Ein Göttinger Forschungsteam hat die gemeinsamen Werte und Denkmuster von Unternehmern unter die Lupe genommen

Illustration: Picfour; Quelle: Shutterstock

Was Chefs wirklich denken!

Wissenschaftler haben erstmals systematisch Weltbild und Selbstverständnis deutscher Führungskräfte beleuchtet. Und erhielten überraschende Einblicke

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Was Menschen wirklich denken über Welt und Wirtschaft, bleibt im Geschäftsleben oft außen vor. Aus gutem Grund: zu groß das Risiko, Kunden, Kollegen oder Mitarbeiter zu irritieren oder gar zu verärgern. Der Kluge schweigt und macht sein Geschäft. Umso wertvoller ist eine Studie mehrerer renommierter Sozialforscher. Gemeinsam mit ihren Kollegen im Institut für Demokratieforschung an der Universität Göttingen befragten Franz Walter und Stine Marg in zahlreichen Einzelinterviews und drei Fokusgruppen rund 160 Manager, Gesellschafter, Vorstandschefs, Betriebsdirektoren, Geschäftsführer und Familienunternehmer zu ihrem Politik- und Gesellschaftsbild, ihrer Biografie und ihren Wertvorstellungen. Ziel der Untersuchung war nicht eine „Theorie des Unternehmers“, sondern die Analyse ihrer Alltagstheorien und Lebensentwürfe. Das Ergebnis ist eine Momentaufnahme einer deutschen Wirtschaftselite: getrieben von hohem Anspruch an sich selbst, überzeugt von der eigenen Bedeutung und entsprechend verärgert über öffentliche Kritik, hin- und hergerissen zwischen den Rollen des „ehrbaren Kaufmanns“ und des „Gewinnmaximierers“, politisch zunehmend heimatlos.

 

 

Karriere: Wie wird man, was man ist?

Ganz nach oben, das war für viele der Befragten zunächst einmal „gar nicht so geplant“. Mehr noch: Gerade angestellte Manager sprechen ganz offen von Glück und Zufall auf dem Karriereweg. Aber auch von der wesentlichen Rolle von Vorgesetzten, die sie frühzeitig gefördert haben und ihnen die Möglichkeit gaben, in ihre Rolle hineinzuwachsen. Etwas anders sehen dies die Nachfolger in Familienunternehmen. Hier wird sehr stark der Einfluss des unternehmerischen Elternhauses betont. Auch Nachfolger müssen ihre Rolle finden, doch anders als Angestellte sind sie mit dem Unternehmen aufgewachsen. Und das formt das Selbstverständnis.

 

 

Werte: Statussymbol Zeitmangel

Wirtschaftsführer sehen sich als die Leistungsträger schlechthin. Leistung, Ehrgeiz, Einsatzbereitschaft und Disziplin sind Werte, die bereits im Elternhaus vermittelt wurden. Daraus folgt eine gesteigerte Stressresistenz. „Wenig Zeit zu haben, ja, schärfer: keine Zeit zu haben ist Teil des Selbstverständnisses deutscher Unternehmer.“ Schlagworte wie „Work-Life-Balance“ stoßen auf Unverständnis. Arbeit ist Leben.

 

 

Prägung: Ein Freund, ein guter Freund

Den eigenen Chef sehen gerade Manager oft als Vorbild. Vor allem Führungsqualitäten habe man sich abgeschaut. „Learning on the job“ ist für fast alle Befragten deshalb die entscheidende Entwicklungsphase. Erst im Job lerne man durch eigene Erfahrungen und Fehler jene Eigenschaften auszubilden, die für eine Führungsfigur unerlässlich sind. Selbst ein exzellentes Studium wird dagegen bestenfalls als notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung eingestuft. Familienunternehmer betonen besonders die Vorbildfunktion des Vaters. Das „väterliche Projekt“ einmal fortführen zu dürfen ist oft eine starke Motivation.

 

 

Unternehmer sein: Risiko oder ruhige Hand?

Die eigene Risikobereitschaft bewerten die meisten als eher gedämpft, der mutige Schumpeter-Typ des Unternehmers ist weit weniger anzutreffen als jener, der versucht, mögliche Fehler auf ein Minimum zu reduzieren. Dazu zählt auch, Mitarbeiter eigenverantwortlich arbeiten zu lassen. Was nicht heißt, dass am Ende nicht doch der Chef entscheidet. „Neo-Paternalismus“ nennen dies die Autoren.

 

 

Medien: Das neue Hassobjekt

Kein Stichwort bringt Unternehmer mehr in Rage als ebendas: Medien. Nicht Gewerkschaften, sozialdemokratische Parteien, nicht einmal die Linke oder quengelnde NGOs sind die Hauptfeinde der Wirtschaftselite, sondern „die Medien“. Und es geht dabei nicht nur um „‚Bild‘, ‚BamS‘ und Glotze“. Auch gesamthaft haben Deutschlands Unternehmer den Glauben an den Qualitätsjournalismus verloren. Keiner der befragten Unternehmer abonniert noch die „FAZ“, auch nicht „Die Welt“. Begründung: Medien „pauschalisieren, skandalisieren, zerstören Lebensleistungen, schmeißen mit Dreck oder schlachten Menschen“. Typisch dafür ein immer wieder genannter Name: Christian Wulff.

 

 

Politik: Unternehmer leben auf dem Mars, Politiker auf der Venus

Unternehmer sehen sich als Elite, die zu Recht Einfluss auf die Gesellschaft hat. Die andere Machtelite – die Politiker – beurteilen sie dagegen viel kritischer. Sie bemängeln „chronische Verzögerungen“ im Ablauf eines parlamentarischen Systems. Sie bejahen zwar die Demokratie, sehen aber auch mit einem gewissen Neid nach China. Dort laufe es so: „Zack, und morgen ist da ’ne Autobahn."

 

 

Standort: „Mir san mir“

Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern hat das „System Deutschland“ für Unternehmer einen extrem hohen Stellenwert: Mit dem gesellschaftlichen Konsens, der Berechenbarkeit bei Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften und auch den Arbeitnehmerregeln ist man „in Deutschland sehr gut aufgestellt“. Auf Handelspartner in Frankreich („Selbstbezogenheit“) oder Großbritannien („abgehängt“) blicken deutsche Unternehmer mit leichtem Überlegenheitsgefühl.

 

Das Buch
Franz Walter, Stine Marg (Hg.): „Sprachlose Elite? Wie Unternehmer Politik und Gesellschaft sehen“. Rowohlt 2015, 352 Seiten, 16,95 Euro


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