Dralon-CEO Stefan Braun: Nur ständige Innovation hält ein Produkt jung

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Mal richtig Stoff geben

Wie man eine Wirtschaftswunder-Marke neu belebt, zeigt das Beispiel von Dralon. Geholfen hat dabei auch ein geschicktes Liquiditätsmanagement

Text: Stephan Schlote

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In großen Marken steckt immer auch ein Stück Geschichte. Etwa hier: Dralon, eine Acrylfaser, hergestellt seit über 50 Jahren vom gleichnamigen Unternehmen in Dormagen bei Köln. Die „Dralon-­Decke“, eines der Symbole der Wirtschaftswunder-­Jahre, flauschig, ewig haltbar und vielen Menschen damals ­einen vollen Wochenlohn wert. Die Kunden mögen die robuste, ­weiche und „moderne“ Kunstfaser. Aus Dralon gibt es Anzüge, Röcke, Vor­hänge, Teppichböden oder Sofabezüge.

Doch über die Jahre verliert die weltbekannte Traditionsmarke, aufgestiegen als erfolgreiche Tochter des Chemieriesen Bayer, ihren Bezug zu Trends und Markt. Vermeintlich natürliche Stoffe wie Baumwolle steigen in der Verbrauchergunst, Dralon fällt leise aus der Zeit. Einmal, das ist schon in den Neunzigerjahren, liegt der Verlust fast auf Höhe des Um­satzes. Für dringend benötigte Investitionen fehlt das Geld. „Der Laden war kurz vor Lichter aus“, so beschreibt es der heutige CEO, Stefan Braun. 2001 verkauft Bayer die inzwischen ausgegliederte Dralon GmbH.

Und das ist die Wende. Die neuen Eigentümer, zwei Familienunternehmer aus der italienischen Textilindustrie, verstehen das Geschäft. Zwei neue Manager aus dem Bayer-Umfeld kommen an Bord, neben dem Kaufmann Stefan Braun der Textilingenieur Dieter Heinkes als Technikchef. Der Turnaround wird Jahre dauern. Doch die beiden zeigen geradezu beispielhaft, wie sie einen ermüdeten Textilzulieferer sogar in einem schrumpfenden Markt wieder zum Laufen bringen.

Von Anfang an ist klar, dass ein Textilzulieferer mit deutschen Kosten nur dann überleben kann, wenn er in der Produktion ein paar Dinge besser macht als die anderen. Das neue Management bringt die Abläufe auf Trab, baut die gesamte Fertigung um auf die neue KSN-Technologie („kontinuierliches Spinnen und Nachbehandeln“). Sie verkürzt den vormals dreistufigen Prozess auf zwei Stufen, beschleunigt und automatisiert die Produktion so, dass es heute nur noch 30 Minuten braucht vom Rohstoff bis zum Endprodukt. Acrylfasern werden auf der ganzen Welt gesponnen, doch mit dem Umbau der Fabrik wird das Unternehmen zum Hightech-Produzenten. Dralon gelingt es, durch zahlreiche Nachbehandlungen im Fertigungsprozess die Standardfaser in verschiedene High-Performance-Fasern zu differenzieren. Zugleich werden die Fasern leichter und dünner, bei Bedarf nur noch so dick wie das Hundertstel eines menschlichen Haares. All das eröffnet neue Anwendungen und Märkte.

Events für Mode-Blogger

Die Modernisierung der Produktion ist der entscheidende Schritt voran. Sie bringt dem Textilzulieferer Dralon den benötigten Kosten- und Qualitätsvorsprung. Für die großen Garnhersteller rund um den Globus, die auf ihren Maschinen die watteähnliche Rohware aus Dormagen zu Dralon-Garnen spinnen, ist das ein wichtiges Argument. Höhere Fertigungsgeschwindigkeit, weniger Fehler, mehr Produktivität. Zugleich aber entwickelt Dralon neue Marktsegmente. Acrylfasern sind ein Vorprodukt für Carbonfasern, Dralon liefert die Rohware für Anwendungen in der Flugzeug- und Fahrzeugindustrie. Schon gibt es Kunden, die Carbonfasern zu einem dreidimensionalen hochfesten Karosserieteil weben. Der Stahlträger für die B-Säule beim Auto wäre damit überflüssig.

Dralon wird geändert und erneuert, und irgendwann ist auch die ­Marke dran. Kein leichter Job, denn „Dralon“ darf nach Gesetz nicht mal aufs eingenähte Textillabel. „Die Kunden suchen erst mal nur ­einen robusten Markisenstoff“, sagt Braun, „und denken gar nicht an uns.“ Das soll sich ändern: Dralon will sich jung positionieren, es gibt Events für Modeblogger, die vormalige Fünfzigerjahre-Marke ist auf allen Social-Media-Kanälen präsent.   

Es gab Zeiten, da wurde Braun von Branchenkollegen gefragt, ob es sein Unternehmen denn noch gebe. Heute wissen alle: Dralon ist wieder da. Der Ausstoß ist gestiegen, die Kapazitäten sind sehr gut ausgelastet. In mehr als 80 Ländern weltweit ist Dralon als Marke geschützt, stockt bei einem der weltweiten Kunden doch mal die Produktion wegen eines Faserfehlers, ist ein Dralon-Mann schnell vor Ort.

Die Outdoor-Szene entdeckt die Kunstfaser neu

  • Foto: NATALIE BOTHUR
    CEO Stefan Braun macht den Kunstfaser-Spezialisten beweglich – auch durch geschicktes Liquiditätsmanagement
  • Foto: DRALON GMBH
    Rohstoff Polyacrylnitril: Versandfertig in 30 Minuten – das schafft aktuell kein anderer in der weltweiten Acryl­faser-Industrie
  • Foto: IMAGO/RUPERT OBERHÄUSER
    Acrylfaserproduktion in Dormagen: ein Vorprodukt made in Germany für die Garnhersteller weltweit
  • Foto: DRALON GMBH
    Spinndüsen: Immer dünnere Fasern ermöglichen neue Anwendungen für Dralon-Stoffe
  • Foto: NATALIE BOTHUR
    Acrylfaserballen im Ausgangslager: Die Qualität der Faser bestimmt die Verarbeitungsgeschwindigkeit beim Kunden

Was Liquiditäts-
management bringt

• höhere gesamtbetriebliche Effizienz
• geringerer Zinsaufwand
• erhöhte Reaktionsfähigkeit auf Liquiditätsschwankungen
• Möglichkeit zur vermehrten Ausnutzung von Skonto
• Bündelung und Lenkung von Zahlungsströmen
• tagesaktueller Überblick über die Liquidität in der Gruppe unter Einbeziehung der Konten bei Drittbanken
• leichtere Abstimmung der Konten innerhalb der Gruppe
• renditeoptimiertes „Parken“ der zentralisierten Bodensatzliquidität
• günstigere Kreditversorgung der Auslandstöchter über die Mutter

Weitere Informationen

Das kommt an im Markt. „Wir produzieren Zeitgeist“, sagt Braun, denn 70 Prozent der Produktion finden Verwendung in der Oberbekleidung. Plötzlich ist die zwischenzeitlich als „künstlich“ beargwöhnte Kunstfaser wieder voll im Trend. Die boomende Sportartikel- und Outdoor-Industrie erkennt die Vorzüge der praktischen und schnell trocknenden technischen Textilien. „Dralon inside“, das gilt für viele große Namen, von Falke, Benetton und Nike über den Schalhersteller Fraas, Jack Wolfskin, Schöffel bis zum Heimtextilhersteller JAB ­Anstoetz. Die Kunden schätzen die belastungsfähigen und multifunktionalen Textilien, fast jeder Fanschal der Fußball-Bundesliga ist aus Dralon.

Dralon ist wieder da, saniert und schuldenfrei – und stark genug für strategische Zukäufe. Im Juni haben die italienischen Gesellschafter der Übernahme der vormaligen Hoechst-Tochter Dolan im bayerischen Kelheim zugestimmt. Ein Acrylfaserproduzent wie Dralon, nur kleiner, feiner – und noch profitabler. Die gerade begonnene Übernahme ist ein Riesensprung für beide Unternehmen.    

Erfolgsfaktor Liquiditätsmanagement

Sanierung aus eigener Kraft, lautete die Vorgabe der Italiener, als langjährige Hausbank ist die Deutsche Bank bis heute immer mit dabei. Die Kunstfaserproduktion hängt an Ölpreis und Wechselkurs. Steigt der Dollar deutlich gegenüber dem Euro, wird es eng, ohne vernünftige Währungssicherung geht hier nichts. Mal finanziert die Bank das Working Capital, mal geht es um das Liquiditätsmanagement. Über Jahre hat die Bank Rechnungen an die großen Kunden in der Türkei per Forfaitierung aufgekauft. 180 Tage Zahlungsziel waren vereinbart, Dralon hatte das Geld bereits nach einer Woche auf dem Konto.

Eigentlich ist der Stellenwert des Liquiditätsmanagements bekannt, tatsächlich aber wird das Thema in der Breite der Unternehmen noch immer unterschätzt. Unterschätzt wird auch das zugehörige Working Capital Management, ein weiterer Klassiker der inneren Finanzierung. Dabei geht es darum, so viel wie möglich der im Unternehmen gebundenen Mittel in Liquidität umzusetzen. Verbesserungspotenzial findet sich dazu fast überall, eben auch beim Umgang mit Forderungen. Dies lohnt besonders dann, wenn Außenstände hoch und Zahlungsziele lang sind. Die auch bei Dralon erfolgreich praktizierte Forfaitierung kommt in immer mehr Unternehmen zum Einsatz. „Kein Rechnungssteller“, sagt Dralon-Kundenberater Volker Ochs, „muss ohne Not ­einen Monat oder länger auf sein Geld warten.“ Der effiziente Einsatz der eigenen Liquidität ist nicht das einzige Thema im Hause Dralon. Die ­Deutsche Bank besorgt Akkreditive, finanziert einen Teil der Dolan-Übernahme und übernimmt für alle Mitarbeiter die betriebliche Altersvorsorge. „Die Deutsche Bank“, sagt Dralon-CEO Stefan Braun, „hat uns auch in schwierigen Jahren nicht im Stich gelassen.“

Nun gilt es, zwei Kunstfaserhersteller gemeinsam auszurichten. Dralon als Volumenanbieter, Dolan als kleine, aber hoch profitable Kunstfaserboutique mit weltweit gerade mal 15 Kunden. Aus Kelheim kommen langlebige Cabrio-Dächer oder Bezugsstoffe für Jachten. ­Dolan ist für Dralon Technologieträger und Thinktank für Inno­va­tionen in der Acrylfaserproduktion am Standort D.

Innovationen ist das Stichwort. Dralon muss immer neue Anwendungsfelder finden. Acrylfasern mit Zusatznutzen: ein Flammschutz, Spezialfasern für Luftfilter oder für die Blutwäsche bei Dialyse­patienten. Die Carbonfaser-Industrie ist auch so ein Feld, ein ­anderes, die ölbasierte Acrylfaser durch Bioethanol aus nach­wachsenden Rohstoffen zu ersetzen. Es wäre der Ausstieg aus der Ölchemie, eine wirklich neue Welt. Der Weg dahin ist lang. Doch die ersten Schritte sind getan.

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Video: HighTech-Stoffe aus Dormagen


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