Sehen, was in Kisten verborgen ist – dank Picavi-Datenbrille können die Picker in den Lagern auf Scanner und Computer verzichten

Foto: PICAVI GMBH

Arbeit neu gedacht

Wie können wir unsere Arbeit besser machen? Drei deutsche Familienunternehmer haben dafür die passenden Produkte erfunden. Sie zeigen beispielhaft, dass wir unsere Arbeitswelt gesünder und zugleich effektiver gestalten können

Text: Stephan Schlote

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Das Arbeitszeitmodell des steinzeitlichen Jägers und Sammlers war ziemlich überschaubar: Bei Tageslicht wurde gearbeitet und gejagt, dämmerte es, kam die Gemeinschaft zur Ruhe und sammelte sich am Feuer. Gesteuert wurde dies durch das Licht, und so tickt die innere Uhr des Menschen bis heute. Unsere Körperfunk­tio­nen werden vom Auf und Ab der Helligkeit gesteuert, „zirkadian“, also rund um den Tag, nennen das die Fachleute. Viel kaltes blaues Licht am Vormittag macht uns munter, das warme rötliche Licht von Abendsonne und Feuer lässt uns entspannen.

Heute leben und arbeiten wir in künstlich beleuchteten Räumen. Und das Licht ist zwar hell, aber, so das Ergebnis umfassender Forschung, es ist für den menschlichen Rhythmus meist das falsche: „Die Beleuchtung unserer Arbeitsplätze reicht häufig nicht aus, um die innere Uhr auf den 24-Stunden-Rhythmus zu synchronisieren“, so die Kritik einer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Auftrag gegebenen Studie.

Bürolicht mit Natureffekt

Falsches Licht bedeutet: müde am Morgen, halb wach in der Nacht. „Licht ist ein Leistungsfaktor“, weiß auch Oliver Segendorf, Geschäftsführer beim Ahrensburger Leuchtenproduzenten Esylux. Er hat deshalb ein biologisch wirksames LED-Lichtsystem entwickelt, das sich im Tagesverlauf genauso dynamisch verändert wie natürliches Licht: vormittags kalt und hell, abends warm und rötlich. Und das zusätzlich abhängig vom Wetter. Wer dann noch mag, kann sich sogar die Lichtkurven bestimmter Städte oder Inseln programmieren. Das Licht Roms in einem Büro in Schleswig-Holstein? „Ja, das geht“, sagt Segendorf, er nutzt es selbst.

LEDs mit warmem oder kaltem Licht gibt es in jedem Baumarkt. Die Innovation liegt darin, daraus eine Leuchtquelle zu bauen, die in wechselnder Zusammensetzung kaltes wie auch warmes Licht bietet. Es ist eine Software- und Steuerungsaufgabe, und die hat bislang keiner so markttauglich gelöst wie das Familienunternehmen aus dem Norden Hamburgs. Seit gerade mal einem Jahr gibt es das zu kaufen, durch die neuen Leuchtsysteme hat sich der Spartenumsatz bereits verdoppelt. „Wir sind die Pioniere“, sagt Segendorf. Für die Zimmer der Asklepios-Kliniken entwickeln die Ahrensburger gerade eine eigene Lichtsteuerung, auch hier dynamisch statt statisch.

Ein neuer Arbeitsplatz für Berater

Bankkunden erwarten heute auch am Telefon echte Kompetenz. In den neuen Deutsche Bank Beratungscentern sitzen deshalb keine Callcenter-Kräfte, sondern langjährige All­rounder, die den vollen Service bieten. Für sie entwickelten die Gestalter eine diskrete, zugleich aber auch teamfähige und kommunikative Bürowelt für die Beratung auch am Feierabend, denn geöffnet ist bis 20 Uhr, samstags bis 15 Uhr – erreichbar unter Tel. 069 910-10000

Esylux: Die Lichtmacher

Menschen ins richtige Licht zu setzen, das hat sich Esylux-Geschäftsführer Oliver Segendorf zur Aufgabe gemacht. Und das ist wichtiger, als viele glauben. Denn das Kunstlicht, in dem wir leben und arbeiten, ist alles andere als auf den natürlichen Tagesrhythmus des Menschen abgestimmt. So entwickelten die Esylux-Forscher ein Beleuchtungssystem, das erstmals automatisch die Schwankungen des natürlichen Lichts perfekt abbildet. Die wissenschaftliche Forschung belegt: höhere Produktivität und besserer Schlaf durch die richtige Beleuchtung.

Das Licht Roms strahlt im Büro in Schleswig- Holstein

Das neue „Biolicht“ ist noch eine sehr junge Produktreihe des norddeutschen Produzenten intelligenter Beleuchtung. Doch es zeigt beispielhaft die Innovationskraft deutscher Familienunternehmen, wenn es darum geht, Leben und Arbeiten in Zukunft besser zu machen. Mal sind es regelrechte Entwicklungssprünge wie bei Esylux, und mal liegt die Innovation in einer kontinuierlichen Evolu­tion. Doch was sie alle verbindet: Entwickelt wird in Deutschland, denn „German Engineering“ gilt als weltweites Verkaufsargument.

Das erkannte auch der Unternehmer Dirk ­Franke, ein umtriebiger Tüftler und Selfmademan, der sich selbst als „EDV verstehenden Kaufmann“ beschreibt. Franke hatte 2013 mit Risikokapital ein Start-up gegründet mit einer einzigen Idee: Warum sollte man nicht Google Glass, die gerade frisch entwickelte Datenbrille, so umbauen, dass sie sich im Lager einsetzen lässt? Im privaten Bereich fand das etwas ungewohnt aussehende Wearable keine Akzeptanz. Doch für industrielle Anwendungen erkannte Franke von Anfang an das Potenzial. Und entwickelte in seinem Unternehmen Picavi eine Software, mit der die Datenbrille per WLAN permanent im Dialog mit der Lager-EDV des Kunden steht. Mitgeholfen hat dabei sein erster Kunde, der Aachener Kosmetikproduzent Dr. Babor. Der war für seine Mitarbeiter im Lager auf der Suche nach einer schnelleren und einfacheren Wegeführung.

Picavi: Die Brille als Computer

Mal eben aus Tausenden Produkten eine Bestellung zu bedienen, das ist im Lager die Aufgabe der inzwischen so genannten „Picker“. Um die dafür nötigen Informationen zu erhalten, muss jeder Lagerist einen Computer mit Scanner bei sich tragen. Das geht auch einfacher, dachte sich Picavi-Gründer und Intralogistik-Experte Dirk Franke. Und entwickelte die erste vernetzte Datenbrille mit Scanner speziell für Picker. Die haben seitdem alle Informa­­tionen direkt vor ihren Augen und damit beide Hände frei.

Aufgabe dieser „Picker“ ist es, die Bestellungen zu kommissionieren oder Neuware einzusortieren. Und das sind mal eben über 6000 verschiedene Artikel in einem Lager. Bislang erfolgte dies per Handscanner. Start-up-Unternehmer Franke entwickelte eine Datenbrille, in die alle nötigen Informationen auf einem kleinen Display eingelesen werden. Darin erhält der Lagermitarbeiter seinen nächsten Auftrag (etwa: „Gehe zu …“), Lagerplatz, Name und Menge der einzusammelnden Produkte.

Mit Datenbrille durchs Hochregal

Die Lageristen haben seitdem beide Hände frei, die Akzeptanz des neuen Systems ist „extrem hoch“, sagt Babor-Geschäftsführer Horst Robertz. Er ist ein Mann, der weiß, dass ein erfolgreicher Mittelständler schneller sein sollte als die Großen, der, wie er es nennt, gern mal „das Ohr auf die Schiene legt“. Das ist ihm gelungen: Dr. Babor betreibt seit Mitte 2015 das erste per Datenbrille betriebene Hochregallager weltweit. Morgens berechnet der Computer die Wege und Jobs für jeden Mitarbeiter, und dann geht’s los. Zeitersparnis gegenüber dem Vorgängersystem: rund 18 Prozent. Seit bei Dr. ­Babor die Picker mit Daten­brille laufen, geben sich in Aachen Medien und interessierte Unternehmen die Klinke in die Hand. Robertz: „Das Interesse an dem Produkt ist riesig.“ Das kann auch Picavi-Chef Franke bestätigen, der inzwischen den Innovationspreis-IT der Initiative Mittelstand erhalten hat und für den Deutschen Gründerpreis nominiert ist: Die Lagersysteme von über 30 Kunden hat Picavi inzwischen mit dem neuen „Pick-by-Vision“-System ausgerüstet.

Über zu wenig Bewegung müssen sich die Arbeiter im Lager nicht beklagen. Fast alle Büromenschen dagegen schon. „Sitzen ist das neue Rauchen“, heißt es inzwischen, die Folgen eines am Stuhl festgeklebten Büroalltags lesen sich wie ein Auszug aus den großen Volkskrankheiten. Dauersitzen macht krank, weiß auch Helmut Link, geschäftsführender Gesellschafter beim schwäbischen Büro- und Industriestuhlproduzenten Interstuhl. Link hat dem „Sedentary Lifestyle“, also dem sitzenden Lebensstil, den Kampf angesagt. Wissenschaftler der Universität Regensburg haben errechnet, dass Erwachsene durchschnittlich über die Hälfte ihrer Lebenszeit komplett im Sitzen verbringen. 40 Prozent aller Deutschen, so die aktuelle Bewegungsstudie der Techniker Krankenkasse, verbringen Ihren Acht-Stunden-Arbeitstag im Büro.

Das erste Hochregallager, das per Datenbrille betrieben wird

Interstuhl: Der Stuhl denkt mit

Ob und wie wir uns im Büro bewegen, ist entscheidend für unsere Gesundheit. Helmut Link, geschäftsführender Gesellschafter beim schwäbischen Sitz­möbel­produzenten Interstuhl, muss man da nicht überzeugen. Stimmt der Arbeitsplatz, dann steigt die Produktivität je Mitarbeiter um fast ein Drittel, hat ein Fraunhofer-Institut erst kürzlich errechnet. Link und seine Mitarbeiter wollen das Sitzen deshalb neu erfinden. Jüngstes Ergebnis: ein Bürostuhl, der per Bluetooth und Smartphone-App das Sitz­verhalten misst und kommentiert.

Selbst das richtige Sitzen wird erfasst und gesteuert

Es ginge auch anders: Stimmt der Arbeitsplatz, steigt die Produktivität im Büro um fast ein Drittel, hat kürzlich erst das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation ausgerechnet. Interstuhl, in den Sechzigerjahren gegründet und inzwischen in dritter Generation geführt, ist europäischer Marktführer für Bürostühle. Gerade haben seine Entwickler einen völlig neuen Stuhl auf den Markt gebracht, es ist ein Sitzmöbel, das per Smartphone-App seinem Benutzer sogar Feedback zum Sitzverhalten gibt. „Wir messen Schritte, Herzfrequenz, Kalorienverbrauch und Schlaf“, sagt Link, jetzt sei es an der Zeit, auch mal das Sitzen auszuwerten. Der intelligente Bürostuhl ist ein kleiner Ausblick in die Zukunft, ein Thema für das hauseigenen Forschungs- und Entwicklungs­zen­trum. Das Ziel: ein Stuhl, der sich seinem Benutzer automatisch anpasst, vergleichbar den Memory-Sitzen im Auto. Auch der beste Bürostuhl ist nicht ausentwickelt, mehr adaptive, intelligente Materia­lien und mehr Sensorik sind die Richtung. Da, sagt Link, „ist noch eine Menge Potenzial“.

Doch Link weiß, dass selbst der beste Stuhl „keine Wunder bewirken kann“. Seine Produkte sieht er deshalb als Teil einer neuen, mobilen Arbeitswelt mit sich ständig neu definierenden Teams und Projekten. In diesem Verständnis kommt die traditionell sitzende und isolierte Büroarbeit am Bildschirm in Bewegung, das intelligent gemachte Büro ist „ein Ort der Begegnung und Mobilität“. Und auch wer nur den Papierkorb braucht oder den Drucker, muss aufstehen und laufen.

Jeder Extraschritt ist wichtig: „Wir brauchen Bewegung wie Nahrung“, sagt Link. Denn der Jäger und Sammler, das weiß auch ein Bürostuhl­produzent im 21. Jahrhundert nur allzu gut, steckt immer noch in uns.


Video: Wie Picavi mit Smart Glasses das Lager optimiert


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