Hektik im Büro: Im antiken Rom rannten nur die Sklaven, heute rennen wir alle

Foto: GETTY IMAGES/ERIK ISAKSON

Voll auf Speed

Machen neue Technologien unsere Multitasking-Welt noch hektischer? Oder eher besser? Wir befragten prominente Zeitexperten, ob und wie Führungskräfte der Zeitfalle entkommen können

Text: Stephan Schlote

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Das hier war mal ein Statussymbol: keine Zeit zu haben, weithin sichtbar ausgelastet zu sein von Bürde und Bedeutung des eigenen Berufs. Dies hat sich etwas gedreht: Heute checkt schon die untere Führungsebene im Urlaub ihre E‑Mails, und als Statussymbol empfindet das niemand mehr. Im antiken Rom rannten nur die Sklaven. Inzwischen, so scheint es, rennen alle. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind in ­unserer 24/7-Welt gefallen, und das heißt: E‑Mail ist immer. „Die Zeit, einst etwas Passives, ist inzwischen aggressiv“, schreibt der Wissen­schaftsjournalist Simon Garfield in seinem Buch „Zeitfieber“.

Keine Zeit zu haben, gehetzt zu sein, ist ein Zustand, der alle Lebensbereiche durchdringt. Und dabei müssen wir noch flexibler und effi­zien­ter werden, uns ständig neuen Anforderungen stellen, und das am besten gestern. „Das ist ein Riesen­thema im Management“, beobachtet der Stuttgarter Medienprofessor Jürgen Seitz, „der Leidensdruck ist immens.“ Das smarte Kürzel „asap“ findet sich immer häufiger in E‑Mails; „es scheint, als ginge uns langsam die Luft aus“, sagt Seitz, der sich als Wissenschaftler mit den Herausforderungen der digitalen Welt auseinandersetzt.

Wir sind gestresst, haben keine Zeit, und das ist eigentlich ein wenig paradox. Nie war der Mensch so produktiv, nie hat er so lang gelebt, nie hatte er mehr Freizeit. „Wir haben mehr Möglichkeiten, unsere Zeit zu verbringen, als jede Generation vor uns“, sagt der Zeitforscher und Coach Jonas Geißler. Das Statistische Bundesamt hat für jeden Deutschen eine durchschnittliche Freizeit von sechs Stunden täglich errechnet, und das heißt: Wir haben mehr freie Zeit, als wir gemeinhin glauben. „Es gibt kein anderes Gut, das so gerecht verteilt ist wie Zeit“, sagt Zeitberater Geißler. Denn jeden Tag kommt für jeden gleich viel neue Zeit dazu.

„Andrang von Gleichzeitigkeit“

Nur, warum fühlen wir uns dann so gehetzt? „Die Zeit selber beschleunigt sich nicht, kann sie gar nicht“, sagt der Philosoph und Autor Rüdiger ­Safranski. „Wir packen sie nur mit Ereignissen voll bis obenhin“, so Safranski, und deshalb leide der moderne Mensch an einem „Andrang von Gleichzeitigkeit“.

Dabei ist Effizienzdruck ja ein ganz normaler Teil unseres Wirtschaftssystems. Doch durch Digitalisierung, Internet, E‑Mail und Smartphones ist unser Arbeitsleben zur Multitasking-Welt mutiert. Und das ist erst der Anfang: Die vierte industrielle Revolution werde alle früheren Umbrüche in den Schatten stellen, warnt der Bestsellerautor und Philosoph Richard David Precht. Eine Folge: „Wir verlieren die Hälfte unserer heutigen Jobs.“ Klingt schlimm, muss es aber nicht sein. Denn zugleich verschwinden viele monotone, belastende und ungeliebte Arbeiten. So sieht Precht in den Folgen der Digitalisierung für unsere Arbeitswelt eher ein Versprechen, ein „Update der gesamten Gesellschaft“. Doch damit aus dem Update kein Systemcrash wird, und das weiß auch Precht, müsse die Politik reagieren – „und zwar jetzt“. Nur: „Die hat das nicht ansatzweise begriffen.“ Und auch den deutschen Mittelstand sieht Precht vor gigantischen Herausforderungen durch die Digitalisierung, Beispiel Autozulieferer: Die Abkehr vom Individualverkehr und das Aufkommen des selbstfahrenden Autos führe zu völlig neuen und smarten Verkehrslösungen, so seine Prognose. Microcar statt E-Klasse. „Wir werden in 20 Jahren nicht mehr mit einem Mercedes in die City fahren.“

Die Zukunft der Zeit

Experten zu Gast bei der Deutschen Bank:
Wie wird aus Zeitmangel Zeitreichtum? Macht uns eine digitalisierte Welt zu Sklaven der Zeit und Technologie? Oder eröffnet sie uns einen Zugewinn an Zeit, den wir nur klug nutzen müssen? Diese Fragen und mehr sind Thema von zwei Veranstaltungsreihen der Deutschen Bank. Auf dem Deutsche Bank UnternehmerForum 2017 diskutieren Philosoph Richard David Precht und Medienprofessor Jürgen Seitz ihre Standpunkte, beim Deutsche Bank UnternehmerTalk 2017 spricht der Zeitforscher Jonas Geißler.
Termine UnternehmerForum:
18. Oktober in Berlin, 7. November in Köln, 28. November in Hamburg
Termine UnternehmerTalk:
28. September in Nürnberg, 9. November in München
Anmeldung für beide Veranstaltungen unter www.deutsche-bank.de/unternehmerforum


„Die Digitalisierung wird zu einem Update der gesamten Gesellschaft führen“

Und was macht das alles mit uns als Individuum? Verändert die ganze neue Technik und Kommunikation auch die Menschen an sich? „Der Mensch wird sich anpassen, so wie immer in der Evolution“, prophezeit Safranski. Einige glauben, der E‑Mail-Kommunikator verliere die Fähigkeit zum Verständnis komplexer Sachverhalte. Und könne bald nur noch einfache Sachverhalte schreiben und verstehen. „Erst formen wir unsere Werkzeuge, ­danach formen unsere Werkzeuge uns“, wusste schon der legendäre Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan („The Medium is the Message“). Das war in den Sechziger- und Siebzigerjahren, weit vor Internet und Smartphone.

Eine ganze Wissenschaft, die „Ingenieurpsychologie“, untersucht, wie dieser Formungsprozess funktioniert, ob und wie also Mensch und Maschine effizient zusammenarbeiten. Ergebnis: Der moderne Mensch kann (immerhin) bis zu sieben Reize gleichzeitig verarbeiten. Doch Multitasking hat Grenzen: So dauert es im Schnitt mindestens sechs Minuten, bis eine einmal unterbrochene Aufgabe fortgeführt wird. Zusätzlich vergehen noch bis zu sechs Minuten, um sich wieder völlig in das Thema hineinzudenken. „Spätestens dann“, berichtet Berater Seitz aus seinen Seminaren, „wachen die Controller auf.“

Zufriedener mit Handy?

Auch das Essener Institut für Personal- & Organisationsforschung (IPO) hat sich mit den Folgen der Digitalisierung auf die Beschäftigten in seiner Studie „New Work(ing Time)“ befasst. Eines der Ergebnisse war, dass jene Befragten, die mobile Endgeräte sehr intensiv nutzen, von einem „technologiegetriebenem Arbeitsdruck, einem Gefühl ständiger Erreichbarkeit und Zusatzarbeit außerhalb des Büros“ berichteten. In der gleichen Studie kamen aber auch noch wesentlich positivere Ergebnisse zutage. Denn mit zunehmender Nutzungsintensität mobiler Endgeräte geht auch eine größere Flexibilität der Beschäftigten einher. Und das heißt: mehr Mitarbeiterbindung, höhere Arbeitszufriedenheit und bessere Work-Life-Balance.


Um die Vor- und Nachteile unserer Immer-und-überall-Welt weiß auch Jürgen Seitz, der Stuttgarter Medienprofessor und Experte für digitale Wirtschaft. Doch für Seitz ist die Diskussion über die Folgen moderner Technologien im Büroalltag „eindeutig zu negativ“. Die Deutschen müssten endlich „das gesamte düstere Framing überwinden“, das sie neuen Medien grundsätzlich gäben. Anders als etwa die US-Amerikaner seien die Deutschen fast schon „technophob“. Der einseitige Blick auf negative Folgen neuer Technologien berge die Gefahr, dass wir letztlich „abgehängt werden“, so Seitz. Seine Überzeugung: Wir können Innovationen nicht aufhalten, wir müssen sie vielmehr annehmen. „Nicht die Technik macht uns zu Zeitsklaven, sondern unser Unvermögen, mit der neuen Welt richtig umzugehen.“ Deshalb hält er etwa Sperrzeiten für die Smartphone-Nutzung, wie sie in manchen Unternehmen diskutiert werden, für „betriebs- und lebensfremd“. Unternehmen und Mitarbeiter müssten vielmehr lernen, damit umzugehen. Nur ist das bislang nicht passiert. Also: „Sagen Sie Meetings ab, oder treffen Sie sich im ­Stehen.“ Auch die Möglichkeit zu „Deep Work“, zu ungestörter und hoch konzen­trierter Arbeit, müsse in den Betrieben neu erworben werden. Aber Zeit, man liest es immer wieder, lässt sich doch „managen“, eine ganze Branche von Beratern und Keynote-Speakern ist da erfolgreich unterwegs. Und kann nicht jeder noch ein wenig besser werden? Denn immerhin, und das hat schon Mitte der Fünfzigerjahre der britische Historiker Cyril Northkote Parkinson leicht ironisch festgestellt: Arbeit dehnt sich aus in die verfügbare Zeit. Diese Erkenntnis, dass wir umso langsamer werden, je mehr Zeit uns zu Verfügung steht, sollte als „Parkinsonsches Gesetz“ bekannt werden – und gilt bis zu gewissen Grenzen auch umgekehrt. Und so reagieren wir auf Zeitdruck damit, dass wir noch effizienter werden.

Grenzen ziehen – oder lieber nicht?

Dass so etwas nicht immer funktioniert, darüber hat die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel sehr authentisch berichtet; eine Frau, die bis zum totalen Burn-out durch alle Phasen der Selbstoptimierung ging: „Ich glaubte, die Zeit wie ein Gummiseil behandeln zu können: Wenn man fest genug zieht, wird sie irgendwie länger.“ Hat nicht funktioniert. Ihre Erfahrung: „Man wird nur immer müder.“

„Nicht die Technik macht uns zu Zeitsklaven, sondern unser Unvermögen, mit der neuen Welt richtig umzugehen“


„Zeitliche und räumliche Erreichbarkeit begrenzen“

Neue Technik macht uns produktiver, keine Frage. Die Grundsatzfrage aber löst sie nicht für uns: Scheinbar ist die Zeit immer zu knapp. Viele Führungskräfte oder Betriebe, die unter Zeitstress leiden, versuchen aber genau das, wollen noch effizienter werden, „noch mehr reinpressen“, wie Unternehmenscoach Jonas Geißler sagt. Das geht oft krachend schief. Denn tatsächlich hat Zeitnot meist ganz andere Ursachen. Und die sucht Geißler in innerbetrieblichen Themenfeldern wie Abgrenzung, Organisation, Planung, Mut, Widerständen oder Gewohnheiten. Zeitstress ist davon nur die Konsequenz. Eine seiner Empfehlungen lautet daher: „Ziehen Sie Grenzen der zeitlichen und räumlichen Erreichbarkeit.“

Diese Grenzen aber wollen erst mal definiert sein. Google hat schon vor Jahren ein Programm mit dem schön passenden Namen „Search Inside Yourself“ aufgelegt. Seitdem wird bei dem Suchmaschinenbetreiber meditiert. Denn Innovation, das weiß gerade dieses Unternehmen nur zu genau, entsteht nicht durch immer weitere Verdichtung. Sondern dadurch, dass man auch mal die Füße auf den Schreibtisch legt. Einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Männer der Gegenwart hat das Thema fast vorbildhaft gelöst. Im Kalender des Großinvestors Warren Buffett bleiben ab und an die Seiten leer. An diesen Tagen hat er, ganz einfach, keine Termine.


Weitere Informationen
Mehr zum Thema auch beim Institut für Zeitberatung: timesandmore.com
Videobeitrag von Richard David Precht zum Thema Zeit als wertvollste Ressource unserer Gesellschaft


Video: Einladung zum UnternehmerTalk 2017 der Deutschen Bank


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