Vom Biologen zum Technikspezialisten: Günther Mull ist weltweit gefragt, wenn es darum geht, Menschen zweifelsfrei zu identifizieren

FOTO: HAMBURGER ABENDBLATT/MARCELO HERNANDEZ

Der Körper als Code

Dermalog ist Marktführer bei Fingerabdruck-Scannern. Inzwischen arbeiten die Hamburger auch an Iris-Scans und Gesichtserkennung, liefern komplette Systeme zur „Identitätsverwaltung“. Gründer und Chef Günther Mull treibt das Unternehmen mit seinen Ideen nach vorn – wie am ersten Tag

Text: David Selbacn

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Es ist ein unscheinbarer Kasten mit Glasplatte, wie ein Miniaturkopierer. Darauf gehört die Hand, die Finger gespreizt. „Drücken Sie ruhig ein bisschen“, ermutigt mich Günther Mull. Dann erscheinen auf dem Bildschirm Abbilder der Fingerspitzen, in scharf umrissenen, klaren Linien. Und im Bruchteil einer Sekunde hat das System den Finger erkannt: Neben jedem Abdruck steht die Wahrscheinlichkeit, dass die Scans mit den Informationen übereinstimmen, die Mull für diesen kleinen Test zuvor extra in die Datenbank eingegeben hat. Er lächelt. Kein Wert liegt unter 99,5 Prozent. Wie immer.

Mull ist Gründer, Geschäftsführer und Cheferfinder des Hamburger Unternehmens Dermalog – und er hat einen Heidenspaß daran, Besuchern seine Fingerabdruck-Scanner vorzuführen. Dermalog verkauft die Geräte vor allem nach Asien, Afrika, in den Nahen Osten und nach Südamerika. Sie stehen in Behörden, beim Zoll, sie sichern Tresorräume, Bankkunden heben Geld ab, indem sie ihre Fingerabdrücke scannen lassen. In den vergangenen drei Jahren ist das Unternehmen enorm gewachsen – der Umsatz hat sich verdoppelt, die Zahl der Mitarbeiter stieg von 80 auf 170. Im Herbst 2015 erhielten Mull und seine Mitstreiter den Hamburger Gründerpreis in der Kategorie „Aufsteiger“.

Dermalog sitzt nahe der schicken Rothenbaumchaussee in drei nebeneinander liegenden Häu­sern am Mittelweg. Die Biometrie-Spezialisten ­haben sich in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebreitet, doch die rund 2000 Quadratmeter sind inzwischen schon wieder zu klein. Neben der Eingangstür hängt einer der hauseigenen Scanner. Am Empfang, neben dem gewaltige Server­schränke vor sich hin summen, nimmt eine Kamera Bilder jedes Gastes auf. Auf der Basis der biometrischen Daten schätzt der Computer sofort dessen Alter – und gibt seine Schätzung auf einem Bildschirm an den Besucher weiter. „Da gucken einige Leute ziemlich überrascht“, sagt Mull und lächelt schon wieder schelmisch. Der Mann ist Elektronik-Fan durch und durch.

Dabei hat er Humanbiologie studiert. Anfang der Achtzigerjahre war Mull wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hamburger Universität. Er verglich Fingerabdrücke von Kindern und ihren Vätern – in der Zeit vor der DNA-Analyse dienten solche Vergleiche als Vaterschaftstest. Doch Mull ärgerte sich über das Geschmier mit Tinte und Papier. Als er eines Abends ein Weißweinglas in der Hand hielt, da hatte er die entscheidende Eingebung. „Wenn man von oben durch den Wein auf den Finger schaut, mit dem man das Glas hält, kann man perfekt die Linien des Fingerabdrucks erkennen“, erklärt Mull. Physiker nennen das „Totalreflexion“. Mull war sicher: Mit den richtigen Optikbauteilen und einem PC-Anschluss müsste man auf der Grundlage dieses Prinzips einen elektronischen Fingerabdruck-Scanner konstruieren können.

Die ersten Scanner gingen nach Japan

Also marschierte der Jungwissenschaftler in ein Elektronikfachgeschäft, brachte sich selbst das Programmieren bei, bat befreundete Techniker um Hilfe. Er bastelte jahrelang nach Dienstschluss an seiner Erfindung, bis er im Jahr 1984, mit 31 Jahren, das Patent für den weltweit ersten Fingerabdruck-Scanner anmeldete. Die Anfänge waren schwierig. „Keiner wollte damals so etwas haben“, erzählt Mull. Der Erkennungsdienst des Bundeskriminalamts bestellte zwei Geräte zur Probe, doch dabei blieb es. Eine Zeit lang versuchte es Mull bei Ärzten und Kliniken, mit einer Software, die aus den Fingerabdrücken eines Paares das Risiko errechnet, dass ein geplantes Kind am Downsyndrom leiden könnte. Doch das alles brachte nicht den Durchbruch. Dann meldete sich ein US-amerikanischer Computerhändler, den Mull von einer Messe kannte. Die japanische Polizeibehörde suchte automatische Fingerabdruck-Scanner, die Amerikaner hatten den jungen Deutschen empfohlen. „So kamen wir zu unserem ersten richtigen Kunden“, erinnert sich Mull.

Weil er selbst kein Geld hatte, Tausende Geräte produzieren zu lassen, verkaufte der Gründer das Patent für seine Erfindung schweren Herzens an einen Elektronikfabrikanten, der die Scanner fortan auf eigene Rechnung baute. Mull selbst steuerte die Software bei. Um das Geschäft am Laufen zu halten, beteiligte sich Mulls Ehefrau an der Firma. Auch sein Vater schoss zwischenzeitlich Geld zu, belastete sein Wohnhaus mit einer Hypothek, damit sein Sohn einen Kredit bekam. Mull beantragte Fördermittel, erhielt eine öffentliche Bürgschaft, nahm für einige Jahre Finanzinvestoren an Bord, die sich mit 30 Prozent am Unternehmen beteiligten. „Sonst hätten wir diese Zeit nicht durchgestanden.

Akkreditiv für Afrika

Wie Dermalog sich in Nigeria absichert
Fingerabdruck-Scanner für 6300 Banken in Nigeria: Das war mit einem Volumen von 50 Millionen US-Dollar der bisher größte Einzelauftrag des Hamburger Biometrie-Spezialisten Dermalog. Afrika hatte sich schon zuvor zu einem wichtigen Markt für die Hamburger entwickelt, weil dort viele Menschen nicht lesen und schreiben können und die Verwaltung großen Nachholbedarf in Sachen Infrastruktur hat. 
Finanzierungspartner für Nigeria: die Deutsche Bank. Sie wickelte das Akkreditiv mit der nigerianischen Zentralbank ab, half, die Zahlungsbedingungen im Sinne von Dermalog zu formulieren. „Darin war genau geregelt, wann welche Abschlagszahlung fällig wurde“, sagt Dermalog-Finanzchef Michael Schütt. Nigeria gilt als schwieriger Handelspartner, viele europäische Kreditinstitute sind dort nicht mit eigenen Zweigstellen vertreten. Die Deutsche Bank unterhält traditionell ein Büro in Nigerias Hauptstadt Lagos. Eine solide Finanzierung war extrem wichtig für das Hamburger Unternehmen. „Allein 20 Millionen Dollar waren notwendig, um Bauteile für all die Geräte zu kaufen und die Scanner bauen zu lassen“, sagt Schütt.

  • FOTO: DPA/OLE SPATA
    Gesichtserkennung per iPad: Auf der Cebit in Hannover stellte Dermalog im Frühjahr seine neue Software vor
  • FOTO: ISTOCKPHOTO
    Können Augen lügen? Erkennungsverfahren wie das von Dermalog erfassen oft mehr als 200 individuelle Merkmale
  • FOTO: OBS/DERMALOG IDENTIFICATION SYSTEMS
    Kampf gegen Betrüger: In Nigeria hat die biometrische Installation von Dermalog weit über 18 Millionen Bankkunden registriert

Finger und Auge statt PIN und Passwort

Doch auf einmal ging alles sehr schnell: 1998 bestellten die Behörden von Rio de Janeiro Mulls Scanner, es folgten andere Verwaltungen. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war Biometrie mit einem Mal weltweit ein Thema. Und dann lief im Jahr 2003 auch noch das Patent für Mulls Fingerabdruck-Scanner aus. Mull durfte seine eigene Erfindung endlich wieder selbst bauen und weiterentwickeln. Drei Jahre später hatte Dermalog mit einem neuen, viel kompakteren Scanner den europäischen Markt aufgerollt. Heute stehen Dermalog-Geräte in deutschen Einwohnermelde- und Ausländerämtern, im vergangenen Jahr hat das Unternehmen 1800 Scanner ans Bundesamt für Migration geliefert, für die Registrierung von Flüchtlingen.

129 Millionen Vergleiche pro Sekunde

Der bislang größte Auftrag kam aus Nigeria. Der Bankenverband des Landes startete im Jahr 2011 eine Ausschreibung: Bankkunden sollten nur noch nach einem Fingerabdruck-Scan Geld abheben können, damit niemand mehr doppelt Gehalt beziehen oder unter falschem Namen Abbuchungen machen konnte. Die Hamburger bewarben sich und gewannen mühelos, 2013 kam der Auftrag: Für 50 Millionen US-Dollar hat das Unternehmen inzwischen 6300 Bankfilialen mit seiner Technik ausgestattet. „Das waren sieben Flugzeugladungen voll“, sagt Mull. Finanzierungspartner war die Deutsche Bank.

Der Gründer ist heute den halben Monat auf Weltreise, besucht Kunden auf dem ganzen Globus. Im Herzen ist er aber ein begeisterter Tüftler geblieben. Man sieht das, wenn er mit fast kindlicher Begeisterung die Technik erklärt. Etwa das „Shape Matching“-Prinzip, das seine Scanner zu den schnellsten der Welt macht. In nur einer Sekunde können Dermalog-Geräte 129 Millionen Fingerabdrücke vergleichen. Der Trick: Die Software gleicht nicht jede einzelne Linie und Verzweigung mit allen Einträgen in der Datenbank ab. Nein: Dermalog-Geräte sortieren vor und ermitteln als Erstes, ob Schleifen und Wirbel der Fingerabdrücke alle in die gleiche Richtung zeigen oder in unterschiedliche. Mull nimmt meine Hand: „Schauen Sie mal: Wirbel, Wirbel, Schleife rechts, Wirbel, Schleife links.“ Seine Scanner nehmen sich dann für die Detailprüfung nur noch die Einträge in der Datenbank vor, bei denen die markanten Merkmale übereinstimmen. „Geht viel schneller“, sagt Mull stolz.

Wichtiger Test: Lebt das Objekt?

Bekannt ist Dermalog auch für seine „Lebenderkennung“. Beim Einscannen prüft ein Spektrometer, ob die Finger aus Kunststoff sein könnten. Weil Kriminelle nicht einmal davor zurückschrecken, Leuten den Finger abzuschneiden, deren Identität sie stehlen wollen, misst das Gerät gleichzeitig den Blutsauerstoff und erfasst das „Blanching“: Ein lebendiger Finger wird heller, wenn er gegen eine Scheibe drückt. Dermalog-Entwickler sind regelmäßig in der Hamburger Rechtsmedizin zu Gast, wo sie ihre Technik an Leichen ausprobieren. Am Hamburger Mittelweg arbeiten die Biometrie-Spezialisten inzwischen auch an Iris-Scannern und an der Gesichtserkennung. Ein Mitarbeiter stülpt sich in einem Labor gerade eine Latexmaske über, eine Kamera nimmt das maskierte Gesicht auf. Auf dem angeschlossenen Bildschirm erscheinen Spektralkurven und Wahrscheinlichkeitsfunktionen. „Die Kollegen versuchen, unsere Lebenderkennung auszutricksen“, erklärt Mull. Einen Raum weiter beugen sich Ingenieure mit Lötkolben über Platinen und setzen sie in Kunststoffgehäuse ein, die der 3-D-Drucker nebenan ausgegeben hat. Auf einer Holzplatte trocknen bunte Latexkleckse. „Das sind künstliche Fingerabdrücke. Auch ein Test“, sagt Mull.

Inzwischen ist Dermalog nicht mehr nur ein Scanner-Produzent, sondern liefert alles, was Sicherheitstechnik-Hersteller, Banken oder Staaten brauchen, um die Identität von Bürgern und Kunden zu ermitteln: vom Einlesen der biometrischen Daten über deren Speicherung bis hin zu fälschungssicheren Chips und Barcodes für Pässe. Mit dem „LF1“ haben die Hamburger bereits den weltweit kleinsten optischen Fingerabdruck-Scanner im Angebot – er ist nicht größer als eine Streichholzschachtel. Der nächste Scanner soll sogar noch kleiner werden. „Wir setzen auf Flüssigkristalle“, sagt Unternehmer Mull. Wer weiß: Vielleicht steckt Dermalog schon in der 
nächsten Generation der Smartphones.


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