„Jack the Dripper“ wurde Jackson Pollock genannt: Die Farbe ließ er direkt auf seine großformatigen Werke tropfen

Foto: Martha Holmes/The Life Picture Collection/Getty Images

Energie sichtbar gemacht

Jackson Pollocks Frühwerk „Mural“ gilt als eines der bedeutendsten Werke der amerikanischen Moderne. Eine Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle spürt seiner Entstehung und seinen Einflüssen nach

Text: Isabelle Hofmann

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Er war schon zu Lebzeiten eine Ikone der amerikanischen Malerei. Genial, rebellisch, aber auch von Selbstzweifeln gequält: Jackson Pollock (1912–56), erster US-Künstler von Weltruhm und Erfinder des Action Painting, ist bis heute ein Mythos – und „Mural“, sein monumentales Wandbild von 1943, eines der bedeutendsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist das epochale Gemälde in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin zu Gast – als frisch restauriertes Herzstück der Ausstellung „Energy Made Visible“ und umringt von einer erlesenen Auswahl an Bildern und Fotografien, die sowohl den Einfluss als auch den persönlichen und kunsthistorischen Kontext dieses Werks beleuchten.

„Tagelang saß er davor, völlig uninspiriert, und versank in tiefen Depressionen.“ So schildert Peggy Guggenheim, die ebenso exzentrische wie kunstsinnige New Yorker Millionärin, die Genese des riesigen Wandbildes, das sie 1943 bei dem noch unbekannten Jackson Pollock in Auftrag gegeben hatte. „Eines Tages, nach wochenlangem Zögern, begann er plötzlich Farbe auf die Leinwand zu spritzen. Drei Stunden später war das Bild fertig … In einem rhythmischen Tanz reihten sich blaue, gelbe und weiße abstrakte Figuren aneinander.“

So war die Geschichte vom Genie, das über Nacht Großes schafft, geboren. Dieser Art Geschichten gibt es mehrere. Pollock war für seine schlechten Manieren und seine Alkoholsucht ebenso bekannt wie für sein Ausnahmetalent – und mit „Mural“ mischte er nun die New Yorker Kunstszene gründlich auf: rhythmisch pulsierende Formen in pulsierenden Farben, das Ganze mehr als sechs Meter lang und fast zwei Meter fünfzig hoch. Oft wurde „Mural“ mit einem Wirbelsturm verglichen; einer wild gewordenen Herde, die über die Prärie jagt und alle überkommenen Vorstellungen von Malerei zu Staub zermalmt. Nur dass die Rasenden hier keine Bisons oder Mustangs darstellen, sondern biomorphe Zeichen, die entfernt an die Strichmännchen prähistorischer Höhlenmalerei erinnern.

Lebemann und Selbstzerstörer

Dieses Bild war die Initialzündung für den kometenhaften Aufstieg des Künstlers unter den Fittichen seiner engagierten Sammlerin und Mäzenin. Im Paris der Zwanzigerjahre hatte Peggy Guggenheim die Avantgarde-Kunst kennen- und manche Künstler aus dem Kreis der Surrealisten lieben gelernt, in London 1938 ihre erste Galerie aufgemacht. Nach der Flucht aus dem Frankreich des Vichy-Regimes 1941 widmete sie sich in ihrer Heimatstadt New York nun der „Art of This Century“, wie ihre neue Galerie hieß, richtete Pollock 1943 die erste Soloschau aus und nahm ihn für 150 Dollar im Monat unter Vertrag. In der losen Künstlergruppe der New Yorker Schule, die unter dem (ungeliebten) Etikett „Abstrakte Expressionisten“ Furore machte, hielt sie ihn für den begabtesten.

„Energy made visible“. Diese drei Wörter hatte der Künstler Ende der Vierzigerjahre auf 
einem Skizzenblatt notiert. Als ob er sich selbst noch mal bestätigen wollte, was ihn bis zur Besessenheit an- und umtrieb: physische und psychische Energie. Und die war unweigerlich mit Aktion verbunden: vor und zurück, hin und her. Das gilt für die gezielt gesetzten Pinselstriche auf „Mural“ ebenso wie für seine berühmten „Drip Paintings“, bei denen er die am Boden liegende Leinwand wie ein Derwisch umrundete, in den Händen Pinsel, Stöcke, Tuben oder Eimer, aus denen er sein virtuoses Farbgeflecht auf die Fläche spritzte, schleuderte, schüttete, tröpfelte.

Schon während des Studiums hatte sich Pollock mit Sigmund Freud und C. G. Jung beschäftigt, später eine Psychotherapie gemacht, um vom Alkohol wegzukommen, Ängste und Aggressionen in den Griff zu kriegen. Kunst war für ihn auch Mittel der Heilung und der Erkenntnis. „Malerei ist Selbstentdeckung“, sagte er einmal. Und: „Wenn ich in meinem Bild bin, ist mir nicht bewusst, was ich tue. Erst nach einer Phase des Kennenlernens erkenne ich, was ich gemacht habe.“ Offenbar flossen in die aus dem Unbewussten geschöpften Bilder jedoch nicht nur Biografie und Probleme ein. Wie die aufschlussreiche Ausstellung in Berlin vor Augen führt, manifestierten sich in ihnen auch äußere Einflüsse: die verheerende Energie der Bomben, Panzer und Geschosse. 
Die USA waren nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 in den Zweiten Weltkrieg eingetreten.

Fotografie als Inspiration

Betrachtet man die Fotografien der Kriegsreporter aus dem renommierten „Life“-Magazine im September 1943, fallen sofort Parallelen zu Pollocks berühmten Bildern ab 1947 auf. Wenn der Künstler nach seinen Vorbildern gefragt wurde, nannte er Joan Miró und Pablo Picasso; ebenso die Bildsprache der nordamerikanischen Indianer. Fotografie kam nur indirekt zur Sprache: „Es scheint mir, dass ein moderner Maler diese Zeit – die Flugzeuge, die Atombomben, das Radio – nicht in den alten Formen der Renaissance oder irgendeiner vergangenen Epoche ausdrücken kann. Jedes Zeitalter findet seine eigene Technik.“

„Jedes Zeitalter findet seine eigene Technik“

  • Bild: Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
    Spontane Kraft? Was wie hingeworfen wirkt, war für Pollock oft Ergebnis langer Vorbereitung
  • Bild: Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
    Jackson Pollocks „Mural“ ist eines der wichtigsten Bilder des 20. Jahrhunderts. Frisch restauriert, steht das 1943 entstandene Werk im Zentrum der Ausstellung
  • Foto: Barbara Morgan
    Abstrakt – oder nicht? Die Ausstellung spürt den realen Vorlagen der Bilder Pollocks nach, zum Beispiel Tanzbildern der Fotografin Barbara Morgan.

Und die war unverkennbar von der Fotografie beeinflusst. Seit ihrer Erfindung versuchten unzählige Künstler und Fotografen, Bewegung des menschlichen Körpers und von Elektrizität auf die Platte zu bannen. Die Ausstellung in Berlin zeigt eine ganze Reihe eindrücklicher Beispiele – von Fotopionier Étienne-Jules Marey über Picasso und László Moholy-Nagy bis hin zu Aaron Siskind, Herbert Matter und Gjon Mili. Keiner jedoch konnte Dynamik so eindrucksvoll einfangen wie die US-Fotografin Barbara Morgan mit ihren grandiosen Tanzbildern. Ihre Aufnahme der durch die Luft wirbelnden Humphrey Weidman Group in Lynchtown 1938, dieser wilde, fliegende Haufen von Körpern und Gliedmaßen, erscheint aus heutiger Sicht wie die (spiegelverkehrte) figurative Vorwegnahme von „Mural“.

Nur sechs Jahre nach seiner ersten New Yorker Soloschau widmete das „Life“-Magazine „Jack the Dripper“ eine Riesenstory und stellte die (eher rhetorische) Frage: „Ist er der größte lebende Maler der Vereinigen Staaten?“ Klar, das war er 1949 bereits. Seine „Drip Paintings“ hatten das Staffeleibild überwunden und maßgeblich dazu beigetragen, Amerikas Nationalstolz zu stärken: Bis zum Zweiten Weltkrieg war die „École de Paris“ der Nabel der Kunstwelt gewesen; mit Pollock als bedeutendstem Protagonisten übernahm die „New York School“ diese Rolle und löste die europäische Avantgarde ab. Ein Politikum in der heißen Phase des Kalten Krieges: Der Abstrakte Expressionismus stand nun für (Ausdrucks)freiheit, Fortschritt und Humanismus der westlichen Welt.

Und „Mural“? Fast 70 Jahre lang hielt sich die Mär vom über Nacht entstandenen Jahrhundertwerk und beflügelte die Vorstellung vom gleichsam göttlich erleuchteten Künstlergenius. 2012, als das Wandbild aus der Universität von Iowa (ihr hatte es Peggy Guggenheim 1951 geschenkt) nach Los Angeles reiste und im Getty Conservation Institute gründlich gereinigt und untersucht wurde, stellte sich heraus, das die erste Ölschicht zwar nass in nass gemalt wurde, die weiteren Aufträge jedoch trocken waren, bevor sie wieder ergänzt wurden. Und wie lange Öl trocknet, weiß jeder, der einmal damit gemalt hat. In einer Nacht hatte Pollock lediglich die Grundzüge angelegt, die weitere Ausführung nahm wohl Wochen in Anspruch. Zumindest teilweise aber stimmt der Mythos eben doch: Denn die erste Schicht aus vier hoch verdünnten Farben ist in mehreren Bereichen des Bildes gut zu sehen.

Die eigentliche Bedeutung dieses Wandgemäldes, das (nach Venedig und vor Málaga und London) nun wohl zum einzigen Mal in Berlin zu sehen ist, liegt weder in der angeblichen Kürze seiner Entstehung noch in der spektakulären Größe. Dieses Werk markiert vielmehr einen entscheidenden Wendepunkt in der Kunstgeschichte: „Mural“ war das erste abstrakte Bild Pollocks und „brach das Eis“ für den Abstrakten Expressionismus, wie Willem de Kooning einmal feststellte. Mit anderen Worten: Erst „Mural“ machte Pollock zu Pollock.

 

Weitere Informationen
„Jackson Pollock’s ‚Mural‘: Energy Made Visible“ in der Deutsche Bank KunstHalle, Unter den Linden 13–15, 10117 Berlin, bis 10. April 2016
www.deutsche-bank-kunsthalle.de


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