Lesen erschafft Welten: Ludwig Emil Grimm zeichnete die Schriftstellerin Bettina Brentano mit Buch um 1809

ABBILDUNG: FREIES DEUTSCHES HOCHSTIFT/ FRANKFURTER GOETHE-MUSEUM (FOTO: DAVID HALL)

Der Ort der Sehnsucht

Die deutsche Romantik gilt als Revolution des Denkens und Erlebens. Jetzt entsteht in Frankfurt dazu das erste Museum – auch dank großer privater Initiative und Spenden aus ganz Deutschland

Text: Stephan Schlote

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Aufklärung und klares Denken. Wenig später überzieht Napoleon Europa mit seinen Kriegen, und das deutsche Staatsgebilde wird innerhalb eines halben Jahrhunderts dreimal neu aufgeteilt. Die industrielle Revolution verdrängt viele Handwerker. Und auch in Deutschland tuschelt man über Aufstand und Veränderung, doch die Gesellschaft fällt in den bürgerlichen Schlaf des Biedermeiers. Erst zur sogenannten Märzrevolution Mitte des 19. Jahrhunderts steigt sie auf die Barrikaden. Und was macht die Kunst? Sie will weg von Kant, weg vom einseitigen Verstandesdenken. Sie sucht ein neues Lebensgefühl, jenseits der Vernunft der Aufklärung. Die Romantiker träumen von großen Gefühlen, von Fantasie und Sehnsucht, Leidenschaft und dramatischem Naturerleben. Goethes „Werther“ stirbt an der Liebe, Caspar David Friedrich schwelgt in dramatischen Landschaften, Beethoven schreibt die „Mondscheinsonate“ und die „Schicksalssinfonie“. Und auch die „deutsche Seele“ wird zum Thema der späteren Nationalromantik: Ritterromane erleben einen Boom. Die Romantik veränderte europaweit das Denken und Fühlen. Doch nirgends erlangte sie eine so hohe Bedeutung wie in den deutschen Staaten. „In der weltweiten Wahrnehmung ist Romantik gleich Deutschland“, sagt die Frankfurter Literaturprofessorin und Romantikexpertin Anne Bohnenkamp-Renken, „Romantik ist integraler Teil des deutschen Bildes in der Welt.“

Sammlung existiert seit fast 100 Jahren

Doch ausgerechnet dieser Epoche ungefähr zwischen 1790 und 1850 widmet sich noch kein Museum als Ganzes. Dabei lagert seit fast 100 Jahren die größte Sammlung zur Literatur jener Zeit mitten in Frankfurt, in den Archiven des Trägers von Goethes Geburtshaus, dem Freien Deutschen Hochstift. Tief im Keller, in speziellen Klimakammern verschlossen und bislang nur für Wissenschaftler zugänglich, lagert die international umfangreichste und vielseitigste Sammlung zu den Schlüsselfiguren der Epoche, von Novalis und Friedrich Schlegel über die Geschwister Brentano bis zu Joseph von Eichendorff. Allein 800 Briefe Goethes, das Urmanuskript von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ und unzählige weitere Handschriften liegen hier, dazu hochkarätige Bilder und Gegenstände aus der Alltagskultur.

Schon in den 1920er-Jahren war daher die Idee entstanden, diese Sammlung der Öffentlichkeit zu präsentieren, fast 100 Jahre sollte es dauern, bis daraus Wirklichkeit wurde. Und hätten sich nicht engagierte Politiker, Bürger und Unternehmen dafür eingesetzt, dann würde diese weltweit einmalige Sammlung wohl noch lange im Dunkeln schlummern. Nun aber, nach jahrelangem Hin und Her, ist es so weit: Im Juni erfolgte der erste Spatenstich direkt neben dem Goethehaus, am 28. August 2019, dem 270. Geburtstag des Dichterfürsten, sollen die Türen aufgehen.

Goethe ist der historische Anfang

Zu sehen gibt es eine Gemälde- und Grafikgalerie der Goethezeit, darunter auch Bilder etwa von Caspar David Friedrich oder Carl Gustav Carus. Darüber hinaus beheimatet das Museum Handschriften und Briefwechsel der wichtigsten Vertreter der Romantik. Und auch der Dialog zwischen Goethe und den Romantikern wird zum Thema. „Goethe“, sagt Professorin Bohnenkamp-Renken, die schon heute das Goethehaus leitet und nun auch das Romantik-Museum führt, „ist historisch der Anfang.“ Zum Goethehaus gehört ein eigenes Forschungsinstitut, aktuell entsteht gerade ein Online-Auftritt, in dem sich anhand zahlreicher Manuskripte verfolgen lässt, wie Goethe am „Faust“ gefeilt und gearbeitet hat – und das über 60 Jahre lang.

Die Romantik warf einen neuen Blick auf die Welt

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„Wir sind von der Romantik mehr geprägt, als uns bewusst ist“

Es sind ohne Zweifel kostbare Stücke, doch Urschriften oder Reisetaschen großer deutscher Dichter und Denker auszustellen klingt in unserer reizüberfluteten Immer-online-Welt erst mal nicht nach großem Publikumserfolg. Die Goethehaus-Direktorin selbst spricht da von einer „Herausforderung“ und weiß, dass es mehr braucht als die traditionellen Methoden musealer Vermittlung: „Einfach eine Handschrift in die Vitrine zu legen“, sagt Bohnenkamp-Renken, „wird nicht reichen.“ Die Romantik warf einen neuen Blick auf die Welt, und genau diese Veränderung des Blickwinkels soll dem neuen Museum auch gelingen. Das Museum will den Ansprüchen an zeitgemäße Kunstvermittlung genügen und deshalb ein Zusammenspiel der unterschiedlichsten Medien präsentieren: Handschriften und Bücher, Bilder, Musik, Geräusche bis hin zum Film. Hinzu kommen spielerische Elemente und sinnliche Erfahrungen innerhalb der Ausstellung. Kurz: ein Erlebnismuseum. Mit neuen Formaten hat das Haus Erfahrung, eine Ausstellung wie „Unboxing Goethe“ gab es schon im vergangenen Jahr. Dabei geht es immer auch darum, die leisen alten und die eher lauten neue Medien so zu gewichten, dass das Neue das Alte nicht überdröhnt.

Umsonst ist all das nicht zu haben. Viele Jahre ist in Frankfurt um den Bau eines Romantik-Museums gerungen worden. Die für Bau und Einrichtung benötigten 16 Millionen Euro werden jetzt von öffentlicher Hand und privaten Geldgebern bereitgestellt. Ohne die Hilfe vieler Unternehmen, Stiftungen und privater Spender wäre aus dem Projekt nichts geworden. Die weitgefächerten Spenden zeigen, welch breites Interesse viele Bürger der Goethestadt und weit darüber hinaus an diesem Museum haben. Gespendet hat auch die Deutsche Bank, die sich seit Jahrzehnten dem Goethehaus als Unternehmensbürger verbunden fühlt. Mehr als sechs Millionen Euro konnte das Hochstift einwerben.

Die Grundfinanzierung ist damit gesichert, doch noch immer ist jede Hilfe willkommen. Lohnt das alles? Hat die Romantik uns Menschen des frühen 21. Jahrhunderts überhaupt noch was zu sagen? „Auf alle Fälle“, sagt Bohnenkamp-Renken. Denn wir sind „von der Romantik mehr geprägt, als uns bewusst ist“. Ihre Ideen sind weit über die zeitlichen Grenzen hinaus wirksam geblieben. Im romantischen Aufbruch wurzelt das moderne westlich-europäische Menschenbild und dessen Verwirklichung im demokratischen Staat. Es ist eine Zeit, in der Dampfschiffe, Fabriken und Eisenbahnen aufkommen, viele Menschen erleben eine nie zuvor gekannte Beschleunigung. Im „Faust“ thematisiert Goethe die neue stolpernde Übereilung und beklagt in Briefen das „veloziferische“ Zeitalter, eine Wortschöpfung aus dem lateinischen velocitas (Eile) und Luzifer. Für sich selbst schafft er immer wieder kreative Inseln, auf die er sich vom Ereignisstrom zurückzieht. Zeitungslektüre etwa ist für ihn in dieser Zeit tabu. Heute wäre er wahrscheinlich einfach mal zwei Wochen offline.

 

Weitere Informationen
Das Museum sucht noch Spender und bietet Patenschaften und Fördermitgliedschaften an: www.www.deutsches-romantik-museum.de
Forschungen zu Goethes „Faust“: beta.faustedition.net


Engagement für Literatur

Denkt man an die Möglichkeiten, wie sich eine Bank sozial und kulturell engagieren könnte, dann gehört die Unterstützung eines Romantik-Museums zunächst eher nicht dazu. Tatsächlich aber ist die Deutsche Bank schon seit Jahrzehnten im Trägerverein des Goethehauses engagiert. Nun wird diese Gedenkstätte um ein Literaturmuseum der Romantik erweitert. Zwei Großspender haben jeweils 1,5 Millionen Euro beigetragen, einer von ihnen ist die Deutsche Bank. Für die international aufgestellte Bank macht die Verbindung zur Geistesgeschichte unseres Landes durchaus Sinn. So liegt das Goethehaus ganz in der Nähe der Frankfurter Zentrale. Die Gedenkstätte selbst ist unverwechselbar ein Stück Deutschland, jährlich rund 110 000 Besucher kommen aus aller Welt. Zudem wird das Museum alle elektronischen Präsentationsmöglichkeiten nutzen. „Mit modernsten museumsdidaktischen Methoden wird es gelingen, insbesondere junge Menschen für das Romantik-Museum zu begeistern“, sagt Michael Münch, im Bereich Kunst, Kultur & Sport der Bank verantwortlich für das kulturelle Engagement. Und das wiederum passt ziemlich genau zur aktuellen Digitalisierungsstrategie der Deutschen Bank.

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