Das Hauptgebäude der Deutsche Bank Filiale München am Lenbachplatz Mitte der 1930er-Jahre: Seit 1929 war die Disconto-Gesellschaft – vorher eine der größten deutschen Bankgesellschaften – mit der Deutschen Bank fusioniert. Erst 1937 verschwand ihr Firmenname

Foto: DEUTSCHE BANK AG

Banking weiß-blau

Seit 125 Jahren ist die Deutsche Bank auch in Bayern vor Ort. Eine Bilanz dieser Zeit zeigt, wie sehr die Bank ein zunehmend wichtiger Teil der bayerischen Wirtschaft wurde. Und wie sie sich heute neu erfindet

Text: Stephan Schlote

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Bayern, so lautet ein geflügeltes Wort, besteht aus einer ziemlich erfolgreichen Mischung aus Laptop und Lederhose. Ende des 19. Jahrhunderts aber dominiert die Lederhose, der Laptop ist noch lange nicht erfunden, und die Industrialisierung liegt weit hinter der anderer deutscher Regionen. München und erst recht Bayern sind „Provinz“. Doch am Freitag, dem 1. Juli 1892 geschieht etwas Ungewöhnliches im damals noch ziemlich gemütlichen München: Die Preußen kommen. Als erste Großbank startet die Deutsche Bank mit einer eigenen Filiale. München ist eine andere Welt, „die Sorge, dass die preußische Herkunft das örtliche Publikum verschrecken könnte, war nicht gerade klein“, berichtet der Historiker Roman Köster. Etwas Lokales muss unbedingt in den Namen des Münchner Ablegers, und deshalb lesen die Passanten in der Theatinerstraße auf großen Lettern „Bayerische Filiale der ­Deutschen Bank“.

Es sollte klappen. Binnen weniger Jahre ent­wickelt sich der neue Ableger. Die Bank unterstützt die zahlreichen Brauereien beim Kauf hochwertiger Gerste aus Kleinasien. „Global Trade Finance“ nennt man das heute, doch schon damals war die globale Ausrichtung der Bank ein wesentliches Argument. Auch das Kapitalmarktgeschäft gehört von Anfang an dazu: Die „Bayerische Filiale“ engagiert sich ­zunehmend im Emissionsgeschäft, organisiert Börseneinführungen und Kapitalerhöhungen. Mit weiteren Filialen in Nürnberg und Augsburg eta­bliert sich die Bank zunehmend bayernweit.

Der Aufstieg des nordostdeutschen New­comers sollte im Sommer 1914 jäh beendet werden. Mit der Julikrise kommt es noch vor den gegenseitigen Kriegserklärungen zu einem regelrechten „bank run“ und massenhaften Barabhebungen. Vor der Filiale am Lenbachplatz stehen die Kunden Schlange bis weit hinaus auf die Straße. Fast jeder dritte Mitarbeiter wird zum Militär einberufen, die Börsen sind geschlossen, und der Staat bittet seine Bürger mit immer neuen Kriegsanleihen zur Kasse. Am Ende des Kriegs beginnt eine weitere, sehr unruhige Zeit: fast tägliche Massendemonstrationen, eine sogenannte Räterepublik, die nur vier Wochen dauern sollte, bürgerkriegsähnliche Zustände, brutale Freikorps und die Ermordung eines Ministerpräsidenten auf offener Straße. Die Pfälzische Bank in Mannheim rutscht in die Pleite und wird von der Deutschen Bank 1921 aufgefangen, die ihre bayerischen Filialen übernimmt. Wenig später wächst sich die Inflation des von Kriegsschulden überladenen Deutschlands zu einer Hyperinflation aus, der Diskontzins steigt auf 90 Prozent. Im August 1924 kommt mit der „Reichsmark“ eine neue Währung. Die Kreditzinsen, die noch im Juni 1924 bei 50 Prozent liegen, fallen binnen Jahresfrist auf 18 Prozent.

Begleiterin des Wirtschaftwunders

1929 erlebt Deutschland seine erste Großfusion im Bankgeschäft: Die Deutsche Bank fusioniert mit ihrem Wettbewerber, der Disconto-Gesellschaft. Die neue Größe hilft der Bank durch schwierige Jahre. Mit dem Crash an der Wall Street beginnt die legendäre Weltwirtschaftskrise, an deren Ende knapp sechs Millionen Deutsche ohne Arbeit und Hoffnung sind und die Machtergreifung Hitlers steht. In München bekommt die Bank einen Filialleiter, der bis 1951 an der Spitze stehen wird und nach dem Krieg noch als „einigermaßen unbelastet“ aus dem „Dritten Reich“ hervorgeht, schreibt der Historiker Roman Köster. Für andere in der Führungsetage gilt das weniger. Ab 1942 sind die Schalter nur noch vormittags geöffnet. 1945 fällt eine Bombe direkt in das Palais am Lenbachplatz – Volltreffer.

Nach der Kapitulation fehlen der Bank vor allem qualifizierte Fach- und Führungskräfte. Es ist nicht nur der Krieg, der Wunden gerissen hat. Jetzt kommen auch die Vorwürfe gegen einzelne Mitarbeiter aus der NS-Zeit ans Licht. Derweil arbeiten die Alliierten an einer Bankenpolitik der „Dezentralisierung“ und „Dekartellierung“. Die über­regional operierenden deutschen Großbanken sollen zerschlagen werden, und so wird 1947 aus der Deutschen Bank in Bayern die „Bayerische Creditbank“. Erst zehn Jahre später, da hat Deutschland schon längst eine neue Währung und sein „Wirtschaftswunder“, ist die Bank wieder eine Einheit.

Eine Reise durch 125 Jahre Deutsche Bank in Bayern bietet das Werk des Historikers Roman Köster. Das von der Historischen Gesellschaft der Deutschen Bank herausgegebene Buch zeigt, wie eng die Bank den Aufstieg des Freistaats zum dynamischen Industrie- und Technologie­standort begleitet hat. Köster lehrt an der Universität Freiburg. Mitglieder der Historischen Gesellschaft der Deutschen Bank erhalten ein Exemplar kostenlos. Werden Sie Mitglied! www.bankgeschichte.de

Hier geht es zur erweiterten digitalen Fassung!


Fünfteilige Videostrecke: 125 Jahre Deutsche Bank in Bayern

  • Teil 1: Ankunft

  • Teil 2: Gründerzeit

  • Teil 3: Zeitalter der Extreme

  • Teil 4: Kraftvoll im Wirtschaftswunder

  • Teil 5: Innovationsland Bayern


2017 sind die Kunden global aufgestellt – die Bank ist es auch

Die Bank begleitet den Aufstieg des Freistaats in der jungen Bundesrepublik zum dynamischen Industrie- und Technologiestandort, und bald kommt auch der Laptop ins Spiel. Unternehmen wie Siemens, Allianz, Knorr-Bremse verlegen ihren Hauptsitz nach München. Zugleich aber wird die Bank immer mehr zum Partner zahlreicher Mittelstandsbetriebe. 1965 sind von den 100 größten Industriebetrieben Nordbayerns bereits zwei Drittel Kunden der Deutschen Bank. Die gemütliche bayerische Lebensart sollte dennoch bleiben. So berichtet der frühere Deutsche Bank Vorstandssprecher Rolf-E. Breuer aus seiner Münchner Zeit, dass es wie selbstverständlich Bier in der Kantine gab.

Das sollte den weiteren Ausbau des Geschäfts nicht bremsen. 1959 begibt sich die Bank, die traditionell auf Unternehmensfinanzierung und Kapitalmarkt fokussiert ist, in den aufstrebenden Privatkundenmarkt. Es sind goldene Jahre, die Real­einkommen wachsen ständig, und so bietet die Bank erstmals den PKK, den „Persönlichen Klein-Kredit“. Lohn- und Gehaltskonten folgen, wenig später die Immobilienfinanzierung.

Mit der ganz speziellen Mischung aus Modernisierung und Tradition entwickeln sich Bayern und vor allem München immer mehr zum Kraft­zen­trum im Süden Deutschlands. Der Freistaat ist ein florierender Technologiestandort, München ein wichtiger Finanzplatz. Die Stadt zieht immer neue Menschen an: Waren es 1958 noch eine Mil­lion, sind es 2016 500 .000 mehr. Immer neue Filialen für immer mehr Kunden werden eröffnet. 1992 ist die Bank mit 136 Filialen in jeder größeren Stadt ­Bayerns vertreten, davon 53 allein in München. Das macht die Wege kurz. Doch das Wachstum stößt bald an seine Grenzen. Automaten halten Einzug, und ein bis heute anhaltender Strukturwandel der Filialbank beginnt. Eine neue Organisationsstruktur muss her, schon bald werden erste Standorte geschlossen.

Neue Zugänge zur Bank

Wie geht es weiter? Die Bank zielt darauf ab, sowohl die Wurzeln in ihrem Heimatmarkt als auch ihre Position als führendes europäisches Institut mit globaler Präsenz weiter zu stärken. Dazu gehört ein umfassendes Angebot für die vielen Unternehmenskunden. „Unser Geschäft in Bayern“, sagt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende ­Christian Sewing, „steht beispielhaft für das, was wir sein wollen.“ Viele Unternehmen arbeiten inter­national und brauchen dafür eine regional verwurzelte Bank, die sie mit einem globalen Netzwerk begleitet. Der Markt hat das längst anerkannt: 90 Prozent der großen Familienunternehmen sind heute Kunden der Deutschen Bank.

Doch die vergangenen Jahre sind auch eine „Zeitenwende im Bankgeschäft“, wie es Martin Huber nennt, Sprecher der Regionalen Geschäftsleitung Süd. Immer weniger Kunden nutzen die Filialen. So verändert sich die Bank auch in Bayern zu einer „Omnikanal-Bank“ mit vielen Zugängen: Filiale, Telefon, Online, Chat, Videoanruf. Überregionale Servicecenter unterstützen das neue Beratungsportfolio.

Bayern, das weiß-blaue Powerhaus, erarbeitet inzwischen knapp ein Fünftel der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung. Das Firmenkunden­geschäft wächst gegen den Trend, die Bank profitiert von einem breiten Branchen- und Größenmix der Kunden. „Bayern bleibt ein Schlüsselstandort für die Deutsche Bank“, sagt Regionalchef Huber. Bier gibt es zwar schon lange nicht mehr in den Kantinen, aber eins ist klar: Banking in Bayern, das ist sicher nicht die schlechteste Berufs- und ­Standortwahl.


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