Think Big in Wismar: 2020 soll das größte jemals in Deutschland gebaute Kreuzfahrtschiff zu Wasser gelassen werden

Quelle: MV Werften

Erfolge made in Meck-Pomm

Noch immer gilt Mecklenburg-Vorpommern als reiner Agrar- und Tourismus-Standort. Dabei sind im deutschen Nordosten längst weltweit aktive Unternehmen vor Ort. Eine Spurensuche zwischen Image und Realität

Text: Stephan Schlote

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Es gibt sicher einfachere Aufgaben, als einem Land wie Vietnam ein neues Parlaments­gebäude zu errichten. Doch seit zwei ­Jahren ist in der Hauptstadt Hanoi das Gebäude der Nationalversammlung fast genau so eine Touristenattraktion wie das gegenüberliegende Mausoleum des Kommunistenführers Ho Chi Minh. Das spektakuläre Werk verbindet zwei Baukörper, einen Würfel und eine Kugel, beides landestypische Symbole für Himmel und Erde. Kein leichter Job für Architekten, Statiker und Ingenieure. Aber ein typischer für ein 15 Flugstunden entferntes Unternehmen: Inros Lackner, ein international aufgestelltes Planungsbüro mit über 600 Mitarbeitern weltweit.

Ingenieur-Knowhow an 30 Standorten
Die Rostocker planen und überwachen Bauprojekte, die oftmals groß und nicht ganz billig sind: Flughäfen, Autobahnen, Windparks, Industriebauten, Brücken oder Bahnhöfe. An den Küsten Afrikas werden gerade mehrere Tiefseehäfen unter der Leitung von Inros Lackner saniert, in Berlin ist die Zentrale von 50Hertz fertiggestellt, aktuell eines der nachhaltigsten Gebäude in ganz Deutschland. Die Ingenieure haben den früheren Bonner Bundestag in ein Kongresszentrum verwandelt und den Jade-Weser-Port erweitert. 2019 beginnt der Bau eines zweiten S‑Bahn-Tunnels unter der kompletten Münchner Innenstadt. Inros Lackner plant alle oberirdischen vorbereitenden Maßnahmen. Kaum ein anderer Generalplaner hierzulande deckt ein vergleichbar breites Leistungs­spektrum ab. Läuft es in einem Bereich mal nicht so gut, gibt es woanders einen Ausgleich. „Wir wollen gesund wachsen“, sagt Ingo ­Aschmann, der geschäftsführende Direktor, und das scheint ihm zu gelingen: An 30 Standorten weltweit haben die Rostocker inzwischen ein eigenes Ingenieurbüro vor Ort. Es gibt nur wenige andere Unternehmen in diesem Bundesland, die ähnlich global aufgestellt sind.

Global und Mecklenburg-Vorpommern? Jenes ostdeutsche Bundesland, bei dem viele erst mal an Ostseeurlaub, Schlösser und Gutshäuser oder weite Landschaften denken? Und an die ewigen Probleme des deutschen ­Ostens. Denn tatsächlich ist es noch immer leicht, eher be­drückende Fakten zum Zustand des Landes zu finden: Die Lebensverhältnisse sind oft unterdurchschnittlich, der Altersdurchschnitt steigt überproportional. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft wird das Land bis 2035 fast fünf Prozent seiner heutigen Einwohner verlieren. Wirtschaftsminister Harry Glawe räumte kürzlich ein, dass Mecklenburg-Vorpommern mit 43 Industriejobs auf 1000 Einwohner noch „Nachholbedarf“ habe. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 83, der ostdeutsche Mittelwert immerhin bei 58.

Grafik:
Die Lage bessert sich

Die Lage bessert sich

Die Lage bessert sich

Arbeitslosigkeit runter, Bruttosozialprodukt rauf: Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hat sich in den vergangenen Jahren erfolgreich entwickelt.

Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder ID 252464, Bundesagentur für Arbeit ID 2521

2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
54.027€
52.682€
51.731€
49.954€
48.925€
46.599€
45.154€
45.921€
45.959€
43.338€
10,4%
11,2%
11,7%
12%
12,5%
12,7%
13,5%
14,1%
16,5%
19%
BIP je Erwerbstätiger
Arbeitslosenquote

FOTOS: CHRISTIAN GAHL/GMP ARCHITEKTEN, HOLGER MARTENS

Inros Lackner: Weltweit aktiv

Der Umbau des Bonner Bundestages, ein Parlaments­gebäude, Häfen oder Windparks – all das haben die Ingenieure aus Rostock gemeinsam mit ihren Kollegen aus den deutschlandweiten Standorten bereits geplant und überwacht. Dabei sind sie so erfolgreich, dass sie weltweit eigene Büros vor Ort unter­halten. Das aber ist nur der aufmerksamkeitsstarke Teil des Geschäfts, denn das Auftragsportfolio ist durch alle Größenklassen gut durchmischt. Somit macht es das ansonsten volatile Geschäft berechenbarer.

FOTOS: CHRISTIAN GAHL/GMP ARCHITEKTEN, HOLGER MARTENS

Deutsches Knowhow für Vietnam

Das ist eine Seite. Tatsächlich aber „ist den meisten nicht bewusst, wie viel Industrie in Mecklenburg-Vorpommern steckt“, hält etwa Siegbert Eisenach gegen, Hauptgeschäftsführer der Schweriner IHK. Als Beispiele nennt er die Ernährungsindustrie mit Werken von Dr. ­Oetker, Nestlé, Pfanni oder Arla, die wieder erstarkten Werften, Fahrzeugzulieferer wie Webasto oder den Flugsitzhersteller ZIM. Von „starken Industrien im Land“ spricht auch die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, etwa Ernährungswirtschaft, Luft- und Raumfahrt­indus­trie, Holzverarbeitung oder Maschinen- und Anlagenbau. Mit den erneuerbaren Energien habe das Land zudem erfolgreich auf eine Zukunftsbranche gesetzt. Eine neue Imagekampagne „Industrie – Gemeinsam. Zukunft. Leben.“ soll das zusätzlich betonen.

Agrarbetrieb mit frischen Ideen

„Natürlich gibt es noch Defizite“, weiß auch Ingo Aschmann von Inros Lackner, vor allem beim Internet­ausbau und der Verkehrsinfrastruktur. Insgesamt aber habe sich das Land „prima entwickelt. Es gibt viele tolle Ansätze.“

Für einen dieser Ansätze steht Annalina Behrens. Vor 16 Jahren verkaufte ihr Vater seinen Eierhandel in Niedersachsen und ließ sich nahe der Mecklenburgischen Seenplatte im Dörfchen Finkenthal auf einem alten Gutshof als Geflügelhalter nieder. Heute leitet Friedrich Behrens gemeinsam mit seinen Töchtern Annalina und Leonie den „Fürstenhof“, eine ökologische Erzeugergemeinschaft, in der sich 23 Legehennenbetriebe zusammengeschlossen haben. Wichtigstes Produkt: Bioeier. Geliefert wird an die großen Supermarkt- und Bioketten in ganz Deutschland. Mit 80 Millionen Bioeiern jährlich gehört die Erzeuger­gemeinschaft zu den Top 5 im deutschen Eiermarkt.

FOTOS: ERZEUGERZUSAMMENSCHLUSS FÜRSTENHOF GMBH

Fürstenhof: Lebensretter

Bei der Marke ­haehnlein werden männliche Küken nicht gleich nach der Geburt getötet, sondern aufgezogen. Mit 80 Millionen Bioeiern jährlich gehört die Erzeugergemeinschaft Fürstenhof zu den Top 5 im deutschen Eiermarkt. 23 Betriebe aus der Region haben sich hier zusammengetan. Geliefert wird an die großen Supermarkt- und Bioketten. Jüngstes Projekt: eigene Tiefkühl-Bio-Fertiggerichte aus dem Fleisch männlicher Hühner. Daran hat sich bislang noch keiner gewagt.

FOTOS: ERZEUGERZUSAMMENSCHLUSS FÜRSTENHOF GMBH

Eigentlich wäre das schon unternehmerische Lebensleistung genug. Doch vor fünf Jahren haben die drei Bio-Behrens etwas beschlossen, das die seit Jahrzehnten eingespielten Abläufe der Legehennenbranche massiv verbessert: Es soll auf den Höfen der Erzeugergemeinschaft Schluss sein mit dem massenhaften Töten aller männlichen Küken. Denn das ist die hässliche Seite des Geschäfts, auch bei Bioeiern. Jedes zweite Küken ist männlich, und Hähne legen nun mal keine Eier. Eine Aufzucht für die Fleischproduktion galt über Jahrzehnte als unwirtschaftlich. Also werden die männlichen Tiere kurz nach der Geburt getötet.

Nicht mehr lange. 350 000 männliche Küken haben die Behrens bisher vor dem sicheren Tod gerettet, Tendenz weiter steigend. Noch ist es wenig, verglichen mit den 45 Millionen männlichen Legehennenküken, die jährlich bundesweit getötet werden. Doch die „Bruder-Hahn-Projekte“ sind en vogue, andere Betriebe folgen. Die kleinen Hähne werden langsam über vier Monate aufgezogen, der klassische „Broiler“ aus der Massentierhaltung überlebt gerade mal vier Wochen. Eier und Fleisch werden jetzt unter der gemeinsamen Marke haehnlein vermarktet. Jeder Käufer, der diese Bioeier in den Einkaufswagen legt, unterstützt das Projekt und subventioniert das Hahnenfleisch, das wegen der langsamen Aufzucht sonst rund 30 Euro pro Tier kosten würde. Es ist eine neue Fleisch­sorte, wenig Menge und wenig bekannt beim Verbraucher, eigene Vermarktungswege müssen erschlossen werden. Aber auch dafür haben die drei von der Hühnerfarm eine Idee: Auf der letzten Biofachmesse zeigten sie erstmals ein ganzes Sortiment von tiefgekühlten Fertigprodukten mit Fleisch aus dem Bruder-Hahn-Projekt. Ab Sommer soll es bundesweit in den Handel.

Erfolgreiche Ansiedlungspolitik

Fertiggerichte vom Hühnerhof sind eine von vielen unternehmerischen Ideen aus Mecklenburg-Vorpommern. Und davon gibt es eine Menge, weiß etwa Hinrich Wolff, Regionalchef bei der Deutschen Bank in Rostock. So hat sich eine ziemlich lebendige Start-up-­Szene etabliert, die längst auch bundesweit wahrgenommen wird. Und der innovationsstarke Maschinenbau gehört nach der Nahrungs- und Futtermittelindustrie inzwischen zu den wichtigsten Branchen. „Nur Agrar und Touristik zu sehen“, so Wolff, „ist ein eindeutig zu enger Blickwinkel.“ Das ­etwas provinzielle Image des Landes findet Wolff „schlichtweg überholt“. Zumal sich das Bundesland im Wachstumsmodus befindet: Im ersten Quartal 2018 be­urteilten 95 Prozent der befragten Unternehmen ihre Lage als gut oder zumindest befriedigend. Mit dazu beigetragen hat eine erfolgreiche Standortpolitik, sagt Hinrich Wolff von der Deutschen Bank: „Nach der Schiffbaukrise haben die hier nicht lange die Wunden geleckt, sondern frühzeitig neue Branchen und Unternehmen angesiedelt.“

Tierschutz steigert Gewinne

Fotos: MV Werften

MV Werften: Hilfe aus China

Die ewige Werftenkrise ist endlich vergessen. Denn im Sommer 2016 hat der Touristikkonzern ­Genting aus Hongkong die drei Ostseewerften in Wismar, Warnemünde und Stralsund übernommen. Seitdem geht es kontinuierlich aufwärts, denn der boomende chine­sische Kreuzfahrtmarkt will mit großen neuen Schiffen versorgt sein. Davon profitiert die ganze Region: Allein 600 verschiedene Unternehmen sind am Bau der hier entstehenden Superkreuzer beteiligt.

Fotos: MV Werften

Nachfrage nach Kreuzfahrt-Schiffen boomt

Schiffbaukrise? War da was? Fast scheint vergessen, wie viele Beschäftigte ihre Jobs verloren, dass ganze Werften und zahlreiche Zulieferer schließen mussten, andere in immer neue Hände kamen. Doch bei den drei Ostsee­werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund geht es seit zwei Jahren endlich wieder aufwärts. Im Sommer 2016 hat sich der Touristikkonzern Genting aus Hongkong für den Standort entschieden und die drei Werften als Produktionsverbund übernommen, um die weltweit boomende Nachfrage nach Kreuzfahrtschiffen für Flüsse, Meere und Eismeere bedienen zu können.

Comeback mit Hilfe aus Asien

Erklärtes Ziel: MV Werften zu einem der modernsten und effizientesten Schiffbauer für Kreuzfahrer zu machen. „Die Übernahme war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Deutsche Bank Mann Wolff. Vier Flusskreuzer sind bereits ausgeliefert; 2020 wird das größte jemals in Deutschland gebaute Kreuzfahrtschiff zu Wasser gelassen. Die Schiffe der sogenannten Global Class sind speziell für den wachsenden asiatischen Kreuzfahrtmarkt konzipiert. Ein neuer Eigentümer und ein boomender Kreuzfahrtmarkt haben den drei Werften an der Ostsee ein regelrechtes Comeback verschafft. Es ist ein Konjunkturprogramm für die ganze Region: Allein 600 verschiedene Unternehmen sind am Bau der Superkreuzer beteiligt.

Ein Parlament für Hanoi, ein innovatives Vermarktungs­konzept für eine neue Hühnerfleischsorte oder der Wiederaufstieg des totgesagten ostdeutschen Schiffbaus dank eines neuen Investors – drei Unternehmen beweisen beispielhaft, was in diesem Bundesland alles möglich ist. Ist das sprichwörtliche Glas nun also halb voll oder halb leer? Tatsache ist, es geht vorwärts in Mecklenburg-Vorpommern, wenn auch in kleinen Schritten. Vielleicht gilt einfach, was Geflügelhalterin Annalina Behrens glaubt: „Wer hier wirklich will, der schafft es auch.“

  • Foto: Christian Gahl
    Das Parlamentsgebäude in Hanoi bietet im Versammlungsraum Platz für 1100 Menschen
  • Foto: Inros Lackner SE
    Mitarbeiter von Inros Lackner helfen auch beim Bau des Humboldt Forums in Berlin
  • Foto: Inros Lackner SE
    Inros Lackner begleitet auch die inhaltliche Entwicklung und den Neubau der Feuerwehrakademie in Kuwait
  • Foto: Inros Lackner SE
    Das „50Hertz Netzquartier” in Berlin erhielt als erstes Gebäude weltweit die Auszeichnung „DGNB Diamant“
  • Foto: Inros Lackner SE
    Inros Lackner war innerhalb der Generalfachplanung wesentlich für die Fassadenplanung, Statik, Haustechnik und das Energiedesign verantwortlich

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