Ein Abbild vom Leben – Alltagsszenen und Allegorien: „You Can’t Please All“ von 1981 lässt auch an Szenen auf italienischen Gemälden des 14. Jahrhunderts denken

BILD: ESTATE OF BHUPEN KHAKHAR

Die Welt im Blick

Der Inder Bhupen Khakhar gehörte zu den einflussreichsten Künstlern seines Landes. Nun sind die Arbeiten des 2003 verstorbenen Malers in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin zu sehen

Text: Stephan Schlote

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Kann ein Wirtschaftsprüfer ein Künstler sein? Ein Mensch, der akribisch Warenein- und -ausgänge festhält, Rechnungen bezahlt und zuvor vielleicht noch Skonto abzieht? Viele werden sagen: Unmöglich! Doch dieser Mann lebte und arbeitete genau so: Bhupen Khakhar, geboren 1934 in Bombay (dem heutigen Mumbai) und 2003 nach fünfjähriger Krankheit gestorben, war ein großer Künstler – und arbeitete zugleich über Jahrzehnte als gelernter Wirtschaftsprüfer in der westindischen Stadt Baroda (heute: Vadodara). Bis 1990 zeichnete Khakhar mit Zahlen das Abbild eines Unternehmens, in seiner freien Zeit das Abbild seiner Welt. Er öffnete der Kunst seines Heimatlandes völlig neue Richtungen, prägte eine ganze Künstlergeneration des Subkontinents und wurde damit zu einem international beachteten Maler. 
Seine Arbeiten finden sich in vielen Museen und Sammlungen rund um die Welt, auch in der Sammlung Deutsche Bank.

Doch nach seinem Tod wurde es plötzlich erstaunlich ruhig um den zuvor international beachteten indischen Künstler. Zu ruhig, wie die Kuratorin Nada Raza findet. Raza hat für die Londoner Tate Modern und die Deutsche Bank KunstHalle eine Retrospektive konzipiert, die volle fünf Schaffensjahrzehnte umfasst. „You Can’t Please All“ war bis Anfang November in London ausgestellt, bis zum 5. März 2017 ist diese erste internationale Schau nun in Berlin. Zu sehen gibt es das Lebenswerk eines Mannes, der neue künstlerische Sichtweisen in seinem Heimatland fand. Einer, der eine „außergewöhnliche Freiheit des Denkens und des künstlerischen Ausdrucks“ entwickeln sollte, wie es die Kuratorin Raza beschreibt. Er widersteht der Versuchung, sich der dominanten westlichen Kunst der späten Sechziger anzupassen. Als einer der Ersten verknüpft er traditionelle Malerei, indische Volkskunst und westliche Pop-Art.

Händler und Handwerker als Motiv

Volkskunst? Darüber lacht man im indischen Kunst-Establishment der Sechziger. Khakhar aber sammelt in seinem Studio Nippes: bunte Drucke, Spielzeuge, billige Figuren, Vasen und unzählige Dekorationsgegenstände. „Er liebt das Alltägliche, Triviale, Banale, oft sogar den Kitsch“, berichtet ein Freund. All das inspiriert ihn unmittelbar für seine Arbeit. Auch die Motive des einfachen Lebens direkt vor der Tür sind der damals elitären indischen Kunst nicht beachtenswert. Der profane Alltag gilt als „nicht bildwürdig“. Khakhar sieht das völlig anders: Er interessiert sich für das alltägliche Leben und die ganz normalen Menschen seiner Stadt. In den frühen Siebzigern entstehen seine „Trade Paintings“, farbintensive Porträts ganz gewöhnlicher Arbeiter, Handwerker und Händler der Stadt. Motive findet er an jeder Ecke und ist damit der Erste, der die Welt der unteren indischen Mittelklasse für die Kunst entdeckt. Für den Künstler ohne Kunstakademie bedeutet das zunächst einen Kampf um Anerkennung, ein Schwimmen gegen den Strom. Viele Kollegen und Kritiker finden seine Arbeiten erst mal nur „vulgär“. Doch sie irren sich: Der 1973 entstandene „Barber’s Shop“ zeigt bereits Khakhars großes Können, seinen Spaß am selbstbewussten Umgang mit Farben und Strukturen, ein Bild, in dem heutige Rezensenten auch Zitate von Fernand Léger und David Hockney entdecken.

Mit seiner eigenen Sicht der Welt gehört Khakhar nun zu einer Bewegung indischer Künstler, die neue Formen der Erzählung und der Figuration in die Malerei einbringen und die nach seinem Wohnort als „Baroda School“ bekannt wird. Es sind junge Menschen, die in einem neuen, unabhängigen Indien aufwachsen, es ist die Post-Independence Generation. Khakhar malt Beerdigungen und Hochzeiten und bricht mit dem westlichen Stil und dessen Verständnis von Raum und Komposition. Er verbindet Gegensätze wie Hoch- und Massenkultur, Alltagsleben und Malereigeschichte, lässt sich inspirieren von so Gegensätzlichem wie dem Malstil der Kolonialzeit, indischen Miniaturen, der Pop-Art oder der sienesischen Malerei des 14. Jahrhunderts.

Er mischt Altes mit Neuem und entwickelt so seinen ganz eigenen Stil. Und wird damit, wie ihn der vormalige Tate-Modern-Direktor Chris Dercon nennt, „ein Pionier“. Einen Einfluss besitzt zeitweise auch der französische naive Maler Henri Rousseau. In ihm sieht er nicht zuletzt wegen seiner eigenen „Unsicherheit“, wie er es nennt, einen Geistesverwandten. Das 1970 entstandene Bild „Tiger und Hirsch“ besitzt zahlreiche Parallelen zu Werken Rousseaus. Genauso wie Khakhar war der Franzose Autodidakt, genau wie er hatte der Zöllner Rousseau einen bürgerlichen Brotberuf.

Mensch sein in der Gesellschaft

Khakhar war ein Mann mit trockenem Humor, einer, der es liebte, Geschichten zu erzählen. Vor allem aber erzählen seine Bilder selbst eine Geschichte in meist vibrierend intensiven Farben. Das der Ausstellung namensgebende Werk von 1981, „You Can’t Please All“, zeigt den nackten Künstler auf dem Balkon. Die unbekleidete Privatheit vermischt sich mit öffentlichem Raum, eine Situation, wie sie bei Khakhar oftmals zu erleben ist. Gemeinsam mit ihm beobachten wir eine dörfliche Straßenszene, die Nacherzählung einer Fabel des antiken griechischen Dichters Äsop: Ein Vater und sein Sohn reiten auf ihrem Esel zum Markt. Und werden dabei immer wieder von Passanten angesprochen. Jeder von ihnen gibt kluge Ratschläge. Mal soll der Vater auf dem Esel sitzen, mal der Sohn, mal wird beklagt, dass der Esel so schwer beladen wird. Am Ende tragen Vater und Sohn den Esel, der wehrt sich, verunglückt und stirbt. Das Gleichnis endet mit der lakonischen Erkenntnis des Vaters: „Willst du es jedem recht machen, machst du es niemand recht.“

Gegensätze schaffen einen neuen Stil

  • FOTO: NAVROZE CONTRACTOR
    Bhupen Khakhar – Der 1934 geborene Autodidakt gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter der indischen Kunst
  • BILD: ESTATE OF BHUPEN KHAKHAR
    Arbeit als Motiv – Seit den frühen Siebzigerjahren erregte Khakhar mit seinen Alltagsdarstellungen Aufsehen. Seine liebevollen Porträts von Friseuren, Schneidern oder Uhrmachern stießen das kulturelle Establishment vor den Kopf – Menschen der unteren Mittelschicht waren damals kein übliches Motiv
  • BILD: ESTATE OF BHUPEN KHAKHAR
    Im Kopf ein ganzer Kosmos – Was macht den Menschen aus? Bhupen Khakhar entwirft in seinen Bildern Stoffe für Geschichten – so auch auf „Landscaping on Head“ von 1985
  • BILD: ESTATE OF BHUPEN KHAKHAR
    Abschied vom Heimatland – Ein Mann verlässt seine Freunde – mit „Man Leaving (Going Abroad)“ von 1970 griff Khakhar ein politisches Thema auf: den herannahenden Krieg seines Landes in den Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit Bengalens

„Wahrheit ist Schönheit, und Schönheit ist Gott“

„You Can’t Please All“ ist ein Bild mit vielen Ebenen und Details, und es ist vielleicht eines seiner wichtigsten Bilder. Manche kommentierten das Werk als Khakhars Coming-out, denn nach dem Tod seiner Mutter beschließt der schwule Künstler, offen mit seiner Homosexualität umzugehen. Und ahnt wohl, dass er es damit sicher nicht allen recht machen kann – vor allem im Indien der frühen Achtziger. Khakhar bricht mit den gängigen gesellschaftlichen Regeln seines Landes und sieht sich dadurch zu jenen Seinsfragen hingezogen, die ihm wichtig sind: Ihn beschäftigt das Menschsein in der Gesellschaft – Liebe, Sehnsucht, Schwäche und Leid sind seine großen Themen. Und er hat dabei keine Scheu, Tabus zu brechen. Seine Homosexualität setzt er ebenso unverblümt ins Bild wie seine spätere Krebserkrankung, und mit viel Ironie verknüpft er Schönes und Groteskes. Der indische Kunstmarkt will von dem schwulen Maler zunächst wenig wissen. Während Khakhar internationale Beachtung findet und als einer der ersten indischen Künstler auf die documenta geladen wird, lehnen ihn heimische Galeristen erst mal irritiert ab.

Das Bild steht „nackt“ wie der Künstler

Um Bhupen Khakhars Werk näherzukommen, ist das englische Wort „truth“ von Bedeutung, übersetzt nicht nur mit „Wahrheit“, sondern vielleicht besser noch mit „Echtheit“ und „Authentizität“. Wenn er dies bei seiner Arbeit finde, sagt er einmal, dann gebe es für ihn „kein Halten mehr“. Schon einen seiner frühen Kataloge überschreibt er programmatisch mit „Wahrheit ist Schönheit, und Schönheit ist Gott“. Dem Gandhi-Verehrer ist wichtig, dass Künstler mit sich selbst echt und authentisch sind. Und das heißt, sie sollten mit ihrer Arbeit auch ihre eigene Schwäche und Verwundbarkeit thematisieren. Khakhar selbst tat dies in seinen letzten Jahren schonungslos. „Man kann sich nicht hinter seiner Kunst verstecken“, sagte er. „Das Bild steht nackt vor allen, genauso wie der Künstler selbst.“

Die menschliche Verwundbarkeit und schließlich seinen fünf Jahre andauernden Kampf gegen den Krebs setzt Khakhar offen um. Er sucht keine Ideale, sondern zeigt den alternden männlichen Körper. Alter, Leid und Sterblichkeit werden seine Themen. „Es war zynisch“, schreibt die Kuratorin, „dass seine Krankheit ihn ausgerechnet zu einer Zeit niederstreckte, als er gerade am künstlerischen und persönlichen Gipfelpunkt angekommen war.“

In einem seiner letzten Bilder, es ist zugleich das letzte der Ausstellung, zeigt sich der Künstler als verlachter „Idiot“ (2003). Ein Mann uriniert in seinen eigenen Schuh, während er seine Zeigefinger in seine Mundwinkel steckt. Wir sehen eine gequälte, leidende Person, einen Menschen, der unser Mitgefühl verdient. Es sind Bilder, die in ihrer Direktheit fast wehtun, die das Innerste zeigen, physisch wie psychisch. Bis zuletzt schwimmt er als Künstler kraftvoll gegen den Mainstream, bis zuletzt nimmt er sich die Freiheit des eigenen künstlerischen Ausdrucks und macht es damit mal wieder nicht jedem recht. Aber genau so hat er es wohl gewollt.

 

Weitere Informationen
„Bhupen Khakhar: ‚You Can’t Please All‘, Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle bis zum 5. März 2017 in Zusammenarbeit mit der Tate Modern, London
Unter den Linden 13/15, 10117 Berlin
Geöffnet täglich 10 bis 20 Uhr
www.deutsche-bank-kunsthalle.de


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