Hochschule mit Hochfinanz-Hintergrund: Hinter der Frankfurter Mensa sind schon die zukünftigen Arbeitsplätze im Bankensektor zu sehen

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Bürgergeist und Bürgergeld

Die Frankfurter Goethe-Universität feiert Geburtstag. Umfangreiches privates Engagement half ihr, in den vergangenen hundert Jahren manche Krise zu überstehen

Text: Heinz-Peter Arndt

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Es sollte eigentlich der Beginn einer hoffnungsvollen Ära werden. Für den 18. Oktober 1914 war Kaiser Wilhelm II. zur feierlichen Gründung der Frankfurter Universität angesagt. Doch der Zeitpunkt war schlecht gewählt, der Kaiser hatte Wichtigeres zu tun. „Die notwendig gewordene Verteidigung des Vaterlandes gegen ruchlose Angriffe unserer Feinde hat Mir dringendere Pflichten auferlegt“, schrieb er an Rektor und Senat. Der Erste Weltkrieg hatte gerade begonnen. Hundert Jahre später sind Kaiser und Kaiserreich Geschichte, die Frankfurter Universität dagegen hat sich zu einer der fünf größten Hochschulen des Landes entwickelt, trägt zum Gedenktag in vielen Veranstaltungen und Projekten zur historischen Aufarbeitung der Weltkriegstragödie bei und feiert gleichzeitig das eigene Jubiläum. „Die Entwicklung unserer Universität ähnelt einer Fieberkurve mit heftigen Ausschlägen nach oben und unten“, sagt Unipräsident Werner Müller-Esterl. „Nur eines verlässt sie nicht: eine offenbar unzerstörbare Lebensenergie.“ Ihre Lebensenergie zieht die Goethe-Universität dabei vor allem aus privatem Engagement. Es ist einer Reihe vermögender liberaler Frankfurter Bürger zu verdanken, dass Frankfurt – zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine der letzten deutschen Metropolen ohne eigene Universität – endlich aufschließen konnte. Das wohl bekannteste Beispiel ist das 1923 auf Initiative und aus Mitteln von Felix Weil gegründete Institut für Sozialforschung: Nach den Jahren des Nationalsozialismus und der zwischenzeitlichen Schließung des Instituts erneuerten dessen aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrten Professoren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer den Ruf der Goethe-Universität als „Werkstatt der Moderne“ bis heute.

Aber auch in den Naturwissenschaften spielt Frankfurt eine internationale Rolle: Wichtige Grundlagen für die Entwicklung der Chemotherapie wurden hier geschaffen, die Quantenphysik verändert. Insgesamt 19 Nobelpreisträger studierten und lehrten in den vergangenen 100 Jahren am Main. Hartmut Michel, der 1988 den Nobelpreis für Chemie erhielt, ist heute noch als Professor an der Goethe-Universität aktiv. In insgesamt drei Exzellenzclustern erforschen Frankfurter Wissenschaftler heute Herz- und Lungenkrankheiten, untersuchen Zellstrukturen und beschäftigen sich mit der Entstehung neuer Rechts- und Gesellschaftsordnungen.

Thesen

Stiftungsuni: Frankfurt ist eine der größten deutschen Universitäten In den hundert Jahren ihres Bestehens musste sie sich mehrfach neu erfinden. Seit 2008 ist sie eine Stiftungsuniversität des öffentlichen Rechts.

Finanzfokus: Wirtschaftsforschung ist heute ein Schwerpunkt der Uni, dazu trägt unter anderem das „House of Finance“ bei, unterstützt von der Deutschen Bank.

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    Bitte diskutieren: Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen hat in Frankfurt bis heute Tradition
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    Aber auch Techniker forschen erfolgreich. Die Uni bietet drei Exzellenzcluster
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    Der Soziologe Theodor Adorno gilt als einer der geistigen Väter der deutschen Studentenbewegung – von der er sich in späteren Jahren aber oft distanzierte
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    Beliebter Studienort: 45 000 Studenten sind an der Frankfurter Uni eingeschrieben, das ist Platz 4 unter Deutschlands Hochschulen hinter Hagen, München und Köln

19 Nobelpreisträger waren an der Goethe-Universität

Bürgergeist und Bürgergeld prägen die Hochschule bis heute: 38 Stiftungs- und Stiftungsgastprofessoren arbeiten in Frankfurt, das verschafft der Universität einen Spitzenplatz in Deutschland. Fast 50 Prozent des gesamten Universitätsbudgets stammen heute aus Zuwendungen von Unternehmen oder eingeworbenen Drittmitteln. Wichtige Frankfurter Unternehmen wie die Deutsche Bank sind der Hochschule seit langen Jahren verbunden. „Wir nehmen am Leben der Goethe-Universität intensiv teil“, erklärt Michael Münch, Leiter Corporate Citizenship Deutschland der Deutschen Bank: „Wir unterstützen die Universität durch die Mitarbeit in den Gremien, die Zuwendungen an das House of Finance und den Deutsche Bank Prize in Financial Economics.“ 2008 wurde auf dem Campus das House of Finance eingeweiht – eine der renommiertesten Lehr- und Forschungseinrichtungen für Ökonomie in Deutschland. 2011 wurde die „House of Finance“-Stiftung ins Leben gerufen. Zum Stiftungsvermögen, mit dem die nachhaltige Finanzierung aller Aktivitäten in den Bereichen Forschung, Weiterbildung und Wissenstransfer unterstützt wird, trug die Deutsche Bank einen Großteil bei.

Wie das House of Finance setzt auch das daran angeschlossene Center for Financial Studies (CFS) Maßstäbe: Das unabhängig finanzierte Institut betreibt international ausgerichtete Forschung über Finanzmärkte, finanzintermediäre und monetäre Ökonomie. Präsident des CFS ist Otmar Issing, der langjährige Chefökonom der Deutschen Bundesbank und der Europäischen Zentralbank. Regelmäßig finden im CFS internationale Konferenzen, Kolloquien und wissenschaftliche Foren und Fachvorträge zu Fragen rund um den Finanzmarkt statt. Auch dieses Institut geht auf privates Engagement zurück. Denn zum 50. Geburtstag der Goethe-Universität im Jahr 1964 spendeten Privat- und Geschäftsbanken sowie die Frankfurter Börse für die Einrichtung, die bis in die neunziger Jahre Institut für Kapitalmarktforschung hieß.

Eine der vornehmsten Aufgaben des Center for Financial Studies ist alle zwei Jahre die Entscheidung über den Preisträger für den Deutsche Bank Prize in Financial Economics. Diese Auszeichnung gehört mit 50000 Euro zu den höchstdotierten Wissenschaftspreisen für Ökonomen in Europa. „Die Deutsche Bank dotiert den Preis“, sagt Michael Münch, „sie nimmt aber keinerlei Einfluss auf die Besetzung der Jury und selbstverständlich auch nicht auf die Auswahl des Preisträgers.“ Mit Eugene Fama und Robert J. Shiller erhielten zwei der bisher fünf Preisträger gemeinsam im Jahr 2013 eine noch bedeutendere Ehrung – den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Weitere Informationen
Webpräsenz des House of Finance:
www.hof.uni-frankfurt.de


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