Stefan Bender (49) leitet seit drei Jahren das Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank. Vorher war er in Deutschland Leiter des Bereichs Außenhandelsfinanzierung und Zahlungsverkehr

Foto: Thorsten Jansen

„Der klassische Kredit ist irgendwann Vergangenheit“

Die digitale Revolution verändert die Finanzierungslandschaft. Was bedeutet das für die Zukunft der Banken?

Interview: Boris Burauel

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Wer Stefan Bender über die Zukunft seiner Branche sprechen hört, lässt sich von seiner Leidenschaft anstecken: Der Leiter des Firmen­kundengeschäfts der Deutschen Bank ist überzeugt, dass sich die Rolle der Banken in Zukunft völlig verändern wird – und jetzt der beste Zeitpunkt ist, damit anzufangen.

Seit Anfang des Jahres können Unternehmen mit Zustimmung ihrer Kunden direkt auf deren Bankdaten zugreifen und ihre Bankgeschäfte steuern. Ist das eine Bedrohung?

Nein, denn die bisherige Erfahrung zeigt ja schon, dass viele Start-ups im Finanzbereich zwar einzelne Leistungen besser anbieten, aber längst noch nicht in der Lage sind, echte Plattformen aufzubauen. Und es sind diese Plattformen, um die es wirklich geht.

Also alles kein Grund zur Sorge?

O doch: Es gibt jede Menge Wettbewerber, die sehr viel weiter sind als die neuen Start-ups und mit denen wir uns als Bank heute auseinandersetzen müssen. Ich verwende das Wort nicht gern, aber die „Disruption“ unseres Geschäftsmodells ist für uns eine ganz reale Herausforderung. Und das gilt auch für den Firmenkundenbereich.

Wen sehen Sie denn als Herausforderer?

PayPal, Amazon, Apple, Check24 – sie alle können eta­blier­ten Banken heute Konkurrenz machen. Start-ups versuchen nur, deren Entwicklung zu wiederholen. Es läuft doch so: Als Newcomer sehe ich mir heute irgendeine Wertschöpfungskette an und picke mir den Teil heraus, der nicht gut funktioniert. Dafür biete ich dann an dieser Stelle eine überlegene Lösung an – und wenn ich damit erfolgreich bin, schaffe ich es vielleicht auch, den Rest der Wertschöpfungskette zu übernehmen.

PayPal vereinfacht das Bezahlen im Internet, Amazon das Einkaufen, Facebook die Kommunikation …

… und anschließend bieten sie Konten und Kredite an, wie es Amazon gerade angekündigt hat. Oder sie schieben sich einfach zwischen den Kunden und die Bank. Die herkömmliche Bank führt dann noch das Konto, aber sie sieht nicht mehr den Kunden, sondern nur noch die Plattform. Gewinner ist heute, wer die Kundenschnittstelle besitzt. Das allein zählt. Die Plattformökonomie verändert die Wertschöpfungsketten, und das verändert auch die Rolle der Banken.

Den klassischen Firmenkundenkredit gibt es weiterhin nur von Banken. Wann verändert die Plattformökonomie auch das Bankgeschäft mit Unternehmen?

Das ist nur eine Frage der Zeit. Und gibt ja noch andere Entwicklungen. Nehmen Sie die Sharing Economy: Ein Auto­zulieferer bietet an, Reifen nicht zu verkaufen, sondern nur die Nutzung zu berechnen. Ein Werkzeughersteller vermietet das Werkzeug, statt es zu verkaufen. Ein Maschinenbauer gibt ausgewählten Kunden die Maschine umsonst, wenn er dafür Daten nutzen kann. Das alles bedeutet für die Bank: Ein Betriebsmittelkredit ist nicht mehr notwendig. Ich bin überzeugt, dass der klassische Kredit in diesem Bereich irgendwann Vergangenheit ist.

Das klingt nicht gerade, als ob Banken in Zukunft noch gebraucht würden.

Im Gegenteil: Sie werden mehr gebraucht denn je. Aber ihre Aufgaben verändern sich. Der klassische Kredit wird vielleicht unwichtiger, doch ein Kredit ist nur die eine Ausprägung eines viel größeren Themas – der Risiko­transformation. Banken sichern Risiken ab, und das werden sie weiterhin tun. Der Bohrmaschinenhersteller muss zum Beispiel damit rechnen, dass sein Kunde nicht zahlt. Ein Risikotransfer bleibt für ihn notwendig, aber vielleicht auf eine andere Weise als bisher. Dazu müssen wir nur die Wertschöpfungsmodelle unserer Kunden richtig verstehen.

Tun das die Banken denn nicht? 

Banken geben heute Kredite und bekommen dafür Sicher­heiten in Form von Grundstücken, Fabrikgebäuden oder Maschinen. Aber wie bewertet man Patente, Ideen, Proto­typen, Software? Damit sind Banken häufig überfordert. Ein deutsches Fernbusunternehmen befördert erfolgreich Millionen Passagiere, besitzt aber keine eigenen Busse. Bekommt das Unternehmen einen Kredit? Oder muss es sich an andere Investoren wenden und damit auch gleich Firmenanteile abgeben? Wir können solchen Unternehmen heute alle möglichen Lösungen anbieten. Vielleicht braucht das Unternehmen eine Mezzanine-Finanzierung, also eigenkapitalähnliche Mittel, die die Unternehmens­anteile des Unternehmens aber nicht verwässern.

Welche Trends Banken verändern

  • PSD2 Seit Januar gilt die neue Zahlungsdiensterichtlinie. Unter anderem gibt sie Start-ups aus dem Finanzbereich (Fintechs) einen besseren Marktzugang, indem diese einfacher als bisher auf Datenschnittstellen traditioneller Banken zugreifen können.
  • Kundenschnittstelle Die Stelle im Wertschöpfungsprozess, an der direkt mit dem Kunden kommuniziert wird. Wer die Schnittstelle besitzt, tritt als Geschäftspartner des Kunden auf und hat Zugang zu dessen Daten.
  • Plattformökonomie Anbieter, die ganz verschiedene Dienstleistungen unter einem Dach bündeln.
  • Sharing Economy Sammelbegriff für Firmen, Geschäftsmodelle oder Plattformen, die eine gemeinsame Nutzung von Ressourcen ermöglichen. Bekannte Beispiele sind Airbnb (Übernachtungen) oder DriveNow (Autos).
  • Risikotransformation Finanzmarktbegriff für den Ausgleich unterschiedlicher Risikobereitschaften der Marktteilnehmer. Versicherungen sind das klassische Beispiel. Banken transferieren Risiken, wenn sie beispielsweise die sicheren Anlagen der Sparer an Unternehmen verleihen und selbst für die Rückzahlung einstehen.

Risiko, Daten und Vertrauen sind die drei Zukunftsthemen

Auf Erfahrung können Banken bei der Be­urteilung solcher Start-ups meist nicht bauen.

Wir sind wieder in der gleichen Situation wie in den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg: Alles ist neu, wir müssen uns auf unser Gespür verlassen und Vertrauen in die neuen Geschäftsmodelle fassen. Es wird in Zukunft viele Bereiche geben, in denen die Leistungen von Banken gefragt sind. Beispiel Industrie 4.0: Wer rechnet eigentlich ab, wenn die Maschinen künftig selbst bestellen, und garantiert, dass alles stimmt? Oder die vielen neuartigen Bezahlsysteme. Da arbeiten wir sehr gut mit Start-ups zusammen: Sie entwickeln die Software für die Umsetzung neuer Ideen, und wir wickeln das finanzielle Risiko ab.

Aber ist Risikotransformation die einzige Zukunftschance?

In meinen Augen ist es nur eine Chance von dreien, aber die anderen beiden haben weniger mit dem klassischen Bankgeschäft zu tun und mehr mit ganz neuen Herausforderungen und Bedürfnissen von Kunden.

Und welche sind das?

Wir haben Millionen Geschäfts- und Firmenkunden. Da kommen riesige Datenmengen zusammen, und die setzen wir im Moment noch nicht ausreichend für unsere Kunden ein. Zum Beispiel finanzieren wir für viele Ärzte die notwendigen Röntgen- oder anderen Untersuchungsgeräte. Wir wissen, wie lange sie halten, wann neue bestellt werden, in welcher Zeit Probleme auftreten. Wir können dieses Wissen weitergeben und unsere Kunden vor großen Anschaffungen viel besser beraten als bisher. An einem ähnlichen Angebot für Firmenkunden arbeiten wir gerade: Wir wollen bei Rechnungen nicht nur die Bezahlung erledigen, sondern gleichzeitig Fehler finden, einen Wettbewerbsvergleich ziehen und andere Dienstleistungen anbieten. Banken werden in Zukunft eine viel wichtigere Rolle als Informationsagent spielen als heute.

Dazu müssen die Kunden Ihnen die Nutzung der Daten natürlich erlauben …

… und damit sind wir beim dritten großen Zukunftsthema: Vertrauen. Wem vertrauen Unternehmer heute ihre Daten an, bei wem glauben sie diese Daten sicher aufgehoben? In der Regel sind das nur zwei: der Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer und die Hausbank. Gleichzeitig wissen die meisten Menschen überhaupt nicht mehr, wer alles Daten von ihnen besitzt, welche Internetseiten welche Informationen über sie nutzen. Die Sensibilität für den Datenschutz wächst. Und Profiteure werden die sein, die garantieren, dass sie mit den Daten verantwortungsvoll umgehen. Banken sind hoch reguliert, werden ständig beaufsichtigt und haben gelernt, täglich Milliardensummen völlig zuverlässig zu verwalten.

Wie würde so ein Dienst konkret aussehen?

Es muss eine Stelle im Internet geben, die die sensiblen Daten verantwortungsvoll verwaltet und nur nach Maßgabe des Kunden an andere weitergibt. Die Deutsche Bank ist dabei, einen solchen Dienst unter dem Namen VERIMI einzuführen – zusammen mit anderen Unternehmen wie der Allianz, der Bundes­druckerei, der Deutschen Luft­hansa und der Deutschen Telekom. Im ersten Schritt geht es dabei um den Schutz persönlicher Daten und Kennwörter. Genauso wichtig wird der zweite Schritt sein: die zweifelsfreie Identifikation im Netz. Wenn das möglich ist, können Kunden direkt mit Behörden kommunizieren, Verträge abschließen – immer bei völliger Transparenz und unter dem Schutz europäischer Gesetze.

Andere wollen auch in diesen Markt …

Sicher! Aber wie immer der Wettbewerb um die Zukunft der Banken ausgeht: Wenn wir uns jetzt richtig auf­stellen, sind wir gut gerüstet.


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