Wer in Deutschland, den USA und China produziert, muss global denken: Firmenchef Franz Grimme setzt auf Internationalität

FOTO: LARS BERG

Globale Ernte

Deutsche Exporteure müssen immer mehr staatliche Hürden überwinden – in den USA und anderswo.
Der Familienbetrieb Grimme Landmaschinenfabrik zeigt, wie internationaler Erfolg dennoch gelingt

Text: THOMAS MERSCH

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Franz Grimme ist Grimme-Fan, kaum zu übersehen. Auf einem Büroschrank des 71-jährigen Landmaschinenherstellers thront ein knallroter Rübenroder im Modellmaßstab. Corporate Identity schreibt der Niedersachse groß: Das Firmenlogo ziert sein Hemd, dazu trägt er eine rot-weiß gestreifte Krawatte. Beides bietet er auch seiner 1350-köpfigen Stammbelegschaft an. Für Frauen gibt es Tücher statt Schlips. „Viele Mitarbeiter tragen die Kleidung jeden Tag bei der Arbeit“, sagt Grimmes Ehefrau Christine, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Ursprünglich war der Grimme-Look für Messen gedacht – jetzt dient er als Zeichen der Verbundenheit.

Grimme lebt vom Export. Nicht viele Mittelständler sind so international ausgerichtet wie das Unternehmen aus Damme, einem Städtchen nördlich von Osnabrück. 85 Prozent der Ernte­maschinen für Kartoffeln und anderes Gemüse werden außer Landes verkauft. Vor allem in der EU, in Russland oder China. Ganz offen erzählt Grimme, wie er in den 1990er-Jahren auch den US-Markt erobern wollte – und scheiterte. „Beim Einstieg in Kalifornien fanden wir noch Kunden“, erinnert sich der Eigentümer und Chef an den verheißungsvollen Auftakt. „Mit dieser Euphorie gingen wir nach Idaho. Und da haben wir derartig was auf die Nuss gekriegt.“ Warum es im Nordwesten der USA mit seinen riesigen Farmen nicht klappte, dafür nennt Franz Grimme mehrere Gründe. Der offensichtlichste: „Die Kartoffeln dort sind so groß wie Zucker­rüben – für XL-Pommes“, sagt er. „Damit kamen wir nicht zurecht.“ Grimme-Vertriebschef Sebastian Talg hat sechs Jahre in den USA gelebt. „Gefragt sind dort leistungsstarke, einfache und robuste Maschinen“, weiß er. Die Landwirte seien weniger geschult als in Europa, wenn es um das Bedienen anspruchsvoller Geräte geht. Hinzu kommt: „Der Farmer muss in der Lage sein, seine Maschinen selber zu reparieren.“ Denn das Händlernetz mit ihren Servicetechnikern sei viel dünner. Talg nennt noch eine wichtige Hürde – den Patriotismus: „Der Landwirt kauft seinen Pick-up und seine Ernte­maschinen von Herstellern aus dem eigenen Land.“

Protektionismus liegt im Trend

Trotz aller Widrigkeiten: Inzwischen ist Grimme auch in Amerika erfolgreich – genau am Ort des ersten Rückschlags. 2002 vereinbarte das Unternehmen ein Joint Venture mit dem US-Hersteller Spudnik Equipment mit Sitz in Blackfoot, Idaho. Nur ein Jahr später übernahm Grimme den Spezialisten für Kartoffeltechnik komplett. Auf eine in den USA verkaufte Grimme-Maschine kommen heute zehn Spudniks. Die von Präsident Donald Trump angedrohten Importbarrieren für deutsche Autobauer, die auch andere Branchen treffen könnten, bereiten deshalb keine Sorgen. „Wir müssen uns damit nicht beschäftigen“, sagt Talg – man produziere ja vor Ort.

„Der Farmer muss in der Lage sein, seine Maschinen selber zu reparieren.“

  • FOTO: GEORGE SHELDON/SHUTTERSTOCK
    Patriotismus und Protektionismus: Das Geschäft für deutsche Unternehmen in den USA wird schwieriger
  • FOTO: GRIMME
    Grimme produziert in den USA unter dem Markennamen Spudnik vor Ort, die Drohung mit Importbarrieren sieht das Unternehmen deshalb gelassen

„Trump – wir warten erst einmal ab!“

Generell lautet die Haltung in Bezug auf die Trump-Regierung: „Wir warten ab.“ So gelassen können nicht alle Unternehmen mit einer möglichen Abschottung der US-Wirtschaft umgehen. Das Land ist der weltweit wichtigste Abnehmer deutscher Exporte. „Protektionistische Maßnahmen der USA würden auch die europäischen Volkswirtschaften belasten“, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank. Doch es sind nicht nur die Vereinigten Staaten, die sich stärker abschotten: „Immer neue Handelsbarrieren setzen dem inter­nationalen Austausch bereits seit Jahren Grenzen. Ein Trend, der sich 2017 fortsetzen könnte.“

Folgen von Handelseinschränkungen bekommt Grimme im Russlandgeschäft zu spüren. Zwar gelten die EU-Sanktionen, die im Zuge der Krimkrise verhängt wurden, nicht für Landmaschinen. Doch Präsident Wladimir Putin hat als Reaktion ein Importverbot für Gemüse erlassen – was nun die Bauern in Schwierigkeiten bringt, die Kartoffeln nach Russland verkauft haben, und deren Investitionen bremst. Zudem tragen die Sanktionen zum jüngsten Verfall des Rubels bei. „Unsere Maschinen sind in Russland inzwischen doppelt so teuer“, sagt Franz Grimme. Die Folge: Das Geschäft habe sich halbiert, auch weil die Kartoffelpreise im Keller seien und die Bauern nicht genug einnähmen, um zu investieren. „Wir versuchen in Russland zumindest, das Personal zu halten“, sagt Grimme. „Es dauert Jahre, bis sie die Technologie beherrschen für Sales und Services.“

China setzt auf die Kartoffel

Insgesamt häufen sich die Währungsschwankungen laut Vertriebschef Talg. Beispiel Brexit: „Als das britische Pfund um 15 bis 20 Prozent ‚runtergerauscht‘ ist, waren unsere Fachhändler auf der ­Insel nicht gerade begeistert.“ Gegen solche Risiken wappnet sich Grimme verstärkt mit Absicherungs­geschäften. Neben Großbritannien und Russland steht hier auch China im Fokus. Der Familienbetrieb hat südlich von Peking ein neues Werk gebaut, für 13 Millionen Euro. Bislang hat China fünf Prozent Anteil am Grimme-Umsatz – die Geschäftsführung sieht noch viel Luft nach oben.

„China hat großes Mechanisierungspotenzial“, erläutert Franz Grimme. Auch hier hänge viel ab von der Politik. Der Nationale Volkskongress legt Wert auf die Modernisierung der Landwirtschaft, zudem habe die Regierung die Kartoffel von Platz 5 auf Platz 4 der strategisch wichtigen Nahrungsmittel hochgestuft. „Die Anbaufläche soll verdoppelt werden“, sagt ­Grimme. „Da ist richtig Dampf dahinter.“ Solchen Schwung könnte der Landmaschinenhersteller in den USA gebrauchen. Gerade erst habe er eine halbe Stunde lang mit den US-Kollegen telefoniert, berichtet Grimme. Die Stimmung bei den Farmern und Herstellern: „schlecht wie seit zehn, 15 Jahren nicht mehr“. Der Kartoffelpreis am Boden, viele Farmen kämen unter den Hammer. Die Konkurrenz habe Kurzarbeit schon eingeführt. Immerhin, bei Spudnik werde noch in Vollzeit gearbeitet. „Warum?“, fragt Grimme. Heute kann er selbstbewusst die Antwort geben: „Wir haben die bessere Technik.“

 

Weitere Informationen
„Mit Kartoffeln zum Weltmarktführer“: Der Norddeutsche Rundfunk brachte im vergangenen Jahr eine Dokumentation über Grimme. Hier ansehen


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