Textilingenieur Qutaiba Jarkas hat bei Terrot eine neue Heimat gefunden

Foto: ROBERT GOMMLICH

Neustart mit Freunden

Die Wirtschaft engagiert sich für Flüchtlinge mit der Initiative „Wir zusammen“ – eine Win-win-Situation für die neuen Mitarbeiter ebenso wie die Unternehmen

Text: Heinz-Peter Arndt

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    Qutaiba Jarkas floh vor dem Militärdienst in Syrien nach Deutschland
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    Vorher hatte er sein Textilstudium abgeschlossen
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    Dieses Fachwissen kann er jetzt bei Terrot nutzen

Ich hatte einfach nur Angst“, erinnert sich Qutaiba Jarkas an den Moment, als sich die syrische Armee bei ihm meldete. Eigentlich sollte sein Textiltechnikstudium ihn vor der Einberufung schützen. „Aber dann hieß es Ende 2013: 2014 geht der Militär­dienst los – mit oder ohne Examen“. Die Familie flehte ihn an zu fliehen. So schloss Jarkas sein Studium an der Universität in Damaskus in Windeseile ab – dann brach er über den Libanon und Russland nach Deutschland auf und kam dort nach vier Monaten im November 2014 an. Leicht war der Anfang nicht: Jarkas pendelte durch mehrere Aufnahmeheime in Ostdeutschland und absolvierte Deutschkurse. Schließlich studierte er ein Semester Maschinenbau in Cottbus: „Da fand ich einen Praktikumsplatz bei Terrot“, so Jarkas. „Das war mein Glück.“

Ein Glücksfall nicht nur für den syrischen Textilinge­nieur, sondern auch für Andreas von Bismarck. Seit 2008 führt der Betriebswirt gemeinsam mit seinem Vater Peter Schüring als Eigentümer die Chemnitzer Terrot-­Gruppe, ­einen Hersteller von Textilmaschinen mit mehr als 150 Jah­ren Tradition. Die Geschäfte laufen gut: Rund 800 hochkomplexe Strickmaschinen produziert Terrot pro Jahr, 98 Prozent davon für den Export. Die Belegschaft hat sich gruppenweit binnen zehn Jahren auf 340 Mitarbeiter annähernd verdreifacht.

Fachkräfte dringend gesucht

Und es könnten noch deutlich mehr werden, doch qualifizierte Fachkräfte sind in Deutschland rar. „Es werden hier kaum noch Textilingenieure ausgebildet“, weiß von Bismarck und hatte schon 2015 die zündende Idee: „Warum stellen wir nicht einfach jemand aus dem klassischen Textilland Syrien ein?“

Jarkas hat sich während des Praktikums bestens bewährt – und arbeitet seit 2016 fest für das Unternehmen. Für von Bismarck geht es aber um mehr als die Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter. „Als Unternehmen sehen wir uns in der Pflicht, auch gesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen.“ Wie Integration praktisch funktio­niert, haben er und Qutaiba Jarkas gemeinsam gezeigt. Wie alle neuen Mitarbeiter bekam auch der junge Syrer zum Start einen Paten aus dem Unternehmen an die Seite gestellt. „Der half mir bei allen Fragen zur Firma und kam mit zu den Behörden“, erinnert sich Jarkas. „Er ging aber auch mit mir ins Café, zum Billard oder Tischtennis.“ Seine Deutschlehrerin wiederum verschaffte ihm eine eigene Wohnung.

Inzwischen sind solche „Patenschaften“ kaum noch nötig. Der Betreuer und einige andere Terrot-Kollegen sind echte Freunde für Jarkas geworden. Mit ihnen verbringt er den großen Teil seiner Freizeit. Im Unternehmen ist der syrische Textilingenieur nach einem halbjährigen Praktikum seit einem Jahr unbefristet angestellt und eine feste Größe. Er kümmert sich um Anwendungstechnik und Musteranalyse. Er hat gegenüber vielen Kollegen sogar einen Sprachvorteil. Denn noch besser als sein bereits sehr gutes Deutsch ist sein Englisch: „Deshalb schule ich Mitarbeiter der Unternehmen aus der Türkei oder Indien, die unsere Maschinen kaufen“, erklärt Jarkas stolz. „Allerdings gibt es dabei ein Hindernis: Die Kunden müssen nach Chemnitz kommen, weil ich wegen des noch laufenden Asylverfahrens nicht reisen darf.“

Die Anerkennung als Asylberechtigter und ein dauerhaftes Bleiberecht sind Qutaiba Jarkas’ großes Ziel. Andreas von Bismarck unterstützt ihn nach Kräften dabei. Der Unternehmer war einer der ersten Mittelständler in der Initiative „Wir zusammen“. Im Februar 2016 wurde das Unternehmernetzwerk auf Anregung des Internet-Entrepreneurs Ralph Dommermuth von 36 Unternehmen gegründet. „Unternehmen sind für die Integration elementar. Denn sie bieten die Arbeit, die langfristig für wirkliche Integration in die deutsche Lebenswelt sorgt“, sagt Marlies Peine, Sprecherin der Initiative.

Drei Viertel arbeiten im Mittelstand

Zwei Jahre nach der Gründung hat das Unternehmernetzwerk mit Kooperationspartnern wie dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) oder dem Senior Experten Service zahlreiche Projekte gestartet: Aus 36 sind inzwischen rund 220 Mitgliedsunternehmen geworden, in denen sich 18 000 Mitarbeiter als Mentoren für Behördengänge, Sprache und Sportbegleitung zur Verfügung stellen, darunter auch die Deutsche Bank. 

„Die Arbeit in der Initiative wandelt sich laufend“, erklärt Peine. „Auch heute sind zwar noch Behördengänge und Einzelfallbetreuungen nötig, aber Ausbildung und Qualifizierung stehen im Vordergrund.“

Die Konzepte reichen von Sprachkursen über beruf­liche Qualifizierungen bis zu Ausbildung und Festanstellung. So gibt es mehrere Projekte bei „Wir zusammen“, bei denen Großunternehmen Geflüchtete vorqualifizieren und sie anschließend an KMU in der Region als Auszubildende oder Mitarbeiter vermitteln. Nach aktuellen Zahlen des IW sind heute drei Viertel aller Beschäftigten aus Asylherkunftsländern im Mittelstand tätig.

Gleichwohl gibt es weiterhin Gesprächsbedarf: „Im Netzwerk und mit unserer Düsseldorfer Zentrale tauschen sich Unternehmen darüber aus, welche Maßnahmen funktionieren und was nicht geht“, erklärt Marlies Peine. Sie und ihre drei Mitarbeiter treffen die Mitgliedsunternehmen dreimal im Jahr bei Netzwerktreffen mit angeschlossenen Workshops. Zudem bietet die Düsseldorfer Initiative Regionalkonferenzen an.

1000 Banker als Paten

Als eines der 36 Gründungsmitglieder von „Wir zusammen“ setzt die Deutsche Bank auf Unterstützung von Mitarbeitern, die sich ehrenamtlich engagieren. „1000 Deutschbanker als Integrationspaten“ sollen für Flüchtlinge bis Ende 2018 Einsatz zeigen, versprach die Bank 2016. Mehr als 700 haben bereits mitgemacht. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Projekt­koordinatorin Kristina Hensch.

Die Deutsche Bank kooperiert mit sechs gemeinnützigen Partnerorganisationen, die wiederum Patenschaftsprogramme anbieten, bei welchen Mitarbeiter einen Flüchtling unterstützen können. Sie treffen sich in der Regel einmal pro Woche mit ihrem Mentee und helfen bei allen anliegenden Fragen zu Spracherwerb, Behörden und Job – etwa durch Hilfe bei der Stellen­suche oder beim Verfassen eines Bewerbungsschreibens. Je nach Programm dauert eine Patenschaft zwischen zehn Wochen und sechs Monaten.

„In der praktischen Arbeit zeigt sich, wie vielfältig die Probleme bei der Integration sein können und wie wertvoll eine individuelle Begleitung ist“, erklärt Kristina Hensch. Vor allem die Sprach­barriere sei selbst bei gut ausgebildeten Neuankömmlingen nicht leicht zu überwinden. Entsprechend groß ist die Dankbarkeit bei den Mentees für die individuelle Betreuung. „Aber auch die Paten sind zufrieden, weil sie effektiv helfen können“, erklärt Kristina Hensch: „Einige haben schon mehrere Patenschaften übernommen, andere engagieren sich inzwischen auch in anderen Bereichen für die Flüchtlingshilfe.“

Mit „1000 Deutschbanker als Integrationspaten“ ist das Engagement der Deutschen Bank nicht erschöpft. Bei den sogenannten Social Days haben sich in den vergangenen drei Jahren rund 3000 Mitarbeiter in etwa 400 Projekten engagiert.


„Technisches Wissen und hohe Motivation“

Mit seinen Erfahrungen helfen kann Andreas Lapp, Chef der LAPP Gruppe: „Als Familienunternehmen tragen wir auch soziale Verantwortung“, sagt er. Als 2015 viele Menschen aus den Kriegsgebieten nach Süddeutschland kamen, zögerte Andreas Lapp nicht: „Für uns war es selbstverständlich, uns auch für die Integration von Flüchtlingen zu engagieren.“

LAPP gehört zu den Weltmarktführern der Kabel- und Verbindungstechnik. 2017 durchbrach das Unternehmen mit weltweit rund 3800 Mitarbeitern an 17 Fertigungs- und 39 Vertriebsstandorten die Umsatzgrenze von einer Milliarde Euro. Das Wachstum zum Vorjahr fiel zweistellig aus. Engagierte Fachkräfte werden bei LAPP dringend gesucht – und so verbindet sich bei der Aktion „Wir zusammen“ Gutes mit Nützlichem. „Die Ausbildung und Qualifizierung von jungen Flüchtlingen ist wegen des zunehmenden Fachkräftemangels deshalb auch in unserem ureigenen Interesse“, erklärt Firmenchef Lapp.

Wer sich bewährt, wird fest eingestellt

Bei LAPP durchlaufen die Flüchtlinge zunächst ein sogenanntes Einstiegs-Qualifizierungsjahr. Schwerpunkt ist hier das Erlernen der deutschen Sprache – und, oft noch schwieriger, der jeweiligen Fachausdrücke des jeweiligen Gebiets –, aber auch die Arbeitsorganisation und die Integration in einen deutschen Industriebetrieb. Wer sich bewährt, kann im Jahr danach mit einer regulären zwei- oder dreijährigen Ausbildung beginnen – meist als Maschinen- und Anlagenführer, bei entsprechendem Interesse und Sprachvermögen aber auch zum Beispiel als Informatikkaufmann.

Aktuell sind zwölf ehemalige Flüchtlinge als Azubis unter Vertrag, rund ein Fünftel aller LAPP-Auszubildenden und dualen Studenten. Die ersten beiden Azubis wurden bereits übernommen. Zum Herbst werden voraussichtlich sechs weitere mit einer Ausbildung beginnen. „Die Erfahrungen mit unseren geflüchteten Azubis sind extrem posi­tiv“, erklärt Thilo Lindner, Ausbildungsleiter der LAPP Gruppe: „Viele haben eine gute technische Ausbildung, und ihre Motivation ist außerordentlich hoch.“ Der Aufwand ist für die Ausbilder natürlich insbesondere in den ersten Monaten anders und höher als bei einheimischen Jugendlichen. Regelmäßige Erklärungen zur Überwindung der Sprachbarrieren und auch mal Begleitung bei Behördengängen sind nötig. Aber die Mühe lohnt sich.

„Man merkt, dass die Flüchtlinge dankbar für die Chance sind, die ihnen geboten wird“, sagt Lindner: „Das liegt auch an der Reife, die sie mitbringen.“ Alle haben auf ihrer Flucht Schwieriges und Schreckliches erlebt. Zudem sind sie meist einige Jahre älter als die jugend­lichen Azubi­kollegen, die direkt von der Schule kommen und noch bei den Eltern wohnen. Für Lindner ist deshalb klar: „Die Lebenserfahrung und Arbeitseinstellung unserer geflüchteten Auszubildenden ist für ihre jüngeren Kollegen eine gute Orientierung.“


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