Von links nach rechts: Frank Gilly ist Regionsleiter und führt operativ das Start-up-Geschäft der Deutschen Bank in Berlin. Cornelia Yzer ist Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung in Berlin. Harald Eisenach verantwortet bereichsübergreifend die Aktivitäten der Deutschen Bank in Berlin und den ostdeutschen Bundesländern

Foto: Dominik Butzmann

„Old und New Economy haben sich eine Menge zu sagen“

Was kann man tun, um Gründer zu fördern? Und was und wie kann der Mittelstand von Start-ups lernen? Ein Round Table in der deutschen Gründerhauptstadt Berlin mit Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer sowie Harald Eisenach und Frank Gilly von der Deutschen Bank

Das Gespräch führte Stephan Schlote

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In keiner anderen deutschen Stadt werde so viele Unternehmen gegründet wie in Berlin. Frau Yzer, gibt es ein „Berliner Erfolgsrezept“ für Gründer?

Cornelia Yzer: Ich glaube schon. Es braucht eine ganz bestimmte Mischung aus Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Politik. In Berlin verbindet sich eine innovative mit einer kreativen Szene. Die Stadt ist international, wir ziehen Talente aus aller Welt an. Zudem ist Berlin die einzige Hauptstadt Europas, in der sich neue Unternehmen noch innerstädtisch ansiedeln können.

Wir schaffen Zukunftsorte wie die Gründerzentren in Tempelhof, Marzahn oder Adlershof. Die Stadt hat vier Universitäten, aber auch viele außeruniversitäre Einrichtungen, aus denen Gründungen hervorgehen oder die sich mit Gründern vernetzen. Und wir in der Wirtschaftsverwaltung sehen uns als echte Dienstleister für Gründer und nicht als Bewilligungsstelle für Förderanträge. All das gehört zum Erfolgsrezept der Gründerhauptstadt Berlin.

Auch die Unternehmensberatung McKinsey hat sich in einer Studie mit dem Start-up-Standort Berlin auseinandergesetzt. Ergebnis: Berlin steht in einem weltweiten Wettbewerb um Gründer und Kapital.

Yzer: Die Studie nennt fünf Faktoren, die den Ausschlag geben: Talente, Infrastruktur, Kapital, Vernetzung und Außendarstellung. Und es ist absolut richtig, dass wir in einem weltweiten Wettbewerb um Gründer und Ideen stehen. McKinsey hatte mehrere gute Vorschläge wie etwa eine mehrsprachige Serviceagentur für Start-ups, eine „Delivery Unit“ als Mess- und Überwachungsstelle wie in London oder New York oder einen Fonds mit EU- Hilfe. Vieles davon ist inzwischen bereits in der Umsetzung.

Selbst bei günstigen Strukturen scheitern viele Ideen am fehlenden Kapital. Berlin ist selbst ja auch nicht gerade auf Rosen gebettet. Können Sie da überhaupt vernünftig helfen?

Yzer: Auf alle Fälle. Wir bieten spezifische Programme vom kleinen Gründer, der einen Mikrokredit braucht, bis zum Technologiegründer, der von europäischen Förderprogrammen profitieren kann. Und das bekommen wir auch aus der Gründerszene als eindeutiges Feedback zurückgespiegelt: Die Frühphasenfinanzierung ist in Berlin sehr komfortabel.

Der Internetpionier Stephan Schambach sagt, dass bei einem Finanzierungsbedarf von mehr als zwei Millionen Euro für Gründer in Deutschland meist Schluss ist. Wie sehen Sie das?

Yzer: Das ist das grundsätzliche Problem. Die Frühphasenfinanzierung ist eine öffentliche Aufgabe, und da gibt es bis etwa zwei Millionen Euro gute Angebote. Was danach kommt, ist allerdings Aufgabe privater Investoren. Die Stadt kann öffentliche Mittel hebeln, wenn wir mit privaten Investoren zusammenarbeiten. So investieren wir über unsere Landesprogramme „VC Fonds Technologie“ und „VC Fonds Kreativwirtschaft“ jährlich rund zwölf Millionen Euro in innovative Unternehmen in der Frühphase. Über private Kofinanzierungen werden damit in der Summe jährlich über 60 Millionen Euro an Risikokapital bereitgestellt. Auch in der späteren Wachstumsphase ber zehn Millionen Euro finden Gründer die nötigen üMittel, denn da können sie bereits internationale Geldgeber ansprechen. Das Problem ist tatsächlich die Phase zwischen zwei Millionen und zehn Millionen Euro Finanzierungsbedarf. Da haben wir hier eine Lücke. Und da müssen wir noch mehr private Koinvestoren für die Gründerszene interessieren.

Als erste Großbank hat die Deutsche Bank ein eigenes Start-up-Team in Berlin aufgebaut. Kann die Bank denn diese Finanzierungslücke schließen?

Frank Gilly: Wir begleiten Gründer oftmals von An- beginn an, zunächst erst mal mit den klassischen Filialbank-Services. Kredit können und dürfen wir aber erst dann geben, wenn aus der Idee ein Unternehmen geworden ist, das einen Cashflow generiert. Bei der reinen Start-up-Finanzierung sehen wir uns eher als Wegbegleiter und Vermittler zu anderen Partnern. Für uns ist das aber ein Lebenszyklus-Thema, da wir Gründer langfristig im Rahmen unseres erfolgreichen Geschäftsmodells beraten und begleiten – bis zu einer möglichen Börseneinführung oder zum Exit der Investoren.

Gründerstadt: So hilft Berlin

Berlin unternimmt eine Menge, um Gründer zu unterstützen. Jährlich fließen knapp 80 Millionen Euro in unterschiedliche Förderprogramme für Gründer – beginnend vom Mikrokredit unter 25 000 Euro bis hin zu Beteiligungen mit Venture Capital in Millionenhöhe über Beteiligungsgesellschaften der landeseigenen Förderbank IBB. Darüber hinaus werden Räume in Technologie- und Gründerzentren oder der Zugang zu Beratung und Vernetzung angeboten. Mit „Berlin Partner“ steht Gründern ein vom Senat mitgetragenes Netzwerk von über 200 Unternehmen offen. Einmal jährlich ist die Stadt Gastgeber der größten deutschen Gründermesse: der „Deutschen Gründer- und Unternehmertage“ .Dort treffen sich alle, die Geld oder Ideen suchen. www.gruenden-in-berlin.de 


Grafik:
Entrepreneurs gesucht

Entrepreneurs gesucht

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Die Zahl neuer Unternehmen in Deutschland sinkt seit 2010 kontinuierlich – anders als im Gründerland USA, das nach den Krisenjahren 2008/09 wieder deutliche Wachstumszahlen verzeichnet. Ein ähnliches Bild gibt es bei der Kapitalausstattung für Gründer mit Venture Capital: Auch hier steigen die Zahlen in den USA beständig an, während sie in ganz Europa rückläufig sind.

Quelle: OECD 2014

Sie fokussieren sich in Ihrem neuen Team auf Gründer aus der Internetwirtschaft mit internationalem Geschäftsmodell. Ist das nicht ein zu enger Ansatz?

Harald Eisenach: Gründer mit Internetbezug sind in Berlin eine besonders aktive Gruppe, deren Geschäftsmodelle eine breite Verbindung zu vielen anderen Wirtschaftsbereichen haben. Für uns ist das interessant, weil gerade Geschäftsmodelle mit IT-Bezug sehr häufig von Anfang an einen internationalen Ansatz haben. Und da sind wir mit unserem globalen Netzwerk natürlich ein willkommener Partner. Deshalb ist unser Start-up- Team auch international besetzt und in der Szene verankert: Die Mitarbeiter haben zuvor jahrelang mit Gründern zusammengearbeitet und sind zu- nehmend mit ihren Kollegen in New York, London, Palo Alto und anderen Orten vernetzt.

Yzer: So einen Ansatz halte ich für absolut sinnvoll. Wenn Banken hier dabei sein wollen, müssen sie in diese Szene eintauchen und Teil der Gründerlandschaft werden. Gründer aus der Digitalwirtschaft sind von Stunde 1 an international unterwegs, da müssen Banken mitgehen können.

Nur einem Bruchteil aller Start-ups gelingt ein dauerhafter Markterfolg. Finden die denn so viel Risikobereitschaft bei den Geldgebern?

Yzer: Aber natürlich. Die Investoren wissen um die Risiken, aber auch um die Chancen. Wir reden hier ja nicht über gigantische Summen. Viele investieren auch gleich in mehrere Projekte, um die Chancen zu steigern. Wir sehen, dass etwa internationale Fonds Berlin entdeckt haben und hier Büros eröffnen. Wir sehen, dass große Investoren mit ihren Scouts in der Stadt sind, wir sehen Family Offices, die ebenfalls einen Blick auf die Gründerszene werfen. Aber mir geht es hier nicht nur um die Finanzierung: Wir wollen die privaten Investoren auch mit ihrem Management-Know- how und ihrer Erfahrung den Start-ups zur Seite stellen.

Eisenach: Das ist ein zentraler Punkt! Viele denken immer noch in vorgefertigten Mustern: Gründerszene hier, etablierter Mittelstand ganz woanders. Wir sind davon überzeugt, dass sich – wenn beide Welten zusammenarbeiten – die positiven Entwicklungen auf beiden Seiten noch beschleunigen lassen. Hier wollen wir unseren Beitrag leisten und vermitteln, wann und wo immer wir können.

Passen ein junger Gründer und ein etablierter Unternehmer denn überhaupt zusammen? Die sind doch völlig unterschiedlich geprägt.

Gilly: Das sieht nur so aus, weil der eine vielleicht im Anzug kommt und der andere in einer zerschlissenen Jeans. Doch jedes Unternehmen hat mal mit einer Idee begonnen, dem Mut zum Risiko und der Frage nach Finanzierung und Marktzugang. Das ist zeitlos, und das versteht jeder Unternehmer. Eine Idee zur Marktreife zu entwickeln und damit erfolgreich zu sein ist doch der Kerngedanke des deutschen Mittelstands. Deshalb haben sich da Vertreter der Old und der New Economy eine Menge zu sagen und können voneinander profitieren.

Yzer: Die schnellwachsenden Start-ups mit dem etablierten Mittelstand zusammenzubringen ist eine Aufgabe von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung. Wir als Wirtschaftsverwaltung organisieren deshalb gemeinsam mit unserer Wirtschaftsförderung Berlin Partner ein Matchmaking zwischen etablierten Unternehmen und Gründerszene. Viele Unternehmen sagen doch selbst, sie brauchen frische Ideen. Wenn etwa ein Gamer selbsterklärende Spiele für Smartphones entwickelt, können da etablierte Softwarehäuser eine Menge lernen. Bei denen ist nämlich oft gar nichts selbsterklärend.

Deutschland gilt immer noch als wenig gründerfreundlich – von der vorherrschenden Angestelltenmentalität bis zur Gesetzgebung.

Yzer: Gegen die Mentalität kann ich leider nichts machen, gegen die gesetzlichen Rahmenbedingungen vielleicht schon. Wir stehen klar in einem weltweiten Wettbewerb, wenn es um die Attraktivität für Start-ups geht. Berlin braucht sich da zwar nicht mehr hinter New York oder Tel Aviv zu verstecken. Wir sehen aber auch, dass in Deutschland verglichen mit anderen Ländern immer noch zu wenig in Wagniskapital investiert wird. Deshalb müssen wir schleunigst die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen für Investoren verbessern. Wir sind vom Steuerrecht her gesehen nicht wettbewerbsfähig. Das ist ein bundesdeutsches, kein Berliner Problem. Deshalb habe ich bereits in den Koalitionsverhandlungen darauf gedrungen, dass wir uns zu einer Verbesserung der rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen verpflichten. Wir wollen für das Land mehr Venture Capital generieren. Dazu braucht es bessere rechtliche Rahmenbedingungen, das ist neben der finanziellen Förderung ein zentraler Punkt unserer Wirtschaftspolitik.


Startups@Berlin: Expertise für Internetgründer

Die Deutsche Bank hat in der Gründermetropole seit Frühjahr 2014 ein eigenes Start-up-Team aufgestellt. Das bundesweite Modellprojekt wendet sich speziell an jene Gründer, die gut vom globalen Netzwerk der Deutschen Bank profitieren können. Und das sind vor allem schnellwachsende Internet-Start-ups mit einem international angelegten Geschäftsmodell. Das Team sieht sich als Wegbegleiter, Berater und Vermittler von der ersten Stunde an. Alle Mitarbeiter kennen die Szene und arbeiten schon seit Jahren mit Berliner Gründern zusammen. Und weil es gerade bei Start-ups mitunter noch schneller gehen muss als in der etablierten Wirtschaft, versteht sich Startups@Berlin als „one-stop agency“ mit besonders schnellen Entscheidungswegen. www.deutsche-bank.de/pfb/content/lp-startups.html


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