CEO Heiner Kroke sammelte als Manager bei Ebay Erfahrungen, bevor Gründer Christian Wegner ihn vor gut zwei Jahren als neuen CEO zu momox holte. Heute setzt er auf Expansion

Foto: Roger Hagmann

Per Mops zum Medium

Jede starke Internet-Idee kommt aus den USA? Stimmt nicht! 
Der Berliner Online-Händler momox handelt auf medimops.de und momox.de höchst erfolgreich mit Büchern, CDs und DVDs. 
Nun dehnt er sein Geschäftsmodell auf weitere Produktgruppen aus

Text: Stephan Schlote

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Not, sagt man, macht erfinderisch. Das klappt nicht oft. Hier aber schon: Als Christian Wegner 2003 seine ersten Schritte in die unternehmerische Selbstständigkeit wagt, steckt er tatsächlich in der Klemme. Der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann ist Mitte zwanzig und arbeitslos. Wegner versucht, daheim in Kreuzberg mit dem Verkauf gebrauchter Bücher über Ebay ein wenig zu verdienen. Er kauft bei den Berliner Antiquaren, bei Haushaltsauflösungen und Flohmärkten und verkauft online. Das klappt erstaunlich gut. So gut, dass er wenig später damit anfängt, zwei Websites zu programmieren: die eine für den Ankauf (momox.de), die andere für den Verkauf (medimops.de) gebrauchter Bücher. So was macht zu diesem Zeitpunkt kein anderer weltweit. Ab da geht es nur noch aufwärts, meist im zweistelligen Prozentbereich pro Jahr. Im Frühjahr 2015 titelt die „SuperIllu“: „Vor 12 Jahren war Christian arbeitslos. Heute hat er 750 Angestellte.“ Und Wegner ist über den reinen Secondhand-Bücherhandel längst hinausgewachsen.

Mit gebrauchten Büchern im Netz zu handeln ist eigentlich nicht neu. Neu ist, dass Wegner dieses Geschäft verführerisch vereinfacht hat. Und das geht so: Wer seine Bücher loswerden will, gibt den jeweiligen Barcode auf der momox-Website ein und erhält sofort einen tagesaktuellen Kaufpreis genannt. Oder, noch einfacher, er scannt den Code mit der momox-App. Dann Kiste packen, Adressaufkleber ausdrucken und mit DHL oder Hermes versandkostenfrei verschicken lassen. Fertig. Ist nichts beschädigt oder verschmutzt, erhält der Verkäufer ein paar Tage später die zugesagte Summe überwiesen. Es sind tagesaktuelle Preise, Angebot, Nachfrage und Lagerbestand entscheiden.

Re-Commerce statt Recycling

Rund 200 Bücher besitzt jeder bundesdeutsche Haushalt im Schnitt, hat momox von Marktforschern erfragen lassen. Viele überkommt da spätestens beim Umzug der Wunsch, das Regal ein wenig zu erleichtern. „Aufräumen und helfen“ lautet das Firmenmotto, denn jedes Produkt, das nicht in die Tonne wandert, ist auch ein Beitrag zum Umweltschutz. Oft bringt ein ganzer Pack Bücher, DVDs oder CDs vielleicht nur 30 Euro, aber besser als die Recyclingtonne ist das allemal. „Re-Commerce“ nennen die Berliner inzwischen ihr Marktsegment innerhalb der E-Commerce-Branche, denn eine boomende Branche ist der Wiederverkauf im Netz längst. Wenige Kilometer entfernt in Neukölln sitzt der Wettbewerber rebuy.de. Das stört nicht, sondern fördert nur die Bekanntheit.

momox kauft all das, was auch im regulären Buchhandel oder in den CD- und DVD-Regalen der Kaufhäuser stehen könnte. Aber auch nur das. Der Berliner Online-Händler ist keine Adresse für Sammler seltener Einzelstücke, für Sucher nach Erstausgaben von 1873 oder handsignierter Auktionsware. 
Sondern für das, was viele oder zumindest einige lesen wollen. „Wir sind kein Online-Antiquariat, das Privatbibliotheken kauft“, sagt CEO Heiner Kroke, seit gut zwei Jahren an der Spitze. Sondern lieber Dan Browns Weltbestseller „Illuminati“, von dem momox an manchen Tagen bis zu 1000 Stück auf Lager hält. „Shades of Grey“ oder „Ein ganzes halbes Jahr“, „Tschick“ oder „Schantall, tu ma die Omma winken!“ sind jene Bücher, die 2014 am schnellsten wieder einen Käufer fanden.

Und die kaufen nicht nur auf der medimops-Seite. Denn die Berliner sind mit eigenen Shops auch bei den Großen präsent. So hat die Online-Plattform Web Retailer jüngst die größten Verkäufer auf Amazon und Ebay ermittelt. Ergebnis: momox kam mit seinem Shop medimops bei beiden auf den ersten Platz in Deutschland. Weltweit ist momox inzwischen der zweitgrößte Verkäufer bei Amazon und die Nummer 4 bei Ebay. Und das bedeutet – der Chef sagt es selbst – eine „ungeheure logistische Herausforderung“. Rund sechs Millionen Bücher, DVDs und CDs stehen im Leipziger Großraumlager, dem ehemaligen Verteilzentrum von Quelle, das auch deshalb pleiteging, weil es den Internethandel verschlief. 60 000 Quadratmeter Lagerfläche, vier Etagen übereinander, jede 100 mal 100 Meter, vollgestellt mit Regalen. Das Gros der Mitarbeiter arbeitet hier, packt aus und ein, prüft, registriert, verstaut.

Rund 100 000 Bücher, CDs und DVDs gehen täglich rein und raus, doch wer bestimmt den Preis? Wegner, alles andere als ein gelernter Programmierer, hat dazu schon vor Jahren ein eigenes Preisfindungsprogramm entwickelt und über die Jahre perfektioniert. Es ist ein spezieller Algorithmus, heute das wohl wertvollste Geheimnis im Unternehmen. Es ist, sagt Kroke, „unsere Coca-Cola-Rezeptur“. Ein eigenes Rechenzentrum steht dafür in Nürnberg, dort fragen die Server mehrmals täglich für alle sechs Millionen Artikel Ankäufe, Lagerbestand und Verkäufe ab und vergleichen das mit Preisen und Vorbestellungen bei Ebay, Amazon, Libri & Co. Und passen die eigenen Preise mitunter stündlich an, sieben Tage die Woche, rund ums Jahr.

Anschub für Gründer

Ein Spezialteam der Deutschen Bank hilft bei Gründung und Wachstum.
Um die Gründung schnell wachsender junger Unternehmen unkompliziert zu begleiten, hat die Bank 
in Berlin das Team Startups@Berlin etabliert. Unternehmer bekommen von den Spezialisten Service aus einer Hand, auch bei komplexeren Finanzthemen in späteren Phasen. Dieses bewährte Modell wird auch an anderen Standorten der Bank ausgebaut. Start-ups brauchen nicht nur eine Geschäftsidee. Um die Anlaufkosten zu stemmen, ist ein durchdachtes Finanzierungskonzept nötig. 
Der Gründerkredit „StartGeld“ der Förderbank KfW kommt dabei für viele Vorhaben in Betracht: Es gibt bis zu 100 000 Euro für Investitionen, Betriebsmittel oder auch den Kauf eines Unternehmens, und die Deutsche Bank ist als Finanzierungspartner an Bord. Weitere Informationen: www.deutsche-bank.de/startups

  • Foto: Gerhard Westrich/momox
    Mehr als Medien: 
Mit 200 000 Blusen, Pullovern, Röcken oder Schuhen füllt momox den größten Kleiderschrank Berlins
  • Foto: Gerhard Westrich/momox
    Serienproduktion: Die Fotos aus dem Studio landen direkt im momox-Rechenzentrum – beim Online-Handel zählt Geschwindigkeit
  • Foto: Andreas Pain/Laif
    Gründer Christian Wegner ist heute „Chief Visionary Officer“ bei momox und kümmert sich um den Aufbau der neuen Geschäftsfelder

Erfolgsformel: „Sparsamkeit mal Innovation”

Was momox von anderen Internet-Start-ups unterscheidet, ist auch die eher geräuschlose, sparsam zurückhaltende Art und Weise, mit der Wegner sein Unternehmen aufgebaut hat. Das Startkapital lag bei 1500 Euro, fremde Mittel bei null. Dabei ist es praktisch bis heute geblieben. Drei externe Investoren sind inzwischen zwar mit an Bord, doch Wegner behält die Mehrheit. Ansonsten gilt: Wachstum wird aus dem Cashflow bezahlt. Also keine Schulden, keine millionenschweren Werbekampagnen, keine coolen Lofts und Chrommöbel.

momox sitzt an der grauen Frankfurter Allee im Berliner Osten, und sogar das Mobiliar wirkt ein wenig secondhand. Schick geht anders. Die Formel „Sparsamkeit mal Innovation“ funktioniert. Während viele Internet-Start-ups über Jahre mit Risikokapital gefüttert werden müssen, ist momox von Anfang an profitabel. „Es ist ein Geschäftsmodell, das überzeugt“, sagt Karsten Scherff von der Deutschen Bank in Berlin, der das Unternehmen begleitet und auch den Auslandszahlungsverkehr abwickelt.

Das Geschäft wird skaliert

Dabei sind es oftmals Kleinstbeträge, die momox pro Transaktion verdient. „Ein Euro pro Artikel ist viel“, sagt Kroke, die Durchschnittsmarge liege wesentlich tiefer. Doch multipliziert mit hohen Stückzahlen werden auch Centbeträge zum Millionengeschäft. So machte momox Gewinn von Anfang an, und so sollte es bleiben, bis auf die Jahre 2012 und 2013, als plötzlich die Kosten schneller wachsen als der Umsatz. Da spürt Wegner, mehr Tüftler und Erfinder, seine Grenzen beim Steuern eines inzwischen groß gewordenen Unternehmens und holt den Online-Mann Kroke als CEO an Bord.

Der vormalige Ebay-Manager und Chef des Schweizer Online-Händlers Ricardo.ch liest und shoppt online, trägt eine Apple Watch und hat zu Hause für all die Online-Käufe („der Paketbote kommt mehrmals täglich“) eine extra Box montiert. Kroke startet ein hartes Kostenprogramm, beendet einen kurzen Ausflug in die Welt des Einzelhandels und streicht den zwischenzeitlich begonnenen Ankauf gebrauchter Unterhaltungselektronik. Wenig später ist der Laden wieder auf Kurs. momox ist etabliert, ein externer CEO fest im Sattel. Im zweiten Stock hat es sich ein Mops als Firmenmaskottchen bequem gemacht, die Tiere gelten als fröhlich, unkompliziert und klug. Aus dem Tagesgeschäft hat sich Wegner verabschiedet, doch ins Büro kommt er wie immer, segeln sollen andere. Den Titel eines „Chief Visionary Officer“ (CVO) hat er sich gegeben, und den füllt er mit Leben.

Denn seit Kroke an Bord ist, baut er das nächste Geschäftsfeld auf: den Online-Handel mit Markenkleidung aus zweiter Hand. Taschen, T-Shirts, Blusen, Pullis, Röcke liegen im Berliner Lager von ubup.com, mit rund 200 000 Einzelteilen inzwischen der größte Kleiderschrank der Hauptstadt. Noch wird hier kein Geld verdient, noch sind die Stückzahlen verglichen mit dem Mediengeschäft eher klein. Aber auch hier hat Wegner einen Algorithmus für die tagesaktuelle Preisfindung und Lagerhaltung geschrieben, auch hier sollen die gleichen Argumente überzeugen: Komfort, Einfachheit, Sicherheit. Wie geht es weiter? Internet-Start-ups sollten „skalierbar“ sein, das Geschäftsmodell muss sich ohne großen Aufwand auf andere Märkte und Länder übertragen lassen. Das ist der Fall. momox internationalisiert munter und verkauft seine CDs inzwischen bis in die USA. Großbritannien und Österreich sind Märkte im Aufbau, und Frankreich gilt aktuell als „größter Hoffnungsträger“, so Kroke. Weitere Märkte sollen folgen. Doch wahrscheinlich hat der CVO schon zuvor wieder ein neues Geschäftsmodell und eine weitere Idee. Wegners Ehrgeiz heißt: „momox weiterdenken.“ Und das klappt inzwischen ja auch ohne Not ganz gut.


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