Branche auf Richtungssuche: In der Logistik entwickeln Unternehmen der Old und der New Economy neue Lösungen. Auch wenn derzeit unklar ist, wer vorn liegt: Das Geschäft wird sich verändern

Foto: SHUTTERSTOCK

Wo bitte geht es zur Plattform?

Spät, aber gewaltig hat die Digitalisierung die Logistik erfasst. Start-ups wie FreightHub wollen mit Algorithmen und einer Transparenzoffensive den Welthandel revolutionieren. Etablierte Speditionen wie TCI wappnen sich – und kombinieren Erfahrung mit Datenpower

Text: Stefan Merx

zum Artikel

results Abonnement

So kommt results direkt auf Ihren Schreibtisch

Mit dem kostenlosen Print-Abo verpassen Sie keine Ausgabe und haben wichtige Tipps und Analysen für Mittelständler stets griffbereit.

Hier kostenfrei bestellen

Containerterminal Altenwerder, hier werden die richtig großen Pötte gelöscht. Wer in der deutschen Seefracht Rang und Namen haben will, arbeitet traditionell in Hamburg. Jeder? Nicht ganz: Michael Wax findet, dass sich auch mitten in Ostberlin ein großes Rad in der Logistik drehen lässt. Wax hat seinen Firmensitz im angesagten Kollwitzkiez, dort, wo das Herz der Internetwirtschaft pocht.

Als Co-Gesellschafter baut Wax gemeinsam mit Ferry Heilemann und Erik Muttersbach seit März 2016 die volldigitale Spedition FreightHub auf. Wer einen Container von Schanghai nach Pforzheim verfrachten will, bekommt per Mausklick rund 150 Optionen aufgezeigt – papierlos und präzise. Preise, Laufzeiten und Transportdetails werden in einer Matrix verglichen. „In Sekunden liegt das buchbare Angebot vor“, sagt Wax. Bei der analogen Konkurrenz dauere das mitunter Tage. Ein Dutzend Abstimmungsschritte seien für die Buchung eines Containers in der Branche nicht unüblich.

Smarte Mobilitäts- und Reiseplattformen wie Airbnb oder Blablacar haben sich bei Privat­leuten in Windeseile durchgesetzt. Jetzt erobert der Plattformgedanke auch die Businesswelt. In der Logistikwirtschaft beginnt ein Kampf um die Kundenschnittstelle. Säcke schleppen und Container verladen – das kann freilich auch noch kein Algorithmus. Doch FreightHub will mehr leisten als eine simple IT-Vergleichsplattform. „Wir kümmern uns auch um alle Formalitäten von Zollbescheinigungen bis Versicherungen“, sagt Wax. Wie eine normale Spedition – nur bequemer, schneller und transparenter. Kassiert werden marktübliche fünf bis 20 Prozent des Auftragsvolumens. Um Echtzeitangebote zu generieren, hat FreightHub einen Algorithmus zur Routenoptimierung programmiert. Der greift auf eine Datenbank zu, die stets aktualisierte Frachtraten der großen Carrier enthält. Im Schatten des Fernsehturms am Alex findet das Start-up die nötigen Softwareentwickler. Doch nicht nur IT-Profis, auch sachkundige Speditionskauf­leute heuert man für die Mission: „Wir wollen eine der Top-20-Speditionen weltweit werden“, sagt FreightHub-CEO Heilemann, „und dabei kommt es darauf an, Digitalisierung mit persönlichem Kundenkontakt zu verbinden.“

Start-ups werden gefährlich

Was angesichts von 550 Unternehmenskunden und 70 Mitarbeitern verwegen klingt, ist für Burkhard Schwenker, einen der namhaften Investoren, eine gut begründete Hoffnung: „FreightHub hat das Potenzial, die Linienschifffahrt aufzubrechen“, sagt der frühere Geschäftsführer von Roland Berger. Schwenker trug neben VC-Fonds wie Global Founders Capital oder Cherry Ventures zur ersten Finanzierung in Höhe von insgesamt drei Millionen US-Dollar bei. Der Kick der Digitalspedition: Keine eigenen Vermögenswerte binden das Kapital, der Fokus liegt auf Kundenzufriedenheit. „Preisbrecher wollen wir nicht sein“, sagt Wax bestimmt. Die Strategie heiße nicht billig, sondern besser. „Die Start-ups können zu einer realistischen Gefahr für die etablierten Anbieter werden, wenn die nicht rechtzeitig auf die digitalen Geschäftsmodelle reagieren“, sagt Joris D’Incà, Partner der Managementberatung Oliver Wyman, der die Transformation des Speditionsgeschäfts analysiert. „Wir erleben eine Beschleunigung in den letzten drei Jahren.“ Weltweit werde alle fünf Tage ein neues Logistik-Start-up gegründet, in Deutschland zählt D’Incà rund 30 vielversprechende Firmen.

Thesen

Organisation: In der Logistikbranche arbeiten Speditionen oft hoch spezialisiert als Mittler zwischen Herstellern und Kunden. Hier setzen neue Start-ups an.

Plattform: Airbnb oder Blablacar haben es in anderen Branchen vorgemacht, jetzt läuft der Wettbewerb um die Transformation der Logistik. Zahlreiche Digitalisierer bringen sich in Stellung.

FreightHub: Offerten in Echtzeit

Das Berliner Unternehmen versteht sich als digitale Frachtspedition für den globalen Containertransport. In einem Hybridmodell kombiniert FreightHub die Funktionen eines Vergleichsportals mit Leistungen einer Full-Service-Spedition. Den Fokus legt das 2016 gegründete Start-up auf Seefracht, bisher vornehmlich aus und nach Asien. Eine Datenbank bündelt Frachtraten, Hafengebühren, Routen und Laufzeiten. Neben dem Seriengründer Ferry Heilemann (CEO, Mitte) sind operativ die Mitgründer Erik Muttersbach (CTO, links) und Michael Wax (CCO) an Bord.

Alle fünf Tage ein neues Logistik-Start-up

Anders als bei B2C-Marktplätzen brauchen Gründer in der Logistik jedoch viel längeren Atem, sagt D’Incà. „Logistik hat viel mit ­Vertrauen zu tun. Da übergibt man nicht jedem Newcomer seine Ladung.“ Gleichwohl gewinne das Nutzer­erlebnis auch im Profibereich an Bedeutung. Wer eine Container­buchung über eine smarte Benutzeroberfläche anbiete, sei klar im Vorteil. Deutschland ist zwar Standort global führender Logistikunternehmen. Doch „in Europa landen nur rund fünf Prozent der weltweiten Anschubfinanzierung“, sagt D’Incà. Zum Problem könnte auch werden, dass sich viele Logistiker aus dem Mittelstand nur zögerlich auf die Digitalisierer einließen.

Eric Heymann, Branchenexperte von Deutsche Bank Research, ist sich sicher: Die großen Marktteilnehmer mit Weltruf sitzen fest im Sattel. Für Angreifer sei auch die Komplexität eine nicht zu unterschätzende Eintrittsbarriere: „Die Aufgaben der Logistiker reichen oft weit in die Wertschöpfungsketten hinein. Da sind Kundenbeziehungen schwer zu knacken“, sagt Heymann. Generell sei die dynamische Branche ein lohnendes Wachstumsfeld, für 2017 prognostiziert Heymann hierzulande vier bis fünf Prozent Umsatzplus wegen des wieder florierenden Außenhandels.

Stetiges Wachstum, dieses Vorhaben löst Ralf Nörtemann Jahr um Jahr ein. Auch weiß er, wie es ist, ein Start-up-Unternehmer zu sein. In einem Hamburger Zweimannbüro begann er mit einem Partner, Seetransporte abzuwickeln. Das war 1989. Heute setzt der Überseespediteur rund 200 Millionen Euro um mit seiner TCI Transcontainer International Holding. Und die Digitalisierung? „Steht bei mir seit sechs Jahren auf der Agenda“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter.

Wer mit Nörtemann spricht, merkt rasch: Der Mann macht sich Gedanken um die Risiken einer digitalisierten Gesellschaft. Doch er ist entschlossen, für TCI und für seine 250 Mitarbeiter eine sichere Fahrrinne zu finden. An den Rand gedrängt von Digitalplattformen? Er jedenfalls nicht.

Komplexität und Erfahrung

Veränderungsbereit ist Nörtemann von jeher. „Ich ziehe hier alle zwei Jahre den Laden auf links“, sagt er gut gelaunt. Ein Prozessoptimierer, der einst im Analogen startete – und heute intern alles automatisiert, digitalisiert und damit rationalisiert, was sich anbietet. Stagnation sei tödlich, seine Mitarbeiter hingegen brauchten die fortschreitende Rationalisierung nicht zu fürchten. Er verspricht: „Wir werden durch Digitalisierung keine Arbeitsplätze aufgeben. Wir füllen stattdessen mehr Aufträge ins System ein.“ So münzt er Digital­prozesse um in Wachstum. Und das ist nötig, um dem Preisverfall zu entkommen.

TCI-Gruppe: Know-how weltweit

Ob superleichte Airbus-Flügelteile, Schwerstladungen für die Industrie oder Supply Chain Management aus Asien: Die Hamburger Full-Service-Spedition TCI, gegründet 1989 von Ralf Nörtemann, kümmert sich um Industrietransporte von Tür zu Tür. Allein in China hat Nörtemann vier Niederlassungen. Die vier Unternehmen der Gruppe, darunter der Lager- und Verpackungs­spezialist HLS, bringen es mit 250 Mitarbeitern auf 200 Millionen Euro Umsatz. Großen Wert legt Nörtemann auf Ausbildung und Führung. Sein Credo: „Wer sich behaupten will, muss seine Mitarbeiter anständig behandeln.“

Der 62-Jährige klingt trotzdem nicht euphorisch, wenn er an das große Ganze denkt: „Ich habe Universitäten besucht, mir vieles zur digitalen Transformation angehört. Mein Eindruck: Keine Fakultät ist sich bisher im Klaren, was die Digitalisierung für unsere Welt im Ganzen schon bald bedeuten wird.“ Nörtemann warnt vor tief greifenden Folgen. „Was machen wir mit den überall frei werdenden Arbeitskräften? Tragen die Digitalisierer Verantwortung für die Menschen? Wer zahlt künftig die Steuern? Da ist einiges nicht zu Ende gedacht.“

Im eigenen Betrieb zerstreut er die Sorgen. Komplexität braucht Erfahrung – und Echtzeit ist kein Hexenwerk: „Wir geben schon lange die Quotierungen digital an unsere Kunden, 24/7“, sagt Nörtemann. Manchem mit Spielgeld gefütterten Durchstarter der Plattformökonomie begegnet er mit Skepsis. Einige Anfragen hat er bereits kopfschüttelnd abgelehnt: „Eine Kooperation mit einem Digitalisierer ist nur vernünftig, solange man selbst nicht zum Sklaven dieser Plattform wird.

Wir erstellen schließlich das Produkt. Und vermarkten kann ich es noch selber, besten Dank. Es gibt keinen Grund, warum auch bisher analoge Unternehmen nicht digitalisieren können.“ Ralf Nörtemann kennt seine eigenen Stärken. Margen schöpft er aus Prozessschärfungen, nicht aus Intransparenz: „Digitalisierung wird eine Offenlegung der Marktverhältnisse zu jeder Sekunde möglich machen. Und das ist für uns ein Vorteil.“ Denn er weiß: „Treue Kunden arbeiten mit uns, weil sie wissen, dass sie nicht über den Tisch gezogen werden.“

Grafik:
Was Gründer tun

Was Gründer tun

Was Gründer tun

Logistik-Start-ups in Deutschland, Österreich und der Schweiz 2016: Junge Unternehmen drängen in ganz verschiedene Geschäftsbereiche.

Quelle: Oliver Wyman-Analyse


Verwandte Artikel

 


Artikel teilen

article_arrow_right
Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Weitere Infos zu Cookies und deren Deaktivierung finden Sie hier.