Garten und Geometrie: Den „Mineral Roof Garden“ auf einem Dach in São Paulo schuf Burle Marx 1983

FOTO: LEONARDO FINOTTI

Die Welt als Garten

Der Brasilianer Roberto Burle Marx entwarf Parks wie ein Gemälde. Die Deutsche Bank KunstHalle zeigt nun erstmals einen Überblick über das Werk eines Landschafts­architekten, der sich auch als Maler verstand

Text: STEPHAN SCHLOTE

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Ungefähr eine gute Autostunde westlich von Rio de Janeiro, im Vorort Barra de Guaratiba, lässt sich eine tropische Traumwelt entdecken. Der „Sítio de Roberto Burle Marx“ war einst eine Kaffeeplantage und gehörte dann dem brasilianischen Landschaftsarchitekten Burle Marx, der hier einen regelrechten Paradiesgarten erschuf: Palmen, Kakteen, blühende Stauden und Sträucher, Vögel, Felsblöcke und Wasserbecken. Brasilien ist das Land mit der höchsten Pflanzenvielfalt unseres Planeten, der Park enthält eine der größten Sammlungen tropischer und subtropischer Pflanzen weltweit. 1994 starb Roberto Burle Marx, doch die ganz eigene Mischung aus Wildheit und Symmetrie seiner Parks und Gärten fasziniert noch heute. Ab 7. Juli sind seine Werke nun in einer umfassenden Werkschau erstmals für Europa in der Berliner Deutsche Bank KunstHalle zu sehen.

Burle Marx gilt als Begründer der modernen Garten­architektur, mehr als 30 Pflanzenarten sind heute nach ihm benannt. „Sein ökologisches und künstlerisches Denken hat auch auf heutige Landschaftsgestalter großen Einfluss“, sagt etwa ­Raymond Jungles, Landschaftsarchitekt aus Miami. Er war „extrem raffiniert“ in der Inszenierung von Pflanzen, bestätigt Marc Vatinel, Landschaftsarchitekt aus Berlin. Und das gilt auch noch Jahrzehnte nach seinem Tod. Doch um diese weltweite ­Anerkennung zu erlangen, musste der junge und damals noch unbekannte Brasilianer erst mal nach Deutschland kommen.

Im Rahmen seines Studiums der Malerei macht sich die großbürgerlich und kunstsinnig geprägte Familie 1928 auf nach Berlin. Der Sohn eines jüdischen Deutschen und einer brasilianischen Mutter spaziert durch den botanischen Garten in Dahlem – und ist sofort fasziniert von der Vielfalt der Pflanzenwelt seiner Heimat. Es ist wie eine künstlerische Erweckung. Ausgerechnet auf der anderen Seite des Globus entdeckt der damals 19-Jährige die beeindruckende Kraft der brasilianischen Flora. Denn Ameisenbäumen, Bromelien, Wasserlilien oder Philodendren war er in den vielen Gärten seiner Heimatstadt Rio niemals begegnet. Im brasilianischen Gartenbau geht zu jener Zeit der Blick starr nach Europa. Gestaltung und Bepflanzung der Gärten haben wenig zu tun mit Kultur und Umwelt des eigenen Landes.

Umso mehr ist der junge Künstler fasziniert. Später wird er einmal sagen, dass er genau hier, mitten in Berlin, „die Stärke der tropischen Natur“ entdeckt habe. Nach Rio zurückgekehrt, ist Burle Marx voller Inspirationen und Impressionen. Er studiert Kunst und Architektur, er zeichnet und gärtnert, bis er eines Tages von einem Nachbarn gefragt wird, ob er nicht Lust habe, mal einen kompletten Dachgarten zu gestalten. Es wird ein weithin beachteter Erfolg – und die Formensprache des jungen Gartenkünstlers findet öffentlich Beachtung. Erstmals zeigen sich seine typischen Gestaltungsmerkmale: starke Farben, geometrische Muster, organische, weich fließende Formen. Viele seiner Gärten wirken von oben betrachtet wie Gemälde, und das ist kein Zufall. Er überträgt die Formensprache der abstrakten Malerei auf die Landschaftsarchitektur, er versteht den Garten als Komposition aus organisch geformten Farbfeldern. Einige seiner Bepflanzungspläne wirken wie bunte, psychedelische Gemälde.

Pflanzen der Heimat sind Inspiration

Vor allem aber verwendet er ausschließlich das unglaubliche Pflanzenreservoir seiner tropischen Heimat. Statt der ewigen Rosen und Gladiolen seiner Kollegen kommt nur das in Beet und Teich, was die eigene subtropische Klimazone hergibt – und davon die prächtigsten Exemplare bis hin zu den über zwei Meter großen schwimmenden Blättern der Amazonas-Seerose. Keinem sollte es gelingen, die Pflanzen seiner Heimat so spektakulär zu inszenieren wie ihm. „Burle Marx wollte eine neue Verbindung zur Natur herstellen“, sagt Claudia Gould, Direktorin des Jewish Museum in New York, das gemeinsam mit der Deutsche Bank KunstHalle die Ausstellung in Berlin organisiert. 1934 wird der 25-Jährige zum Direktor der Park- und Gartenverwaltung in der Hafenstadt Recife ernannt. In den folgenden Jahren entwirft er private und öffentliche Parks, darunter viele bis heute wegweisende Projekte.

Burle Marx und Berlin

In diesem Sommer lässt sich das gesamte Schaffensspektrum eines der bedeutendsten Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts erleben. Die Ausstellung „Roberto Burle Marx: Tropische Moderne“ zeigt die kreative Vielfalt und Bandbreite eines Mannes, dessen Arbeiten sich nur schwer nach klassischen Kriterien ordnen lassen. So sind nicht nur Gärten und Parks von Burle Marx (1909–94), sondern auch Skulpturen, Bühnenbilder, Schmuck- und Textildesign zu sehen sowie Arbeiten anderer Künstler, die er inspiriert hat. Berlin ist für die Ausstellung von besonderer Bedeutung. Hier entdeckte der Kunststudent aus Brasilien seine Liebe zur Pflanzenwelt, hier entstanden seine ersten Zeichnungen und Ideen. Die Ausstellung war zuvor im New Yorker Jewish Museum zu sehen, das sie auch organisiert hat. In Berlin allerdings werden die besonderen Bezüge des Künstlers zur deutschen Hauptstadt stärker betont. Zu erleben ist dies vom 7. Juli bis 3. Oktober 2017.

  • FOTO: AYRTON CAMARGO
    Belohnung für ein reiches Künstlerleben: Mehr als 30 Pflanzenarten sind nach dem 1994 verstorbenen Maler und Gartengestalter Burle Marx benannt
  • BILD: Sítio ROBERTO BURLE MARX, RíO DE JANEIRO
    Das Coverdesign für eine Zeitschrift zeigt 1953 die Gestaltungsmerkmale, die das Werk Burle Marx’ aus­zeichnen: starke Farben, geometrische Muster, organische, weich fließende Formen
  • FOTO: AKG-IMAGES/ALAIN LE TOQUIN
    Auch private Gärten gestaltete Roberto Burle Marx in seinem charakteristischen Stil, hier rund um ein Wohnhaus, das der Architekt Oscar Niemeyer 1954 in Rio de Janeiro erbaute

Der Künstler als Universalgenie

Sein vielleicht spektakulärstes und bekanntestes Werk ist die Anfang der Siebzigerjahre gestaltete Promenade der Copacabana in Rio. Den vier Kilometer langen Gehsteig der Avenida Atlântica zieren schwarz-weiße Basalt- und Kalkstein-Kacheln, die wellenartig parallel zum Strand verlaufen. Burle Marx ist ein Künstler, auf den das Wort „interdisziplinär“ ziemlich gut passt. Er versteht sich als Universalkünstler, malt, schnitzt und sammelt Kunst, gesungen und musiziert wird auch, Klavier- und Gesangsausbildung inklusive. Alles muss bei ihm Kunst sein; kommen Gäste, werden sogar die Tischdecken von Hand bemalt. Einseitiges Expertentum verabscheut er: „Ich hasse die Idee, dass ein Landschaftsarchitekt nur Pflanzen kennen muss“, sagt er einmal. Vielmehr müsse er wissen, was „ein Piero della Francesca ist, und verstehen, was einen Miró ausmacht, einen Michelangelo, einen Picasso“.

So verschwimmen bei Burle Marx die Grenzen zwischen den Künsten. 1949 kauft er eine Kaffeeplantage westlich von Rio und baut sie zu seinem grünen Wohnsitz um. Der Sítio im Vorort wird zur Heimat Tausender exotischer Pflanzen aus Brasilien und Südamerika. Viele von ihnen sind vom Aussterben bedroht. Frühzeitig warnt er von den Folgen der Abholzung des Regenwaldes für Mensch und Natur. Er versteht sich als Humanist und Umweltschützer, zu einer Zeit, als dieses Wort noch gar nicht existiert. „Burle Marx war ein Romantiker“, sagt Kurator Jens Hoffmann, „doch auch ein dezidiert politischer Mensch.“ Am Ende seines Schaffens, nach rund sechs Jahrzehnten, hat er weltweit über 2000 Gärten, Parks und Anlagen gestaltet. Sein letztes Projekt sollte die Neugestaltung des Rosa-Luxemburg-Platzes in Berlin werden, jener Stadt, in der er einst die tropische Vielfalt der Pflanzen entdeckte. Seine Ideen leben weiter: Das von ihm vor über 60 Jahren gegründete „Burle Marx Landscape Studio“ in Rio ist ziemlich erfolgreich – eine junge Generation von Landschaftsgärtnern führt sein Erbe weiter.

 

Weitere Informationen
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin-Mitte, Unter den Linden 13–15, täglich 10–20 Uhr www.deutsche-bank-kunsthalle.de


Video: Roberto Burle Marx


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