Volles Programm auf der politischen Bühne: Als Hauptbelastungsfaktoren für die weltwirtschaftliche Entwicklung sieht die Deutsche Bank den zunehmenden Protektionismus und die Wachstumsschwäche des Welthandels

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10 Prognosen für das Jahr 2017

Politische Herausforderungen in den USA und Europa dürften das kommende Anlagejahr prägen, sagt Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank. Den DAX sieht er Ende 2017 bei 11 300 Punkten

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  • 1. Politik: Zwischen berechtigten Sorgen und Verführung der Massen

    Mit Plänen für eine restriktivere Einwanderungs- und protektionistische Wirtschaftspolitik hat Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gewonnen. Auch in Europa stoßen solche Positionen insbesondere bei Menschen, die sich zu den Verlierern der Globalisierung zählen, vermehrt auf Zustimmung. Und tatsächlich profitieren Teile der Mittelschicht in vielen Industrieländern kaum von der Globalisierung. Das 2017 anstehende Wahljahr in Europa könnte daher erhebliches Konfliktpotenzial beinhalten. Eine weitere Abkehr von offenen Gesellschaften und dem freien Warenhandel könnte die Weltwirtschaft vor neue Herausforderungen stellen.

    Ungleiche Vorteile: Globalisierungsverlierer rechts und links der Mitte in Protesthaltung

     

     

  • 2. Volkswirtschaft: Hausgemachte Stagnation aus Angst vor Rezession

    Weltweit wird versucht, mit geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen die Folgen des schwachen Wirtschaftswachstums zu überdecken. Gleichzeitig wird aus Furcht vor kurzfristig weiteren Wachstumseinbußen und einer vorübergehenden Zunahme der Arbeitslosigkeit auf Strukturreformen verzichtet. Wenn aber zum Beispiel wenig produktive Unternehmen am Leben gehalten werden, führt das langfristig dazu, dass die Wirtschaft stagniert und populistische Positionen an Akzeptanz gewinnen – ein Teufelskreis. 
Für die Weltwirtschaft erwarte ich 2017 ein Wachstum von 3,5 Prozent.

  • 3. Staatsanleihen: Auslaufender Bullenmarkt ist noch lange kein Bärenmarkt

    Nach 35 Jahren Abwärtstrend stieg die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen nach der US-Wahl auf über zwei Prozent. Für 2017 rechne ich mit eher moderaten Zinsbewegungen. Zwar könnten fiskalpolitische Maßnahmen die Zinsen treiben – jedoch bleibt der Umfang der Konjunkturprogramme weiter fraglich. In Europa deckeln die demografische Entwicklung sowie mangelnder fiskalischer Spielraum einen Zinsanstieg. Damit dürften die US-Anleiherenditen weiterhin deutlich höher ausfallen als etwa in Deutschland. Zum Jahresende 2017 erwarte ich ein US-Kapitalmarktzinsniveau von 2,3 Prozent.

     

    Neuer Trend nach oben: Entwicklung Staatsanleihen (2017 Prognose) in %

  • 4. Immobilien: Nachvollziehbarer Boom statt Blasenbildung

    Das weltweit interessante Zinsumfeld für Immobilieninvestitionen dürfte 2017 bestehen bleiben. Ein mögliches Anlageziel könnte aufgrund des robusten US-Konsums und des intakten Arbeitsmarkts der Gewerbeimmobiliensektor in den Vereinigten Staaten sein. In Europa dürften deutsche Immobilien weiterhin im Anlegerfokus stehen: Bei fortschreitender Urbanisierung und zu geringer Bautätigkeit sollten Zuwanderung und steigende Einkommen den Markt stützen. International scheinen dagegen einige Märkte bereits heiß gelaufen zu sein – beispielsweise in China.

  • 5. Chancen am Rentenmarkt: Richtig Rendite, aber nur mit richtig Risiko

    Sollte an den globalen Rentenmärkten etwas Ruhe einkehren, dürften Anleger erneut auf die Suche nach höheren Renditen gehen – und zum Beispiel in den USA fündig werden. Denn neben einer interessanten Verzinsung bieten US-Anleihen für Euroanleger die Möglichkeit auf zusätzliche Währungseffekte, sollte der US-Dollar zum Euro aufwerten. Auch Schwellenländeranleihen könnten 2017 für entsprechend risikobereite Anleger wieder interessanter erscheinen – vorausgesetzt, Trumps Pläne für eine US-Abschottungspolitik werden nicht vollumfänglich umgesetzt.

  • 6. Aktien global: Der Zyklus kommt und geht, die Dividende zahlt sich aus

    Nach dem Chinaschock zum Jahresanfang 2016 und der anschließenden Konsolidierungsphase legten die Aktienmärkte der Industrieländer nach der US-Wahl zum Teil deutlich zu. Für 2017 rechne ich mit immer wieder auftretenden Schwierigkeiten bei der Umsetzung der angekündigten US-Reformen. In Kombination mit der unsicheren Lage in Europa – etwa bezüglich der anstehenden Wahlen oder des Brexit-Themas – könnte dies zu spürbaren Marktschwankungen führen. Während ich in diesem Umfeld für zyklische Sektoren nur phasenweise Potenzial sehe, dürften defensivere Aktien und Dividendentitel als langfristige Basisanlage für viele Anleger interessant sein.

     

    Performance-Beitrag von Dividenden und Kursen, in %*

  • 7. Aktien regional: „America first“, danach der Rest der Welt

    Steuererleichterungen, Konjunkturprogramme, Deregulierung: Sollte Donald Trump seine Wahlversprechen zumindest in Teilen umsetzen, könnte der US-Aktienmarkt profitieren. Aussichtsreich erscheinen etwa Finanztitel sowie der Gesundheitssektor. Für den US-Leitindex S&P 500 erwarte ich Ende 2017 einen Stand von 2350 Punkten. Auch Schwellenländeraktien könnten bei entsprechend risikobereiten Anlegern wieder stärker in den Fokus rücken. Für den deutschen Aktienmarkt rechne ich mit einem schwankungsintensiven Jahr: Die Jahresendprognose für den DAX liegt bei 11 300 Punkten.

  • 8. Rohstoffe: Kampf ums Gleichgewicht statt schnelles Comeback

    Trotz erwarteter Konjunkturprogramme in den USA und China dürften die Rohstoffpreise unter Druck bleiben. Das gilt auch für Öl: So ist weiter fraglich, ob die OPEC ihre Fördermenge wie angekündigt drosselt – zumal US-Förderer bereitstünden, um eventuelle Lücken zu schließen. Ich rechne 2017 daher weiter mit einem Überangebot an Öl. Zusätzlicher Gegenwind für den Ölpreis könnte aus einer US-Dollar-Aufwertung resultieren. Andererseits könnte Trump durch eine Aufkündigung des Iranabkommens zu einer Angebotsreduktion beitragen. Das scheint zwar wenig wahrscheinlich, verdeutlicht aber die Unsicherheit am Ölmarkt. Ein starker US-Dollar dürfte auch Gold für Anleger weniger interessant machen: Ich sehe zwar moderates Preispotenzial, aufgrund des relativ kleinen Marktes für das Edelmetall aber auch Risiken hinsichtlich eines US-Zinsanstiegs.

  • 9. Megatrends: Alternativen abseits des Kapitalmarktalltags

    Insbesondere in Zeiten schwankender Märkte kann sich für Anleger ein Blick auf langfristige Entwicklungen lohnen – etwa in der Automobilindustrie: Beim „Auto der Zukunft“ zum Beispiel dürften Tech-Unternehmen ihren Anteil an der Wertschöpfungskette deutlich erhöhen. Ein weiterer Trend ist das Internet der Dinge, also die intelligente Vernetzung alltäglicher Gebrauchsgegenstände. Schließlich dürfte die Bedeutung der Bereiche Gesundheit und Biotechnologie in vielen alternden Gesellschaften weiter steigen. Von diesen Entwicklungen könnten die Branchen Biotechnologie und Pharma, Gesundheitsausrüstung, Softwaredienstleister sowie die Halbleiterindustrie besonders stark profitieren.

  • 10. Risiko & Portfolio: Es kann auch gut ausgehen!

    Ein ungeordneter US-Zinsanstieg, zunehmender Protektionismus und die Schwäche des globalen Handels sind aus meiner Sicht die Hauptrisiken für die Weltwirtschaft 2017. In Kombination mit anziehender Inflation würde ein schwaches Wachstum regional sogar zu Stagflationstendenzen führen. Positive Impulse für die Finanzmärkte könnten die erwarteten Fiskalprogramme geben. Anleger sollten flexibel agieren: Eine dynamische Steuerung des Portfolios scheint ratsam. Der Fokus könnte dabei – auch aufgrund einer möglichen US-Dollar-Aufwertung – auf US-Investments liegen: seien es Aktien, Anleihen oder Immobilien.

     

    Welthandel in Relation zum Welt-BIP, in %: Aus historischer Sicht wächst der Welthandel seit mehr als 150 Jahren stärker als die Gesamtwirtschaft

  • Trefferquote 2016

    Von zehn Voraussagen haben sich sieben bewahrheitet. Die Prognosen von Dr. Stephan im Rückblick:

    1. Politik – Sorgen um Europa, Ruhe in den USA
    2. Wachstum – schwacher Trend, stabiler Zyklus
    3. Geldpolitik – Notenbanker handeln auf unerforschtem Gebiet
    4. Währungen – Wechselkurse als Performance-Treiber
    5. Renten – viel Ärger für wenig Rendite
    6. Aktien – mit „Sicherheit“ dabei bleiben
    7. Aktien – hohe Bewertungen bleiben hoch
    8. Rohstoffe – im Schatten von Dollar und Angebot
    9. Immobilien – Metropolen gehört die Zukunft
    10. Risiken – fragen Sie den Notenbanker Ihres Vertrauen

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