2016 wird wohl das fünfte Stagnationsjahr für den Maschinenbau, ein im historischen Kontext beispielloses Novum. Doch der Durchschnittsblick allein trügt

Foto: Andrew Holt/Getty Images

Was läuft noch rund?

Das gab es noch nie: Für 2016 erwarten Wirtschaftsforscher das fünfte Stagnationsjahr für den deutschen Maschinenbau. Das Gesamtbild aber trügt: Einzelne Segmente und Unternehmen heben sich mit solidem Wachstum ab

Text: Thomas Mersch

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Maschinenbauer sind Komplimente gewöhnt. Der Wirtschaftszweig sei „so etwas wie die deutsche Schlüsselindustrie“, sagt Vizekanzler Sigmar Gabriel. Auch andere Fachleute schmeicheln gern: Als Exportmotor oder gleich Rückgrat der Wirtschaft wird die Branche tituliert. Dabei wissen die Lenker der meist mittelständischen Betriebe, dass der Alltag oft rauer ist, als die warmen Worte es erscheinen lassen.

Denn den überaus zyklischen Maschinenbau trifft es in Phasen des ökonomischen Abschwungs früh und hart – so brach während der letzten Krise, die 2008 begann, das Geschäft insgesamt um ein Viertel ein. Wenn es wieder aufwärtsgeht, profitieren die Unternehmen dafür meist überproportional. Seit 2011 allerdings durchleben sie eine bislang unbekannte ökonomische Entwicklung. Zum fünften Mal in Folge steht in diesem Jahr eine Seitwärtsbewegung bevor. „Das ist ein im historischen Kontext beispielloses Novum“, sagt Josef Auer, Senior Economist bei Deutsche Bank Research. In einer aktuellen Studie hat er den Maschinenbau und seine wirtschaftlichen Perspektiven untersucht.

Nüchtern liest sich die Analyse der Lage: Mit dem erneuten Nullwachstum bleiben die Firmen hinter dem deutschen Industriedurchschnitt leicht zurück, den Auer auf ein Plus von immerhin einem halben Prozent veranschlagt. Wichtigste Stütze der exportstarken Maschinenbauer ist in diesem Jahr ganz ungewohnt das Inlandsgeschäft, weil wichtige Auslandsmärkte wie China und Russland schwächeln. Doch Auer warnt davor, allein das Gesamtbild zu betrachten. „Die oberflächliche Betrachtung könnte zu Fehlschlüssen verleiten“, sagt er.

So gelingt es einigen der über 30 Fachzweige des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) durchaus, sich überdurchschnittlich zu behaupten. Auf ein Wachstum von rund zwei Prozent dürfen etwa die Hersteller von Werkzeugmaschinen in diesem Jahr hoffen. Auch bei den Spezialisten für Robotik und Automation sind die Aussichten überdurchschnittlich gut. Leichte Rückgänge konstatiert Auer dagegen unter anderem für die Anbieter von Pumpen und Kompressoren, einen der bedeutenden Fachzweige innerhalb des Maschinenbaus. Doch auch hier können sich Unternehmen dem Trend widersetzen, wenn sie frühzeitig in neue Märkte, in Effizienz und Innovationen investiert haben.

Nachholbedarf bei Digitalisierung

In dem schwierigen Umfeld behauptet sich der Balinger Familienbetrieb Mehrer, der zu den führenden Herstellern ölfreier Kolben- und Membran­kompressoren zählt. Gefertigt werden Einzelstücke und Kleinserien für die Verfahrens- und Prozessgasindustrie. Rund 20 Millionen Euro erlöste Mehrer zuletzt. „Wir haben uns kontinuierlich dahingearbeitet“, sagt Jörg-Peter Mehrer, der den 1889 gegründeten Betrieb in fünfter Generation leitet. Zehn Jahre zuvor habe der Umsatz bei etwa zwölf Millionen Euro gelegen. Ob dieser Wert gehalten wird, vermag der Familienunternehmer derzeit nicht zu sagen. „Das Absacken der Öl- und Gaspreise verringert die Investitionsbereitschaft bei vielen Kunden.“ Weniger als auf den Umsatz blickt Jörg-Peter Mehrer auf den Gewinn. „Profitabilität steht über allem“, sagt er. „Daran gilt es zu arbeiten.“ Als einen Ansatzpunkt zur Verbesserung der Lage sieht Mehrer, die Fehlerquoten weiter zu senken. Betriebsinterne Standards zu schaffen sei ein weiterer vielversprechender Weg. „Wir bauen Sonderanlagen“, sagt Mehrer. „Das Ziel ist, dabei dennoch stärker standardisierte Komponenten und Arbeitsweisen zu nutzen.“

Thesen

Gegen den Trend: Selbst in schrumpfenden Fachzweigen können Unternehmen Wachstumspotenziale heben.
Beweglich bleiben:
Die ausgeprägte mittelständische Struktur verleiht dem deutschen Maschinenbau eine hohe Flexibilität.
Chancen nutzen:
Die Vernetzung im Zuge von Industrie 4.0 verspricht hohe zusätzliche Umsätze etwa durch neue Servicemodelle.

Troester: Energiepolitik hilft

Qualifizierte Fachkräfte als Basis für hohe Qualität und Produktivität – Peter Schmidt schätzt Deutschland als Standort. „Im Wesentlichen sind wir glücklich“, sagt der Chef des Hannoveraner Familienunternehmens Troester, das weltweit für die Kabel- und Gummiindustrie Spezialmaschinen fertigt. Auch die teilweise umstrittene Energiepolitik der Bundesregierung begrüßt er. „Das hilft uns. Ein Ergebnis ist, dass sparsamer mit Energie umgegangen wird“, sagt Schmidt. Ein Kritikpunkt sind steigende Lohnstückkosten: „Die internationale Wettbewerbsfähigkeit darf nicht verloren gehen.“

Kompetenz in Sachen Vernetzung ist gefragt

Effizienzgewinne durch die Digitalisierung und Vernetzung der Produktion – von Fachleuten als Industrie 4.0 bezeichnet – erwartet er eher mittelfristig. „Wir müssen erst mal auf Industrie 2.0 kommen.“ Allerdings hat Mehrer bereits ein Partnerportal geschaffen, das etwa Informationen über einzelne Baureihen enthält und so den Service erleichtert. „Wir sehen noch eine ganze Reihe von möglichen Ausbaustufen“, sagt Mehrer. Industrie 4.0 könne auch im Zusammenspiel mit Lieferanten Prozesse beschleunigen: „Wir bekommen eine bessere Vorschau: Wo sind Teile, die wir benötigen, und wann treffen sie ein?“

Das Zusammenwachsen von Produktion und Internet verspricht besonders im Maschinen- und Anlagenbau einen enormen Wachstumsschub, haben der IT-Branchenverband Bitkom und das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation im vergangenen Jahr in einer gemeinsamen Studie ermittelt. Ein zusätzliches Wachstum von 2,2 Prozent jährlich sei bis zum Jahr 2025 möglich. „Industrie 4.0 hat das Zeug dazu, unsere indus­trielle Wertschöpfung so zu revolutionieren wie das Internet die Wissensarbeit“, erläuterte Fraunhofer-Forscher Wilhelm Bauer.

Lebensmittel, Chemie, Rohstoffe – das sind wichtige Abnehmerbranchen für Mehrer. In vielen Märkten ist die Lage schwierig. „In Brasilien ist Totentanz, in Russland haben die Sanktionen den sehr gut funktionierenden Markt lahmgelegt“, sagt der Firmenchef. In China sei das Geschäft um 50 Prozent eingebrochen. Wachstumsimpulse dagegen kamen zuletzt aus Nordamerika sowie einigen aufstrebenden südostasiatischen Staaten wie Thailand. Als stabilisierend hat sich vor allem die unterschiedliche konjunkturelle Entwicklung einzelner Abnehmerbranchen erwiesen. „Während des Krisenjahrs 2009 hatten wir eine Sonderkonjunktur in der Energiebranche“, sagt Mehrer. „Zurzeit sind es eher andere Branchen beziehungsweise Anwendungen, die uns am Leben erhalten.“

Maschinenbau ist flexibel

Schnelles Handeln ist gefragt, wenn einzelne Märkte oder Abnehmerbranchen wackeln. Ein Plus des deutschen Maschinenbaus ist dabei die mittelständische Struktur. 87 Prozent der Betriebe haben weniger als 250 Beschäftigte. „Die Flexibilität ist hier grundsätzlich höher“, sagt Experte Auer.

Mehrer: Ertrag statt Umsatz

Effizienz stärken oder Wachstum vorantreiben? Bei der Balinger Mehrer Compression GmbH sind beide Ziele eng verknüpft. „Wenn wir Dinge verein­fachen und der Markt das annimmt, generieren wir anschließend auch höhere Erträge“, sagt Jörg-Peter Mehrer, der den Kompressorenhersteller in fünfter Generation leitet. Stärker als auf die Umsatzzahlen schaut Mehrer auf die Ertragsstärke des Unternehmens. „Profitabilität steht über allem“, sagt er. „Daran gilt es zu arbeiten.“ Ein Ansatzpunkt ist, bei den meist maßgeschneiderten Anlagen dennoch Arbeitsschritte und Produkte stärker zu standardisieren.

„Es gelingt schneller, die Produktion auf veränderte Anforderungen der Kunden umzustellen, als bei den Herstellern von Großserien, die man überwiegend in Japan oder China findet.“ Beweglichkeit musste zuletzt der Hannoveraner Maschinenbauer Troester beweisen. „Über 15 Jahre lang hatten wir in China den mit Abstand bedeutendsten Markt“, sagt Peter Schmidt. „In Hochzeiten haben wir dort über ein Drittel unseres Umsatzes gemacht.“ Binnen weniger Jahre änderte sich die Lage dramatisch für den Familienbetrieb, den Schmidt als geschäftsführender Gesellschafter leitet.  Der Absatz halbierte sich. Maschinen für Kabelhersteller und für die Verarbeitung von Gummi stellt Troester her.  „Aber vor allem in der Reifen­industrie Chinas bestehen Überkapazitäten, da wird kaum noch investiert“, sagt Schmidt.

Wirtschaftlich steht das Unternehmen mit seinem Exportanteil von 90 Prozent dennoch weiter gut da. Denn während die Nachfrage in China abkühlte, legte das Geschäft in Nordamerika stark zu. „Unsere Kunden bauen reihenweise neue Werke in den USA, da findet eine echte Reindustrialisierung statt“, sagt Schmidt. „Das hat den Rückgang vollständig kompensiert.“ Die Geduld zahlte sich aus. Troester hielt trotz einer langen Schwächephase des dortigen Marktes an seiner Präsenz in den Vereinigten Staaten fest. Der Umsatz der Troester-Gruppe bewegt sich zwischen 120 und 135 Millionen Euro. Stagnation erlebt der Maschinenbauer bereits seit einigen Jahren im Kabel­segment. „Gummi dagegen wächst“, sagt Schmidt. In Summe führen beide Trends zu einem überschaubaren Plus insgesamt. „Wir wollen kontinuierlich im mittleren einstelligen Bereich wachsen“, nennt Schmidt das Ziel – so wie es die Abnehmermärkte vorgeben. „Das muss sich bei unserem Ergebnis niederschlagen.“ 2014 erreichte das Ebit einen neuen Rekord – auch dank erhöhter Effizienz. „Wir haben auch organisatorisch ein bisschen gearbeitet“, sagt der Troester-Chef.

Vorangehen will er zudem in Sachen In­dus­trie 4.0. Entsprechende Ideen entwickelt die hauseigene Softwareabteilung, die vorrangig Maschinensteuerungen programmiert. „Wir benötigen hier neue Kompetenzen im Hinblick auf die Vernetzung über das Internet“, sagt Schmidt. „Dafür schaffen wir auch zusätzliche Kapazitäten.“ Die Digitalisierung lockt IT-Konzerne an, die künftig im Maschinenbau mitmischen wollen. Schmidt erkennt existenzielle Herausforderungen: „Wir müssen uns fragen, wo die entscheidenden Entwicklungen künftig stattfinden: bei den Anlagenbauern oder den großen Internetfirmen.“ Im schlimmsten Fall drohe der Maschinenbau zum Zulieferer von Google & Co. zu werden. Dabei ist Schmidt zuversichtlich, das Heft in der Hand zu behalten – zumindest für die hiesigen Anbieter. „Die Kerntechnologien sind die Mechanik und die Verfahrenstechnik“, sagt er. „Die Spezialisierung auf Kleinserien schützt den deutschen Maschinenbau.“

 

Weitere Informationen
Deutsche Bank Research: „Heterogener Maschinenbau mit Potenzial“
Kostenloser Download unter www.dbresearch.de

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QUELLE: IFO-INSTITUT


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