Experten für Weltwirtschaft: Heiko Peters (links) und Eric Heymann arbeiten als Ökonomen bei Deutsche Bank Research. Peters ist zuständig für Makroökonomie, Heymann beschäftigt sich mit volkswirtschaftlichen Entwicklungen in Branchen

FOTOS: THORSTEN JANSEN

„Die Exporte verlieren für Deutschland an Bedeutung“

Schwächerer Welthandel, ältere Bevölkerung, Protektionismus: Zwei Ökonomen der Deutsche Bank werben für einen neuen Blick auf die Globalisierung – und sehen keinen Grund für Pessimismus

Interview: Boris Burauel

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Herr Heymann, Herr Peters, seit einigen Jahren schon beobachten Sie eine Verlangsamung des Welthandels. Ist das nicht eine ganz normale zyklische Bewegung?
Peters:
In den vergangenen Jahrzehnten war der Welthandel ein Hauptwachstumstreiber für die Weltkonjunktur, er ist teilweise mehr als doppelt so schnell gewachsen wie die Weltwirtschaft insgesamt. Damit ist es seit 2012 aber vorbei. Dafür gibt es ein paar zyklische Gründe wie die Schwäche bei den Investitionen. Aber wir glauben, dass sich da auch grundsätzlich etwas verschoben hat. Der Welthandel verliert vorerst als Wachstumstreiber an Bedeutung.

Was spricht denn gegen eine weiter zunehmende Globalisierung?
Peters:
Sehen Sie sich die Faktoren an, die den Exportboom in den vergangenen Jahrzehnten angetrieben haben. Da war erstens der Aufstieg der Schwellenländer, unterstützt zweitens von einer weitreichenden Handelsliberalisierung. Der Beitritt Chinas zur WTO 2001 war nur eines von vielen Ereignissen. Und drittens haben Unternehmen ihre Produktionsketten über Ländergrenzen massiv ausgeweitet.

Und das fällt alles weg?
Peters:
Es fällt nicht alles weg, aber die Dynamik lässt nach. China ändert sein Wirtschaftsmodell und richtet sich mehr nach innen aus. Das wird sich fortsetzen und den Welthandel schwächen, daran ändern auch andere Schwellenländer nichts. Gleichzeitig erleben wir, dass es immer weniger multi­laterale Handelsabschlüsse gibt. Sie werden durch Abkommen zwischen einzelnen Ländern oder Regionen ersetzt. Hinzu kommen allein seit 2008 über tausend Handelsrestriktionen. Viele Länder schotten sich ab – auch der Brexit-Beschluss ist sicherlich nicht förderlich für den innereuropäischen Handel. Und beim Aufbau internationaler Wertschöpfungsketten ist inzwischen ein Plateau erreicht.

Wie spiegelt sich diese weltweite Entwicklung in Deutschland wider?
Heymann:
Sie erkennen die Veränderungen schon am ungewöhnlichen Konjunkturzyklus. Früher lief es in der Regel so ab: Zuerst kam ein Stimulus über steigende Exporte. Die Unternehmen waren ausgelastet und erhöhten ihre Investitionen. Das führte zu Beschäftigung und höheren Löhnen, erst im letzten Schritt zog die Nachfrage im eigenen Land an. Aktuell basiert das Wachstum auf dem privaten Verbrauch. Es findet quasi ein Wechsel der Zugpferde statt.

Und was bedeutet das für den Standort Deutschland, für deutsche Unternehmen?
Heymann:
Das sind zwei unterschiedliche Fragen, die Sie da stellen. Gerade in der Automobilindustrie haben viele Unternehmen ihre Produktion in den vergangenen Jahren in die Zielmärkte verlegt. Die meisten deutschen Autos, die heute in China verkauft werden, sind auch vor Ort hergestellt worden. Wenn sich dort das Wachstum abschwächt, betrifft das zwar deutsche Unternehmen, aber weniger den deutschen Standort.

Aber das gilt ja nicht für alle …
Heymann:
Genau. Der Maschinenbau beispielsweise ist sehr viel weniger lokalisiert als die Auto­mobilbranche. Entsprechend stärker bekommen wir hier die Wachstumsschwäche in China zu spüren.

Aus Sicht des Auslands wäre es ja kein Fehler, wenn wir unseren Leistungsbilanzüberschuss reduzieren würden. Auch viele deutsche Ökonomen fordern das seit Langem.
Peters:
Ein Exportüberschuss in alle Ewigkeit ist sicher nicht sinnvoll – das wäre, als würde man dem Ausland ständig neuen Kredit geben, ohne selbst etwas davon zu haben. Aber das ist für uns in Deutschland gar nicht mehr das Thema. Sehen Sie sich die demografische Entwicklung an. Je älter eine Gesellschaft wird, desto weniger produziert sie für das Ausland und desto größer wird die Binnennachfrage. Die Exporte verlieren für Deutschland in den nächsten Jahren an Bedeutung. Im Moment ist es sinnvoll, hohe Überschüsse zu erwirtschaften, auf die wir dann später zurückgreifen können. Das ist auch eine Art Vorsorge.

Grafik:
Flaues Wachstum

Flaues Wachstum

Flaues Wachstum

Der Welthandel schwächelt: In den vergangenen Jahren lagen die Steigerungsraten nicht höher als das allgemeine Wirtschaftswachstum.

Quellen: IWF-IFS, Deutsche Bank Research


Heiko Peters: „Wir können noch lange von den heutigen Investitionen zehren“

Heymann: Es ist ja nicht so, dass sich da irgendwann ein paar Politiker hingesetzt und beschlossen haben: „Jetzt werden wir Exportweltmeister.“ Unser Export­erfolg ist ein Marktergebnis und die Folge einer Spezialisierung innerhalb Europas. Deutsche Unternehmen wissen, welche Produkte im Ausland gebraucht werden und wie man sie herstellt – und das können sie vielfach besser als die ausländische Konkurrenz. Andere Länder sind beispielsweise auf Finanzmärkte oder auf Dienstleistungen spezia­lisiert. Was soll die Politik denn jetzt tun? Sollen wir unseren eigenen Unternehmen Steine in den Weg legen?

Das vielleicht nicht, aber gerade angesichts der zunehmenden Alterung wäre mehr Vorbereitung vielleicht sinnvoll …
Peters:
Genau das tun die Unternehmen bereits. Dass viele Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland stattfinden, ist auch das Ergebnis langfristiger demografischer Erwartungen: Wir können das Wachstum der Zukunft allein nicht mehr stemmen. Diese Entwicklung muss nichts Schlimmes sein, ebenso wenig wie eine stärkere Binnenorientierung der deutschen Wirtschaft in Zukunft.

Kann der Staat etwas tun?
Heymann:
Wir sind und bleiben auf absehbare Zeit eine exportorientierte Industrienation. Und an jedem Industriebetrieb hängen viele Dienstleister, die von ihm abhängig sind. Wenn wir uns an neue Rahmenbedingungen anpassen, dann sollte das langsam und automatisch geschehen, nicht durch hektische Politik.
Peters: Auf viele absehbare Entwicklungen kann man sich vorbereiten. Unternehmen brauchen Flexibilität, um auf Veränderungen zu reagieren. Deshalb ist die Rückabwicklung der erfolgreichen Arbeitsmarktreform ein Fehler. Wir sollten stattdessen auch im Übergang zur Rente mehr Flexibilität ermöglichen. Neue Forschungen zeigen ja schon, dass gemischte Teams aus jungen und alten Mitarbeitern die Produktivität in Unternehmen erhöhen. Vor allem ist es aber wichtig, jetzt nicht die gewachsenen Produktionsketten deutscher Unternehmen zu zerreißen, etwa durch falsch konstruierte Handelsabkommen. Eine der wichtigsten Aufgaben von Europa besteht darin, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen und weltweit Handelserleichterungen durchzusetzen.

Ist das angesichts des Protestes gegen Abkommen wie TTIP nicht eine illusorische Forderung?
Peters:
Es ist wirklich erstaunlich, dass es ausgerechnet in Deutschland, das von Abkommen wie TTIP wohl am meisten profitiert, so viel Ablehnung gibt. Da werden aber auch von den Gegnern Horrorszenarien an die Wand geworfen, die mit der Realität nicht mehr viel zu tun haben. Umso wichtiger ist es, die Gespräche am Laufen zu halten. Gerade im Bereich staatlicher Auftragsvergabe und der Vereinheit­lichung von Standards kann es Wachstumsimpulse für Deutschland geben.

Dennoch: China achtet auf den eigenen Vorteil, in den USA lehnt Donald Trump weitere Freihandels­abkommen ab, die Europäische Union zeigt ­Auflösungserscheinungen. Es sieht doch derzeit eher so aus, als würde sich das Rad weltweit wieder zurückdrehen – weg vom Freihandel und hin zum Protektionismus.
Peters:
Stimmt, das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Hinzu kommt ja noch die Politik der großen Zentralbanken: Jeder versucht, die Währung zum eigenen Vorteil abzuwerten. Wenn das jeder macht, verlieren alle.
Heymann: Die Zeit der großen multilateralen Handelsabkommen ist vorerst wohl vorbei. Aber vielleicht gibt es noch Chancen für bilaterale Verhandlungserfolge. Wir sehen ja bereits, dass deren Anteil wächst. Die haben allerdings auch keine so großen Effekte.

Auch das spricht für Ihre These, dass die Rahmen­bedingungen für den Welthandel sich grundsätzlich verändern. Wenn Sie jetzt eine Zukunftsvision für Deutschland entwerfen sollten – wie sähe die aus? Peters:
In den nächsten 15 bis 20 Jahren wirken sich die demografischen Trends aus, dann wird das Potenzialwachstum spürbar fallen. Gleichzeitig steigt die Bedeutung des Dienstleistungsbereichs und der Binnennachfrage. Aber wenn sich dann unser heutiger Exportüberschuss in ein Defizit verwandelt, können wir noch lange von den vielen Investitionen zehren, die wir heute im Ausland tätigen. Das muss alles keine so schlechte Entwicklung sein.
Heymann: Als Ökonomen glauben wir an den technischen Fortschritt. Warum sollten wir nicht auch mit einem sinkenden Arbeitskräftepotenzial unsere Wertschöpfung steigern, etwa weil wir intelligenter produzieren? Nehmen Sie das Stichwort Industrie 4.0, die Vernetzung von IT, Digitaltechnologien mit den klassischen industriellen Wertschöpfungsketten. Da ist Deutschland heute schon relativ gut positioniert. Wenn wir jetzt in Bildung investieren, ernten wir in 15 bis 20 Jahren die Früchte. Ich glaube, wir haben alle Voraussetzungen dafür, dass wir in den Exportbranchen von heute auch in zehn oder 20 Jahren noch recht gut aufgestellt sein werden.

Also kein Grund zur Sorge?
Heymann:
In Deutschland wird eines immer wieder unterschätzt: die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen. Wir brauchen keine Angst zu haben, dass die Globalisierung jetzt sofort abrupt endet. Strukturelle Veränderungen sind nun einmal strukturell und passieren nicht von heute auf morgen. Deutsche Unternehmen sind weltweit so gut vernetzt, dass es für andere sehr schwierig wird, das aufzuholen. Wir dürften auch in 20 Jahren noch über besondere Stärken verfügen.

 

Weitere Informationen
Der regelmäßig erscheinende „Ausblick Deutschland“ von Deutsche Bank Research ist kostenlos downloadbar unter www.dbresearch.de


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