Spitzensportler Röhler: Zwischen den Trainings wird gelernt – der Musterathlet bereitet sich akribisch auf das Leben nach dem Sport vor

Video: THOMAS RÖHLER

Überflieger mit Gefühl

Die olympische Goldmedaille? Thomas Röhler holt sie nur selten aus der Scha­tulle. ­Als Speerwerfer und auch als Master­student hat er längst neue Ziele im Visier

Text: Stefan Merx

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AC/DC scheppert durch die Turn­halle des LC Jena. Zehn Stahlscheiben schiebt Thomas Röhler auf die Stange, 220 Kilo, mehr passt nicht drauf. „Na ja, jetzt sieht’s zumindest nach was aus“, kommentiert Trainer Harro Schwuchow lakonisch und dreht einen lockeren Schwung auf seinem Hoverboard. Röhler zurrt schweigend seine gelben Handgelenksbandagen fest, packt zu. Wie eine Raubkatze schiebt er seinen schlanken Körper vor und zurück, pumpt ein paarmal und reißt das Gewicht empor bis auf Hüfthöhe. Geschafft. „Na, da gehen noch zwei Wiederholungen. Oder auch fünf. Schön energisch“, fordert Schwuchow. „Saisonbestleistung“, murmelt er zufrieden.

Trainingsalltag beim Speerwurf-Olympiasieger. Fünf Tage die Woche, immer morgens und nachmittags, stählt er beim Krafttraining seinen Körper. Den 2,60 Meter langen Speer sieht Thomas Röhler erst im Frühjahr wieder. „Das ist wie mit dem Esel und der Möhre“, sagt Röhler. „Er sieht sie immer, aber kommt nicht ran.“ Umso schöner, wenn dann die Arbeit am Speer wieder losgeht. Dann will er fit sein für die 100 Meter.

Irgendwann soll ein Speer aus der Hand von Thomas Röhler auf diese Weite segeln, so der Plan. „Ich will die 100 werfen. Nur um he­rauszufinden, ob es menschenmöglich ist“, sagt Röhler. Bislang liegt der Weltrekord um 1,52 Meter unter der Marke. Mit seinen 27 Jahren hat Röhler schon viel erreicht: In Rio de Janeiro 2016 wurde er Olympiasieger, 2018 folgte der Europameistertitel in Berlin – mit telegenem Freudensprung in den Wassergraben. 2019 bei der WM in Doha könnte Röhler seine Titelsammlung komplettieren. In Tokio 2020 gar erneut Olympiagold gewinnen. „Mich treibt immer der Wettkampf an, Mann gegen Mann“, sagt er.

Wer dabei auf die Idee kommt, Röhler könnte vor Ehrgeiz kaum laufen, liegt falsch. Der Mann, der in einer dreistündigen Trainingseinheit gut zehn Tonnen Eisen bewegt, macht einen wundersam unbeschwerten Eindruck, ganz feingliedrig wirkt er – wie ein Turner. Kaum lässt er das Gewicht ab, sagt er lächelnd: „Speerwurf ist nichts anderes als Energietransfer.“ Er vollführt eine fließende Bewegung. „Energie mitnehmen, Energie speichern, Energie abgeben – in Bruchteilen von Sekunden, so gepardmäßig.“

Seit 2013 bildet Röhler mit seinem Trainer ein Gespann. „Wir verlassen uns auf unsere Sinne und setzen immer neue Reize“, sagt Schwuchow. Kaum ist Röhler mit den Gewichten durch, drückt Schwuchow ihm eine Fernsteuerung in die Hand: „Flieg mal!“ Er hat eine Hubschrauberdrohne mitgebracht, ein billiges Teil aus dem Baumarkt, aber es erfüllt seinen Zweck: „Feinmotorik üben direkt nach dem Krafttraining – unheimlich schwierig.“

32 Meter im Streichholz-Weitwurf

Besser werden auf ungewöhnlichen Wegen, das hat Methode. Manch einer hat es belächelt, als Schwuchow seinem Schützling einst ein Streichholz reichte – „statt Speer“. Röhler lachte kurz, übte dann fleißig. „Man muss es quasi auf die Luft legen, Zündkopf nach vorne“, erklärt er. Nach unzähligen Versuchen steht seine persönliche Bestmarke im Streichholz-Weitwurf nun bei sensationellen 32 Metern.

„Energie mitnehmen, speichern, abgeben“

  • Foto: CHRISTOPH WORSCH
    Kurze Wege zwischen Trainingsplatz und Hörsaal: In seiner Heimatstadt Jena macht der Speerwurf-Olympiasieger einen Master in Wirtschafts­wissenschaften. Gelernt wird oft im Flugzeug
  • FOTOS: PICTURE ALLIANCE/SVEN SIMON
    Thomas Röhler bei der Leichtathletik-WM in London
  • Foto: PICTURE ALLIANCE FÜR DEUTSCHE SPORTHILFE
    Hilfe für den Sport: Thomas Röhler ist „Sport-Stipendiat des Jahres“
  • Foto: Sascha Fromm
    Röhlers bisher größter Lohn: Gold in Rio bei den Olympischen Spielen 2016
  • Foto: Christoph Worsch
    Heller Kopf: Das Studium hat für Thomas Röhler hohen Stellenwert. Sportmarketing könnte ihn auch beruflich reizen
  • Foto: TEAM JENJAVELIN
    Nicht nur bei seinem Heimatverein LC Jena widmet Röhler viel Zeit der Nachwuchsarbeit. „Ich will etwas zurückgeben“, sagt er ­– und veranstaltet Speerwurf-Workshops in aller Welt
  • Foto: TEAM JENJAVELIN
    Schweißtreibendes Work-out im Winter – Kraft, Körper­spannung und Feingefühl machen einen guten Werfer aus
  • Foto: CHRISTOPH WORSCH
    Unter Jenensern ist er stadtbekannt – der 27-Jährige ist einer von ihnen

Beim letzten Stemmschritt lastet eine Tonne Gewicht auf dem linken Fuß

Röhler ist ein Musterathlet, der sich genauso akribisch auf das Leben nach dem Sport vorbereitet. Sein Bachelorstudium in Sport- und Wirtschaftswissenschaften hat er in nur sieben Semestern bewältigt. Jetzt sattelt er den Master drauf – ebenfalls an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Unterstützt wird er dabei von der Deutschen Sporthilfe und gehört zu den rund 400 studierenden Athleten, die zusätzlich zur normalen Förderung das Sport-Stipendium der Deutschen Bank in Höhe bis zu 400 Euro monatlich erhalten. Als „Sport-Stipendiat des Jahres“ 2018 darf er sich seit dem Wintersemester für drei Semester über die doppelte Summe freuen. „Es ist eine Riesenehre, dass die Wahl auf mich gefallen ist“, sagt Röhler. Thorsten Strauß, weltweit verantwortlich für den Bereich Kunst, Kultur & Sport der Deutschen Bank: „Junge Topathleten, die sportliche Höchstleistungen erzielen und zugleich an ihre berufliche Zukunft denken, verdienen es, gefördert zu werden. Sie sind Vorbilder für unsere Gesellschaft.“

In der Fakultät hängt ein Poster von Thomas Röhler im Schaukasten. Natürlich ist man hier stolz, auch an der Universität. Als lebendes Aushängeschild für die duale Karriere trifft man ihn regelmäßig in den Hörsälen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. „Stra­tegy, Management and Marketing“ lautet sein Schwerpunkt. „Mir geht es nicht um Scheine, sondern um Wissenserwerb. Ich lerne gerne in Trainingspausen in der Halle und viel auch im Flugzeug“, sagt er. Beruflich wolle er sich „ganz viele Türen offenlassen“, eine Karriere in der Sportartikelindustrie könnte ihn reizen. „Aber erst mal will ich weit werfen.“

Kampf gegen das Smartphone

Innovation, Digitalisierung, Motivation – zu seinen Lieblingsthemen ist Röhler bereits heute in Unternehmen als Impulsgeber zu Gast. „Das fing lokal an, inzwischen kommt auch Nachfrage aus dem Ausland.“ Schon ein Drittel der Vorträge hält er auf Englisch. Für den Nachwuchs will er ebenfalls Vordenker sein. „Die heute Fünf- oder Zehnjährigen sollen später auch noch eine schöne Leichtathletik vorfinden“, sagt Röhler. Wie hält man das Zuschauerinteresse wach? Mit welchen Trainingsmethoden gewinnt man den Kampf gegen Smartphone und Trägheit? „Wir Speerwerfer müssen uns bewegen, kreativ sein, um mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Gesellschaft wartet nicht.“ Röhler belässt es nicht bei Worten. Er investiert seine Freizeit, um gemeinsam mit der Speerwurf-Olympiasiegerin Petra Felke und Harro Schwuchow internationale Trainingscamps zu organisieren. Gerade kommt er zurück aus dem ostfinnischen Tanhuvaara, wo er 150 junge Leute an drei Trainingstagen für seine Sportart begeisterte. „Es geht mir darum, das Feuer zu entfachen für den Speerwurf.“

Unter dem Signet „JenJavelin“ empfängt man in Jena internationale Speerwerfer mit offenen Armen. Auch ein internationales Werfermeeting in seiner Heimatstadt organisiert Röhler mit. Als Mittelpunkt der Talentschmiede gibt Röhler bereitwillig Insidertipps, teilt Wissen und Erfahrung. Aktuell ist ein Japaner zu Gast in der Trainingsgruppe. Ein paar Meter weiter trainiert Röhlers Verlobte, ebenfalls eine Speerwerferin, 30 Grundschüler. Sie flitzen auf der blauen Tartanbahn um den Olympiasieger herum, ganz normal. Als einer stolpert und weint, unterbricht Röhler seine Übung. Nix passiert.

Und ein subtiler Motivationsschub liegt für jeden Speerwerfer in der Magie des Ortes begründet: denn draußen, direkt neben der Halle, auf dem Ernst-Abbe-Sportfeld, hatte am 25. Mai 1996 der Tscheche Jan Železný den Speer auf 98,48 Meter gefeuert. Der Welt­rekord, aufgestellt in Jena, ist gültig bis heute. Železný war als Werfer ein ähnlicher Typ wie Röhler: ein feiner Techniker, kein Kraft­paket. Röhler ist 1,92 Meter groß, 92 Kilo schwer, bei 93,90 Meter steht seine Bestleistung. Den Rekordwurf vor ihrer Haustüre haben Röhler und Schwuchow zigfach studiert, die Übersetzung der letzten Schritte, die Verwringung, den Armzug. „Wir Speerwerfer sind menschliche Katapulte“, sagt Röhler. Doch letztlich gehe es nicht um die Weite, sondern immer um den konkreten Wettkampf. Oft war es der fünfte der sechs Würfe, mit dem Röhler die Konkurrenz schockte – und besiegte. Und der perfekte Wurf? „Den gibt es nicht“, sagt Röhler, ohne zu zögern. „Sonst könnte man ja aufhören.“

Weitere Informationen
Mehr zur Sportförderung der Deutschen Bank unter
deutsche-bank.de/sport


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