Nähe schaffen: Ob bei der Diskussion mit dem Soundcloud-Manager oder beim Brainstorming mit der Deutschen Bank – die Factory dient als Kontaktvermittler zwischen den ganz jungen Start-ups, etablierteren Aufsteigern und großen Unternehmen der klassischen Wirtschaft

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Ein Valley für Berlin

Mit seiner Factory will Udo Schloemer Berlin zum Silicon Valley Europas machen. In einer ehemaligen Brauerei in Mitte bringt er Gründer und Großunternehmen zusammen. Der Start-up-Investor ist sicher: Nur gemeinsam kann die deutsche Wirtschaft die Digitalisierung meistern

Text: Thomas Mersch

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An der Bernauer Straße ist die Trennung noch sichtbar. Rostige Eisenstangen ragen in enger Reihe aus dem Boden, wo einst die Berliner Mauer stand. Die Gedenkstätte liegt direkt unterhalb der Fenster und Balkone der ehemaligen Brauerei Oswald Berliner. „Das Gebäude war sogar Teil der Mauer“, sagt Udo Schloemer, der heutige Eigentümer der Immobilie. Hier hat der 46-Jährige eine Mission gestartet, die darauf abzielt, eine unsichtbare Mauer einzureißen, die Schloemer für höchst gefährlich hält. Sie teilt die deutsche Wirtschaft.

„Factory“ nennt er den hellen Backsteinbau im Norden des Stadtteils Mitte, wie das legendäre Studio des New Yorker Pop-Art-Künstlers Andy Warhol. In Berlin ist die Factory die Heimat zahlreicher Start-ups. An langen, schlichten Schreibtischen sitzen die Gründer in bunter Reihe vor ihren Laptops und tüfteln an Firmenkonzepten. Auf den ersten Blick wirkt das nicht anders als ein Inkubator oder Accelerator, der junge Unternehmen bei den ersten Schritten unterstützt. Doch Schloemer will davon nichts wissen. Auch das Co-Working-Konzept, das Gründern gebündelt flexible Arbeitsflächen und Infrastruktur zur Miete bietet, könne sein Vorgehen nicht annähernd beschreiben.

„Wir sind um Lichtjahre zurück“

Schloemer will mehr. Viel mehr. Mit der Factory als Keimzelle soll das Berliner Valley entstehen, als europäische Antwort auf das kalifornische Silicon Valley, von wo aus Unternehmen wie Amazon, Apple, Facebook und Google das Internet-Zeitalter weltweit prägen und beherrschen. „Wir sind um Lichtjahre hinter den USA zurück“, sagt Schloemer. Und das will er ändern. Sein zweites Leitbild: die „digitale Deutschland AG“.

Düster beschreibt Schloemer die mögliche Zukunft des noch florierenden Industriestandorts. „In zehn Jahren wird es uns nicht mehr geben, wir werden im Nirgendwo verschwinden“, sagt er – „wenn sich nichts ändert.“ Stolze Autohersteller in kurzer Zeit vielleicht nur noch „Zulieferer von denen, die die Daten haben“, Zulieferer der IT-Giganten im Silicon Valley? Schloemer will eine digitale Revolution anstoßen, die sich nicht auf Internet-Start-ups beschränkt. Den gesamten Mittelstand und die Großkonzerne will er mit ihnen zusammenbringen – das B2B-Prinzip so quasi auf die Gründerszene übertragen. Dabei geht er äußerst selbstbewusst vor: „Wir sind diejenigen, die versuchen, Deutschland wachzurütteln. Und die bereit sind, dafür Millionen Euro zu investieren.“

Die „digitale Deutschland AG“ ist das Ziel

  • FOTOS: FOTOLIA, MICHAEL REITZ (2), FACTORY BERLIN (2)
  • FOTO: MICHAEL REITZ
    Grenzen einreißen: Als Teil der Mauer markierte der Industrie- bau die Teilung. Heute ist er in Berlin-Mitte mittendrin
  • FOTO: BERLINER MORGENPOST / AMIN AKHTAR
    Udo Schloemer ist Initiator der Factory – und durchdrungen von der Idee, auch den klassischen Mittelstand in die digitale Revolution einzubeziehen
  • FOTO: FACTORY BERLIN
    Talk im Freien: Rund 600 Veranstaltungen organisiert die Factory im Jahr. Mitglieder kommen bevorzugt rein
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    Teambuilding: In der digitalen Community zählt der intensive Austausch – das gilt in Berlin auch für die Verbindung zu etablierten Unternehmen
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    Vernetzt sein ist alles: Sogar die Küche der Berliner Factory hat einen eigenen Instagram-Account

„Als Einzige führen wir Alt und Neu wirklich zusammen“

Gemeinsam mit Partnern und Investoren führt Schloemer die Factory und hat den Umbau der Brauerei gestemmt. Einen zweistelligen Millionenbetrag kostete es, das Gebäude wieder instand zu setzen und aufzustocken. Das Geld dafür stammt aus dem Verkauf seiner Immobilienfirma S+P Real Estate an die Bank Lehman Brothers – zwei Jahre bevor diese 2008 im Sog der Finanzkrise pleiteging. Nun will die Factory das Mammutprojekt Digitalisierung der europäischen Wirtschaft vorantreiben.

Vorurteile auf beiden Seiten

Zunächst ging Schloemer dabei konventionell vor. Er investierte Ende des vergangenen Jahrzehnts 15 Millionen Euro in 50 Start-ups. 2011 habe er dann festgestellt, dass dies nicht der richtige Weg sei. Schloemer versuchte, die Gründer mit gestandenen Unternehmern zusammenzubringen – ohne Erfolg. Schloemer berichtet von arroganten Chefs etablierter Konzerne, die gute Ideen schon deshalb verwarfen, weil sich beim 
Start-up in unaufgeräumten Hinterhofbüros die Pizzakartons stapelten. Auch die Jungunternehmer selbst seien nicht frei von Dünkel. „Großunternehmen haben wenig Vertrauen in der Gründer-Community“, diagnostiziert Schloemer. Es stellte sich die Frage: Drohen bloße Vorurteile die Zukunft der Wirtschaft zu gefährden? Und sind sie so stark, dass sie eine Mauer aufrecht erhalten zwischen Alt und Neu, so unüberwindbar wie das Beton-machwerk der DDR?

Die Antwort des Factory-Chefs lautet ganz im Sinne Andy Warhols: Nähe schaffen. So wie der New Yorker die Vertreter ganz unterschiedlicher Kunstformen versammelte, will Schloemer in Berlin Firmen ohne Rücksicht auf Größe oder Branche in Kontakt bringen und so einen kreativen Prozess anstoßen – diesmal ökonomischer Natur. „Als Einzige führen wir Alt und Neu wirklich zusammen“, sagt er. In der Praxis sieht das so aus: Die Factory ist als Businessklub organisiert – Start-ups zahlen als Mitglied pro Mitarbeiter 50 Euro im Monat. Das gesamte Erdgeschoss steht als Arbeitsfläche für sie bereit – sie suchen einen freien Platz, und es geht los. Wer es förmlicher mag: Für Konferenzen lassen sich Räume buchen. Der Factory-Macher ist auf Expansionskurs. Zwei Standorte kommen hinzu, einer davon ist schon eröffnet.


Video: So funktioniert Co-Working in der Berliner Factory


Weiterer Vorteil der Mitgliedschaft ist die bevorzugte Teilnahme an den Einladungs-Events, die das Factory-Team organisiert – 600 sind das im Jahr. Die Chefs des Online-Fahrdienstvermittlers Uber oder des Notiz-Software-Anbieters Evernote waren schon da, um Vorträge zu halten und anschließend zu diskutieren. Voneinander lernen auch über das Podium und das Abendessen hinaus, das will Schloemer. IT-Größen aus den USA wie Twitter oder der Musikstreaming-dienst Soundcloud haben eigene Büros in den oberen Etagen. Sie agieren hinter verschlossener Tür – weil es die Datensicherheit so erfordert. Aber die geballte Gegenwart der amerikanischen Innovationsführer sagt: Berlin kann den Sprung nach vorn schaffen. Google hat eine Patenschaft für den Berliner Standort übernommen. „Jedes unserer Mitglieder hat Zugang zu jedem Google-Campus weltweit und kann dort arbeiten“, sagt Schloemer.

Das gilt auch für die Großunternehmen, die vor dem Einstieg einen dezidierten Aufnahmeprozess bestehen müssen. „Wichtig ist, dass sie Innovationsfähigkeit beweisen“, sagt Schloemer. Eine ganze Reihe von Unternehmen ist bereits eingezogen. Große Namen, darunter die Deutsche Bank. Sie beziehen ein Büro in der Factory, um vor Ort zu netzwerken und die eigene digitale Transformation voranzutreiben. Dabei setzt die Factory klare Schwerpunkte: Gesundheit, Mobilität, das Internet der Dinge oder Cloud-Computing.

Vom Klubheim zur Ideenschmiede

Globale Plattformen schaffen, das ist ein Ziel ganz nach dem Vorbild der US-Konzerne. „Unternehmen wie Uber oder Airbnb besitzen kein Auto und kein Zimmer“, sagt Schloemer. „Sie sind bereit, jahrelang Verluste zu schreiben, um dann eine Branche welt- weit zu beherrschen.“ Schloemer sieht Potenzial, im Stile dieser Digitalisierungsschrittmacher ganz nach vorn zu streben: „German Deeptech“, lautet sein Schlagwort. „Engineering und Vernetzung, das sind deutsche Themen mit enormem Potenzial. Wir wollen helfen, die Industrie zu verändern.“ Mit Mut zum Risiko.

Den hat Schloemer selbst bewiesen. Als er die Immobilie an der Bernauer Straße erwarb, stand sie leer – bis auf das Erdgeschoss, wo Rocker einen Klubraum unterhielten. Auf dem Weg zum Gebäude habe er sich gefragt: Wie führt man mit denen ein Entmietungsgespräch? „Ich hatte ganz schön die Hosen voll.“ Anmerken ließ er es sich nicht. Er habe kurzerhand zwei Lkw-Ladungen Bier für den Auszug geboten. Eine überschaubare Investition für den Immobilienprofi. Für die Rocker war es offenbar auch ein guter Deal: Sie zogen aus. Von ihrem einstigen Klubheim aus wird nun Digitalisierungsgeschichte geschrieben.

Digitalisierung hautnah

Warum die Deutsche Bank mit der Factory kooperiert
Mittelstand und Start-ups können stärker voneinander profitieren. Die Deutsche Bank sieht sich hier als Brückenbauer, etablierte Unternehmen beim digitalen Know-how-Transfer zu unterstützen und auf diesem Weg auch Start-ups bei ihrer Weiterentwicklung zu helfen. „Die Kooperation rückt uns ganz nah an Berlins innovatives Kraftzentrum heran – und wir wollen möglichst viele unserer deutschen Firmenkunden mitnehmen“, sagt Harald Eisenach, Sprecher der regionalen Geschäftsleitung Ost der Deutschen Bank. Denn: „Der Umbau der deutschen Wirtschaft zur Industrie 4.0 verlangt auch neue Formen der Zusammenarbeit. Ein Paradebeispiel dafür ist dieser Start-up-Campus.“


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