Erfahrungsaustausch unter Gründern in Berlin: Viele Startups müssen ähnlche Herausforderungen meistern – gemeinsam geht das leichter

Foto: Michael Reitz

Ideenschmiede mit WG-Gefühl

Fit in 100 Tagen: Das gilt für Start-ups, die bei Axel Springer Plug and Play in Berlin andocken. Auch die Deutsche Bank kooperiert mit dem Accelerator-Programm – und geht so auf Tuchfühlung mit den Pionieren der Digitalwirtschaft

Text: Stefan Merx

zum Artikel

results Abonnement

So kommt results direkt auf Ihren Schreibtisch

Mit dem kostenlosen Print-Abo verpassen Sie keine Ausgabe und haben wichtige Tipps und Analysen für Mittelständler stets griffbereit.

Hier kostenfrei bestellen

Ein schmuckloses Bürohaus nahe Checkpoint Charlie. Alutüren als Entree, es folgt ein verwaistes Treppenhaus, spätestens im ersten Stock ist man sicher: Die Berliner Hausbesetzer können es noch. „Geh arbeiten“, pöbelt einer der harmloseren Graffiti-Sprüche von der Wand. Junge Leute wuseln herum. Manche tragen gelbe Bauarbeiterohrschützer. Sie wollen nichts abreißen, sondern sich konzentrieren. Und Ideen in Notebooks tippen. Willkommen im Unternehmensbrutkasten Axel Springer Plug and Play (ASPP). Dem Accelerator jenes Verlagshauses, das hier einst die Notfall­redaktion seiner „Bild“-Zeitung untergebracht hat.

Dreimal im Jahr wählt bei ASPP eine Jury aus über 200 Bewerbern eine gute Handvoll Start-ups. Die dürfen für exakt 100 Tage hier mit professioneller Betreuung ihr Geschäftsmodell vorantreiben. „Unser Ziel: demofähig nach 100 Tagen“, sagt Jörg Rheinboldt, Co-Leiter des Accelerators und alter Hase in der Gründerszene. Beim finalen „Demo Day“ kommt es zum wegweisenden Pitch: In einer straffen Kurzpräsentation wirbt jedes Team vor eingeladenen Investoren um die Folgefinanzierung. Auch Axel Springer steckt Geld in die verheißungsvollsten Unternehmen. Doch nach der Brutphase müssen die Firmen flügge werden. Die nächsten Teams drängen ins neonbeschienene Nest.

Mittendrin: Thomas Brosch, heute eingeflogen aus Frankfurt. Die Deutsche Bank hat als Partner des Accelerators einen Schreibtisch in der bunten Coworking-Zone. Brosch steht als Start-up-Experte mit Rat zur Seite, man ist per Du. „Es ist ein Gewinn für alle Seiten: Die Jungunternehmen bekommen Zugang zum großen Netzwerk der Deutschen Bank. Und wir rücken näher an den Ideenpool der Digitalisierung – und das in der absoluten Frühphase.“ Sind Fintechs darunter, also Gründer mit disruptiven Ideen für den Finanzsektor, so könnten diese später auch in die Digital Factory der Deutschen Bank in Frankfurt umziehen. „Inklusive Kooperationsmodell“, sagt Brosch.

Start-up-Tipps von der Bank

Viel komme es an auf die Haltung und auf exzellentes Teamwork. „Wir bringen uns gegenseitig in den Modus: Cool, lass sehen, was wir gemeinsam machen können“, sagt Jörg Rheinboldt. Die kurzen Wege seien wichtig, die Partnerschaft befruchte beide Seiten. „Die jungen Teams erhalten so Zugang zu Menschen, die man sonst nicht so leicht trifft“, erklärt Co-Leiterin Frauke Mispagel.

Im Mai begann Förderprogramm Nummer 12: Die Start-ups überlassen der Springer-Tochter für 25 000 Euro fünf Prozent ihrer Anteile und erhalten darüber hinaus jede Menge ideellen Input – Workshops und inspirierende Vorträge, zig Sparringsrunden und Kontakte. Vor ein paar Monaten kam Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vorbei, machte es sich auf den mit Kissen übersäten Europaletten bequem und verteilte Tipps. Von morgens sechs bis ein Uhr nachts ist Betrieb. Zum Kerninventar zählt neben einem 3-D-Drucker die rote Filtermaschine „Moccamaster“, deren Kontrollleuchten nie ausgehen. Über der Spüle mahnt ein Zettel in Alarmgelb: „No Coffee? Brew new!“ Echtes WG-Gefühl.

Startups bekommen Zugang zum Netzwerk der Bank


Der Portier aus dem Internet

„Die Leute wollen Zeit sparen, effizient leben“, sagt Daniel Levelev. Ob man ein Haus kauft, einen Party-DJ sucht oder Rechtsbeistand nach einem Auffahrunfall – auf gute lokale Dienstleister komme es an, die einem im richtigen Moment zur Seite stehen. Der 32-jährige Levelev (l.), sein jüngerer Bruder Ilya und ihr Freund Artjom Pestov (r.) bauen mit Lead Concierge eine App für die Suche nach einem verlässlichen Dienstleister – wie ein erfahrener Portier eben, dem man vertrauen kann. „Es ist ein Outsourcing-Tool für dein Leben“, verspricht Pestov. Dienstleister werden gegen Gebühr gelistet, die Vermittlung ist für Endkunden kostenlos. „Im Grunde ist es umgekehrter Vertrieb – und aus Sicht der Anbieter ist das Geld besser investiert als in Werbung.“ Die Idee hat das Trio aus dem Onlinemarketing für Anwälte abgeleitet, schließlich ist Daniel Levelev als Kölner Rechtsanwalt vom Fach. Er ist sicher: „Am Ende entscheidet nie der Preis, sondern die Servicequalität.“


Bildersuche für Onlineshopper

Am Start war Anna Lukasson-Herzig eigentlich in Eisenhüttenstadt. In einer der modernsten Warmwalzstraßen Europas fand sie mit einem optischen Verfahren winzige Fehler. Es folgte eine clevere Wende – und der Umzug nach Berlin: Die fototechnische Lösung der promovierten Stahlumformtechnikerin soll nun den E-Commerce revolutionieren. Das Start-up Everybag, das Anna seit 2015 mit ihrem Bruder Markus führt, will mit seiner patentierten Bilderkennungssoftware das Einkaufserlebnis umkrempeln: Man fotografiert ein cooles Fahrrad oder eine Badarmatur, die einem gefällt, lädt das Bild in die Cloud – und bekommt eine Trefferliste. „Ganz oben steht das konkrete Fabrikat, direkt dabei die Einkaufsmöglichkeit“, sagt die Gründerin. Ein großer Discounter ist schon Kunde, Miles & More optimiert seinen Shop mit der Bildersuche, Daimler visualisiert Daten für sein Flotten­management. Längst sind ganz Große aufmerksam geworden: Google und Amazon haben das 14-köpfige Start-up in ihre Förderprogramme aufgenommen, Axel Springer hat sich eine zweite Beteiligung gesichert.

Den Bankberater in die Tasche gesteckt

Bastian Krautwald ist Banklehrling in Staßfurt bei Magdeburg. Das könnte anderen 20-Jährigen durchaus genügen. Krautwald aber studiert auch BWL und macht sich Gedanken um Kundenbindung im 21. Jahrhundert. Deshalb sitzt der duale Student im Accelerator: als Gründer der App Compaio. „Wir entwickeln den digitalen Bankberater auf dem Smartphone. Eine Art bester Freund, der da ist, wenn man ihn braucht.“ Mit David Meyer und Max Neubürger hat er zwei Mitstreiter. Anders als im Robo-Advising geht es nicht nur um Anlagethemen. Das Trio will Finanzthemen einfach und transparent darstellen. So fragt eine Comic­figur auf dem Display, wie oft im Jahr man verreise und wie alt man sei. Im Hintergrund errechnet ein Algorithmus ein Profil – mit individuellen Vorschlägen. Krautwalds Versprechen: „In 15 Minuten ist dein Konto für dich gefunden, die Versicherungen sind gecheckt, die Altersvorsorge ist geplant, und für deine Wünsche ist alles geregelt.“ Auch das Ideenlabor der Postbank testet Compaio. 


Gruppengeschenke ohne Chaos

Das ideale Geschenk überrascht und bereitet Freude. Doch allzu oft geht es auch schief, findet Nora Stolz: „Überraschungsgeschenke ignorieren vielfach den Geschmack, Gutscheine kann man nicht mehr sehen – und bei Gruppen­geschenken läuft immer ein Bedauernswerter dem Geld hinterher.“ Sie selbst bekam von ihrer Mutter mal einen Skianzug – „lieb gemeint, aber nutzlos in London“, wo sie für zehn Jahre im Investmentbanking tätig war. Ihre Lösung: die Firma und gleichnamige App Cadouu, mit der sich das Beschenken organisieren lässt – von der Auswahl bis zur Zahlung. „Wir haben das Prinzip Sammelgeschenk aus der Schulzeit krass skaliert und digitalisiert“, sagt Stolz. Ihre beiden programmierenden Mitstreiter, die Portugiesen Vasco Conde und Filipe Fernandes, traf sie in Berlin. Weil man eine Wunschliste hinterlegt, ist für Treffsicherheit gesorgt, dennoch bleibt ein Überraschungsmoment. Zehn bis 30 Prozent Provision pro abgewickeltes Geschenk soll die Unternehmerprämie sein.


Plattform für Immobilienprofis

Wer einen Hauskredit braucht, dem helfen Vermittler wie Interhyp: Eckdaten rein, Konditionen raus. Für Industriekunden gibt es solch einen datenbankgestützten Angebotsservice nicht – Marcus Joachim ist angetreten, das zu ändern. „Wir verbinden Immobilien­entwickler mit Hypothekenbanken“, sagt der 40-Jährige, der im Job die Marktlücke entdeckt hat. Nach zehn Jahren im Londoner Investmentbanking zog Joachim 2015 nach Berlin, um bei einem Immobilienentwickler zu arbeiten. Er staunte, wie analog die Verhandlungen mit Banken abliefen: „Wir reden hier von pfandbriefgesicherten Geschäften im Volumen von drei bis 150 Millionen Euro – und was dominiert? E-Mail und Telefon.“ Joachim konzipierte den Finanzierungsmarktplatz Hypcloud. Der verlagert das Geschehen ins Internet, die Gebühren zahlen die teilnehmenden Banken. „Immobilienentwickler können bei uns parallel mit 30 Banken verhandeln“, sagt Joachim. Alle Server stehen in Deutschland, und, kein Wunder: Die Testkunden lieben das Tool.

Junge Ärzte im Stresstest

Mediziner in Schocksituationen bringen – dafür braucht Nick Wiese (r.) nur eine handelsübliche VR-Brille und einen guten PC. Der 26-Jährige bringt viel Erfahrung mit aus der Videospielbranche. Nun steht das Daddeln im Dienst der Lehre: „Wir erzeugen vollwertige Simulationen, um Ärzte auf Notfallsituationen vorzubereiten. Sie können in der virtuellen Realität trainieren, wie sie etwa mit einem akuten Herzanfall umgehen, wenn sie allein auf Station sind“, sagt Wiese, der das Start-up Vireed gemeinsam mit dem 31-jährigen Entwickler Arne Urff aufzieht. Mit einem Universitätsklinikum kooperiert Vireed bereits und baut ein Patientenzimmer per Room­scanning originalgetreu nach. Nach einem Theorieteil in 15 Schritten wird der Proband mit der Datenbrille „ins kalte Wasser geworfen“. „Wir simulieren Lerninhalte so realistisch wie möglich“, sagt Wiese. Theoretisch auch interessant für Piloten, Astronauten, Polizisten oder Feuerwehrleute.


Das Airbnb für nachhaltiges Reisen

Moritz Hintze hat ihn schon als Kind geliebt: den Urlaub auf dem Biobauernhof. Aus der Familientradition hat er ein Ökogeschäft entwickelt: Die Buchungsplattform Bookitgreen vermittelt Ferienunterkünfte, die nachhaltig bewirtschaftet werden. „Alnatura im Lebensmittelhandel ist unser Vorbild“, sagt Hintze, der mit Andreas Teufl (r.) und Phillip Fickl (M.) am Start ist. Die Gründer setzen auf Umweltbewusstsein, die Marktforschung zeige: 60 Prozent wollen auch beim Verreisen mehr auf Nachhaltigkeit achten. 200 Anbieter sind schon online, die Zahl soll sich rasch multiplizieren. Das Trio stellt sicher, dass keine Hotels gelistet werden, die sich über „Greenwashing“ sauberer reden, als sie sind. Die Provision liege ­deutlich unter der konventioneller Buchungsplattformen, Werbung in sozialen Netzen sorgt für Bekanntheit. „Wir wollen ein skalierbares Geschäft – aber eines mit Sinn“, sagt Hintze.


Video: Axel Springer Plug & Play – Impressionen aus der Runde 2


Verwandte Artikel

 


Artikel teilen

article_arrow_right
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Weitere Infos zu Cookies und deren Deaktivierung finden Sie hier.