Gute Organisation ist alles – doch eine reicht perfekt ausgerichtete Transportflotte reicht für den Erfolg in der Logistik nicht mehr aus. Der Margendruck zwingt Anbieter zu immer komplexeren Zusatzleistungen

Foto: Mauritius Images/Imagebroker/Hans Blossey

Service mit IQ

Logistiker übernehmen in der vernetzten Wirtschaft immer anspruchsvollere Aufgaben. Mit Know-how, Flexibilität und gutem Service behaupten sich deutsche Spezialisten im internationalen Wettbewerb. Insbesondere Mehrwertdienste und Kooperationen versprechen Erfolg

Text: Stefan Merx

zum Artikel

results Abonnement

So kommt results direkt auf Ihren Schreibtisch

Mit dem kostenlosen Print-Abo verpassen Sie keine Ausgabe und haben wichtige Tipps und Analysen für Mittelständler stets griffbereit.

Hier kostenfrei bestellen

Wenn eine mexikanische Brauerei in China einkaufen geht, klingelt mitunter in Hamburg das Telefon. Der Auftrag: Die bestellten Gärtanks bitte einmal von Schanghai in den mexikanischen Gebirgsort Orizaba karren. Luftlinie satte 13 000 Kilometer, 13 Einzelteile, 183 Tonnen schwer. Wo andere abwinken, kommt die hanseatische Spedition HJ Schryver gern ins Geschäft: „Richtig schwierig haben wir es am liebsten“, so der Wahlspruch der familiengeführten Überseespedition. Ein ausgeklügelter Kraftakt half auch bei den Tanks: Weil die Passage durch den Panamakanal als zu teuer verworfen wurde, dirigierten die Spediteure die Mammutfracht die letzten 1100 Kilometer sicher über Land. Nach 43 Tagen Transport war das Feierabendbier redlich verdient.

Logistiker wie Schryver halten das Schwungrad der Globalisierung in Gang – und bleiben dabei selbst in Bewegung. Kaum eine Branche ist so eng gekoppelt an die Industriekonjunktur wie die Logistik. „Die positiven Impulse aus der Industrie haben in den letzten Jahren die Dienstleistungen aus Verkehr und Lagerei beflügelt, auch wenn sich die Dynamik aktuell abschwächt“, sagt Eric Heymann, Experte bei Deutsche Bank Research. Für 2015 und 2016 sei für die Logistik in Deutschland nur rund ein Prozent nominales Umsatzwachstum drin, obwohl die Gesamtwirtschaft um 1,7 Prozent zulege. Weil der Beitrag aus dem Außenhandel geringer ist als zuvor, partizipiert auch die Logistikwirtschaft derzeit weniger. „Strukturell bleibt Logistik in Deutschland aber ein Wachstumsfeld“, sagt Heymann. Mit einem Umsatz von 290 Milliarden Euro liegt die Branche ungefähr auf Augenhöhe mit der deutschen Automobilindustrie. Mit zwei Millionen Beschäftigten ist man dem Autobau sogar weit voraus. „Die Logistikwirtschaft ist ein häufig verkannter Riese, dessen Bedeutung mit dem weltweit steigenden Warenhandel wächst“, sagt Heymann. Gerade Anbieter, die ihr Profil mit Mehrwertdiensten und besonderen Kompetenzen schärfen, können sich gut behaupten im Wettbewerb. „Wichtig ist, sich nicht austauschbar zu machen.“

Fixkosten werden zum Hindernis

Dieser Trend kommt auch HJ Schryver zugute: 1929 gegründet, hat sich die Spedition spezialisiert auf Verkehr von und nach Lateinamerika. Seefracht macht 80 Prozent des Geschäfts aus. „Ich schaue deshalb eher auf die lateinamerikanischen Wirtschaftsdaten als auf die deutschen“, sagt der 72-jährige Schryver, dessen Sohn Carsten die Geschäfte in dritter Generation operativ führt. Die gewachsene Orts- und Marktkenntnis macht sich bis heute bezahlt. In Mexiko, Venezuela, Ecuador, Kolumbien, Brasilien, Argentinien und Peru hat Schryver eigenständige Niederlassungen mit voller Finanzverantwortung etabliert. 170 der 220 Mitarbeiter sitzen in Übersee.

„In schwierigen Märkten hat man weniger Konkurrenz“, sagt Seniorchef Johan P. Schryver, der selbst mehr als sechs Jahre in Mexiko gelebt hat. Auf eigene Lagerhallen oder Flotten verzichtet der Unternehmer bewusst. „Uns Spediteuren geht es so immer noch besser als den Frachtführern, weil wir nicht so hohe Fixkosten haben.“ Dennoch gibt sich Johan P. Schryver keinen Illusionen hin: „Es ist und bleibt ein Geschäft mit geringen Margen und hohem Risiko. Gerade, wenn man Büros in 10 000 Kilometer Entfernung hat.“ Um langfristig die Risiken zu streuen, bleibt Schryver auch in schwierigen Ländermärkten wie Venezuela aktiv, selbst wenn politische oder wirtschaftliche Krisen zeitweise das Ergebnis belasten. Schryver, zugleich Vorsitzer des Vereins Hamburger Spediteure, setzt auf Beharrlichkeit: „Unter Berücksichtigung von Zöllen und Einfuhrumsatzsteuer müssen wir mit einer Rendite zwischen null und drei Prozent zufrieden sein. Mehr erzielt auch keiner der Großen in der Branche.“

Thesen

Mehr Investition: 2016 kann die Logistikbranche, bekannt als Barometer der Industriekonjunktur, vermutlich nur verhalten zulegen. 
Für künftiges Wachstum sind Investitionen in Infrastruktur und Nachwuchsförderung essenziell.

Mehr Leistung: In der Schlüsselbranche Logistik wächst die Wertschöpfungstiefe. Reine Transportleistungen stehen hingegen unter erhöhtem Margendruck. Komplexe Leistungen werden zunehmend an Kundenbedürfnisse angepasst – bis hin zur externen Steuerung von Lieferketten.

HJ Schryver: Auf nach Lateinamerika

Eine Sekretärin hat er nie gehabt. Warum auch? Ans Telefon gehen könne er schließlich selbst, sagt Johan P. Schryver. Dünkel gibt es für den Hanseaten nicht. „Wer eine Sorge hat, kann bei mir anrufen.“ Mehr als sechs Jahre hat der 72-Jährige in Mexiko gelebt. Mit Export- und Importverladungen macht Schryver das Hauptgeschäft. Ein Erfolgsrezept? Qualifiziertes Personal, Lateinamerika-Expertise und Servicedenken. „Wir bauen als Mittelständler ein persönliches Verhältnis auf, die Kunden haben von A bis Z denselben Ansprechpartner.“ Als Vorsitzer des Vereins Hamburger Spediteure setzt sich der Seniorchef für den Elbausbau ein: „Für ein Exportland wie Deutschland ist eine angepasste Hafeninfrastruktur von immenser Wichtigkeit.“ Der Hafen sei noch immer Quelle des Hamburger Wohlstands.

Grafik:
Branche mit Gewicht

Branche mit Gewicht

Branche mit Gewicht

In den kommenden Jahren nähert sich der Umsatz in der Logistikbranche der 300-Milliarden-Euro-Grenze, zeigen Berechnungen von Deutsche Bank Research. Ein steigender Anteil entfällt auf anspruchsvolle Mehrwertdienste.

QUELLE: Statistisches Bundesamt

Die Logistikwirtschaft steht vor Herausforderungen: Die Digitalisierung stellt bisherige Routinen auf den Prüfstand, der Druck zu unternehmensübergreifenden Kooperationen steigt, das Ringen um Fachkräfte wird intensiver. Als größte Risikofaktoren gelten nach Befragungen der Bundesvereinigung Logistik der Fachkräftemangel und die teilweise marode Verkehrsinfrastruktur. In der Metropolregion Hamburg hat es sich die Logistik-Initiative Hamburg (LIHH), eine Public-private-Partnership, zur Aufgabe gesetzt, die Branche vielfältig zu unterstützen. „Die Digitalisierung bietet die große Chance, Verkehre intelligent zu steuern und so auch die vorhandene Infrastruktur cleverer zu nutzen“, sagt Clustermanager Werner Gliem. So werden im international viel beachteten Cloudprojekt „smartPort logistics“ die Transporteure, Hamburger Terminalbetreiber und Reeder so vernetzt, dass eine möglichst reibungslose Disposition und Routenplanung gelingt. Keine Kleinigkeit bei über 10 000 Lkws, die täglich den Hamburger Hafen ansteuern.

Längst drohen Stauzeiten auf deutschen Autobahnen zum Standortnachteil zu werden: 39 Staustunden je Autofahrer fielen 2014 an, vier Stunden mehr als vor Jahresfrist – nur in Belgien und den Niederlanden stand man statistisch betrachtet noch länger. Mit erkennbarem Willen steuert die Bundesregierung nun gegen: Ab 2016 will sie die 
Investitionen in Fernstraßen um 20 Prozent auf über sechs Milliarden Euro anheben, um der steigenden Güterverkehrsleistung gerecht zu werden. „Es ist positiv, dass die Bundesregierung dem Thema Infrastrukturfinanzierung mehr Bedeutung beimisst“, sagt Heymann. Es gehe nicht mehr wie früher um schnell verpuffende Konjunkturimpulse, sondern um eine nachhaltige Verbesserung. Das ist auch nötig, denn die Bedeutung der Logistik wird weiter wachsen. „Wir sind nicht mehr als Erfüllungsgehilfe von Industrie und Handel tätig, sondern auf Augenhöhe“, sagt Clustermanager Gliem. In der Industrie 4.0, in der individuell und auf den Punkt geliefert werden muss, übernehmen Logistiker zunehmend Funktionen der Produktionssteuerung.

Mehrwertdienst statt Preiskampf

Anstatt sich auf Preiskämpfe für das simple Abladen von Paletten einzulassen, entwickelt auch die Göttinger ZUFALL logistics group clevere Mehrwertdienste. Für einen Kaffeemaschinenhersteller legt man Paketen Garantiekarten und Aktionsflyer bei, bestückt sie mit Kaffeekapseln und baut und bestückt Displays. „Mit Leistung verwöhnen“ – der Claim soll beim Göttinger Familienunternehmen keine Phrase sein. „Wir übernehmen immer mehr wertschöpfende Tätigkeiten, die individuell an Kundenbedürfnisse angepasst sind“, sagt Peter Müller-Kronberg, der die Geschäfte als geschäftsführender Gesellschafter mit zwei weiteren Geschäftsführern leitet. Ein Beispiel ist die Belieferung von Gestüten mit Pferdesamen am Wochenende – eine komplexe Angelegenheit mit engem Zeitfenster und Kühlvorgaben. In einem Kooperationsnetz mit anderen Express-Spezialisten werden diese Fahrten in der Nacht bis sieben Uhr morgens abgewickelt. Aus der gewonnenen Expertise erwächst neues Geschäft, etwa die Technikerbelieferung über Nacht: So bekommen Heizungsmonteure Teile in den Kofferraum ihres Einsatzfahrzeugs gelegt – alles, was sie am nächsten Tag beim Kunden brauchen. Die kaputten Teile vom Vortag werden gleich wieder mitgenommen. „Das Prinzip für die Ersatzteillieferungen wollen wir noch weiter ausbauen – ein Geschäftsfeld, das sich sehr gut entwickelt“, sagt Müller-Kronberg.

ZUFALL logistics group: Gut auf Spur

„Bei uns kommt es oft auf fünf Minuten an“, sagt Peter Müller-Kronberg. „Eine kleine staubedingte Verspätung – und eine Tour fährt aus der Gewinnzone raus.“ Auch weil die Zufall-Gruppe fast zwei Drittel des Geschäfts mit Landverkehren in Deutschland und Europa macht, ist der Zustand von Fernstraßen und Brücken für den 32-jährigen Geschäftsführer aktuell „nicht mehr tolerabel“. Die Maut müsse zweckgebunden für die Verbesserung der Infrastruktur verwendet werden, fordert er. Unternehmerisch sieht er Zufall auf 
guter Spur: Der Wettbewerb werde am Ende über Qualität entschieden. „Als Familienunternehmen haben wir da den längeren Atem.“ 

Über 4,3 Millionen Sendungen hat Zufall im Jahr 2014 auf den Weg gebracht und damit 282 Millionen Euro umgesetzt. Wachsendes Geschäft sieht Müller-Kronberg überall dort, wo Problemlösungskompetenz und eine gute Vertrauensbasis zum Tragen kommen – etwa in der Kontraktlogistik. So hat Zufall für seinen Kunden Sartorius, einen Göttinger Hersteller für Labortechnik, ein Logistikzentrum für 15 Millionen Euro auf der grünen Wiese errichtet. Das Joint Venture zwischen Hersteller und Logistiker fungiert als Lager- und weltweites Verteilerzentrum, in dem auch Feinwaagen kalibriert werden.

Wer überzeugende Qualität abliefern will, braucht als Basis eine „menschliche Unternehmenskultur“ – so Müller-Kronbergs Credo. Eigenverantwortliche Entscheidungen aller Beteiligten werden bei Zufall großgeschrieben. „Der Umgang mit unvorhergesehenen Ereignissen ist prägend für unser Geschäft – es braucht viel Gespür und erfahrene Mitarbeiter.“ Das Feedback der rund 1900 Zufall-Beschäftigten wird ernst genommen. Mehr als sieben von zehn stellten ihrem Arbeitgeber in der letzten Mitarbeiterbefragung ein gutes Zeugnis aus. „Auch die Werte der Mitarbeiterbindung sind richtig gut“, sagt Müller-Kronberg. Das spricht sich herum: Um die 61 Ausbildungsplätze bewarben sich bei Zufall 873 junge Leute – es gab mehr Bewerber trotz sinkenden Schulabgängerzahlen. Sogar ein Kino-Werbespot wurde eingesetzt, um die Jobchancen in der Logistik publik zu machen. Augenzwinkernde Botschaft der Azubi-Kampagne: „Ich glaube nicht an Schicksal – ich glaube an Zufall.“

 

Weitere Informationen
Deutsche Bank Research: „Logistik in Deutschland: Vorerst nur geringe Dynamik“, kostenloser Download unter www.dbresearch.de/results_logistik
Logistik-Initiative Hamburg: www.hamburg-logistik.net


Verwandte Artikel

 


Artikel teilen

article_arrow_right
04-2015/service-mit-iq.html
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Weitere Infos zu Cookies und deren Deaktivierung finden Sie hier.