao– Madrid–Barcelona, da lässt sich das Geschäft gut auch von Deutschland aus abwickeln.“

Spanien schaffte den Ausstieg aus dem europäischen Rettungsprogramm. Für 2015 sagt das Research-Team der Deutschen Bank ein Wachstum von 2,5 Prozent voraus. „Das ist das stärkste Wachstum der vier großen Euroländer“, sagt Böttcher. Davon profitieren nicht zuletzt deutsche Unternehmer. So sind etwa die Exporte nach Spanien 2014 um mehr als elf Prozent gestiegen. Dieser Trend könnte sich fortsetzen: Viele spanische Unternehmen holen aufgeschobene Investitionen nach, berichtet Miriam Neubert, Repräsentantin der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortförderung Germany Trade and Invest (GTAI) in Madrid. „Dass vor allem Ausrüstungsgüter und langlebige Konsumgüter gefragt sind, begünstigt deutsche Anbieter.“ Exporteure aus Automobilindustrie und Maschinenbau profitieren bereits vom spanischen Aufschwung. „Erstmals leben 2015 aber auch die Bauinvestitionen auf“, berichtet Neubert. Das könnte Nachfrage nach baubezogenen Produkten nach sich ziehen.

Auch Thomas Schmidt verspricht sich gute Geschäfte durch den spanischen Aufschwung. Der Geschäftsführer des Dämpfungstechnik-Herstellers Weforma mit Sitz im rheinländischen Stolberg beliefert rund zwei Dutzend Großkunden und eine Vielzahl kleinerer Betriebe in Spanien mit Komponenten für Maschinen, für die Wehrtechnik und den Schiffbau. Einen nachhaltigen Einbruch der Geschäfte hat die spanische Krise für Weforma nicht mit sich gebracht. „Die großen, exportorientierten spanischen Unternehmen, unsere Großkunden also, waren von der Krise kaum betroffen“, berichtet Schmidt. „Teilweise konnten wir mit diesen Unternehmen sogar schon während der Krisenjahre den Umsatz steigern.“

Auch kleinere Firmen sind wieder positiv gestimmt

Auch kleinere spanische Firmen, die vorwiegend für den eigenen Markt produzieren, seien nun langsam wieder positiver gestimmt. „Während der Krisenjahre hatten diese Unternehmen große Schwierigkeiten, baten uns oft um verlängerte Zahlungsziele“, sagt Schmidt. „Wir haben uns dann sehr genau angeschaut, wie sie aufgestellt sind, und Kunde für Kunde entschieden, wie wir unser Geschäft sichern können.“ Mit Erfolg: Seit dem Jahr 2013 konnte Schmidt seinen Umsatz in Spanien sechsstellig steigern. Jetzt sei spürbar, dass die spanischen Geschäftspartner auch wieder längerfristige Investitionen angehen, berichtet er: „Wir haben gerade einen großen Rahmenauftrag über zwölf Monate abgeschlossen. Mit einem Kunden, der in den Jahren zuvor noch sehr vorsichtig und kurzfristig agiert hat.“

EMKA: Zukauf in Arnedo

Die Unternehmensgruppe EMKA ist Weltmarktführer für Verschlüsse, Scharniere und Dichtungen, die in Elektrotechnik, Klimatechnik und der Transportbranche zum Einsatz kommen. Das Unternehmen ist mit 1400 Mitarbeitern in 46 Ländern vertreten. Spanien ist für EMKA aus zwei Gründen ein wichtiger Standort: als Heimat einer Vertriebsniederlassung und weil EMKA ein Gummiwerk im spanischen Arnedo aus der Insolvenz eines deutschen Zulieferers übernommen hat. „Wir produzieren in Arnedo 50 Millionen Meter Gummidichtungen, 90 Prozent davon für den Weltmarkt“, berichtet Geschäftsführer Friedhelm Runge.

Viele mittelgroße und große spanische Unternehmen arbeiten 2015 wieder auf Vorkrisenniveau, sagt Antonio Gallardo, bei der Deutschen Bank zuständig für das Geschäft deutscher Unternehmen in Spanien. Das sei nicht zuletzt auf die erfolgreiche Konsolidierung des Bankensektors und die verbesserte Zahlungsmoral des öffentlichen Sektors zurückzuführen. Denn während die deutschen Unternehmen vor Ort ihre Niederlassungen auch während der Krise finanzieren konnten, mithilfe ihrer hiesigen Hausbanken und durch Cash-Pool-Lösungen der deutschen Mütter, hatten spanische Firmen oftmals Probleme auf der Finanzierungsseite. „Wir haben während der Krisenjahre die Unternehmen mit Niederlassungen hier in Spanien intensiv beraten“, sagt Gallardo. Auch in mancher deutschen Unternehmenszentrale habe es Sorgen gegeben, dass Spanien zu einem zweiten Griechenland werden könnte. „Meist konnten wir die Muttergesellschaften aber davon überzeugen, dass sich die Situation in Spanien bald bessern werde.“

Arbeitsmarktreformen wirken

Derweil mussten viele spanische Mittelständler Konkurs anmelden, weil einheimische Banken keine Kredite mehr vergaben und öffentliche Auftraggeber ihre Schulden nicht zahlten. Diese Probleme seien nun weitgehend behoben, berichtet Gallardo. Zudem haben Arbeitsmarktreformen die Produktivität der Wirtschaft erhöht und die Lohnstückkosten reduziert – ein großer Vorteil für Unternehmer wie EMKA-Chef Runge, die in Spanien Produktionsstätten betreiben. „In Spanien wird inzwischen gearbeitet wie in Deutschland“, fasst Runge den Effekt der Reformen zusammen. Die spanischen Fachkräfte hätten schon immer gute Arbeit geleistet. Jetzt aber erlebe er eine noch fokussiertere, effizientere Arbeitshaltung. „Es gibt keine dreistündigen Mittagspausen mehr mit ein oder zwei Gläsern Wein.


Die Arbeitswoche hat jetzt 40 Stunden, die Mitarbeiter sind sehr motiviert“, sagt Runge. Gleichzeitig liege das Lohnniveau bei 70 Prozent der deutschen Löhne. Für Runge beste Voraussetzungen für weiteres Wachstum: „Wir sind froh, dass wir in den Krisenjahren an unserer Investitionsentscheidung festgehalten haben. Wir haben keinen einzigen Mitarbeiter entlassen, so konnten wir im Aufschwung direkt durchstarten.“ Auch Unternehmer Runge ist gespannt auf die Wahlergebnisse. „Ein Erfolg von Podemos könnte einen zumindest kurzen Einbruch der Wirtschaftslage mit sich bringen“, sagt er. Doch selbst wenn es so käme, werde sich die Lage schnell wieder stabilisieren, „im Grunde ist Spanien ein stabiles und konservatives Land“. Ähnlich sieht es Weforma-Chef Thomas Schmidt. „Unsere Geschäftspartner vor Ort sind relativ gelassen, was die Wahlen angeht. Selbst bei einem Linksruck setzt sich erfahrungsgemäß über kurz oder lang die Realpolitik durch.“

Die verbliebenen wirtschaftspolitischen Unsicherheiten wirken einstweilen als Konjunkturbremse. Spanien erlebt keinen Boom, sondern eine langsame Erholung in kleinen Schritten. Das hat auch positive Seiten: Übertreibungen, wie sie in der Vergangenheit beim Immobilienboom zu beobachten waren, sind kaum zu erwarten.

 

Weitere Informationen
Kontakt: Antonio Gallardo, Deutsche Bank Madrid, Email antonio.gallardo@db.com


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