Verbindung zwischen Abend- und Morgenland: Die neue Moschee in Istanbul mit den höchsten Minaretten der Welt soll gleichermaßen für Tradition und Fortschritt der Türkei stehen Foto: Bildagentur Huber/Guido Cozzi

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Die Bosporus-Connection

Die traumhaften Steigerungsraten sind erst einmal Vergangenheit. Doch deutschen Unternehmen bietet die Türkei Wachstumschancen. Daran hat auch die Parlamentswahl vom Juni 2015 nichts geändert

Text: Sarah Sommer

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Jan Isenhöfer hat viel vor. Erweiterung des türkischen Tochterunternehmens und Umzug in eine neue Produktionsstätte. 50 Prozent Wachstum in den nächsten fünf Jahren. Entwicklung neuer Absatzmärkte, Vorstoß in eine neue Branche – und das alles so schnell wie möglich. Für den Geschäftsführer der mittelständischen Hans Berg GmbH & Co. KG ist klar: Die Zeichen stehen auf Expansion. Jedenfalls am Firmenstandort in Dilovası, einem attraktiven Industriegebiet nahe Istanbul.

Dabei ist Isenhöfer ein bodenständiger Unternehmer in einer konservativen Branche. Das von seinem Großvater gegründete und von seinem Vater auf Expansionskurs gelenkte Unternehmen im oberbergischen Reichshof ist auf die Kaltumformung von Metallteilen spezialisiert. Bei der Herstellung von Anschlusstechnik für Heizkörper, Radiatoren und Konvektoren ist es in Europa marktführend. Als zweites Standbein hat sich die Firma als Zulieferer der Automobilindustrie positioniert. Der Schritt in die Türkei ist die logische Antwort auf sich verlagernde Märkte. „Wir versprechen uns viel vom Standort“, sagt Isenhöfer.

Der türkische Markt für Heiz- und Klimatechnik ist der drittgrößte Europas. Dank staatlicher Großbauprojekte, und weil viele Gebäude nachgerüstet werden, ist er zudem einer der wachstumsstärksten. „Auf dem türkischen Heizungsmarkt haben wir uns bereits etabliert und profitieren vom dynamischen Wachstum dieses Landes, aber auch von den Exportchancen, die der Standortvorteil bietet“, sagt der Unternehmer. „Künftig wollen wir nun mit einem fast doppelt so großen Produktionsstandort und mehr Personal auch die türkische Automobilindustrie von uns überzeugen.“ Isenhöfer geht davon aus, dass nach der Parlamentswahl, bei der die regierende Partei AKP Anfang Juni ihre absolute Mehrheit einbüßte, das Umfeld weiter wirtschaftsfreundlich bleibt.

Denn in der Türkei ist Wachstum Ehrensache: Mehr als 40 Prozent der wahlberechtigten 57 Millionen Türken wählten wieder die islamisch-konservative Partei AKP – vor allem wegen deren Versprechen, das Wirtschaftswachstum weiter voranzutreiben. Bis 2023, so das Ziel, soll die Türkei zur zehntgrößten Volkswirtschaft weltweit aufsteigen. Den Traum vom Wandel des einstigen Agrarlands zur modernen Wirtschaftsmacht unterstützt die Mehrheit der Türken noch immer, auch wenn das Wachstum inzwischen nicht mehr bei durchschnittlich neun, sondern nur noch bei drei Prozent pro Jahr liegt. Mit dem Einzug der prokurdischen liberalen Partei HDP ins Parlament, die bei der Wahl im Juni erstmals die Zehn-Prozent-Hürde übersprang, haben sie aber einem anderen Projekt des Präsidenten eine Absage erteilt: Recep Tayyip Erdoğan wollte die Türkei in eine zentralistisch vom Präsidenten geführte Nation umwandeln, sollte die AKP bei der Wahl eine Zweidrittelmehrheit erreichen. Stattdessen muss sich die AKP nun von der alleinigen Herrschaft verabschieden und lernen, Kompromisse einzugehen.

Dämpfer für Erdogan

Viele Unternehmer und ausländische Investoren hätten sich sicherlich gewünscht, dass die AKP zwar keine Zweidrittelmehrheit gewinnt, aber ihre absolute Mehrheit behält“, analysiert Jan Nöther, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Istanbul. „Denn die Türkei steht vor der Herausforderung, mit strukturellen Wirtschaftsreformen das Wachstum wieder stärker anzukurbeln.“ Die Turbulenzen rund um die Koalitionsverhandlungen verzögern diese Reformen nun.

Thesen

Gang runter: Die hohen Wachstumsraten der letzten Jahre sind Vergangenheit. Doch auch mit etwas ruhigerem Tempo bleibt die Türkei ein dynamischer europäischer Markt.

Gelassenheit: Die Parlamentswahl vom Juni 2015 hat der Regierungspartei von Präsident Erdoğan einen Dämpfer verpasst. Doch deutsche Unternehmen vor Ort sehen den Wahlausgang gelassen – das Land bleibt auf wirtschaftsfreundlichem Kurs.

Grund für Optimismus: Niedriges Lohnniveau, ein starker Binnenmarkt, Steuervorteile – international agierende Mittelständler loben den Standort. Doch es gibt auch Risiken: Besonders die Währung wird volatiler.

Hans Berg: Mutige Investition

Die Hans Berg GmbH & Co. KG ist ein international tätiger Produzent von Tiefziehteilen und metallischen Rohrkomponenten für so unterschiedliche Industriezweige wie die Heiztechnik-Industrie und die Automobilbranche. Die Unternehmensgruppe mit Sitz im oberbergischen Reichshof beschäftigt rund 400 Mitarbeiter, rund 100 davon am türkischen Standort. Seit 2006 positioniert sich das Unternehmen dort als Zulieferer für die türkische Heiztechnik-Industrie. Aktuell investiert das in dritter Generation von Geschäftsführer Jan Isenhöfer geführte Unternehmen in einen doppelt so großen Produktionsstandort in der Türkei und will nun auch Kunden in der türkischen Automobilindustrie gewinnen.

Grafik:
Enge Verbindung

Enge Verbindung

Enge Verbindung

Platz 1 bei Exporten, Platz 3 bei Importen: Deutschland ist für die Türkei insgesamt der wichtigste Handelspartner.

Quelle: Turkish Statistical Institute/Statista Stand: 2013

Denn die Türkei braucht dynamisches Wachstum, um der jungen Bevölkerung Jobs und Zukunftsperspektiven zu bieten. Die derzeitigen Wachstumsraten von rund drei Prozent reichen dazu nicht aus. Die Arbeitslosenquote liegt bei 10,8 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit ist mit fast 20 Prozent noch deutlich höher. Zahlreiche staatliche Investitionsprogramme, Wohnungsbau- und Infrastrukturprojekte, Bildungsprogramme und staatlich geförderte Außenwirtschaftszonen sollen jetzt für Dynamik sorgen. „Ausländische Investitionen spielen für das Wachstum der Türkei eine große Rolle“, erklärt der AHK-Chef. „Die Regierung weiß, dass das Land Know-how und Geld aus dem Ausland braucht, auch um künftig innovative Branchen als neue Wachstumstreiber zu etablieren.“ Die Türkei stehe damit vor einer ähnlichen Herausforderung wie das größere Schwellenland China, mit dem es deshalb oft verglichen werde: „Die Türkei muss den Wandel zum Innovationsstandort schaffen.“ Wie Unternehmer Isenhöfer wollen viele deutsche Unternehmer an diesem Wandel teilhaben. Die Deutschen sind bereits heute die mit Abstand wichtigsten ausländischen Investoren in der Türkei, ihr Anteil an den Neuinvestitionen lag zuletzt bei 18 Prozent.

Beim Deutsch-Türkischen Wirtschaftsforum, das die Deutsche Bank im März in Frankfurt für 120 mittelständische Unternehmer ausrichtete, betonte der damalige türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi die guten Beziehungen: „Deutschland gehört zu den Ländern, mit denen wir die engsten Wirtschaftskontakte pflegen.“ Das bilaterale Handelsvolumen betrug 2013 rund 34 Milliarden Euro. „Diese Handels- und Investitionswerte wollen wir weiter erhöhen, dafür engagieren wir uns in Politik und Bürokratie.“ Diese Investitionsfreundlichkeit ist es, wegen der Wirtschaftsminister der AKP nicht nur in Deutschland bislang einen Ruf als pragmatische, kompetente Politiker genossen. Viele Investoren beobachten daher nun gespannt das Verhalten der neuen Führungsriege, konstatiert Markus Jäger, Türkei-Experte bei Deutsche Bank Research, „die neuen Machtverhältnisse werden sich erst einmal einspielen müssen“. Neben den politischen Unsicherheiten müssen deutsche Unternehmen in nächster Zeit auch mit stärkeren Währungsrisiken rechnen, mahnt der Deutsche Bank Experte. Das zeigte sich bereits nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses: Die türkische Lira brach um fünf Prozent ein.

Auf Subventionen verzichtet

Doch solche Schwankungen am Währungsmarkt seien beherrschbar, betont Jäger. Die Vorteile des Standorts wögen die Risiken auf: Unternehmen profitieren vom niedrigen Lohnniveau, von der günstigen Lage in der europäisch-asiatischen Grenzregion und von Zollabkommen mit der EU und den USA. Technologieunternehmen werden vom Staat gezielt gefördert, spezielle Freihandelszonen versprechen produzierenden Unternehmen nicht nur eine hundertprozentige Befreiung von türkischen Zöllen, sondern auch von der Körperschaftsteuer, Mehrwertsteuer und Einkommensteuer.

Für Unternehmer Isenhöfer brauchte es solche Fördermittel nicht als zusätzlichen Anreiz. Der wachsende Binnenmarkt allein macht den Standort für ihn interessant. „Wir ziehen diesen Sommer mit unserem Werk um, aus gemieteten Räumen in unser eigenes, neu errichtetes Gebäude“, berichtet Isenhöfer. „Den Umzug hätten wir natürlich auch nutzen können, um in eine der zollfreien Zonen zu ziehen.“ Dennoch entschied sich der Unternehmer, lieber in der Nähe des ursprünglichen Standorts in einem der Haupt-Industriezentren nahe Istanbul zu bleiben: „Wir haben hier viel in unsere Belegschaft investiert.“ Da es in der Türkei kein duales Ausbildungssystem gibt, müssen Unternehmer ihre Angestellten „on the job“ aus- und weiterbilden. „Wir wollten daher unbedingt vermeiden, dass uns die qualifizierten Mitarbeiter bei einem Umzug verlassen“, erklärt Isenhöfer.

Reichold Feinkost: Türkei-Pionier

Das traditionsreiche Familienunternehmen Feinkost Dittmann (Reichold Feinkost GmbH) eroberte mit mediterraner Feinkost nicht nur deutsche Supermärkte, ist aktuell auf über 30 europäischen und internationalen Märkten aktiv. Produziert wird im hessischen Taunusstein, in Südeuropa und der Türkei. Das türkische Werk Burakcan in Manisa (Region Izmir) verarbeitet die in Partnerschaft mit lokalen Bauern angebaute Rohware direkt vor Ort und exportiert von dort aus direkt in die europäischen Supermärkte. In Zukunft will Geschäftsführer Timm Reichold auch US-Supermärkte direkt aus der Türkei beliefern. Zollabkommen zwischen der Türkei und den USA machen das besonders interessant.

Das Ausbildungsniveau in der Türkei steigt, das türkische Lohnniveau ist derweil im europäischen Vergleich sehr niedrig. Doch der Druck auf die neue Regierung, die Löhne hochzusetzen, ist groß: Wegen der hohen Inflation im Land kam es in jüngster Zeit erstmals seit den 1990er-Jahren wieder zu größeren Streiks, zum Beispiel in der Automobilindustrie. „Man darf sich die Türkei generell nicht als unreguliertes Billiglohnland vorstellen“, sagt Timm Reichold, Geschäftsführer der Reichold Feinkost GmbH – besser bekannt als Feinkost Dittmann. Das Familienunternehmen ist bereits seit 1997 in der Türkei aktiv, baute in der Region Izmir eine eigene Produktion für Kapern, Paprika, Pfefferonen und Weinblätter auf und ging Partnerschaften mit lokalen Bauern ein. Heute verarbeitet das Unternehmen die Ware direkt vor Ort, vom Feld bis ins Feinkostglas für den Vertrieb an europäische und bald auch US-amerikanische Supermärkte. „Die Löhne sind für uns immer noch einer der wichtigsten Standortvorteile“, sagt Reichold. „Die Türkei ist zudem ein recht unkomplizierter Markt, die Bürokratie hält sich in Grenzen.“

Stabile Arbeitskultur ist ein Plus

Wichtig für Arbeitgeber: In der Türkei sind hohe Sozialstandards für die Arbeitsbedingungen vorgeschrieben. „Wir müssen zum Beispiel Busse bereitstellen, mit denen unsere Arbeiter in die Fabrik kommen. Und wir müssen eine Kantine anbieten“, berichtet Reichold. „Es gibt hier auch keine Hire-and-fire-Mentalität. Die Arbeitsbeziehungen sind langfristig angelegt.“ Reichold sieht das als Standortvorteil: „Ebenso wichtig wie niedrige Löhne ist für uns eine stabile Arbeitskultur. Wir betreiben auch die Qualitätssicherung und ein Labor direkt vor Ort.“

Die Türkei sei heute schon ein in vieler Hinsicht modernes Land, urteilt Reichold. „Als ich in den 1970er-Jahren herkam, wurde man als Ausländer angestarrt wie ein Außerirdischer.“ Damals noch unvorstellbar: Bis vor Kurzem leitete eine türkische Geschäftsführerin das Unternehmen. Die Managerin, die fließend Deutsch und Türkisch spricht, wechselte kürzlich in leitender Position in die deutsche Zentrale des Feinkostherstellers. Seit der Gründung der ersten türkischen Niederlassung ist viel passiert. „Natürlich haben wir in den vergangenen Jahren viel Auf und Ab mitgemacht“, berichtet Reichold: die Wirtschaftskrise um den Jahrtausendwechsel, den Boom nach 2003, den Einbruch mit der Finanzkrise, jetzt die Turbulenzen rund um die Wahlen. Ein EU-Beitritt der Türkei oder gar ein Beitritt zur Eurozone scheint derzeit in weite Ferne gerückt. „Aber wir halten uns da an das alte Motto meines Vaters, des Seniorchefs: Immer mit dem Markt gehen“, konstatiert Reichold. Wer am türkischen Markt erfolgreich sein wolle, müsse eben flexibel sein. Die Wandlungsfähigkeit der Türkei beeindruckt Reichold bei Besuchen in der türkischen Niederlassung immer wieder. „Wenn ich mir ansehe, wie schnell sich die Gesellschaft und die Wirtschaft entwickeln, dann bin ich optimistisch, was die weitere Entwicklung der Türkei angeht. Ich bin froh, dass wir dabei sind.“

 

Weitere Informationen
Kontakt: Feyza Aktas, Deutsche Bank Istanbul, E-Mail feyza.aktas@db.com
Daten und aktuelle Infos: Deutsch-Türkische Industrie- und Handelskammer www.dtr-ihk.de


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