Markus Benz war 32, als er zu „Herrn Knoll“ wurde. Heute führt der 55-Jährige ein florierendes Unternehmen

Foto: Deniz Saylan

Möbelsprechstunde

Er produziert moderne Klassiker, stilvolle Sitzgelegenheiten zum Niederknien: Unternehmer Markus Benz hat die Traditionsmarke Walter Knoll saniert und mit Liebe zum Detail zu neuem Glanz geführt. Ein Loblied auf die Beharrlichkeit

Text: Stefan Merx

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Ob er ein guter Möbelverkäufer sei? „Der beste“, sagen seine Mitarbeiter wie selbstverständlich. Er hat sich eine bemerkenswerte Position erarbeitet: Als Gesellschafter und CEO des Edeleinrichters Walter Knoll kann er seine Sofas und Sessel ganz für sich sprechen lassen. Erst neulich beim Arzt war es wieder so weit. Sportunfall, Schlüsselbeinbruch. Markus Benz trägt den rechten Arm in einer Schlinge. Der konsultierte Chirurg, ein Operateur von bestem Ruf. „Doch wie sah es im Wartezimmer aus? Unansehnlich.“ Benz erzählt von abgeschubberten Kunstlederstühlen, die in den 90er-Jahren mal teuer gewesen sein müssen. Fazit: „Ich habe gleich ein paar Flyer liegenlassen.“

So ist Benz. Geht flügellahm zum Arzt und fragt, was er für ihn tun kann. Er will niemanden überrumpeln, beleidigen erst gar nicht. Aber der 55-Jährige hat eine feste innere Überzeugung: Möbel kommunizieren. Sie stiften Identität und schaffen Lebensqualität – wenn sie richtig ausgesucht sind. Es verursacht Benz ein Störgefühl, wenn er Kabelsalat im Chefbüro erspäht. „Viele Unternehmenslenker machen sich nicht tief genug Gedanken, was ihr direktes Umfeld über sie aussagt. Manche merken nicht einmal, wenn es nicht mit dem übereinstimmt, was sie tun.“

Klar, er kennt das gern gezückte Argument. Man wolle sich als Führungskraft nicht herausheben. Bescheidenheit, die nach hinten losgeht, denkt Benz. „Wenn es so ist, dann müsste der Chef auch die gleichen Aufgaben haben wie seine Belegschaft. Man gebe ihm einen Hammer, dann kann er mithämmern.“ Lange hat er Artikel gesammelt, in denen Chefbüros abgelichtet waren. Er wollte Erkenntnisse ableiten. „Zu lernen war aber nichts. Außer vielleicht: Chefs sind sehr individuell.“ Er lächelt. „Kritisch wird es spätestens, wenn sie die Unternehmensidentität nicht verstehen.“

Markus Benz schöpft aus einem reichen Erfahrungsschatz. Geschmack und Empathie begleiten ihn. Eigentlich müsste seine Identität längst gespalten sein: Erst gestern wurde er wieder mit „Herr Knoll“ angesprochen. Ein Running Gag, der nur zeigt: Benz hat sehr viel richtig gemacht, seitdem er 1993 die älteste deutsche Polstermöbelmarke als Sanierungsfall übernahm, vor dem Ruin bewahrte, entrümpelte – und zu neuem Glanz führte. Walter Knoll, das war die legendäre Marke, die in den 1930er-Jahren schon die Gesellschaftsräume der Zeppeline mit Stühlen ausgerüstet hat. Wurzeln zurück bis 1865, Blüte im Bauhaus, ein Ableger in den USA. Doch 1993 drohte die Insolvenz, so ging es nicht weiter.

Erst Benz, dann Knoll

Benz war erst 32 Jahre alt, als jene Entscheidung fiel, die ihn beständig zu „Herrn Knoll“ werden ließ. Ein Volljurist mit Fachgebiet Arbeitsrecht und Trainee beim Möbelhersteller Wilkhahn. Und ein Mann mit namhaftem Vater: Rolf Benz. Der hatte seit 1964 in Nagold die bekannteste deutsche Möbelmarke aus dem Nichts geschaffen. Sie trägt bis heute seinen Namen, ein teures Benz-Ledersofa galt lange als Prestigeobjekt für Aufsteiger. Rolf Benz selbst ist alles andere als ein Snob. „Qualität ist das Anständige“ – diesen Leitspruch von Theodor Heuss hat er sich zu eigen gemacht und beim Sohn implantiert.

Walter Knoll in Daten

1865: Wilhelm Knoll gründet ein „Leder-Geschäft“ in Stuttgart.
1907: Das Unternehmen führt den ersten Klubsessel in Deutschland ein.
1925: Mut zur Moderne: Im Alter von 50 Jahren gründet Nachfahre Walter Knoll seine eigene Firma, die Walter Knoll & Co. GmbH.
1993: Die Möbelfamilie Benz kauft das Unternehmen Walter Knoll. Markus Benz, der älteste Sohn, führt seither die Geschäfte.
2001: Zusätzlicher Produktionsstandort in Mötzingen bei Herrenberg.
2009–13: Eröffnung von Showrooms in London, Paris, Mumbai und Peking.
2015: Walter Knoll feiert 150-jähriges Jubiläum.

  • Foto: Factum/Granville
    Große Lederauswahl in der gläsernen Manufaktur. Walter Knoll verarbeitet jedes Jahr etwa 24 Fußballfelder an Leder
  • Foto: Factum/Granville
    Der Polsterer fügt das Sofa zusammen. Für diese Montage eines Zweisitzers braucht ein erfahrener Mitarbeiter einen Tag
  • Foto: Factum/Granville
    Die Sofabezüge werden von spezialisierten Näherinnen angefertigt. Diese müssen mit ganz unterschiedlichen Materialien umgehen können
  • FOTO: WALTER KNOLL AG & CO: KG
    Echter Stil wird nicht unmodern: Der 1956 von Arno Votteler für Walter Knoll entworfene Sessel ist heute wieder im Programm

Exzellenz ist ein evolutionärer Prozess

Mitte der 90er-Jahre tat sich höchst Ungewöhnliches im Ländle: Die Familie Benz wechselte gewissermaßen das Pferd. Dort, wo heute Rolf Benz draufsteht, steckt seit 1999 unternehmerisch kein Benz mehr drin. Sämtliche Anteile des 1994 an die Börse geführten Unternehmens hat die Familie Benz veräußert. Investiert wurde das frei gewordene Kapital in Walter Knoll, den ursprünglichen Konkurrenten, der im 15 Kilometer entfernten Herrenberg bei Stuttgart eine schwere Zeit durchlebte.

Die Geschäftsführung übertrug Rolf Benz vom ersten Tag an seinem Sohn Markus. Und damit: alle unangenehmen Entscheidungen, die zu treffen waren, um der Designermarke neues Leben einzuhauchen. „Mir kam die juristische Ausbildung recht“, erinnert sich Markus Benz an die Anfangswochen. „Es ging um gedankliche Klarheit, um hochkomplexes Sortieren, das Trennen des Relevanten vom Irrelevanten.“ Unrentable Betriebsteile wie die Schlosserei und Schreinerei musste er schließen. Es war ein Spagat zwischen Streichen, Bewahren und Schöpfen. „Wir mussten Feuer löschen, das Unternehmen wirtschaftlich retten und dennoch den alten Firmenwerten treu bleiben – und das hieß vor allem: Exzellenz und ständige Innovation“, sagt Benz.

Zwei Drittel gehen ins Ausland

Die Sanierung gelang: Schon 1997 war der Break-even geschafft, bis heute wurde die wirtschaftliche Leistung verzwölffacht. Mit mehr als 300 Mitarbeitern verkauft Walter Knoll Sofas, Tische, Sessel, Teppiche und sogar Betten für über 85 Millionen Euro im Jahr. Den Auslandsanteil steigerte Benz von 17 Prozent bei Übernahme auf heute 65 Prozent. Zum einen sind es anspruchsvolle Privatpersonen, die sich für handwerkliche Präzision und die oft minimalistische Formensprache der Knoll-Möbel begeistern. Angeber beliefert der Chef ungern, es geht ihm um Sinn, nicht um Effekt. So erschließt er auch Ländermärkte behutsam. „Wir lassen die Neureichenwelle immer durch und warten ab, bis die Leute kommen, denen es um Inhalte geht. Auf dem Gebiet können wir liefern, liefern, liefern.“

Wirtschaftlich wichtiger – auch wegen des Multiplikatoreffekts – ist der Ruf Walter Knolls als Objektausstatter und Architektenmarke. In Vorstandszimmern oder gehobenen Empfangsbereichen begegnet man den Stücken. So entwarf Markus Benz die Stühle für die Lobby des Berliner Reichstags in Kooperation mit Norman Foster. Und auch die Chefs der Europäischen Zentralbank entscheiden ihre Zinssenkungen nicht ohne Walter Knoll.

Wer den meist schwarz gekleideten Mann auf seine Rolle im Innovationsprozess anspricht, auf die möglicherweise ja delikate Zusammenarbeit mit Stardesignern, der erlebt ihn zunehmend fröhlich. „Ich bin im Zentrum des kreativen Prozesses. Und meine Kunst besteht im Neinsagen“, sagt Benz. „Da braucht es natürlich Augenhöhe. Was ich suche, sind Gleichgesinnte.“ Gefunden hat er sie in Größen wie Ben van Berkel oder im Kollektiv EOOS. Die Österreicher entwarfen den Stuhl Jason, der schon zu einem modernen Knoll-Klassiker wurde. Er reiht sich ein in Ikonen der Designgeschichte der 50er-, 60er- und 70er-Jahre, die etwa von Arno Votteler, Preben Fabricius & Jørgen Kastholm oder Meinhard von Gerkan stammten. Auch dessen Berlin Chair, für die VIP-Wartezonen im Tempelhofer Flughafen konzipiert, wurde zur 150-Jahr-Feier neu aufgelegt. „Das Alte lebt nur, wenn wir die Kraft haben, neue Klassiker zu schaffen“, sagt Benz.

Auch als Art Director bringt Benz Ideen ein. „Überhaupt gehören Juristen aus meiner Sicht zu den kreativsten Menschen der Welt“, sagt er. Als sehr inspirierend empfindet er persönlich Reisen zu den Urvölkern in Afrika, Südamerika oder Australien. Dort gewann er eine universelle Erkenntnis: „Jede Kultur hat Wertschätzung für Qualität im Handwerk und besonderes Material.“ Da Benz fest annimmt, ein positives Empfinden für archaische Landschaftsbilder müsse im menschlichen Stammhirn hinterlegt sein, basieren einige seiner Teppichdessins auf Wüsten- oder Savannenfotografien.


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