Warum das eigene Kraftwerk vor den Unsicherheiten der Energieversorgung in Deutschland schützt

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Aus eigener Kraft

Mit eigenen Kraftwerken wappnen sich Unternehmen gegen steigende Energiepreise. Zwar hat die Bundesregierung im Zuge der EEG-Novelle jüngst die Bedingungen für industrielle Selbstversorger verschlechtert. Dennoch können Investitionen weiterhin lohnenswert sein – auch dank staatlicher Förderungen

Text: Thomas Mersch

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Der Rohstoff wurde schlicht verkannt. Über Jahre fackelte der schwäbische Lebensmittelhersteller Hengstenberg die Faulgase aus der werkseigenen Kläranlage am Standort Fritzlar einfach ab. Bis zu zwei Meter Höhe erreichte die Flamme regelmäßig. Doch in diesem Sommer wurde sie gelöscht. Ende Juli nahm der Familienbetrieb ein Blockheizkraftwerk in Betrieb, das bei der Gasverbrennung nun Strom für die Produktion und Wärme für die Wasseraufbereitung in den Faultürmen liefert.

Gurken, Essig, passierte Tomaten, in Gläsern oder Dosen, das sind Spezialitäten von Hengstenberg. Im hessischen Fritzlar betreibt das Unternehmen eine der größten Sauerkrautfabriken weltweit. Benötigt wird die Energie des neuen Kraftwerks vor allem zur Erntezeit. „Wir sind ein Saisonbetrieb“, sagt Fertigungsleiter Anton Baur. Sechs Monate pro Jahr sei die Anlage am Netz und mache sich dennoch bezahlt. „Strom wird immer teurer, wir wollen von den Preisschwankungen unabhängiger werden.“

Die Energiewende zwingt die Wirtschaft zum Umdenken. Angesichts der seit Jahren stark steigenden Energiekosten produziert eine wachsende Zahl von Firmen ihren Strom lieber in Eigenregie. „Seit einigen Jahren steigt die Anzahl der Unternehmen mit Eigenerzeugung wieder an“, stellte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) im März in einer Studie fest. Danach versorgen sich in Deutschland rund 25 000 Unternehmen schon selbst – im Einsatz sind überwiegend Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Und noch einmal 25 000 Betriebe bereiten den Einstieg vor. „Speziell der industrielle Mittelstand hat den notwendigen Wärme- und Strombedarf für einen sinnvollen Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung und plant

Mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verschlechterte die Bundesregierung zwar jüngst die Bedingungen für die Selbstversorger – für neue Anlagen muss seit August ein Teil der EEG-Umlage gezahlt werden. „Es ist ein Rückschlag für den industriellen Mittelstand, weil es nun länger dauert, bis sich solche Projekte amortisieren“, sagt Peter Hintz, Greentech-Experte der Deutschen Bank. Er glaubt jedoch, dass Unternehmen mit hohem Wärme- und Strombedarf dennoch gut beraten sind, Investitionen in die eigene Erzeugung zu prüfen. „Energiepreise und auch die Belastung durch Abgaben werden mittel- und langfristig voraussichtlich weiter steigen.“

Über die EEG-Umlage wird in Deutschland der Ausbau der erneuerbaren Stromerzeuger finanziert. Sie ist zuletzt stark gestiegen und beträgt aktuell 6,24 Cent pro Kilowattstunde, ab 2015 sinkt sie erstmalig, jedoch nur marginal, auf 6,17 Cent pro Kilowattstunde. So wird die Differenz zwischen der vom Staat festgelegten Vergütung für regenerative Energiequellen und den tatsächlichen Erlösen aus dem Verkauf von Ökostrom ausgeglichen. Bislang musste die Umlage nicht für selbsterzeugten Strom gezahlt werden – ein zusätzlicher Anreiz für den Bau von Kraftwerken auf dem Betriebsgelände.erhebliche Investitionen.“

Thesen

Kosten: Die Energiewende treibt die Preise für Strom und Wärme weiter in die Höhe.

Sicherheit: Durch eigene Erzeugung machen sich Unternehmen unabhängiger. Doch ob der Einstieg lohnt, hängt von der Energiebilanz ab.

Sauberkeit: Wer investiert, verbessert oft zugleich die Effizienz und entlastet damit auch die Umwelt.

Hengstenberg: Neue Stromquelle

Der schwäbische Lebensmittelhersteller nutzt Faulgase aus der eigenen Kläranlage, die lange nicht verwertet wurden. Heute befeuern sie ein Blockheizkraftwerk, das Strom und Wärme für die Produktion liefert. Am 31. Juli 2014 ging die Anlage in Betrieb – einen Tag später, und das Unternehmen wäre anteilig mit der EEG-Umlage belastet worden. Aktuell baut man ein System für das Energiemonitoring auf, um weiteres Effizienzpotenzial zu erschließen. Bei Hengstenberg ist das ein fortlaufender Prozess.

Damit ist es nun zumindest teilweise vorbei. Für alle Anlagen, die seit dem 1. August in Betrieb genommen wurden, sind zunächst 30 Prozent der Umlage fällig, ab 2016 erhöht sich die Abgabe auf 35 Prozent, ab 2017 gar auf 40 Prozent der EEG-Umlage. „Scharfsinnige Unternehmer werden sich jedoch durch die Einführung der neuen Abgabe auf den Eigenstrom nicht lange schrecken lassen“, so Hintz. Im Gegenteil, dem enormen Nachfrageboom nach KWK-Anlagen vor August dürfte sich eine Phase deutlich abgekühlter Nachfrage anschließen. So wäre es gar nicht verwunderlich, wenn sich 2015 durch niedrige Kapazitätsauslastung des einen oder anderen Anlagenherstellers so manches Schnäppchenangebot für unverdrossene, darauf vorbereitete Investoren böte. Beim Nahrungsmittelhersteller Hengstenberg mit seinen 500 Beschäftigten startete der Betrieb des Blockheizkraftwerks am 31. Juli. „Das war auf den letzten Drücker“, sagt Fertigungsleiter Baur. Doch selbst bei einer Belastung mit der EEG-Umlage wäre das Projekt noch sinnvoll gewesen. „In Energie zu investieren rechnet sich nicht in zwei oder drei Jahren“, sagt Baur. „Wir denken langfristig und wollen unabhängiger werden – auch von fossilen Brennstoffen.“ Das rund 200 000 Euro teure Kraftwerk finanzierte Hengstenberg komplett über ein zinsgünstiges Darlehen aus dem Energieeffizienz-Programm der staatlichen Förderbank KfW. So ließ Hengstenberg vor zwei Jahren an einem weiteren Produktionsstandort in Bad Friedrichshall einen Abgaswärmetauscher einbauen. „Das spart 20 Prozent bei Brennstoffen ein“, sagt Baur. Künftig will das Unternehmen nach weiteren Möglichkeiten für Effizienz und die Nutzung eigener Kapazitäten forschen. „Wir sind dabei, ein Energiemanagement aufzubauen.“

SHW: Breit gefächerter Energiemix

Der international führende Hersteller von Werkzeugmaschinen für das Bohren und Fräsen deckt 85 Prozent des Strombedarfs über eigene Anlagen zur Stromerzeugung ab. 2008 ging ein Blockheizkraftwerk in Betrieb. Neben Gas kann das Aalener Unternehmen auch Öl und Pellets zur Energieerzeugung nutzen – so federt Geschäftsführer Christian Hühn Engpässe bei einem fossilen Rohstoff ab. Zudem hat SHW Solaranlagen auf dem Werksgelände installiert, die zusätzlichen Strom liefern.

Im Gegenzug unterstützt die Bundesregierung den Aufbau eigener Erzeugungsanlagen. So gewährt die KfW über das Programm „Erneuerbare Energien“ zinsgünstige Darlehen für Unternehmen, die sich über regenerative Quellen wie Solar, Wind oder Biomasse selbst versorgen. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert das Energieeffizienz-Programm der KfW, das Anreize für Kraft-Wärme-Kopplung- oder Blockheizkraftwerke setzt. „Zusätzlich gibt es weitere Förderangebote von Bund und Ländern, die auf diese Themen einzahlen“, sagt Sabine Tieves, Leiterin für Öffentliche Fördermittel bei der Deutschen Bank. Vor dem Start eines Projekts sei es wichtig, den Status quo im Betrieb genau zu ermitteln – und bei Bedarf einen Energieberater dazuzuholen. „Jedes Unternehmen muss seine Energiebilanz prüfen“, sagt Tieves. „Ob eine Investition sich rechnet, hängt immer vom Einzelfall ab.“

Zusammenarbeit mit Stadtwerken

Möglich sind auch direkte Zuschüsse. Beim größten europäischen Textillohnveredler Lindenfarb trägt ein staatlicher Bonus spürbar dazu bei, dass sich die eigene Energieerzeugung rascher lohnt. Diesen April ging dort ein neues Blockheizkraftwerk in Betrieb. Bis 2018 gibt es jeden Monat einen festen Förderbetrag – der sich auf 1,6 bis 1,7 Millionen Euro addieren wird. „Das funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie früher die Eigenheimzulage“, erläutert Ronald Eiser, Leiter Umwelt/Energie bei Lindenfarb. Jedoch habe das Unternehmen mit Sitz in Aalen nachweisen müssen, dass die Anlage „hocheffizient“ arbeitet – so verlangt es das KWK-Gesetz. Das gelingt bei Lindenfarb dank eines Wirkungsgrads von über 85 Prozent. Das Kraftwerk bei dem Familienbetrieb mit 400 Beschäftigten ist an das Stromnetz angeschlossen, um Überschüsse einspeisen zu können. „Dafür beziehen wir in Phasen mit hohem Bedarf wiederum Energie“, sagt Eiser. Mittelfristig könnten Kraftwerke von Unternehmen so einen Beitrag dazu leisten, die Energiewende zum Erfolg zu führen. „Sie sind in der Lage, Schwankungen auszugleichen, die es bei der Erzeugung mit Windrädern oder Solaranlagen gibt.“ Die Investition in Höhe von vier Millionen Euro hat Lindenfarb gemeinsam mit den örtlichen Stadtwerken gestemmt. „Die Margen sind in unserer Branche nicht so üppig. Wir hätten das allein nicht tragen können“, sagt Eiser. Betreiber des Blockheizkraftwerks, das auch Dampf liefert, um etwa in der Färberei Wasser zu erwärmen, ist eine eigene Gesellschaft. Lindenfarb hält knapp 25 Prozent der Anteile und pachtet die Anlage. Die Kapazität ist mit 19,9 Megawatt etwas niedriger als bei der Vorgängervariante, die in den neunziger Jahren gebaut worden war. „Es war uns wichtig, unter 20 Megawatt zu bleiben, um wieder aus dem Emissionshandel herauszukommen“, sagt Eiser. Denn der gilt ab dieser Leistung.

Grafik:
Bereitschaft steigt

Bereitschaft steigt

Bereitschaft steigt

Zwei Umfragen zwischen Oktober 2012 und Juni 2013 zeigen einen starken Anstieg der Bereitschaft zur Eigenerzeugung. Fast jedes zweite Unternehmen hat bereits Kraftwerke, baut daran oder plant den Bau.

DIHK/VEA 2014, Umfrage unter mehr als 2000 deutschen Unternehmen

Lindenfarb: Investition trotz Risiko

Bei der Nummer 1 der Textillohnveredler in Europa hilft ein staatlicher Bonus: Das im Frühjahr dieses Jahres fertiggestellte Blockheizkraftwerk wird bis 2018 mit insgesamt 1,6 bis 1,7 Millionen Euro gefördert. Dafür musste das Aalener Unternehmen „höchste Effizienz“ nachweisen, sagt Ronald Eiser, Leiter Umwelt/Energie. Der Wirkungsgrad von über 85 Prozent überzeugte.n.

Grafik:
Klimafreundlich

Klimafreundlich

Klimafreundlich

Fast sechzig Prozent des Stroms aus Eigenerzeugung wird in Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen erzeugt und ist damit wegen des höheren Wirkungsgrades deutlich klimafreundlicher als Strom aus dem öffentlichen Netz. Bei den Energieträgern liegt Erdgas vorn.

Quelle: DIHK/VVEA 2014, Stand 2014

Kosten senken und die Umwelt schützen – beide Ziele hat Lindenfarb im Blick. Mit Investitionen in die Effizienz beispielsweise von Maschinen hat das Unternehmen den Bedarf an Primärenergie binnen zehn Jahren um 30 Prozent gedrückt und sich damit gegen unsichere Rahmenbedingungen gewappnet. „Die Energiepolitik ist nicht berechenbar“, sagt Eiser, der lange in einem Ausschuss des Bundesverbands der Deutschen Industrie zum Thema Energie- und Klimapolitik aktiv war. Selbst nach der jüngsten Belastung von neuen Kraftwerken mit der EEG-Umlage ist er sicher: „Investitionen von Unternehmen werden sich weiter rentieren.“

Kritisch steht Christian Hühn, kaufmännischer Geschäftsführer beim ebenfalls in Aalen ansässigen Werkzeugmaschinenhersteller SHW, der EEG-Reform gegenüber. Die Umlage sei „Willkür“, sagt er. Das Unternehmen hält trotzdem an seinem Leitbild in Energiefragen fest: „Wir wollen die Abhängigkeit von einem Energieträger vermeiden“, erläutert Hühn. 300 Mitarbeiter hat das Unternehmen bei einem Jahresumsatz von 65 bis 70 Millionen Euro – bei Werkzeugmaschinen für das Bohren und Fräsen sei man weltweit führend, so Hühn. Rund eine Viertelmillion Euro hat SHW in ein Blockheizkraftwerk investiert und kam dabei dank hoher Finanzkraft ohne zinsgünstige Förderkredite aus. „Wir haben bar bezahlt“, so Hühn. Die Anlage liefert Strom und Wärme zum Heizen der Produktionshallen – mit einem Wirkungsgrad, den Hühn auf 98 Prozent veranschlagt. Der Betrieb des Kraftwerks ist mit verschiedenen Rohstoffen möglich. „Selbst wenn Gas knapp oder teurer werden sollte, haben wir immer noch 100 000 Liter Öl und können das gesamte Gebäude auch mit Pellets heizen“, sagt Hühn. Parallel hat das Unternehmen Fotovoltaikanlagen mit einer Leistung von einem Megawatt errichtet – mit der „üblichen staatlichen Förderung“. Bis zu 700 000 Kilowattstunden Strom liefert das Blockheizkraftwerk pro Jahr. Der Bedarf von 2,1 Millionen Kilowattstunden wird auch dank Fotovoltaik zu 85 Prozent selbst erzeugt. Den Schlingerkurs der Regierung bei Abgaben und Steuern im Zuge der Energiewende verfolgt Hühn mit Skepsis. Dabei hat er nicht nur betriebseigene Interessen, sondern die Lage der gesamten Industrie im Blick – und warnt vor weiteren Belastungen: „Energiekosten sind in Deutschland schon jetzt zum Standortnachteil geworden.“

 

Weitere Informationen
Kontakt: Expertenteam Greentech.
Peter Hintz, E-Mail peter.hintz@db.com
Felix Holz, E-Mail felix.holz@db.com
Web: Infos zu Fördermitteln unter  www.deutsche-bank.de/oeffentliche-foerdermittel


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