Der alte Name home2net ist Hans Mühlbauer zu eng geworden. h2n klingt offener – und eignet sich besser für das wachstumsstarke Geschäft mit Firmenkunden

FOTO: FLORIAN HAMMERICH

Der Geräteversteher

Ingenieur Hans Mühlbauer hilft Mittelständlern, im „Internet der Dinge“ anzudocken – verblüffend leicht und sicher. Seine Innovation hat das Zeug zum Kassenschlager

Text: Stefan Merx

zum Artikel

Theoretisch könnte Hans Mühlbauer jetzt im weiß-blauen Himmel über Bayern weitere Motorflugstunden sammeln. Oder als Privatier in seinem Haus in Spanien relaxen. Doch für die Hobbys fehlt gerade die Zeit: Der 57-jährige Gründer bastelt in einem beschaulichen Gewerbegebiet in Wörth an der Donau an einem radikalen Markenrelaunch: Sein Firmenname home2net soll verschwinden. Was auf Anhieb mutig klingt. „Zu sperrig und verwirrend“, findet Mühlbauer. Auf Messen hätten ihn die Leute häufig mit einem Gebäudeautomatisierer verwechselt. Die neue Erfolgsformel: h2n. „Prägnant und bedeutungsoffen“, findet der CEO. „Wir richten uns strategisch auf Industriekunden aus, die unkompliziert und sicher in das Internet der Dinge einsteigen wollen.“ Fernwartung, Früherkennung von Verschleiß, automatische Bestellung von Nachschub: Wenn immer mehr Geräte in der automatisierten Datenwelt kommunizieren, will h2n den fest verbauten Dolmetscher geben. 
Und an jeder Unterhaltung mitverdienen.

Selbstverständlich: Ein Garagentor per Smartphone oder Kameraerkennung zu öffnen, auch so etwas biete er an. Ein Kinderspiel für den Digitalisierungsprofi. Doch Mühlbauer will vor allem in Fertigungsbetrieben in großem Stil mitmischen: Industrie 4.0, die digitale Fabrik. Hier sehen nicht umsonst Festredner, Analysten und auch die Kanzlerin die größten Chancen und zugleich dringendsten Baustellen für den Standort Deutschland. Ob Stanzen, Bohrer oder Windräder: hopp, alles ab ins Internet.

„Wir gehen zu den Platzhirschen“

Referenzen sammelt h2n nicht nur in der Industrie: So wird schon eine Sauna in Peking über eine App-Steuerung auf Touren gebracht. Der chinesische Besitzer gibt über sein Smartphone den Befehl zum Aufheizen an das Rechenzentrum in München. Das regelt die Anlage, bis die Wunschtemperatur erreicht ist. Auch ein Hersteller meteorologischer Sensoren in Göttingen vernetzt seine Windsensoren, Wetter-stationen und Messanlagen über h2n. „Unser Fokus liegt auf dem deutschen Mittelstand, da gehen wir zu den Platzhirschen“, sagt Mühlbauer. Was interessante Auslandsprojekte nicht ausschließt: Ein Großkunde aus Australien will mit h2n das Gebäude-management revolutionieren, verrät Mühlbauer. Die Investition zahle sich gerade in größeren Gebäuden schnell aus: Wer exakt weiß, wie oft ein Raum benutzt wurde oder wo Service nötig ist, kann Reinigung und Wartung besser planen.

Trotz vieler überraschender Anwendungsbeispiele: Ingenieur Mühlbauer betrachtet den Hype um das „Internet of Things“ (IoT) – also die Vernetzung von Gegenständen über das Internet – mit ironischer Distanz. „Jeder will im IoT-Zug sitzen. Gott und die Welt ist ja heute IoT, wenn man der Werbung glaubt“, sagt er. Mühlbauer deutet auf ein Kästchen auf seinem Schreibtisch: „Wir besitzen aber wirklich den Schlüssel.“

Auf den Laien wirkt das Plastikteil mit dem Namen „web@ctrl“ wie ein Siegertreppchen für fünf Plätze, Elektriker erkennen sofort die typische Bauform, die sich in Sicherungskästen findet. „Ein absolutes Standardmaß, damit es in jede Maschine auch nachträglich eingebaut werden kann“, sagt Mühlbauer. „In diesem unscheinbaren Mikrocontroller stecken etliche Monate Entwicklungszeit.“ Nun soll der internationale Rollout starten, h2n drängt in einen immensen Wachstumsmarkt. Drei Versprechen gibt Mühlbauer seinen Kunden: Seine Dienste seien stromsparend, sicher und simpel. „Anschließen, läuft. Das ist uns wichtig“, sagt er. „Jeder Elektriker in Brasilien oder Kasachstan muss hier nur drei Drähtchen verbinden – und es funktioniert.“

Spezialisten für Start-ups

Deutsche Bank unterstützt Gründer
Fachleute der Deutschen Bank kümmern sich speziell um Gründer: gerade auch bei neuen Technologien oder Geschäftsmodellen – mit relevanten Banklösungen, Know-how zu Fördermitteln und Kontakten zu Partnern. Im Hardware- und Technologiebereich unterhalten die Startup-Teams der Bank bundesweit gute Kontakte zu führenden Accelerator-Programmen. So wurde mit der Factory Berlin eine enge Kooperation gestartet, um gemeinsam die Zusammenarbeit zwischen Technologie-Start-ups und etablierten Unternehmen weiter zu fördern. Weitere Informationen:
 www.deutsche-bank.de/startups

  • FOTO: FLORIAN HAMMERICH
    Kleiner Kasten, große Möglichkeiten: Das grüne Bauteil „web@ctrl“ verbindet Geräte und Maschinen aller Art. Hier eine Wetterstation, die sich nun über die Cloud aus der Ferne ansteuern lässt – etwa per Smartphone-App
  • FOTO: FLORIAN HAMMERICH
    Schreibtisch, Rechner, Ideen: Viel mehr brauchen Hans Mühlbauer und seine insgesamt elf Mitarbeiter nicht. Die auf jeden einzelnen Kunden zugeschnittene App-Programmierung ist ein Herzstück der Arbeit
  • FOTO: FLORIAN HAMMERICH
    Das Smartphone kann mit dem Maschinenbauteil sprechen – die Cloud stellt die Verbindung her. Damit das klappt, müssen alle Bauteile perfekt zusammenspielen
  • FOTO: FLORIAN HAMMERICH
    Das Smartphone kann mit dem Maschinenbauteil sprechen – die Cloud stellt die Verbindung her. Damit das klappt, müssen alle Bauteile perfekt zusammenspielen

Wer den Stromverbrauch drückt, wird gewinnen

Mühlbauer warnt: Soll die neue Welt der cleveren Geräte so funktionieren, wie sie von Analysten skizziert wird, müssen Hersteller den Strombedarf und die Komplexität der Bauteile extrem herunterfahren. Genau mit diesem Konzept tritt h2n an: „Bisher verzweifeln viele Unternehmer beim Thema IoT, weil sie 20 Spezialanbieter brauchen. Bei uns gibt es alles aus einer Hand.“ Das Internet der Dinge werde alles verändern, heißt es in einem Thesenpapier des Netzwerkspezialisten Cisco. Im Jahr 2020 kommen danach auf jeden Menschen weltweit sechseinhalb Geräte mit eigenem Internetanschluss.

Plug & Play als Verkaufsargument

Trocken rechnet Mühlbauer vor, wo in dem Szenario die Knackpunkte liegen: „Permanent 750 Gigawatt elektrischer Leistung wären nötig, wenn man die 50 Milliarden Geräte auf Basis der bisher üblichen PC-Technik einbinden will. Umgerechnet sind das 500 neue Kernkraftwerke.“ Er schmunzelt siegesgewiss. „Moment: Hieß es nicht mal, Industrie 4.0 diene der Effizienzsteigerung?“

Mühlbauer erkennt darin seine Chance: Wer den Stromverbrauch der Hardware drückt, gewinnt. Auch zu viel Komplexität sei eine Stolperfalle: „Wollte man alle Maschinen auf bisherige Weise anschließen, so brauchten fünf Millionen qualifizierte Techniker etwa fünf Jahre für die Installation.“ Mühlbauer unterstellt bei dieser Rechnung eine Stunde pro Gerät, An- und Abfahrt noch nicht einmal eingerechnet. So werde Plug & Play zum schlagenden Verkaufsargument: „Gerade in den Fabrikhallen muss das Internet selbsterklärend und robust funktionieren. Drei Drähte dran, mehr Aufwand darf nicht sein.“

Die vielleicht drängendste Baustelle sei die Sicherheit. „Die Sorglosigkeit in vielen Produktionsbetrieben ist abenteuerlich: Da läuft die Übertragung von Maschinendaten über weite Strecken völlig ungeschützt“, sagt der Kenner. Mühlbauer verschlüsselt bei der h2n-Lösung die gesamte Datenstrecke: vom Bauteil über die Cloud bis hin zur App, mit der sich die Maschinen oder Geräte ansteuern lassen. „Da unsere Cloud in München gehostet wird, gilt auch der deutsche Datenschutz“, sagt Mühlbauer.

An Argumenten mangelt es nicht, die Technik steht. Und doch ist die 2012 gegründete Firma noch mitten in der Aufbruchphase. Mühlbauer projiziert seinen Businessplan an die Wand – so wie er es gerade häufiger bei Venture-Capital-Gebern, Business Angels und Family Offices tut. „2017 wollen wir über 15 Industriekunden haben, 2018 international expandieren, 2019 soll unser Cashflow positiv sein“, skizziert er die Ziele. Wer eine für Start-ups typische Aufgekratztheit erwartet, der wird enttäuscht. Hier in der oberpfälzischen Provinz nahe Regensburg spürt man, dass die Münchner Hektik weit weg ist. Einige Hochschulen im Umkreis, das reicht Mühlbauer vollauf für den qualifizierten Nachwuchs. Bisher kommt er mit elf Leuten aus – die Expansion geht geordnet vor sich.

Entrepreneur mit Erfahrung

Schreibtische, Rechner, Ideen. Mehr braucht auch Chefprogrammierer Christian Brunner nicht, der als Cloud-Spezialist vom Internetportal Autoscout24 kam. Die drei Gründer und Führungskräfte haben mit ihren Familien das komplette Startkapital eingebracht: 2,2 Millionen Euro investierten sie in das Unternehmen, CEO Mühlbauer stemmte drei Viertel davon. Für die nun anstehende Finanzierungsrunde, die Kapital bis 2019 einbringen soll, suchen sie möglichst drei Investoren. Je eine halbe Million Euro sollen sie platzieren – und mitreden. „Wir möchten Investoren finden, die kritisch sind und mit am Tisch sitzen.“ Mit Bayern Kapital hat eine Förderbank bereits Interesse bekundet. „Wir haben riesiges Potenzial, denn wir haben die schnellste Lösung und die vollständigste“, sagt Mühlbauer.

„Andere werden versuchen nachzuziehen. Aber unser Markt ist unendlich breit.“ Seine Erfahrung als IT-Unternehmer kommt ihm zugute. Viel hat Mühlbauer schon erlebt, seitdem er 1984 als Produktingenieur bei Motorola in Arizona loslegte. Zum Unternehmer wurde er 1991 mit einer Firma für Embedded Computing. Sein Antrieb: „Es geht mir weniger ums Geld. Ich will Marktanteile erobern“, sagt er. Als CEO brachte Mühlbauer 1999 die Jumptec AG an die Börse. Später fusionierte man mit der Kontron AG, die Mühlbauer 2003 als Vorstand verließ. „Ich hatte die Gelegenheit, nicht mehr zu arbeiten“, sagt er vielsagend. Tauchen, Pilotenschein, viel lesen – der zweifache Familienvater durfte mit Mitte vierzig seinen Ruhestand genießen. Und er betätigte sich als Investor.

Jetzt packt es ihn wieder. Die Grundidee des Embedded Computing zieht sich wie ein roter Faden bis zu h2n. Denn wer mit seiner Technik in anderen Produkten fest verbaut ist, wird unverzichtbar. Die Einkünfte für den Dienstleister steigen automatisch an – parallel zum Siegeszug von IoT: „Wir bekommen neben der einmaligen Anschlussgebühr jährlich fünf Euro pro Gerät, das mit unserer Hilfe im Netz ist.“ Falls der Durchbruch gelingt, hat Mühlbauer einen Milliardenmarkt angezapft – nicht zum ersten Mal.

 

Weitere Informationen
Kontakt zum Startup-Team Bayern:
Hans Saller, E-Mail hans.saller@db.com
Ariane Bröker, E-Mail ariane.broeker@db.com
Peter Thurner, E-Mail peter.thurner@db.com


Verwandte Artikel

 


Artikel teilen

article_arrow_right
04-2016/der-geraeteversteher.html
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Weitere Infos zu Cookies und deren Deaktivierung finden Sie hier.