Sigmar Polke: Punkt, Komma, Strich – und fertig waren die beiden mächtigsten Männer der damaligen Welt: „Kartoffelköppe (Mao und LBJ)“ war 1965 Polkes ebenso lustiger wie respektloser Beitrag zum Ost-West-Konflikt

Foto: Estate Sigmar Polke/VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Herzklopfen auf Papier

Zum Jubiläum der Sammlung Frieder Burda zeigt die Deutsche Bank KunstHalle eine Auswahl der schönsten Papierarbeiten. Die Schau gibt Einblick in eine der aufregendsten Kunstsammlungen Deutschlands

Text: Isabelle Hofmann

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Was ist besser: Kunst sammeln oder saufen und huren?“, fragten die Künstler Sigmar Polke und Gerhard Richter frech im Jahr 1966 auf einer gemeinsamen Textcollage. Von solchen Provokationen ließ sich Frieder Burda schon damals nicht schrecken. Er sammelte – vor allem Bilder dieser beiden Künstler, die seine Freunde wurden. Heute zählen Polke- und Richter-Werke zu den Säulen der großartigen, über 40 Jahre gewachsenen Kollektion, die mit dem Bau von Richard Meier in Baden-Baden 2004 ein eigenes Museum bekam. Im Sommer feierte das Frieder-Burda-Museum das zehnjährige Bestehen sowie 40 Jahre Sammlung, mit einem Querschnitt durch die vergangenen vier Dekaden.

Die Deutsche Bank KunstHalle präsentiert zum Doppeljubiläum nun eine Auswahl aus der Kollektion, die in dieser Konzentration und Fülle noch nie zu sehen war: Rund 120 Arbeiten auf Papier von sechs einflussreichen Künstlern schlagen hier einen Bogen vom Abstrakten Expressionismus bis in die Gegenwart. Dabei bietet die Schau sehr persönliche Einblicke in das Wesen dieser Sammlung und des Mannes, der sie zusammentrug.

Arbeiten auf Papier sind gemeinhin weniger populär als Malerei, in Künstler- und Sammlerkreisen jedoch genießen sie größte Wertschätzung. Nicht ohne Grund hat die Deutsche Bank Arbeiten auf Papier ins Zentrum ihrer hauseigenen Sammlungsaktivität gestellt: Zeichnungen sind mit ihrem Abstraktionsvermögen ein unmittelbarer Ausdruck des künstlerischen Impetus. In der Sammlung Frieder Burda nehmen Arbeiten auf Papier einen außerordentlich hohen Stellenwert ein. „Gerade in der Zeichnung zeigt sich die wahre Meisterschaft“, betont der Sammler, dessen Interesse stets dem emotionalen Ausdruck eines Bildes galt. Kühlen Konstruktivismus und Konzeptkunst sucht man vergebens in dieser Kollektion. Frieder Burda fasziniert eine Kunst, die betroffen macht, aufwühlt, Herzklopfen auslöst.

Es ist deshalb kein Zufall, dass ausgerechnet diejenigen Künstler die Sammlung Burda in Berlin repräsentieren, die sich mit expressivem Gestus an existenziellen Themen wie dem Menschenbild abarbeiten: Georg Baselitz, Willem de Kooning, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Neo Rauch und nicht zuletzt Arnulf Rainer, einer der einflussreichsten Künstler Österreichs, der auch in Deutschland immer mehr Aufmerksamkeit erfährt. Seine heftigen, meist schwarzen Übermalungen von Fotos und Reproduktionen quer durch die Kunstgeschichte loteten schon in den fünfziger Jahren neue Bereiche der Expressivität aus und wurden bald zum Markenzeichen.

Im Haus unter den Linden ist nun – neben einigen seiner fast vollständig schwarzen Übermalungen – die wunderbare „Van Gogh“-Serie von 1977 zu sehen: „Van Gogh als Schneidermeister“, „Oberförster“ oder „schwarzer Irokese“ offenbaren den subversiven Witz, mit dem Rainer hier den Übervater der Moderne von seinem Sockel holt. Zwischen Malerei und Zeichnung besteht fast immer ein enger Dialog, und dieser Dialog interessierte Frieder Burda außerordentlich. Die Ausstellung macht das sehr schön sichtbar: Jedem Werkkomplex ist hier ein charakteristisches Gemälde des jeweiligen Künstlers vorangestellt.

Arnulf Rainers „Van Gogh“-Serie wird von einer fast schwarzen Übermalung mit Öl auf Holz (1979) flankiert. Bei Neo Rauch, dessen kaum bekannte Mischtechnikzeichnungen Anfang der neunziger Jahre aktuelle Tendenzen der Sammlung Burda vorstellen, ist es die fast informell wirkende „Flut II“ von 1992. Georg Baselitz’ Gemälde „Rückenwind“ (1981) zeigt eine archaisch wirkende, mit brachialem Duktus auf die Leinwand gehauene Figur über Kopf, rotorange auf grauweißem Grund. Drumherum gruppieren sich die „Straßenbilder“ (1980) des Überkopf-Malers. Ihnen gegenüber wirken Willem de Koonings nervöse, ungestüm mit Kohle und Tusche aufs Papier gesetzten Striche und Flecken, in denen man die Figur eher erahnt als erkennt, schwereloser, geradezu tänzerisch.

Ein zerschnittenes Bild war der Anfang

Willem de Kooning gehört zu den frühesten Künstlern der Sammlung Frieder Burda. Der zweite Sohn des Verlegerpaares Franz und Aenne Burda lernte ihn bei seinem Aufenthalt in Amerika kennen, Anfang der siebziger Jahre. Die Werke der Abstrakten Expressionisten, allen voran Mark Rothko, Clyfford Still, Jackson Pollock und eben auch de Kooning, Vaterfigur für viele junge Expressive, bilden heute einen von mehreren Schwerpunkten in der rund 1000 Werke umfassenden Privatsammlung. Einen weiteren nimmt Pablo Picassos Spätwerk ein, zu dem Burda auch deshalb einen besonderen Bezug hat, weil Mougins, der pittoreske Ort nördlich von Cannes, in dem Picasso seine letzten zwölf Jahre verbrachte, seine zweite Heimat wurde. Dort übrigens wollte Burda zuerst sein Museum errichten, doch dann bot ihm die Landesregierung Baden-Württemberg das Grundstück neben der Staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden an, im schönen Park der Lichtentaler Allee.

Frieder Burda ist mit Kunst aufgewachsen. In seinem Elternhaus hingen Gemälde von Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner und August Macke, führenden deutschen Expressionisten, die ihn als Kind prägten und für ihn auch heute noch eine herausragende Rolle spielen. Das persönlich wohl wichtigste Werk, das aller- erste, das er erwarb, nimmt jedoch auch stilistisch eine Sonderstellung ein: Es ist Lucio Fontanas „Concetto Spaziale, Attese“ (um 1967), eine knallrote, von drei Schnitten durchzogene Leinwand, die die Grenzen der Malerei sprengt. Der junge Unternehmer entdeckte das zerschlitzte Bild 1968 auf der Documenta 4. Er wusste damals nicht, wer Fontana war, doch dieses Bild, so erzählte er launig bei der Einweihung des lichtdurchfluteten Richard-Meier-Baus 2004, „wollte ich besitzen, weil ich es aufregend fand“.

 

Der Sammler Frieder Burda

Geboren 1936 im badischen Gengenbach als zweiter Sohn des Verlegers Franz Burda, absolvierte Frieder Burda zunächst eine Drucker- und Verlagslehre. Er trat jedoch nach dem Tod des Vaters nicht in den Verlag ein, sondern widmete sich neben dem unternehmerischen Engagement für eine Reihe von Firmenbeteiligungen verstärkt seiner Kunstsammlung. Dabei faszinierte ihn der deutsche und der amerikanische Expressionismus, aber Burda begleitete immer auch die aktuelle Kunst. Die Werke des späten Pablo Picasso bilden einen weiteren Schwerpunkt der Sammlung.

  • Foto: Courtesy Galerie Eigen + Art Leipzig/Berlin / VG Bild-Kunst, Bonn 2014
    Neo Rauch: In jungen Jahren interessierte sich der Leipziger Künstler für Raumstrukturen, in denen Figuren nur schemenhaft auftraten. Hier ein Blatt in Mischtechnik ohne Titel von 1994
  • Foto: Museum Frieder Burda, Baden-Baden / VG Bild-Kunst, Bonn 2014
    Willem de Kooning: Die Vaterfigur der Abstrakten Expressionisten ist mit luftig leichten, fast schon tänzerisch anmutenden Zeichnungen wie dieser von 1974 vertreten

 

Juwel im Park

Weiß, luftig, lichtdurchflutet. Der Baden-Badener Museumsbau des US-Architekten Richard Meier für die rund 1000 Werke umfassende Sammlung Frieder Burda zeichnet sich durch Eleganz und Transparenz aus. Licht sei sein wichtigstes Baumaterial, sagte der vielfach ausgezeichnete Amerikaner, dessen 2004 eröffneter Bau neben der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden die historische Parkanlage der Lichtentaler Allee wie ein funkelnder Edelstein spiegelt. Kunst, Architektur und Natur fügen sich so wie selbstverständlich ineinander.

Museum Frieder Burda
Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8b, www.museum-frieder-burda.de

1968 war die Zeit der Revolte, und Frieder Burda revoltierte mit einem Bild gegen die tradierten Werte seines Vaters: mit einem Bild, das kein Bild mehr sein wollte. Das sich in den Raum öffnete und der Fantasie des Betrachters jeden Freiraum ließ. Fontana war für Frieder Burda ein Schlüsselerlebnis. Und er markierte einen Neuanfang: den Aufbau eines Lebenswerks, in dem die programmatischen Provokateure Sigmar Polke (1941–2010) und Gerhard Richter (geb. 1932) den zentralen Stellenwert einnehmen sollten.

Diese beiden aus der DDR stammenden Künstler schlugen Ende der Siebziger ein ganz neues Sammlungskapitel auf: Nun ging es nicht mehr um „die Faszination Farbe“. Nun ging es um Respektlosigkeit, Experimentierfreude und eine Ironie, die Burda auf Anhieb in den Bann zog. Polke und Richter wurden für ihn wichtige Künstler, denen er über alle Brüche und Stilwechsel hinweg treu blieb. Wie faszinierend, dass sich diese beiden Ausnahmeerscheinungen in keine Schublade sperren ließen, mühelos die damals noch starren Grenzen zwischen Abstraktion und Figuration durchbrachen.

Realisten und junge Wilde

Zu Beginn ihrer Karriere, Anfang der sechziger Jahre, als „der Ausstieg aus dem Bild“ stattfand, wie der Kunsthistoriker Laszlo Glozer einmal formulierte, belebten Polke und Richter die Malerei aufs Neue. In ironischer Abgrenzung zur DDR-Staatskunst begründeten sie mit Konrad Lueg und Manfred Kuttner den „Kapitalistischen Realismus“ und malten drauflos, was das Zeug hielt. Polke brach mit seinen Rasterbildern den illusionistischen Charakter gegenständlicher Malerei, Richter mit sublim verwischter Fotomalerei, die voller Gesellschaftskritik steckte. Inspiriert von der amerikanischen Pop-Art, verarbeiteten sie möglichst „unkünstlerische“ Vorlagen – Zeitungsausschnitte, Werbeprospekte, private Fotos – und zogen Warenwelt, Freizeitvergnügen und Kleinbürgermief nach Kräften durch den Kakao. In den achtziger Jahren, als die „Neuen Wilden“ die Bühne betraten und mit ihnen eine starke neue Figürlichkeit, konzentrierten sich die beiden Künstler ganz gegen den Zeitgeist auf Oberflächen, Pulver und Pigmente. Polke mutierte zum Alchimisten, schaffte chemisch behandelte „Schütt- und Lackbilder“, die sich durch Lichteinwirkung und Temperatur veränderten; Richter irritierte seine Fangemeinde mit monochrom grauen Leinwänden und abstrakten Farborgien.

Zu Beginn ihrer Karriere, Anfang der sechziger Jahre, als „der Ausstieg aus dem Bild“ stattfand, wie der Kunsthistoriker Laszlo Glozer einmal formulierte, belebten Polke und Richter die Malerei aufs Neue. In ironischer Abgrenzung zur DDR-Staatskunst begründeten sie mit Konrad Lueg und Manfred Kuttner den „Kapitalistischen Realismus“ und malten drauflos, was das Zeug hielt. Polke brach mit seinen Rasterbildern den illusionistischen Charakter gegenständlicher Malerei, Richter mit sublim verwischter Fotomalerei, die voller Gesellschaftskritik steckte. Inspiriert von der amerikanischen Pop-Art, verarbeiteten sie möglichst „unkünstlerische“ Vorlagen – Zeitungsausschnitte, Werbeprospekte, private Fotos – und zogen Warenwelt, Freizeitvergnügen und Kleinbürgermief nach Kräften durch den Kakao. In den achtziger Jahren, als die „Neuen Wilden“ die Bühne betraten und mit ihnen eine starke neue Figürlichkeit, konzentrierten sich die beiden Künstler ganz gegen den Zeitgeist auf Oberflächen, Pulver und Pigmente. Polke mutierte zum Alchimisten, schaffte chemisch behandelte „Schütt- und Lackbilder“, die sich durch Lichteinwirkung und Temperatur veränderten; Richter irritierte seine Fangemeinde mit monochrom grauen Leinwänden und abstrakten Farborgien.

In der Deutschen Bank KunstHalle stehen die monochrome Leinwand „Grau“ (1974) sowie eine Reihe farbintensiver Aquarelle aus den späten achtziger Jahren beispielhaft für die abstrakte Phase Richters. Polke hingegen ist mit seinem fantastischen Frühwerk aus den wilden Jahren 1963–67 präsent – rasch hingeworfene Kritzeleien, banal, naiv, bar jeder akademischen Ästhetik und Technik. Ob „Frischer Kopfsalat“, „Seife“, „Schuhkrem“ oder „Rohrkolben“, kein Sujet war diesem genialen Spötter zu trivial, kein Ringbuchpapier zu billig. Polke veralberte alle und alles und erhob ausgerechnet die keimende Kartoffel, des Deutschen liebstes Nahrungsmittel, zum Sinnbild immerwährender Kreativität.

Polkes berühmtes Gemälde „Kartoffelköppe (Mao & LBJ)“ sucht in Berlin nun die Zwiesprache mit mehr als 40 Arbeiten auf Papier. Sie bilden das größte Konvolut dieser aufregenden Schau, gleichsam das Herzstück – denn hier offenbart sich beispielhaft der aufrührerische Geist, der Frieder Burdas exquisiter Sammlung innewohnt.

 

Weitere Informationen
„Höhere Wesen befehlen ...“, Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda; 5. Dezember 2014 bis 8. März 2015, Berlin, Unter den Linden 13–15 
www.deutsche-bank-kunsthalle.de


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