In Berlin plädieren Unternehmer beider Länder für eine intensivere Zusammenarbeit: Dabei gerät zunehmend auch der Mittelstand in den Fokus

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Made in Chimany

Forschung, Entwicklung, Produktion – Deutschland und China wachsen wirtschaftlich zusammen. In Berlin diskutierten Unternehmer beider Länder die Zukunft ihrer Partnerschaft

Text: Stefan Merx

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Es war ein Feierabendbier mit Folgen: Jiang Jianqing, Chef der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), trank es in Schanghai gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen Jürgen Fitschen am Rande der International Monetary Conference. „Chairman Jiang drückte sein großes Interesse aus, deutsche Mittelständler mit chinesischen Unternehmensführern zusammenzubringen“, beschreibt Fitschen, Co-Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Bank, die Szene aus dem Juni 2013. „Und beim zweiten Glas haben wir vereinbart, dass wir genau das tun werden – und zwar genau in einem Jahr.“ Gesagt, getan: Die Anekdote verriet Fitschen den Gästen des ersten „Sino German Business Summit“ – jener neuen Kooperationsveranstaltung, die die ICBC gemeinsam mit der Deutschen Bank per Bierbeschluss ins Leben gerufen hat. Mehr als 100 CEOs und Unternehmenslenker aus China und Deutschland folgten in diesem Sommer der Einladung nach Berlin zum persönlichen Austausch zwischen den Machern von „Made in Germany“ und „Made in China“. Was bringt die vorangetriebene Internationalisierung des Renminbis tatsächlich? Welche Rolle kann der deutsche Mittelstand bei der rasanten Transformation der chinesischen Wirtschaft spielen? Welche Spielregeln etwa für den Schutz geistigen Eigentums braucht man für eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“, wie sie Bundeswirtschaftsminister Sigma Gabriel beim Kongress anregte? Und: Passen die Geschäftskulture beider Länder wirklich zusammen?

Fest steht: Als Handelspartner sind China und Deutschland, die zweit- und die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, intensiv verbunden. „30 Prozent des chinesischen Handelsvolumens mit Europa stammt aus Deutschland – das ist so viel wie mit Großbritannien, Frankreich und Italien zusammen“ sagte der chinesische Botschafter in Deutschland Shi Mingde. Für Deutschland ist China der drittwichtigste Handelspartner, nach Frankreich und den Niederlanden. Die Frage: Wie lassen sich die soliden Wirtschaftsbeziehungen zu beiderseitigem Nutzen noch vertiefen?

Renminbi wird wichtiger

„Wir sind überzeugt, dass die Zusammenarbeit auch im Finanzwesen in eine neue Phase eintreten wird“, sagte Shi Mingde. Positive Impulse erwarten sich deutsche Mittelständler von der schrittweisen Liberalisierung der chinesischen Währung. Als Meilenstein gilt der im März gefasste Beschluss, in Frankfurt ein neues Renminbi-Handelszentrum gemeinsam von chinesischen und deutschen Partnern aufbauen zu lassen. Im dann ersten Offshore-Zentrum in der Eurozone lässt sich die chinesische Währung problemlos in Euro oder Dollar tauschen. Ein Kalkül: Deutsche Mittelständler, die in Renminbi abrechnen, können in China bessere Preise aushandeln und Währungsrisiken leichter absichern. Vizekanzler Gabriel zeigte sich optimistisch: „Ich glaube, dass die deutsch-chinesische Zusammenarbeit ihre beste Zeit noch vor sich hat.“ Er erinnerte an einen wichtigen diplomatischen Moment, der im März hierzulande fast unterging: Staatspräsident Xi Jinping hatte bei seinem Deutschlandbesuch die Beziehung zwischen den beiden Ländern in den Rang einer „umfassenden strategischen Partnerschaft“ gehoben. „Wir sollten nicht unterschätzen, welche Bedeutung das noch bekommen kann“, sagte Gabriel. Der starke industrielle Kern sei eine Gemeinsamkeit beider Länder.

Thesen

Umbau: Chinas trimmt seine Wirtschaft auf Effizienz und nachhaltiges Wachstum. Der Kurswechsel birgt Chancen für Schlüsselbranchen des deutschen Mittelstands.

Vertrauen: Know-how wird zum wichtigsten Treiber, das duale System erweist sich als Exportschlager. Freiwilliger Wissenstransfer braucht jedoch neue Spielregeln.

Investitionen: Chinesische Firmen investieren in Qualität – und finden auch als Kapitalgeber im deutschen Mittelstand zunehmend Akzeptanz.

„Investition ist immer auch eine Frage des Vertrauens. Und das Vertrauen wächst“

Ulrich Grill, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie

Einigkeit herrschte, dass China mit seiner pragmatischen Wirtschaftspolitik und jährlichen Wachstumsraten um gut sieben Prozent den Weg zu einer qualitätsbewussten Industrienation zielsicher beschreitet. „Asien, und speziell China, wird die deutsche Wirtschaft prägen in einem Ausmaß, wie es sich einige Unternehmer in Deutschland noch nicht vorstellen wollen“, sagte Hubert Lienhard, Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. „China ist schon lange nicht mehr die billige Werkbank der Welt, sondern auf dem Weg zum Tech-Land und mittelfristig auf dem Weg zum Hightech-Land.“

Der Vorsitzende der Konzerngeschäftsführung des Heidenheimer Maschinenbaukonzerns Voith beschrieb, wie sich China in den vergangenen Jahren auch zur Lokomotive des deutschen Wachstums gemacht hat, indem es als hungriger Nachfrager auftrat. Gerade die deutschen Schlüsselindustrien Automobil, Maschinenbau und Elektrotechnik wuchsen zuletzt in China überdurchschnittlich stark. „Für den deutschen Maschinenbau war es mit 16,4 Milliarden Euro Volumen der größte Exportmarkt“, sagt Lienhard. Mit der fortschreitenden Technisierung auf immer höherem Niveau sei ein Umdenken angesagt: Der deutsche Mittelstand müsse sich mit lokaler Präsenz in China zeigen – exportieren genüge nicht mehr. Das Vordringen der chinesischen Volkswirtschaft in immer höhere Wertschöpfungsketten müsse den deutschen Mittelständlern jedoch nicht Bange machen – im Gegenteil: „Die deutsche Industrie hat bessere Möglichkeiten, am Wachstum des Partnerlandes zu partizipieren, je höher der technologische Level in diesem Land ist“, so die Überzeugung des Voith-Chefs. „Deutschland exportiert vornehmlich in Hightech-Länder, vor allem in die USA, nach Europa und Japan.“

Der Strukturwandel in Richtung Nachhaltigkeit läuft in China strikt nach Plan: Gezielt will die Regierung um Ministerpräsident Li Keqiang die Binnennachfrage ankurbeln, die gewaltigen Herausforderungen der Urbanisierung meistern und nach dem zwölften Fünfjahresplan vor allem Umweltschutz mehr Raum geben. Das in Sachen Klimaschutz oft gescholtene Peking meint es nun offenbar ernst mit der Verbesserung der Umweltsituation. Beim Volkskongress im März rief Li Keqiang den „Krieg gegen die Umweltverschmutzung“ aus. Der Schwenk in Richtung Greentech bietet Chancen für die deutsche Industrie, ihr umwelttechnisches Know-how einzubringen. „In unserer Umweltbranche wird Deutschland stark zur Geltung kommen“, ist sich He Qiqiang sicher. Der Chairman der Guangdong-Chant-Gruppe erinnerte an die harten Zeiten vor der Reform- und Öffnungspolitik, die 1978 eingeleitet wurde. Ähnlich sieht es Li Dongsheng, der Präsident des Yabuli-Forums, des bedeutendsten Unternehmerverbunds Chinas. „China war vor 30 Jahren eine Mangelwirtschaft, es ging ums Überleben. Zehn Jahre später traten wir in die Phase der Expansion ein, dann folgte die Phase der Globalisierung.“ Li führt mit der TCL-Unternehmensgruppe den weltweit größten Produzenten von TV-Geräten, Jahresumsatz: rund 14 Milliarden Dollar. „Jetzt brauchen wir einen gemeinsamen Wertekatalog in der Geschäftswelt.“

Einer, der die geforderte Ökokarte spielen will, ist Axel Schweitzer, CEO des Berliner Entsorgungsspezialisten Alba. „Wir wollen unsere Recycling-Expertise in China zur Anwendung bringen, ohne die deutschen Fehler zu wiederholen.“ Man könne so Chinas Dynamik mit den bereits ausgereiften deutschen Lösungen zusammenführen. Längst ist China größter Abfallproduzent der Welt – und die Müllmenge steigt nach Marktprognosen in der kommenden Dekade um bis zu 50 Prozent. „Heute wird dieser Abfall überwiegend deponiert – das hat den größten CO₂-Negativeffekt“, sagt der Alba-Chef. „Ziel der Regierung ist es, diese Quote auf die Hälfte zu reduzieren. Es werden 500 bis 800 Anlagen benötigt. Da gibt es deutsche Technologie, die fortschrittlich und weltweit führend ist.“

Auch Wirtschaftsminister Gabriel traut China den Kraftakt zu. „Die unglaubliche Leistungsbereitschaft in China, das Engagement, aus seinem Leben etwas zu machen, wird einen wichtigen Beitrag auch zur Binnennachfrage der Wirtschaft in China leisten.“ Er nannte die soziale Marktwirtschaft samt dualer Berufsausbildung als mögliche deutsche Blaupause.

Wie die Qualifizierung von Facharbeitern in China funktionieren kann, macht Voith vor: Mit einem Trainingszentrum für 8,5 Millionen Euro Investitionssumme bildet man in Kunshan bei Schanghai nach deutschem Vorbild Facharbeiter aus. Damit gebe man an China etwas zurück, sagt Voith-Chef Lienhard. „Deutsche Firmen tragen nachhaltig dazu bei, China auf ein Know-how-Level zu bringen, wie es in Deutschland besteht. Wir alle – die deutschen und chinesischen Firmen in der Lieferantenkette – profitieren von der Entwicklung.“ Auch Wirtschaftsminister Gabriel traut China den Kraftakt zu. „Die unglaubliche Leistungsbereitschaft in China, das Engagement, aus seinem Leben etwas zu machen, wird einen wichtigen Beitrag auch zur Binnennachfrage der Wirtschaft in China leisten.“ Er nannte die soziale Marktwirtschaft samt dualer Berufsausbildung als mögliche deutsche Blaupause.

Wie die Qualifizierung von Facharbeitern in China funktionieren kann, macht Voith vor: Mit einem Trainingszentrum für 8,5 Millionen Euro Investitionssumme bildet man in Kunshan bei Schanghai nach deutschem Vorbild Facharbeiter aus. Damit gebe man an China etwas zurück, sagt Voith-Chef Lienhard. „Deutsche Firmen tragen nachhaltig dazu bei, China auf ein Know-how-Level zu bringen, wie es in Deutschland besteht. Wir alle – die deutschen und chinesischen Firmen in der Lieferantenkette – profitieren von der Entwicklung.“

„Nicht Wachstum, sondern die Faszination des Produktes treibt viele deutsche Unternehmer an“

Karoline Beck, Vizepräsidentin Die Familienunternehmer – ASU e.V.

„Deutsche Unternehmen in China sollten das gleiche Recht haben wie chinesische Unternehmen“

Hubert Lienhard, Vorsitzender der Konzerngeschäftsführung Voith GmbH und Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft

Technische Dienstleistungen und Wissensvermittlung als neue Exportschlager? Solche Töne klangen in Berlin öfter an. Dabei erinnerten sich auch viele der Anwesenden nur zu gut an berechtigte Debatten um den Schutz geistigen Eigentums. Lienhard regte eine neue Form der Kooperation an – er plädierte in seiner Berliner Rede dafür, protektionistische Tendenzen auf beiden Seiten zu bekämpfen. „Ich möchte einen neuen Weg zu denken anregen. Deutsche Unternehmen in China sollten das gleiche Recht haben wie chinesische Unternehmen.“

Dabei soll grenzüberschreitendes Engagement keine Einbahnstraße sein: Für eine neue Willkommenskultur für chinesische Investoren in Deutschland sprachen sich zahlreiche Redner aus, allen voran der Bundeswirtschaftsminister. Gegenwärtig haben erst rund 2000 chinesische Unternehmen in Deutschland Fuß gefasst, während rund 8000 deutsche in China einen Standort haben. Bei den Direktinvestitionen herrsche ein starkes Ungleichgewicht, sagte Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Während deutsche Unternehmen 40 Milliarden Euro in China investiert haben, sind die Chinesen mit rund einer Milliarde Euro Investitionsvolumen zurückhaltend. An Kapital mangelt es nicht, und im deutschen Mittelstand bieten sich für Chinesen durchaus Chancen für Akquisitionen, sagte Karoline Beck, Vizepräsidentin der Mittelstandsvereinigung Die Familienunternehmer.

Als Leiter der Sparte Mergers & Acquisitions bei der Wirtschaftsprüfung PwC hat Martin Schwarzer schon diverse M&A-Prozesse mit chinesischen Unternehmen erfolgreich gemeistert. Er berichtet von Betriebsräten, die den neuen Eigentümern anfangs oft extrem ablehnend gegenüber auftraten. „Im Nachgang hat sich das alles aufgelöst.“ Schwarzers Erfahrung: „Die Entwicklung wandelt sich vom roten Drachen zum weißen Ritter.“ Kulturell seien sich Chinesen und Deutsche hinter den Fassaden ohnehin sehr ähnlich – vor allem in ihrem Arbeitsethos und dem Denken in die Zukunft, sagt PwC-Partner Schwarzer. „Entscheidend war bei Unternehmenstransaktionen immer der kulturelle Match. Wie gut kam der chinesische Käufer mit dem deutschen Management zusammen?“ Die chinesischen Investoren ließen das lokale Management in der Regel autark agieren – und mischten sich im Tagesgeschäft nicht ein. „Höchstens als Sparringspartner stehen sie zur Verfügung. Was will ich denn mehr als deutscher Manager?“

Chinesische Unternehmen hätten sich in vielen Beispielen als gute Corporate Citizens erwiesen, sagt auch Alba-Chef Schweitzer. Die meisten Ängste hingen mit Unkenntnis zusammen. „Das Chinabild etlicher Deutscher ist noch vom Chinarestaurant an der Ecke geprägt. Umso wichtiger ist es, Brücken zu bauen.“


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